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L Mtllge zum Wlesbaüener Tagblatt.

54S. Morgen-Ausgabe.

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So mancher meint ein gutes Herz zu haben und hat ^ „„ MM* yi'TDtn. M.H. |

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(68. Fortsetzung.)

Gva Leoni.

Roman von Marie Bernhard.

„Sprechen Sie nickt weiter I" rief ich hastig da­zwischen. „Er wird ferne Gründe gehabr haben, nur seinen wahren Namen zu verschweigen, und jedenfalls will ich durch Fremde nichts über ihn erfahren, was er nicht selbst für gut findet, mir mitzuteilen!"

„Er wird sich hüten, dem reizenden Blondkopf, der heute in Sturm und Wetter so vertrauensvoll an seiner Brust lag, mitzuteilen, daß er sich und seine freie Künst­lerseele schnöde an eine reiche russische Fürstin verkauft hat

Ich hörte nichts weiter; schnell wie der Blitz hatte ich wich umgewandt, war ins Haus hinein und auf mein Zimmer gelaufen, ohne die erstaunten Gesichter der im Speisesaal Versammelten, die Ahrenz dort entschieden auf Befehl seiner Braut absichtlich zurückgehalten hatte, da­mit sie mir unterdessen ihre interessanten Mitteilungen machen könne, zu beachten.

-Dröhnend fiel meine Zimmertür ins Schloß.

So, — nun war ich allein, war vor unerbetenen Er­öffnungen sicher!

Also nicht sein wahrer Name! Ich hatte es zuweilen undeutlich empfunden, daß es so sein müsse, daß ich, bei meinem regen Interesse für Musik, längst dm Namen eines derarüg gefeierten Künsüers, der so einzig schön

spielte, hätte kennen müssen,-feine Heiterkeit,

sein amüsiertes Lachen, als ich von seinem französischen Ramm sprach, wozu sein Dialekt und sein Gesichtsschnitt so wenig stimmten, seine lusttge Behauptung, er sei doch ein berühmter Musiker, trotzdem er den unbekannten

Namen Berncm führe,-das Titelblatt feiner

Oper, auf welchem der Verfasser nicht Vernon hieß, . . . dies alles konnte eS mir verratm haben, und doch war mir bei der Bestätigung aus fremdem Munde seltsam zu Mute gewesm! Daß mir an keinem Dresdmer Schau­fenster dies frappante Gesicht aufgefallm war, wunderte mich nicht so sehr: meine Gänge zu den Lektionen führten nicht durch Straßen mit großm Kunstläden, meine Groß­mutter Pflegte meistens mit mir auszufahren, sie hielt auch das Stehenbleiben auf der Straße für unschicklich, und war ich einmal ohne Aufsicht, so wandte ich oft ab- sichtlich dm Kopf von diesm anziehenden Bildern ab: warum sollte ich mir m^ dem Anblick musikalischer Größm das Herz schwer machen, da ich selbst fortan keine Musik mehr treib m durste?

Nun, Vernon war jedenfalls nicht der einzige .Künste ler, der ein Psmdonym annahm, um wenigstens während der Sommerfrische frei von mdlosm Belästigungen zu

fein,-was wußte Doktor Langmseldt davon, der

sich, nach seinem eigenen Ausspruche, dm Teufel um die Künstler kümmerte? Daß er mir gegmüber, der er in der letzten Zeit so frmndlich und offen begegnete, seinen wahren Namen auch jetzt noch verschwiegen hatte, be­fremdete mich etwas, — aber was hatte der weibliche Doktor noch mehr von ihm gesagt? Er habe sich und feine freie Künstlerseels schnöde an eine reiche russische Fürstin verkauft? Konnte das Wahrheit sein? Un

W itt,»och, den SS. N»»eml>kr.

möglich! Ich wollte, ich konnte das nicht glauben, mein ganzes Herz nahm Partei für mctneu ^bwmMertm Freund und bot alle seine Energie auf, dm Verdacht los­zuwerden. Es wollte mir aber nicht gelmgm. —er yatz- liche Ausspruch tönte, trotz meiner hefftgen Anstrengungen, an etwas anderes zu denkm, unaufhörlich in meiner Lreett nach, ich schämte mich meiner geringm Kraft, der eigenm Empfindungen Meister zu werden und schlief unter

Träum ein. ,, . . „ ,,

Der andere Morgen fand mich m gedruckter Stimmung, und wmig freute mich der herrliche Soimen- schoin und der kösttiche dunkelblaue Himmel, der fich m wolkenloser Schönheit über der erfrischten Erde aus- spannte. Ich vermochte es nicht über mich, heute tn Vernons Wohnung hinaufzugehen, um dort zu uven, Hanncch mußte aus Kundschaft, ausgehen, wo die beiden Kollegen wären, und erst als ich genau imißte, sie, feien aus ihren Gemächern eifrig mit Studien beschäftigt, wagte ich mich ins Freie. Ta saß ich nun neben der gutm Hannah und steckte so eifrig, , cus gelte es, dm Brautschleier noch morgm ferttg zu bringen, ich sah nichr einmal empor in die wundervolle, taufrische sommer- landschaft, und erst, als ein dunkler Schatten dm Ein­gang der Laube verdunkelte, blickte ich auf und gewahrte

Vernon. .... . .

„Wie, Monsieur, heute nicht hoch obm m den Bergen?" rief §>annah ihm verwundert entgegen. ,

„Nein, Madame Bertram, unmittelbar nach einem wolkenbruchartegen Regen, wie es der gestrige war, pflege ich nicht zu Berge zu steigm, — die Pfade sind vor aus- gerissmem und angeschwemmtem Erdreick,, losgensfmm, entwurzelten Baumstämmen und niederstürzmden Rinn- salm kaum zu passieren. Da ich gewahr werde, daß Mademoiselle Eva hmte nicht spielt und singt, so mochte ich anfragm, ob sie auf, ebenem Terrain einen Spazier­gang mit mir machen möchte!"

-Ich wollte erwidern, ich fei müde, — der Kopf

wäre mir schwer, — ich hätte keine Lust .... und stand im nächsten Augenblick nebm Vernon, den Strohhut auf dem Kopf, meinm Hellen Sonnenschirm in der Hand. —

Wir gingen, links hinter der Villa herum, um das „Wäldchm" zu erreichen, eine etwa eine halbe Wegstunde entfernte, hübsche Anpflanzung von kräftigen Brtchm, mit Fichten untermischt, mit niederem Tannengestrupp bestandm. Hier und dort war ein Aushau ^emao)! worden, der wie in einm Rahmm bald einm Teil des Gebirges, bald einen schmalen Streism Wald, bald em Stück von Sankt Johann, ttef ins Tal gebettet, faßte, — und wo ein solcher Ausblick möglich wurde, stand eine Holzbank oder war ein kleines Brett über einen niedrigen Baumstumpf genagelt. .

Ich sprach lebhaft zu Vernon, denn ich wollte nicht, daß er meine Sttmmung bemerken sollte, ich fragte ihn, welchm Eindruck „Kollege Slhrenz" auf ihn mache, und ob das gestrige Gewitter ihm auch so imposant erschienm sei wie mir, die ich etwas derarttges noch nie erlebt hätte, und ob „Totila" gestern Zlbend noch fortgeschrittm sei, und bei welcher Szme er jetzt halte, — denn er sprach oft mit mir über diese seine Oper, hatte mir den Gang der Hairdlung erzählt, die einzelnen Perionen bezeichnet und mir oft Motive, die mich unendlich fesselten, aus dem Werk vorgespielt. ,

Vernon antwortete ziemlich zerstreut, und als wir bei dem ersten Aussichtspunkt Halt machten und neben einander auf der weißen Bank, die den Durchblick au unsere, im hellen Sonnenschein reizend freundlich und einladend daliegende Villa gewährte, Platz nahmen, fraate er mich plötzlich, ohne jeden Übergang:

51. Jahrgang. 1903.

„Kleines Singvögelchen, was haben Sie?"

„Was ich habe?" wiederholte ich verlegen. 4

„Sehen Sie mich eirunal ruhig und vnbefangM an. ^ Nun das war mehr verlangt, afö uv eisteri komitef ich hob mutig den Kops in die Hohe, entschlossen, MNÄ Bestes zu tun, aber in meinem Innern klangen plötzlich die Worte wieder: er hat seine freie, stolze Kimsilerseeh^ an eine reiche russische Fürstin verkauft! und ich suhlte^ daß ich rot wurde und sehr schuldbewußt aussah.

Vernon lächelte melancholisch. • *»

„Ja, mit siebzehn Jahren ist, gottlob, noch E jeder Mensch ein Meister in der Verstellung ! Dch Sis etwas bedrückt, hätten wir also heraus, — darf ich mm. nicht auch noch erfahren, was es ist?'

Ich hatte mich aus ein solches Vcwhor nicht rm nun. destm gefaßt gemacht; ich hatte gehofft, Vemon sobal^ nicht ohne Zeugen zu sprechen, rmt der Zeit wollte ich dann einen Plan machen, wie ich etwaigen fragen. jetner seits geschickt ausweichen könne. DMit war es nun vor bei, — ich sollte antworten, — wußte nicht, was xi I fogert sollte, stotterte etwas Unzusammenhangendes, heraus und blieb mitten im Satz stecken, indem ich meinen G

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wieder los und sagte, indem er mrr ermutigend zimickte. „Nun, dann war es also etwas, was mich betraf. „Doktor Ahrenz hat zu seiner Braut S.^gt, ote führten nicht Ihren wahren Namen! fuhr ich, plötzlich eutschlosien, mit der Wahrheit heraus.

Vernon lachte amüsiert.

„Aber das wußten Sie doch langst, ^ das konnte Ihnen doch nichts neues sein! Scheu sie, wäre ich stank und frei unter meinem eigenen Namen hierher gegangen, so hätte dieser genug Anziehungskraft besessen, um eine ganze Meute bewuuderungsvoller Schüler, new gieriger Leute, sensationsdurstiger Damen usw. an mente Fersen zu heften, ich hätte kerne Stundezuch

Komponieren, keine Ruhe für meine, überreizten Nerven« keine wohltätige Einsamkeit für meme arme weltmud« Seele gehabt! So trug ich Sorge, allerlei Nachricht«», über meinen Verbleib während der Sommeftrische au^ zustreuen. ^— es hieß, ich gmge zum Frühjahr nach Nizza, dann nach Tro,Wille oder Ostende oder gar nach Nimm hinairf, — plötzlich tauchte das Serilcht auf ich würde Skandinavien bereisen, und auf dieseWeisever. wirrte ich absichtlich mein Resteziel, legtedenwen^w! Menschen, die darum wissen, absolutes schweigen aus« ließ sämtliche Geschäftsbriefe, Broschüren. Anfragen un^ Einsendungen an meine Wiener Adrftse senden, wo ich am Ring ein Haus besitze, und tauchte h«r als Her« Vernon auf, den Wirtsleuten und «n paar Bauern woh^ bekannt als ein etwas sonderbarer Herr, der aern un« viel Musik macht, — im übrigen ,aber eine ^obskure Per- sönlichkeit, um die sich, gottlob, niemand bekummertimd die sich mich ihrerseits, um niemand tt' bekummerst braucht Wer sonst hier m diese Emsamkett herauf kommt, tut es entweder, um seine Gesundheit zu restaw. rieren. oder um ungestört arbeiten 3 « können, und dies, zwei Menschensorten haben gewöhnlich mit der Welt, te welcher ich durch meinen Beruf zu leben genötigt bim keine Fühlung, so daß es mir nichts schadtt, wenn sie mich erkennen und mein Inkognito durchschauen. ^ H ab« im Übrigen keinen Grund, mich, meines Namens zu schämen, ich kann vielmchr Mit einem >;hrer deutschen Mchter sagen:

„Nennt man bi« besten Namen,

„So wird auch der meine genannt!.

(Fortsetzung folgt.)

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