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Wohnungsfrage und Hausbesitzer.
Vom Vorstand des Haus- und Grundbesitzer-Vereins erhalten wir folgende Einsendung:
?*n der Morgenausgabe des „Wiesbadener ^ag- blatts^vom 13. Nov. erschien ein Artikel „Wohnungs- raqe und Hausbesitzer", dessen Verfasser H. eme ganze Reihe unzutreffender Behauptungen aufstellt,
Lg. und Grundbesitzer haben lange genug ungerechte &r“r e L(,m, j°d°ch durch di- Wtchk-it ch-°-»--- einigungen, namentlich durch den Zentrawerband der Saus- und Grundbesitzer, längst bewiesen, d a ß sie ^me Sonderinteressen verfolgen, sondern nur „gleiches Recht für alle erstreben". Es ist namentlich erwiesen worden, Ltz der Hausbesitzer seit Jahrzchnten ungerechter^^
mebr Steuern und Lasten zu tragen hat wie rrgerch em anderer Stand. Bei dem letzten Verbandstageder Hansel.Krundbesiber in Dresden hat der dortige Ober- feSeK daß das Blühen und Gedeihen einer Stadt Hand in Hand gehe mit dem Blühen und Gedeihen eines soliden Hausbescherstandes.
Wie kann Herr H. behaupten, daß die Hausbesitzer sich gegen alle Wohnungsgesetze und Verordimngen mst MMeligkeit kehren? Gerade das Gegenteil ist der stall Wir empfehlen Herrn H. unfern nEten Be- öechimqsabend m welchem das Thema „De Wohnungs- wfsicht im Deutschen Reiche" besprochen wird, M lwchchen. und er wird sich dann überzeugen, daß kern Hausbesitzer ke Wohnungsaufsicht zu fürchten h°t, :m Gegentech daß die Wohnungsaussicht, wo solche emgefuhrt, den Haus kiesiüern Vorteile gebracht und bewiesen hat, daß die ^usbesitzer ihren Pflichten .vollauf genügen. . De Wohnungsaufsicht ist in den meisten fallen nur geeignet, den Preis der Wohnungen unnotlgerweff^ni^dre^Hohe^zu
schrauben und die Mieter, nicht die Hausbesitzer zu schädigen. Wenn deshalb die Hausbesitzer gegen:angerechte Auflagen für Mietwohnungen vorstellig werden, so geschieht es im Interesse der Meter, deren Wohl dem Hausbesitzer sehr am Herzen liegt Wrr wollen Mt den Mietern, unfern Kunden, welche rn uns wohnen, in Frieden leben und kämpfen deshalb für deren Interesse wie für das unsrige. . .
Die Hausbesitzer sind keineswegs wre Herr S- behauptet, gegen die Beschaffung girier und billiger Wohnungen für die Minderbemittelten. Die Hausbesitzer sind nur dagegerr, daß zum Vorteil einzelner Gesellschaftsklassen aus allgemeinen Mitteln Hauser gebaut werden Auch hier ist der Grundsatz der Hausbesitzer gleiches Recht für alle!" Wo Wohnungsnot besteht, wird dieselbe, unsererseits anerkannt, wo aber fern Wohnungsnot besteht, weisen wir durch einwandfreie Statistik' dieses nach, um vollständig unnötigen Neubauten vorzubeugen und die Geiiossenschasten sowohl, «I* auch einzelne' vor Verlusten zu wahren. Weiß Herr H nicht, daß nach dem Krach von 1873 die ersten Baugenossenschaften erbarmungslos weggefegt wurden und viele kleine Leute an den Bettelstab gäwacht worden sind - Wenn sich einzelne Gesellschaftsklassen zusammenfinden wn? aus eigenen Mitteln gute und billige Wohnungen Herstellen so begrüßen wir dres mit Freuden, ^vald aber aus Staats- oder Kommunalmitteln einzelne Gesell schaftsklassen bevorzugt werden sollen, erhebenttnrWider svruch west eine solche Bevorzugung ungerecht ist. W haben' iunsomehr ein Recht, dagegen Protest hu erheben, als wir — die Hausbesitzer — zu den allgemeinen aasten d!m Löwenanteil beitragen. Wenn wan den unteren Klas'en billige Wohnungen verschaffen will, dann ^kann dies auf andere Weife weit bester und m gerechter Form aeschehen Vor alleii Dingen dürfen die Lasten des Hausund Grundbesitzes nicht iveiter gesteigert werden, denn es ist vollständig klar und selbst Herr H. grbt dies zu, daß diese erhöhten Lasten schließlich der Meter tragen muß Wir empfehlen die Schaffung vernünftig^ Bauverordnungen, die Aufschließung von Banwrrmns durch den Staat oder die Kommunen, die Herstellung.guter Bahnverbindungen mst den Vororten und der weiterm Stadtumgebung und sind sicher, daß hierdurch billige und gute'Wohnungen ermöglicht werden. Die Erfahrung hat gelehrt, daß Baugenossenschaften, Stadtverwaltungen weit größere Verwaltungskosten, für Hauser bedürfen wie der Privatmann, rmd es hat sich geaetgt, daß, trotzdem die Baugenossenschaften die großen Vorteile aus dem all-, aemeinen Säckel genießen, dieselben doch nicht m der Lage sind, so billige und gute Wohnungen ;u liefern, wie der Privatunternehmer. Wir wollen einmal ab-
warten, wie die Mietpreise sich in den WchmlNgM. der Bangenosse,ischafteil stellen werden, wenn die Hmffer älter geworden sind und sich große Unterhaltungskosten
einstellen. _
Ein weiterer, außerordentlich sozialer Mißstand besteht darin, daß durch die Arbeiiertolonien usw. der Arbeiterstand ganz auf sich lokalisiert wird. Em treffendes Beispiel haben wir in der vor Jahrzehntenm Wiesbaden errichteten Stadtkolonie, Maria-Hllf , Vom samten Standpunkt au§ ist es dringend notwendig, daß arm u w reich zusammen wohncii und nicht getrennt damit auch der Arme sieht, wo den Bessergestellten der Schuh druckt. Es muß vor allem vorgebeugt werden, künstlich Massen unterschiede vor Augen zu führen und Mßgunst zwischen arm und reich zu säen. ,
In früheren Jahren hat man m Wiesbaden Bau- gelände umsonst hergegeben und Bauerleichternngen. aller Art geschafft. Ja man hat dem Hausbesitzer Geld und Baumaterialien ohne Gegenleistung zur Verfügung g- stellt, lediglich damit derselbe freiwillig ein Hans baue. Wie sieht dies heute aus! Der Hausbesitzer muß nicht MRn die Straßensläche, welche die Allgeniemheit benutzt, kostenfrei hinlegen, sondern auch dre enormen straßen- kosteii ausschließlich allein bezahlen. Wenn es Herrn H interessiert, stellen wir ihm die einmaligen und iahr- sichen Auflagen, welche der Hausbesitzer zu tragen hat, gerne zur Verfügung, und er wird sich uberzeugen, daß der Hausbesitzer sein Einkommen im Vergleich zum Kfl-- talisten mindestens 2- bis 3mal versteuern muß. Wir werden demnächst eine öffentliche Versammlung, vonHaus- besitzern und Mietern einrufen, um unfern Mietern dar- zulegen, wie sehr die rücksichtslose Behandlung der Haus- befitzer auch auf die Interessen der Mieter schädlich wn- wirkt Bei den Mietern wird alsdann eine ganze andere Auffassung Platz greifen. Man braucht nur darauf hm- ruweisen'1 daß die hohen Abgaben beim Kauf und Der- karff von Grundstücken, die jährlichen Steuern vom ge- meinen Wert des Grundstücks, nicht vom Ertragnis des- selben, usw. notwendigerweise auch m letzter Linw zur Steigerung der Meten führen müssen, 2. daß die Erhebung solcher Abgaben ein Überrest „mittelalterlicher Wirtschaftsweise ist, 3. daß den Hausbesitzern dw vielen Tausende von Mark, welche sie für städtische Steuern vom Grundbesitz zu bezahlen haben, bei der Einkommensteuer nicht abgezogen werden dürfen. Es kann kem größeres Unrecht geben, als eine solche Bestimmung Wir wollm unfern Mietern zeigen, daß die zahlreichen Vorausbe- lastungen und doppelte Besteuerung der Hausbesitzer mir Veranlassung geben zum Hinauftrechen der Muten Wir wollen die Mieter eindringlich darauf Hinweisen, daß beide Bevölkerungsklassen, Mieter und Vermieter, auf Gedeih
Feuilleton.
Are Wanderung der Crdpale.
Man sollte auch von unserer Erde, die sich um ft di selbst und um die Sonne bewegt, erwarten, daß chre Pole die^Ruhepunkte „in der Effcheinung Flucht bedeuten und man hat es lange geglaubt. Schließlich er- weisi fick'aber in allen Fällen das Gesetz von der Wandelbarkeit aller Dinge als ausnahmslos. Schon als man
vor Jahrzehnten krampfhaft nach einer Erklärung für
die große Eiszeit zu suchen beganm kam man «us d
Vermutung, die Erdpole konnten ruellestht nicht immer dieselbe Laae besessen haben wie heute. Erst stst verhältnismäßig wenigen Jahren aber weiß man ganz bestimm^ das, die Pole ihre Lage verändern. Im Jahre wurde von dem deutschen Astronomen Kuswer und von dem amerikanischen Astronomen Chandlergleichzeitig und unabhängig die Entdeckung gemacht, daß die geographische Breite eines Ortes nicht immer dieselbe bleibt, sondern kleinen Veränderungen unterworfen fft, die sich bei der Genauigkeit der heutigen Messungen bemerkbar machen. Man glaubte bald, festgestellt S» haben, daß dieser Wechsel periodisch im Zeitraum von 12 bis U Monaten erfolgte. Daß wirkliche Schivankungen bei Erdachse dabei vorliegen, wurde außer Zweifel gesetzt durch die Beobachtungen von Marcuse auf Honolulu, das genau auf dem entgegengesetzten Meridian liegt wie Berlin und die Veränderungen der geographischen Breite daher in durchaus entgegengesetztem Sinne zeigen mußte und tatsächlich zeigte Nunmehr wurde die Beobachtung dieser Erscheinung durch eine Reihe von Sternwarten ausgenommen, und man kam bald dahinter, daß der Nordpol eine höchst regelmäßige Lrnre um erne feste Mittellage beschrieb, die er niemals zu erreichen schernt, obgleich er sich nicht weiter als 8 Meter von ihr entfernt. Wie hat man sich nun das merkwürdige Verhalten der Erde vorzustellen? - Es handelt sich eigentlich nicht um Schwankungen der Erde selbst, die allerdings zurpolge haben, daß sich die Pole auf der Erdoberfläche «rschleben. Die Erde hat ein Gewicht von rund sechs ^rillronen Tonnen, und darum ist ihr wohl eine ziemliche Stabilität zuzutrauen. Nun wirken aber sehr viele und mächtige Kräfte darauf hin, ihr Gleichgewicht zu stören. Man bedenke nur, daß die Veränderungen des Luftdrucks, die
wir im Barometer beobachten, auf einem größeren ^.erl der Erdoberfläche Schwankungen der Belastung um view Millionen Kilogramm bedeuten. Außerdem arbeiten die Flüsse fortgesetzt an der Verlagerung mächtiger Masten, sowohl von Wasser wie von festen Stoffen, die Meeresströmungen ändern ihre Richtung, ihre Temperatur und damit ihr Gewicht, große Vulkanausbrüche zerstreuen ungeheure Mengen von Gestein als Asche über weite C c- biete, t,nd so gibt es viele Erscheinungen, die die Erdkugel veranlassen können, ihre Gleichgewichtslage^ um einen, wenn auch kleinen Betrag zu verändern. Dw v'olge dieser Tatsache drückt der Physiker mit den WoRen aus, daß der eigentliche Pol der Erde, d. h. das Ende der Drehungsachse, einen Kreis um den -rraghettspol beschreibt. Ein Umlauf vollzieht sich in etwa 430 Tagen. Da nun aber die Trägheitsachse selbst dauernd kleine Stöße empfängt und dadurch aus ihrer Lage gerüttelt wird unbla sich diese Stöße in dreifacher Verstärkung die Drehungsachse übertragen, so kommt innerhalb jedes Jahres noch eine zweite Kreisbewegung der Pole zustande, deren Radius jedoch nie über eine Zehntel Bogensekunde beträgt. Aus diesen Sätzen ist zu entnehmen, daß man schon ziemlich weit in das Gesetzmäßige der Pol- schwankungen eingedrungen ist, und namentlich Professor Chandler hat versucht, eine mathematyche Formel gU finden, nach der sich die Lage der Pole für jede Zeit m Vergangenheit und Zukunft berechnen ließe Dieser Versuch ist nicht gelungen, die Bewegung vielmehr zu verwickelt und von Umständen abhangrg, die sich, wie z. V. große Vulkanausbrüche, nicht auf lange Zeit, Voraussagen lassen. Da es nun aber für mancherlei wißenschaftliche Arbeiten der Himmelskunde und der Erdmessung notwendig ist, die Lage der Erdpole jederzeit genau zu kennen, so bleibt nichts übrig, als ihre Wanderung unter ständiger Aufsicht zu halten. Dies ist seit etwa drei Jahren aeschehen nach dem trefflichen Plan, der vom Geodätischen Institut in Potsdam ausgearbeitet und zur Ausführung gebracht worden ist. Dr. Ristenpart ha» dieser bedeutsamen wissenschaftlichen Unternehmung und ihren vorläufigen Ergebnisien im letzten Heft der „Umschau eine fesselnde Beschreibung gewidmet, -r-as Hauptverdienst um das Zustandekommen der großartigen Forschungen ist Professor Albrecht in Potsdam zuzuschreiben, und deutsche Gelehrte sammeln und verarbeiten die ihnen aus allen Weltteilen zufließenden Messungen. Um die Ver
schiebung der Erdpole dauernd zu verfolgen, war eine fortgesetzte Beobachtung an wenigstens vier Punkten der Erdoberfläche notwendig, die genau in derselben Brette und um etwa 90 Grad der Länge von einander entfern» liegen muhten. Es wurden im ganzen sechs Orte u,
89 Grad 8 Minuten nördlicher Breite ausgewahlt, nämlich einer in Japan (Mizusawaj, einer in Jnnerasten (Tschardschui), einer in Südeuropa (Carloforte auf Sardinien) und drei in Nordamerika (Gaitherburg m Maryland, Cincinnati in Ohio und Ukiah in Calfformen). Mit Ausnahme von Cincinnati mußte an diesen Platzen eine besondere Warte für die Arbeiten eingerichtet wer. den Seit dem Ende des Jahres 1899 sind dort ohne Unterbrechung Gelehrte mit einer Messung der geographischen Breite nach dem Polabstand bestimmter Sterne mit durchaus gleichen Instrumenten beschäftigt gewesen, in Potsdam hat man die Beobachtungen gesichtet und zn- sammengestellt und daraus die Wanderungen des Nordpols ermittelt. Diese zeigen, wie erwartet, eine Lmre von sehr unregelmäßigem Verlauf. Wahrend im Jnhr'- 1900 die Bewegung des Pols sehr geringfügig Er, beschrieb sie 1901 eine ziemlich gleichförmige Ellipse. Wie genau die dazu notwendigen Messungen heute ausgefuhrt werden geht daraus hervor, daß der Betrag der Schwankung in der ganzen Zeit von Ende 1899 bis Anfang 1902 in den auseinander senkrechten Richtungen nur je 7^ Meter gewesen ist. Aus den in Potsdam ausgefuhrten Rechnungen können nun alle Sternwarten die genaue Größe der geographischen Breite in der betreffenden Zeir entnehmen. Da sich durch die Entdeckung des lapanffcheu Professors Kimura noch eine dritte Art jährlicher Sdnvankung herausgestellt hat, so hat Chandler vmge- scklaaen auch auf der südlichen Halbkugel wenigstens drei Beobachtungsstationen auf demselben BreitenkretS iji errichten, und zwar in den Sternwarten von Sidney und Kapstadt und ferner an einem Platz 80 Seemeilen südlich von Santiago in Chile. Man vermutet, daß diese dritte Beeinflussung der Erdachse entweder durch die jährliche Reise der Erde um die Sonne und, eme dadurch veranlaßte scheinbare Verschiebung der Frxsterne oder durch eine jährliche Veränderung in der Größe der Brechung der Lichtstrahlung durch die Atmosphäre verursacht wird. Dies Rätsel bleibt noch zu losen und würde durch die Ausführung des Vorschlages von Professor Chandler vielleicht aufgeklärt werden. Dr. T.
