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Berlag: Langgaffe 27.

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RKsnÄ -Ausgabe.

Der Fall Kille und seine Folgen.

Es wird uns aus den Kreisen der pensioniertenOffiziere geschrieben: Den Ausführungen Ihres Aiitarbeiters m Kr 539, „Kleine Garnisonen", kann man in allen Haicht- vunkten beipflichten. Das eigentümliche Verhältnis mischen Militär und Zivil, wie es von ihm geschildert tmrd hat wohl jeder Soldat im Lause einer langen Listzeit kennen gelernt. Nur scheint es mir, als wenn der Herr Verfasser nicht selbst im Westen an der Grenge aestanden hätte, denn der „Gevatter Schneider und Hand­schuhmacher", von dem er spricht und dem er nut so viel männlichem Freimut das Wort redet, fehlt dortselbst ganz Es scheinen daher einige Ergänzungen notig, um den Fall Bilse verstehen zu können. Die Offiziere können hier beim besten Willen keinerlei Vergnügen und Anregung haben und es fehlt jede Gelegenheit zum Umgang mit anderen Ständen Die Städtchen des Ostens bieten ungleich günstigere Verhältinsse, hier findet der Offizier, wenn er ein gebildeter vernünftiger Mann ohne Dunkel ist, überall einige ihm gleich gestimmte Menschen, mit denen sich ein geisliger Austausch einstellt.

Im Westen, wo der Offizier in Lothringen an der Greme noch gewissermaßen m Feindesland ist, fehlt der- artiges ganz. Forbach bietet noch die günstigsten Ver bältnisse, dort sind wenigstens einige wenige Zivilisten vorhanden. Mörchingen, St. Avold, Dieuze usw., bieten dem Offizier gänzliche Öde, wenn er außer dem militari- sck»en Kreise sich nach einem Umgang sehnt — es ist nie mmd vorhanden. Jede Anregung fehlt, das , ewige Einerlei des Dienstes wird nur durch die gemeinsame Mittagsmahlzeit im Kasino, abendlichen Kneipenbesuch, »ur Winterszeit gelegentlich durch einen Gesellschafts­abend mit Damen unterbrochen.

Die Kriegsspielabende, die Vortragsabende, also die sogenannten Bildungsabende können in der Werse, wie sie meist betrieben werden, als geistig anregend nicht gelten ja, dieselben können in der Regelmäßigkeit ihrer Wiederkehr und Geistlosigkeit alle acht Tage mit darauf- folgendem Bierabend geradezu zur Dual werden, -iber nicht allein der unverheiratete junge Oftrzrer lerdet Not, nein ebenso der verheiratete Offizier und die Familie. Was diese zu ertragen haben, darüber konnte man Buckjer schreiben, es ist nicht möglich, im Nahmen bieser üus- führtmg auch nur andeutungsweise den Gegenstand durchs

MZu^den natürlichen Entbehrungen, die jeder kleine Ort" der besser gestellten Familie anferlegt, man denke nur z B. an die Dienstbotenfrage in Mörchingen, kommen die Schwierigkesten der Kindererziehung durch fehlende oder ungenügende Schulen, das enge Zusammenleben mit geistig oft ganz anders gearteten Familien, die so natür­liche Reibung durch Klatsch, Mid und andere menschliche Eigenschaften.

Vielfach, wie z. B. in Mörchingen, sind die Schwierig ketten durch ungeschickte Maßnahmen der Behörden ver schärft. Das sogenannte Offizierviertel ist. em irvenham.- artig gebauter, zusammengedrängter Stadtteil, wo jeder dem anderen in Tür, Fenster und Garten sehen kann, eilte Familienkaserne für Offiziere der schlunmstm Art mit allen Nachtseiten der engen Kasernierung. Welche Heldenmut, nne viel Widerstandst'rast^ gehört dazu, tn solchen unerträglichen Verhältnissen nicht Jahre, w Jahrzehnte auszuharren, ein braver, pflichttreuer, dienst freudiger Offizier und Mensch, ein guter Familienvater zu bleiben, nicht engherzig und verbittert zu werden oder sich dem Trünke zu ergeben. . , „ „

Wie soll der junge Mann, der in solche Umgebung unfertig eintriti, den schädlichen Einflüssen widerstehen, sich zu einem vielseitigen tüchtigen Charakter sorwilden, Freude an seinem Dienste finden und unbeschädigt stch diejenige geistige Frische und Regsamkeit erhalten,, die für den älteren Offizier schon in der Kompagmechef- stellung unbedingt gefordert werden muß, wenn anders die Armee das bleiben soll, was sie einst war. Und wenn nun schon in solche Umgebung sich selten em junger Mann aus guter Familie znm Eintritt meldet, wenn , trotzdem der Kern braver ehrenhafter Männer, der m jedem Offizier-Korps steckt, die gute Tradition aufrecht zu er­balten sich bemüht, wenn aus dem Kadetten-Korps brave junge Männer aus guter Familie dem Offizier-Korp» überwiesen werden, fo wird alles das zu Schanden gemacht durch das verwerflichste, nicht genug zu tadelnde System, anderswo, vielfach bei vornehmen Regimentern, ge- scheiterte Existenzen in solche Verhältnisse zu verpflanzen. Es geschah dies und geschieht dies tatsächlich., Der Abhub anderer Regimenter der Armee wird dorthin geworfen, wo er in den engen Verhältnissen zersetzend und zer­fressend auf die guten Elemente wirken muß und unbe rechenbaren Schaden tut, wo sich der schädliche, Einfluß solcher Elemente ganz dem Auge der Öffentlichkeit zu ent­ziehen vermag und erst dann entdeckt wird, wenn es zu spät ist, wenn er unschuldige, junge, nicht Widerstands- fähige Kameraden mit in den Schiffbruch gezogen hat Nur tadellose Menschen gehören in diese schwierigen Der hältnisse, sie können dem schlechten Einfluß der Um gebung einige Jahre widerstehen. ^ ^

Dagegen entferne man von dort alle zweifelhaften Elemente und gebe ihnen Gelegenheit, in anderer Um­gebung zu gesunden. Dies sollte das System, sein.

Und wenn man anläßlich des Falles Bilse in den Zeitungen liest, es fänden Konferenzen an leitender Stelle statt iim den ans Tageslicht getretenen Mlßstanden ent­gegenzuwirken, erregen solche Vermutungen bei den Kennern der Verhältnisse Zweifel. Nach allem, was m Mörchingen und anderen Orten vorgefallen, nach allem, was dort täglich geschieht, nicht an die Öffentlichkeit kommt den Vorgesetzten Behörden aber wohl bekannt ist was ist geschehen? — Nichts. Alles ist beim alten ge blieben. 9 Darum muß die Öffentlichkeit emtreten. sie muß nicht ruhen, darauf hinzuweisen, daß skandalösen Zuständen, wie sie der Prozeß Bilse anfgedeckt hat, die in

den Verhältnissen, wie sie dort vorliegen, mehr als m den Personen begründet sind, ein Ende gemacht werde. Wo- durch? — Durch Blutausfrischung. Durch Wechsel der einzelnen oder der Offizier-Korps. Man lasse nicht so­viel kostbares, gutes Material an beiter rührigster Manneskraft und Pflichttreue zugrunde gehen, man überhöre nicht den Notschrei junger Männer, die sich dort unglücklich fühlen, von Familienvätern, die unter der Last der engen, schwierigen Verhältnisse zusanuneitzuLrechen drohen. Man helfe, man reite, man lasse nicht Dienst und Opferfreudigkeit ersterben, man, unterdrücke das Gehenlassen und die Routine, , wie sie sich bei unseren leitenden Armeekreisen ausgebildet hat und, ruhig den tiefbedauerlichen Zuständen zusieht. Man zeige das tat- liche Wohlwollen, was alle Vorgesetzten immer im Munds führen. Dann werden wir gesunden. ,

Es ließe sich ein Wechsel der Regimenter, z. B. der Brigade Mörchingen mit einer solchen in Metz, etwa alle drei Jahre ohne große Unkosten durchführen. Es wäre das beste schon des Unteroffizier-Korps wegen. Oder man erhebe es zum Grundsatz, den Leutnant nicht langer als

3—4

Jahre, den Kompagniechef nicht langer als 4-

Jahre in solchen Verhältnissen zu belassen.

Warum soll der eine Offizier Zeit seines Lebens m Wiesbaden sichen, der andere in Mörchingen? Beide doch aus demselben Material, derselben Sache dienend. Oder will man in der Armee es als Grundlatz aufstellen, daß es Offiziere 1. und solche 2. Klasse gibt? Fast scheint

^Der Allerhöchste Kriegsherr, zu dem wir mit Ver. trauen aufblickcn, so oft in den Reichslanden anwesend, hat noch niemals die große Garnison Mörchingen besucht. Lat man ihm schon jemals einen derartigen Votychlag ge- macht? Es scheint nicht so. Deutsche Pflichttreue und deutscher Opfermut, verkörpert un deutschen Offizier, überwindet viel. Es gibt aber auch, hier eine Grenze, und fast scheint es, als wenn wir diese Grenze bereits überschritten, wenn man den Prozeß Bilse liest Darum voran mit Abänderung eines Systems, welcher, Bilses und Verhältnisse zesticsen konnte, wie, sie der Prozeß entrollt hat, Verhältnisse, die man in vielen Kreisen der Armee für unmöglich gehalten hatte.

Und nun noch einen Punkt, den Ihr Mitarbeiter nicht genügend hervorgehoben hat und der doch verdient, mit voller Schärfe vor der Öffentlichkeit behandelt zu wer- den Wir meinen die Beurteilung — besser Verurteilung einer Persönlichkeit wie Bilse. Die Ungeschicklichkeit unserer Behörden, diesmal der Militärbehörden, m einem schwierigen Falle das denkbar Ungeschickteste zu fim— man ist'im deutschen Vaterland» in dieser Hinsicht ja mch! verwöhnt — hat aus einem Manne einen Helden ge­schmiedet, der für die Armee nur der traurige -vyp trauriger Verhältnisse sein kann.

Abgesehen von den offenkundigen Übertreibungen und Gewöhnlichkeiten, die das Buch enthält, abgesehen von £,£]• — fagen wir milde — Taktlosigkeit, ihm vermöge seiner Stellung als Offizier bekannt gewordene Per­sonen so an das Licht der Öffentlichkeit zu bringen, daß

Die Nevolutzer.

Roman von Walther Schulte vom Brühl.

(37. Fortsetzung.)

„Und wirklich munter und gesund?" frug er, ins immer tretend. „Ich kann's gar noch nicht glauben, aß' dich ansehen, Kind!"

Er nahm ihr Köpfchen in beide Hand« und blickte chr r die Augen, die sie errötend niederschlug.

„Man erzählt sich, der -Gendarm hätte,dw Frauens- erson, die er beim Schriftenverteilen erwischt halt,, jo hwer angeschossen, daß man noch 'ne weite Strecke eine icke Blutspur auf der Straße gesehen hält." ,

Sie lachte ein wenig. „Ich tverd auch so dumm sein, lber die Straße wegzulaufen, damit sie bequem hinter sir drein laufen könnten. Nee, ich bin gleich nach dreißig ierzig Schritten über den Graben und geduckt an einer Me entlang immer weiter ins offene Feld; und dann ia5’ ich mich in einen Schneehaufen gekauert und von serne zugesehen, wie sie mit Laternen der Chaussee nach uchten, bis sie wieder zurück machten. Dann erst Hab ich ne Hand voll Schnee genommen und Hab mir dEchulter >amit gekühlt, denn gebrannt hat die Geschichte mcht chlecht."

„Was hat gebrannt?" fing er hastig. „Du hast also wch was abgekriegt?" . . . ,

„Er hat halt auf mich geschossen, und da suhlt ich ftnett tüchtigen Hieb in den Nacken, oder mehr über die rechte Schulter hin. Ich kann den Arm nicht recht be­legen." ^ . , . .

„Und bist so mit dem Schmerz stundenlang durch die Nacht geflohen und hattest auch hier keinen,, der dir helfen könnt?" s-ggfe er, von Schrecken und Mitleid erfüllt.

„Ich Hab' noch nicht ordentlich sehen können, wc^ e» ist, Im Spiegel ließ sich die Sache nicht recht mustern,

weil ich den Hals nicht weit genug herumdrehen könnt'.

und so hat mir denn der Spitz das Blut abgeleckt, und tu) Hab' fleißig mit Schnee gekühlt."

„Welch ein Glück, daß ich gleich heute früh von der Geschichte erfuhr. Ich Hab' für alle Fälle Verbandzeug mitgebracht. Ist auch das Gartentörchen wieder ver­schlossen und die Haustür?"

„Ja, Herr Schwertfeger", sagte sie zaghaft. „Wer sorgt Euch nur weiter nicht um mich. Die Schulter wird in ein paar Tagen wieder heil sein. Das hat gar nichts auf sich." ‘ ,

„Das wollen wir denn doch nicht so leicht nehmen, Mieken", entgeqnete er. „Von einem Arzt können wir das nicht untersuchen lassen, weil, wir dann entdeckt wur- den aber wenn die Sache wirklich ntcht so schlimm tu. dann kann ich das Verbinden wohl selber besorgen."

„Nein, das ist nicht nötig, das leid' ich nicht!" sagte sie hastig, und ihr Gesicht glühte vor Scham.

Ach so", murmelte er und blickte einen Augenblick ratlos. Dann faßte er sie am Kinn und sah ihr in die Augen. „Du brauchst dich vor m i r wahrhaftig nicht zu genieren, Kind", sagte er leise. „Was sein muß, das muß sein. Und ich will und muß deine Wunde untersuchen. Also nicht wahr, „ich darf dir helfm, -dich so weit zu ent­kleiden, als es nötig ist."

Sie ließ den Kopf sinken und flüsterte leise und zitternd: „Ja, Herr Schwertfeger. Aber ich Hab die

Taille sa schon ausgezogen. Sie war ganz zerfetzt und blutig, und ich Hab' nur das Tuch um, das auch ein ordent­lich Loch hat."

„Fürchte dich nicht vor mir", beruhigte er sie und nahm ihr das Tuch ab. Über den, oberen, Rand ihres groben, aber blütenweißen Hemdes jab er die Ausläufer einer schon blau und grün gefärbten Geschwulst. Er suchte weiter in ihren Nacken hinabzublicken, aber er

konnte sich auf diese Weise kein rechtes Bild von der

Wunde machen. . rT

„Das Hemd war auch ganz zerrissen und blutig. ES tat mir recht weh, als ich ein frisches angezogen Hab , fordcE) fie Icifc.

„Ich sehe den Schmiß nicht ordentlich. Das Hemd muß weiter zurückgeschlagen werden. Es macht gar keine Umstände, wenn ich die Naht am Ärmel anftrennen darf. Sie ist ja bald wieder genäht", meinte er und sie ließ ihn

gewähren. ,

„Mein Gott, Las ist ein ganz gehöriger Stretfichuß! rief er erschrocken, als er die Wunde frei gelegt hakte. Vom Rückgrat zur rechten Schulter zog sich ein dicker, schwarz und blau unterlaufener Striemen hm. An einigen Stellen war die Haut zersetzt, so daß das rohe Fleisch zwischen blutrünstigen Rändern hervorblickte.

Schwertfeger streichelte mit linder Hand über die Ge- schwülste. „Tut es sehr weh?" frug er sie.

„Ach nein," hauchte sie. „Es schmerzt jetzt mcht ein bißchen. Ihr habt eine so wohltätige Hand, Herr Schwert-

^ 9 ^Könnt' ich sie dir doch auf die wehe Schulter legen, so lärme, bis alles geheilt wär'. Ich wollt' nicht mud darüber werden, Asieken, das darfst du mir glauben. Armes Kind, du magst keine schlechten Schmerzen aus- gebalten haben. Und das alles um meinetwillen. Wie soll ich das nur wieder an dir gut machen? sprach er voll Mitleid Sie aber wehrte: „Darüber macht Euch nur keine Gedanken. Und daß Ihr seht so besorgt um mich geringes Weib seid, seht, das macht all das bißchen Schmerz und die Aufregung wieder wett."

„Sprich nicht so, Mieken," mahnte er. , Du bist kein geringes Weib. Du bist meine Freundin, bist, mein Kamerad, und der Deuwel soll mich holen, wenn ich dir jo'naU- vergeh', was du iür mich und meine Sache ge­tan hast."