Beilage mm Wiesbadener TagblaN.
1[*. 531. Morgen-Ausgabe.
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„Religion nickt mehr Leben selbst Religion."
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neben unserem geben — unser M. v. Egiby.
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(69. Fortsetzung.)
Grm Keonr.
Roman von Marie Bernhard.
„Wollen Sie ihn wissen, oder scheint es Ihrem klekwn. phantastischen Köpfchen romantischer. wenn rch Monsieur Vernon für Sie bleibe?"
„Das letztere!" rief ich eifrig. „Für unseren ge nmnschaftlichen Aufenthalt hier in den Bergen möchte rch ganz unbefangen mit Vernon sprechen und verkehren; früh genug wird die Zeit kommen. da in der großen Welt unser Vermehr ein anderer wird" —
„Niemals von meiner Seite!" unterbrach er mich lebhaft. „Die große Welt macht mich zwar leider oft ^stlde. einsilbig und verdrossen, zuweilen unleidlich verstimmt, — aber das ist ihr doch noch nie gelungen und soll ihr auch ferner nicht gelingen, etwas anzutasten, was chön und rein in meinsrn Herzen Ic6i. — Was aber njirb dieselbe Welt aus meinem kleinen Singvogel machen, den sie umschmeicheln und umwerben, vielleicht umgarnen wird?"
Er sah trübe vor sich hin, gleich darauf lachte er aber kurz auf.
- „Nun. das große Geheimnis hätten wir vom Herzen herunter. — wie? Oder war es noch nicht alles? Was hat U)nen dies menschenfreundliche Kollegenpaar sonst noch von mir erzählt? Schweigen? Ah, — ich kann mir's denken! Man hat Ihnen von meiner — meiner — Ehe gesagt!"
' ;= Ich sah erschrocken zu ihm auf; sein Ton war schneidend und bitter gewesen. — um seine Lippen bebte eisige Verachtung, und hart und kalt und unerbittlich starrten die Augen geradeaus, als sei kern Leben, keine Seele in ihnen.
Wir schwiegen Beide eine Weile, ich wagte nicht zu sprechen, wagte es nicht, mich zu rühren, zum erstenmal in meinem Leben hatte ich Furcht vor einem Menschen!
„Man findet einschneidende Kontraste in meinem Spiel, und die Kritiker tadeln sie. Viele nennen sie über raschend und genial, diese sähen, unvermittelten Über gange, die mich zuweilen aus dem Geist der Komposition
herausreißen,-mir einerlei! Ich kann nicht
anders; ich Hab' umsonst versucht, mich zur Wehr zu setzen, — es ging nicht! In mir liegt Glück und Jammer dicht bei einander; das eine ringt das andere nieder und will hindurch, unbekümmert um den Eindruck, den es hervorbringt, nm die Beurteilung, die es erfährt!, Ja. an Kontrasten reich ist mein Leben gewesen, — dies so überaus reich ausgestattete, herrliche, beneidenswerte
Mnstlerleben,-wie ein Schriftsteller vor einem
halben Jahre in einer bedeutenden Musikzeitung von mir sagte, — und es war ein gapz kluger, vernünftiger Mann, der das von mir schrieb!"
Wieder Stille. In: grüne::, vollen Laubwerk über
Donnerstag, den 26. November.
uns zitterte der Windesha::ch und tanzten die Sonnen
strahle,:. — wie ein ausgeschnittenes M lag Sankt Johann zu unseren Fützen. sertwarts inkscw ein durch den gestrigen Wolkenbruch entstandenes Rmnsal mit eintägigem Tropfeufall abwärts. Ich sah v:cht Vernons Antlitz. — sicher lag noch der ruedusenhaft t, - steinerte Ausdruck darauf, der mich so heftig erschre hatte.— den wollte ich nicht sehen. Mem niederwärts abirrender Blick blieb auf Vernons kralligen, wie g wöhnlich unbehandschuhtcn Händen haften, xer vre Trauring leuchtete hell im Sonnenschein.
„Das war auch ein Kontrast. - die lichtstrahleuden Prachtstrotzendei: Räume des Pariser Palms, m welchem ich meine ersten acht oder neiin Kinderiahre verbracht: ein verwöhntes, umschmeicheltes, angebetetes Wuiiderk — und das einsame Steinhaus mitten in den wilde,: Karpathen, wohin mich die Laune emes treulosen Weibe^ warf. Denn meine Mutter betrog ihrem Gatten mit seinem besten Freunde und ging m:t diesem auf davon, — da verfiel mein Vater in Wahnsinn und war ein Jahr fort, während dessen man mich bei fremden Leuten in Paris herumstieß . . . ::nd als er endlich zurückkam, war er eisgrau geworden, wit schleppendem Schritt, gebeugtem Haupt und erloschenen Augen, s 3 ich ihn nicht wiedererkannte und mich zitternd vo: ihm verkroch. Er inar Russe von Geburt, hatte nm meiner Nttitter zuliebe in Paris gelebt und war fedes ^ahr :m Herbst auf einige Monate nach seinem Heimatslande ge- gangen, um, leidenschaftlicher Jäger, der er.war.. m den Karpathen zu jagen. Dort hatte er sich e,n Jagdhaus bauen lassen, und dahin reisten wir nun. er, rch. em Lehrer und ein paar Dieiistleute. die mem Vater durch schweres Geld bewogen hatte, sich mit uns m dieser Einöde zu vergraben. Wo die sckswarzen Wälder mit den gigantischen Höhcnzüge,: sich kreuzen, wo der-sereth :m Winter dunkel und trübe, im Sommer kochend unk donnernd sich zu Tal stürzt. — — da siebt das steinerne Haus, in dem ich qualvolle, lange ^ahre verlebte. C-- war nichts Liebliches in der ganzen Umgebung, so weit das Auge reichte, so weit der Fuß trug: alles wild, zer-
klüftet schauerlich, wie von Titanenhanden, aufgewühlt
und blindlings übereinander getürmt; nur für eme ganz kurze Zeit des Tages traf die Sonne unser Haus, meist lag es da in finstere, tiefe Schatte,: vergraben, kem Vögelchen wagte sich hierher, nur Raubvogel strichen, mtt heiserem Schrei über die Steinmauern weg. — Meinen Vater sah ich oft tagelang nicht, dann war er auf der Jagd, die seine einzige Leidenschaft geblieben war. und kam tödlich erschöpft, mit unheunlich funkelnden Augen, heim, beutebeladen; zuweilen mußte er Leute aufbreten, um das erlegte Wild heinHuschasfen, und em stuterJaqer muß er gewesen sein, denn es ist wahrlich keine Klermg- keit, den grauen Bären der Karp-aihen zu erlegen, wie e~ xfrnt mehr als einmal gelungen ist. llm mich bekümmerte er sich wenig: vielleicht hätte er mich gclwbt wenn ich,die lichtblonde, sonnige Schönheit meiner Mutter, ihr lieb- reizend schmiegsames Wesen geerbt hatte. Da ich aber heranwuchs, ein großer, starkgüederiger Bursch mit schäum Augen und süimmen Lippen, de. dem Vater aus dem Wege ging, wo er es w:r konnte, so verna,chlcstftgte er mich ganz, bis auf das eine: er sorgte dafür, daß meine «ehrer stets musikalisch waren, damit meine Begabung, die schon in Paris vielversprechend genannt worden war
öl. Jahrgang. 1803.
stets Nahrung erhielt., Lange hielt es natürlich in dieser Felsenwildnis aus, trotz der hohen ) '
auch traf ^sich nie, daß ich mich an einen dieser Lehrer inniger hätte anschließen können, — au| eme n, herrlich Klavier spielte und, mich bedeutend fordere . .. er war aber verlobt und blieb auch nur achtzehn . bei uns. So imirde ich einundzwanzig ^ahr: all uno reif zur Universität, im übrige,: ein mustere:, <
schlossmer, grüvlerischer Geist, unzugänglich für alles was mit Welt und Menschen in Zusammenhang Itcmo, a 10 mein Vater eines Tages tot von einem !^ner ^agdaiw- lüge heimgebracht wurde, und, auf seinen ausdru che Wunsch, etwa tausend Schritt vom Hauic unter einer Gruppe finsterer Riesentannen begraben wurde, «g. Stätte wurde der Erde gleich gemacht, rem Kreuz, kem Stein, keine Blume bezeichnet sie und letztenmal dort stand, klagte nur der Nachtwmd Zweigen, rauschte eintönig der sereth, und der bleiche Halbmond schwebte, über den gewaltigen Dmgwalderi^ während ein trauriges Echo des Winde->,m d seufzte. — Wenn es in meinen Kompositionen oft wie eine müde, verzweifelte Trostlosigkeit Iprichft dann ist es. wenn ich dies vergessenen, einsamen Grabes gedenke und des hoffnungslosen Schmerzes, der em MenickM
dasein vernichtet! - - Ein Testament meines
Vaters fand sich in Kronstadt vor und besnmmte m:r snn kleines Vermögen mit der Weisung, nach Moskau zu gehen und dort dem Studium der Musik zu leben.
Gut, — ich ging nach Moskau!" ^
Hier machte Vernon eine Pause und atmete schwer aut''als er weiter sprach, geschah es mit dem Ton emes Mensche £ Reden die höchste Anstrengung
Verursachbill ^ ^nde, dein, was ich nun noch etwa zu erzählen hätte, ist nichts für die Anschauung und Aus. fassuiig eines jiingcn Mädchens. Ich mochte mich nicht bm Jbneii entschuldige::, in ein besseres, Licht stellen, al^ ich es verdiene, — aber das eine muß ich Jbnen sagen: war je ein Dkeusch mit einundzwanzig Jahren ungeeignet, auf sich selbst angennesen zu sein, so war ich es Bish^ hatte ich aelebt wie ein Gefangener; — lesen. lernen. Klavier übeii. damit füllte ich meine Tage aus. — die Erinnerung an meine fn'hesden .Kindersahre m Parv' war :m Per- lauf der Jahre fast gänzlich verblaßt und verschwoinrmn — -— nun warf Mich das Scbick'a! jählings aus der schweigeuden Todeseinsamkeit der Karpathen mitten ins schäumende, tolle, aufwirbelnde Meer des Lebens hmem. Und welch seltsames, zwiespältiges Leben es m Moskrm war! Hier Werseinerte Genußsucht, raffinierter Luxus, ein Versinken in prachtstrotzender Üppigkeit und weichlichem Nichtstun — - dort brutale Barbarei, die ganze zugel- lose Rohheit eine? halbasiatischeu Voltes, das m stunden, langen: Knioen :md Beichten Verzethuna von den Popen erbettelt um desto unbändiger weiter sündigen zu können. In diesem enormen Kontrast liegt aber ein eigenartig prickelnder Reiz. - ich habe gereifte, erfahrene Männer
bnhrm svrecbeu hören.wie mußte ich erst davon
berührt werden, der ich, ähnlich jenem Königssohn rn Calderons „Leben ein Traum", aus langer Kerkerhaft in bleii-dende Helle geschleudert wiirde, — — astf meldete mich bei der Miisikschule aii, — man ließ mich spielen, zuerst etwas Angelerntes, dann eine frei. Phantasie.
(Fortsetzung folgt.)
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