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61. Jahrgang.

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Verlags-Fernsprecher No. 2S58.

U-. 647.

Der französische Handel.

Uns« Pariser Korrespondent schreibt uns: Alle Welt spricht heutzutage vom Frieden und die Haaqer Konferenz scheint dann und wann an der Arbeit zu sem. M allgemeine Friedensschwärmerei versetzt dre naiven Gemüter in den Glauben, daß die Volker der Erde sich künftig nicht mehr in den Haaren, sondern brüderlich in

Armen liegen werden. Indessen, trotz aller Königs- und Kaiserbesuche, trotz aller schonen Freundschaft^ Beteuerungen gibt es ein Gebiet, auf welchem der mter nationale Krieg täglich heller entbrennt das Gebiet dev

^Auch in Frankreich wächst die Zahl der Männer, die ücb ernstlich mit der bedrohten Handelssituation beschäf­tigen. Neuerliche Veröffentlichungeil, die m Buch- oder Broschürenform nachdrucksvoll auf die Schaden der hiesigen Handelsorganisation hinwiesen,- erfreuten sich einev Ab- ^tzes, welcher diesem Literaturzweig noch vor einen« Fahrzehnt nicht beschieden gewesen wäre. Es hat sich all­mählich eine Elite von Nationalökonomen gebildet, die ängstlich auf die kommerzielle Zukunft des Landes be­dacht ist. Zu dieser Elite gchört auch-, wie es schemt, Wer, Deputierter des Ardeche-Departenienlch dessen Be- i-icht über das Han-delsbudget kürzlich der Öffentlichkeit übergeben würde. Astier ist in dieser Matene kem Steu- ling mehr, da er bereits seit drei Jahren alv Bericht­erstatter der Deputierteiikammer über das Handelvbudget fungiert. 'Nicht daß seine Ausführungen durch besondere Neubeit und Tiefe glänzen, aber immerhin verlohnt es sich einen Augenblick bei denselben zu verweilen, Ware es auch nur. um zu beobachten, wie ein französischer Handels- berichterstatter seines Amtes waltet.

Im Eingaiig seines Rapportes wirst Astier einen Blick auf die allgemeine Lage und sagt unter anderem, daß gegenwärtig kein wichtiger Staat existiert, der sich nicht aufmerksam um die Aiiffindiliig neuer Absatzgebiete, um die Ausbreitung seiner Handelssphäre kümmert. „Neu »um ökonomischen Leben erwachte Staaten wie die Schweiz. Belgien, Japan, strebeii auf dem Weltmarkt nach seinem Platz und die alten Nationen sind gezwungen, mit diesen jungen unternehmenden Konkurrenten zu rechnen. England verzichtet angesichts der stationären Lage Heines läuheren Handels auf freihändlerische Traditionen, Deutschland kommt feinen Häfen und ferner Handels­marine in der ausgesprochenen Absicht zu Hülfe, alle Rivalen zu überflügeln; Italien macht aus seinen Eisen­bahnen ebensoviel Transitlinien zum Adriatischen und

Dienstag» den 24. November.

Mittelländischen Meer; die Vereinigten Staaten über schwemmen den alten Kontinent mit ihren Produkten m der Hoffnung, jede Konkurrenz zu töten. Kurz, ore ixei ist eine unendliche Handelsniederlage geworden, wo ww der frühere Minister des Auswärtigen Gabriel Hanotaur in seinem Buche über die „Llnergie kran^aise sagt, nur aem-essen,gKvogen, gezählt, gerechnet, expeoiert, empfangen und gezahlt wird." Hat an diesem Handelskontor Frankreich den ihm zukommenden Platz? fragt der Be­richterstatter der Tepiltlertenkammer und glaubt dre Frage verneinen zu müssen.

Die Schuld an diesem Zustand schiebt Astier seinen Landsleuten zu, indem er das Vorurteil geißelt, welche» viele französische Familien abhalt, chre Sohne dem Handelsstande zuzuführen. „In Verblendung, treiben eitle Mütter ihre Kinder zu den gelehrten Karrieren, wo ibrer nur grausame Enttäuschungen warten. Diese famosen Berusszweige machen mehr Unzufriedene als Befriedigte, sie erzeugen vor allem Parasuen und unnutz- liche Glieder der Gesellschaft. Ein snr allemal muß mit der landläufigen Meinung gebrochen werden, daß außer- balb der Universität fein Hell ist. Der Handel erfordert ebenso große Goisteseigenschaften wie ein noch zu ge lehrter Berufszweig. Er erzieht den Bwnschen, wirkt de freierid, bildet Individualisten im Gegensatz zu den Sozialisten und erzeugt mutige und moderne Menschen par excellence."

In erster Linie beklagt fid) Astier über den Mängel an tatkräftigen Kaufleuten in Frankreich. Sein Schmer- zensvuf ertönte schon zu oft, als daß wir ferne dahrn gehenden Auslassungen anführen wollen. Es wird noch vieler Jahre bedürfen, bis Frankreich aus seinem schlaf und seiner Indolenz definitiv aufgeruttelt wird Aus einige von Astier berührte Punkte wollen wir aber die deutschen Leser noch aufmerksam machen. Der Berichter­statter ist unzufrieden mit der Verwaltung der Kolonien, wo Überfluß an Beamten, aber Mangel an Kolonisten herrscht Er hätte besser.getan, seinen Tadel ans ganz Frankreich zu erstrecken, wo das Parasitentum über­flüssiger Beamten seit langer Zeit einen Krebsschaden bildet Astier beglückwünscht sich zu dem französisch- englischen Einverständnis. Es bleibt abzuwarten, ob dieses die gehofften Früchte für die Vermehrung der gegenseitigen Handelsbeziehungen zeitigen wird Am Schluß seines Berichtes, der übrigens auch auf das mächtige Aufblüheri der Automobilindustrie m Frankreich hinweist, sagt Astier, daß es gerade noch Zeit ist, einen Mahnruf an den Handelsstand zu richten. Ließe man noch längere Zell verstreichen, so wäre der Niedergang des französischen Nationalwohlstandes eine vollzogene Tatsache.

NcdaktionsFcrnsprccher No. 52. 1903.

Der KM der MlmOMWr >« WM»».

Wenngleich eine von Professor Fraenkel-Halle an 93 ordentliche Professoren der deutschen medizinischen Fakul­täten gerichtete Umfrage ergeben hat, daß die über­wiegende Mehrzahl der Befragten sich zum Maßlgkeits- standpunkte bekennt und die absolute Enthaltsamkeit all­gemein für unnötig, wissenschaftlich nicht begründet halt, so mird doch im allgemeinen auch jeder Müßigkeitssreund sich freuen, wenn die Totalenthaltsamkeit in Deutschland weitere Fortschritte macht. Wenn alle Menschen total enthaltsam wären, wäre ein Kampf gegen den Mißbrauch geistiger Getränke gegenstandslos. Da dieses aber nie erreicht werden wird und nach der Ansicht weiterer Krcpe auch nicht notwendig erreicht werden muß, so kann doch nicht geleugnet werden, daß auch der Kampf Legen die Unmüßigkeit ganzer Volks- und Berufsklassen aussichts­reicher wird, wenn innerhalb dieser Klassen sich Gruppen bilden, welche die gänzliche Enthaltsamkeit als Losung ausgeben und für diesen Grundsatz mit Nachdruck kamp- fen. In Deutschland gibt es gegenwärtig bereits uber 40 OM organisierte Abstinenzler. Diese Armee gliedert sich in nationale, örtliche und Berufsgruppen, welche von tüchtigen, zielbewntzten, sprach- und federgewandten Führern geleitet werden und etwa ein Dutzend periodi­sche Organe zu ihrer Verfügung haben. Obenan stehen die beiden Guttempler-Grotzlogen. Sie entstammen be­kanntlich dem 1852 in New N°rk begründeten „Independent Order of Good iemplars fl. O. G. T.). welcher im Jahre 1902 in 19 879 Logen nicht weniger als 532 696 Mitglieder zählte. Deutschlands Großloge I wurde Anfaug der achtziger Jahre gegründet. Die erste Loge deutscher Zunge war die am 9. Oktober 188, zu Flensburg errichtete „Digynia". Die Großloge I er­streckt ihre Tätigkeit nur auf das nordschleswigsche Ge­biet und zählte 1992: 74 Logen mit ca. 2099 Mitgliedern. Der gegenwärtige Sitz dieser Großloge ist tn Atzerballig- holz auf Alsen (Lehrer Jakobsen). Deutschlands Groß, löge II wurde am 6. Oktober 1889 zu Flensburg gegrün­det. sie erstreckt ihr Tätigkeitsgebiet auf das übrige Deutschland, umfaßte nach dem kürzlich veröffentlichte» 14. Jahresbericht (48 Seiten) Mitte 1908: 653 Logen uni 19 984 Mitgliedern und hat ihren Sitz in Hamburg lS Blume). Da die Jahresabrechnung dieser Großloge mit der Summe von 68 581 M. in Einnahme Und Aus- gäbe balanciert, so wird man schon hieraus die deutung ihrer Wirksamkeit ermessen können. Auf dem Boden der absoluten Enthaltsamkeit stehen ferner zur­zeit in Deutschland folgende Vereinigungen, über welche hinsichtlich der Zahl der Unterabteilungen und Mitglieder Angaben nicht vorliegen: Landesgruppe Deutschland des Alkoholgegnerbundes (Sitz: Zürich); Verein abstinenter Pastoren (Vegesack); Deutscher Verein abstinenter

FemUeton.

Me politische Presse Nassaus.

Herr vr. G. Z e d l e r hat in dem im Jahre 1899 erschienenen 30. Band der Annalen veröffentlichten Auf­satz über den nassauischen Publizisten Johannes Weitzel und auch durch frühere an derselben Stelle abgedruckte Arbeiten bereits gezeigt, baß er ein gründlicher Kenner der nassauischen Preßverhültnisse der vor- und nachmärz- lichen Zeit ist. Seine Forschungen ans dem Gebiete des nassauischen Zeitungswesens zeichnen sich vor allem durch große Gründlichkeit und Objektivität aus, und was er dabei an das Licht hebt, ist zugleich ein Stück lokaler Heimatsgeschichte, denn in der Presse spiegelt sich dre wirtschaftliche und politische Kultur ihrer Zeit ab. Am Samstagabend gab er im Kreise einer Anzahl Mitglieder des „Vereins für nassauische Altertums­kunde und Geschichtsforschung" seinen bis- herigen Arbeiten auf besagtem Gebiete eine interessante Ergänzung. Er sprach über die politische Presse Nassaus im allgemeinen. Mit dem Anfang des 19. Jahrhunderts war in Nassau die Preßfreiheit eingeführt und die Ein­richtung einer aus konstitutionellen Grundsätzen beruhen­den Verfassung verkündigt worden. Die nassauische Re­gierung hatte, nachdem bereits im Jahre 1893 der Antr- auar und Advokat Jean Georg Pöckelsheim zu ^.ffen- bach um die Konzession zu einer politischen Zeitung für Nassau nachgesucht hatte, in den folgenden Jahren mit dem Pfarrer Handel und dem Buchhändler Schellenberg über die Herausgabe einer „Allgemeinen Landeszeitung" verhandelt. Der Plan wurde aber wieder fallen gelassen, weil es an einer zur Herausgabe einer solchen Zeitung geeigneten Persönlichkeit fehlte. Der Mangel eines ein­heimischen Blattes machte sich aber jetzt, wo man daran ging, die Verfassung einzuführen, sehr geltend. Dazu kam noch, daß durch die Unterdrückung von Görres „Rheinischem Merkur" zu Anfang des Jahres 1816 durch die preußische Regierung einer neuen Zeitung die gün­stigsten Aussichten bezüglich ihrer Verbreitung am Mittel­rhein eröffnet wurden. Unter diesen Umständen siedelte der bis dahin als Lehrer in Mainz tätig gewesene Weitzel nach Wiesbaden über und gab hier mit dem 2. Juli 1816

eine viermal wöchentlich erscheinende Zeitung, dre „Rheinischen Blatte r", heraus. Die Regierung leistete dem aus eigene Rechnung Weitzels begründeten Unternebmen möglichst Vorschub; alle Behörden, welche hier auf Kosten des Staats oder der Kirche die „Frank- urter Oberpostamts-Zeitung" zu halten berechtigt ge­wesen waren, wurden angewiesen, von nun an die „Rhei­nischen Blätter" zu halten und alle amtlichen Bekannt­machungen, die bisher außer in dem „Herzoglichen Jn- telligenzblatt" noch in der „Frankfurter Oberpostamts- Zeitung" eingerückt worden waren, nunmehr rn der inländischen Zeitung bekannt zu machen. Weitzels Blatt faßte bald festen Fuß. Am 5. Oktober 1819 wurden dre Karlsbader Bundestagsbeschlüsse, die infolge der Ermor­dung Kotzebrres zu Mannheim gefaßt worden waren und für die gesamte Presse Deutschlands scharfe Zerrsurmah- regeln einführtcn, im „Nassauischen Verordnungsblatt publiziert und damit auch im Herzogtum wieder die Zensur eingeführt. Jetzt ward es Weitzel unmöglich, tue „Rheinischen Blätter" ferner zu redigieren, er zog sich zurück, während der Konrektor Fischer seine Vertretung übernahm. Bereits am 1. Oktober des folgenden Jahres ging das Blatt ein und von da an bis zum Jahre 1848 erschien in Nassau kein politisches Blatt Die Regierung benützte für ihre Bekannt­machungen wieder das „Jntelligenzblatt" und wenn dieses nicht ausreichte, die „Frankfurter Oberpostamts-Zeitung . Das „Frankfurter Journal" hatte zu jener Zeit nur wenige nassauische Abonnenten. In Nassau wurdei die Pretzpolizei energisch ausgeübt, die Regierung befleißigte sich, jede freie Meinungsäußerung gewaltsam zu unter­drücken. Im Lande selbst spielte der Verlagsbuchhandel eine zu kleine Rolle, um der inquisitorischen Tätigkeit der Regierung ein ausreichendes Feld zu bieten; um so eifriger wurde den aus den anderen Bundesstaaten eni- aeführtcn Schriften und Zeitungen der Prozeß gemacht. Den ersten Anlaß zur Unterdrückung gab der Regierung ein im Jahre 1819 zu Hadamar erschienenes schriftchen: Der reiche Moses in der Klemme, ein Lust- und Thräncn- spiel". eine schamlose Schmähschrift wider die Inden. Gleich daraus wurde Weitzel eine in der Schellenbergschen und Riedelschen Druckerei erschienene Schrift: „Hat

Deutschland eine Revolution zu befürchten? be,chlag- nabmt. Die Riedelsche Druckerei wurde »wer Wochen ge­

schlossen und das sämtliche Inventar unter Siegel gelegt weil sie Weitzels „Politisches Glaubensbekenntnis eines Mannes ohne Welt" gedruckt hatte. Jedenfalls bedarf die Bemerkung Riehls in seiner Einleitung zu den Schil­derungen des Jahres 1848, daß Zeitungsverbote m Nassau völlig unbekannt gewesen seien, einiger Einschrän­kung in Bezug ans die dreißiger Jahre. Das nassauische Staatsschiff steuerte damals unter Marschall immer mehr in reaktionäres Fahrwasser hinein. Die nassauischen Verleger mußten einen Revers unterschreiben, kerne Schrift zu verbreiten, welche die politische Lage dev Lan­des behandele. Das Volk selbst hatte sich an das patriar­chalische Regiment der Regierung gewöhnt und lebte zu­frieden dahin. Im April 1847 stellte der Abgeordnete ^ais in der Deputiertenkammer den Antrag, das Gesetz unbegrenzter Preßfreiheit wieder in Wirksamkeit treten zu lassen. Im wesentlichen begründete er diesen Antrag damit, daß infolge absoluten Mangels einer einheimischen politischen Zeitung die Presse des Auslandes die verrück­testen Dinge über Nassau in die Welt setzen könne, ohne berichtigt zu werden, und daß zur wirtschaftlichen Ent­wickelung eine gute Presse unbedingt notwendig sei. Dann kam der'März des Jahres 1848. Jetzt schoflen allerorten Zeitungen wie Pilze in die Höhe. Am 25. Marz erschien die erste Nummer der „F r e i e n Z e i t u n g im Verlag des Buchhändlers Karl Ritter und Heinrich Fischer. Sie sollte im Geiste gemäßigter Opposition redigiert werden Redakteur war vr. Müller und Düdenbrock. Das Blatt batte bei seinem Erscheinen mit den größten Schwierig­keiten zu kämpfen; es fehlte an allen Vorbereitungen für ein solches Unternehmen. Weder in technischer Beziehung für den Druck, noch was Mitarbeiter und Korreftwn- denten anbelangte, war irgendwie vorgesorgt. Dazu kam. daß die Redakteure Müller und Düdenbrock rn ihrer politischen Anschauung nicht übereinstimmten. Müller batte wenig von dem revolutionären Gerst jener Tage. Düdenbrock war ausgesprochener Revolutionär. Duden­brock zog sich infolge dieses Zwiespaltes bald von der Re­daktion zurück und vr. Müller leitete das Blatt allein. Damit trat das Revolutionäre ganz in den Hintergrund. Der Preis des Blattes war 1 Gulden 45 Kreuzer r— g M.) pro Quartal. Im August 1848 ging die Re­daktion an den ehemaligen Amtsakzessisten Julius Opper­mann aus Diez über, der sich hier Uir einen Wirkungs-