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L Knlaye ;um üieslmüntcr Tagdlatt.

Uo. 347 . Morgen-Ansgabe.

Dienstag, den 24 . November

51 . Jahrgang. 1903 .

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^ Er hat fltfnflt, sie hat gesagt — ^

Rede, mit der man die Freundschaft öcr ^ af, ^ teltcr

*

i

(57. Fortsetzung.)

Gva Leoni.

Roman von Marie Bernhard.

Fum Mittagessen war der neue Hausgenosse noch nickt erschienen, was seine Verlobte nicht rm geringsten n, bekümmern schien, obschon ein drohendes Unwetter am Himmel stand und die Wolken gefährlich tief hingen. Die Schwüle lag uns allen bleischwer in den Glredern. iiud doch wollte bei meiner Siesta der Schlaf nicht kommen.

Als wir uns zum Kaffee auf der Terrasse versammele ten. 'erhob sich ein blasser, hagerer, junger Herr, nnt kurz geschorenen: Haupthaar, einer goldgefas;.en Brille und spärlichem Bärtchen von seinem Platz nebenDoktorLangen- igldt und wurde uns von diesem als Doktor Ahrenz au» üiirich. ohne weiteren Zusatz, vorgestellt. Eine stumnie Verbeugung hier und dort, dain: kam Bernon dazu, be: deiieii Anblick der neue Ankömmling sichtlich erstaunt dre Arauen emporzog und seinem bräutlichen Kollegen einige Worte ins Ohr rannte. Doktor Langenseldt lächelte und warf mir einen etwas malitiöscn Blick zu. worauf sie dm Herren miteinander bekannt machte iind einen ganz be­sonderen Nachdruck auf den Nameir Vernon legte.

Tie Unterhaltung wollte nicht recht i:t Fluß kommen; m meinem nicht geringen Ärger fühlte ich mich innerlich verlegen, und ich fürchte, daß ich dies in meinem Benehmen nicht ganz verbergen konnte. Doktor Langenfeldts Be­hauptung. ihr Verlobter werde sich selbstverständlich :n mich verlieben, und Bernons Bemerkung, er halte dies gleichfalls für wahrscheinlich, fiel mir ein. und wie ich den weiblichen Doktor kannte, hatte er es für ferne Pflicht achaltcn. dem Bräutigam und Kollegen diese Annahme ungeniert mitziiteilen, schon, um den eigenen Scharfblick -u dokumentieren. Ich verbrannte mich fast nnt meinem Kaffee, so beiß trank ich ihn hinunter, trotzdem die Tem- peratur dies Verfahren durchaus nicht begünstigte, und ich habe die Erinnerung, als hätte ich währeiid dieses Bei sammenseins keine drei Worte gesprochen.

„Ich gche mir die Szenerie draußen bei cmfsteigen dem' Gewitter ansehen!" sagte Bernon 31t meiner Freude. Kommen Sie mit mir? Ja? Das ist brav! Ich werde mir Ihren Regenmantel über den Arm hängen, denn es kann leicht kommen, daß wir tüchtig naß werden."

Wollen wir iins das interessante Schauspiel nicht gleichfalls betrachten, Ahrenz?" fragte die Braut, mit einem so zweideutigen Lächeln und Seitenblick auf uns, daß es wirklich unentschieden blieb, ob sie das heran ziehende Gewitter meinte oder Bernon und mich.

„Wie du willst. Frieda!" — Ich drehte mich rasch weg, un: mein Lächeln zu verbergen: es kam mir gar zu komisch vor. daß der Doktor gerade Frieda hieß, und Vernon mußte es ebenso wir mir ergehen. denn er sah sehr belusstgt ans. . ^

Hannah zog es vor, drinnen zu bleiben, und wir vier

machte:: uns auf den Weg. — das andere Paar eine kleine Strecke hinter uns und in eifrigem Mustern, «s war aber kein Liebesgeflüster. wie ich aus einzelnen Brc >

Gesprächs entnehmen konnte. Ahrenz sprach fast immer allein, und „Frieda" warf nur tun und her eine Frage dazwischen. „Rußland" und „Millionen undt>

Hölle" waren entschieden kein Thema für zwei Verliebt Auf dem nahegelegenen. leicht ersteigbaren Bergru en angekommen, bot sich uns ein imposarstes Schar sp - Gipfel des Groß-Glockner. sowie de» Wiesbach- und Hoch- Horns wäre:: nicht mehr sichtbar, so tief ö L’f

zen Wolkenmassen darüber hmweg. Schwer wucksieten dieselbe:: gewaltigen Dunstballen über J ^

Föhrenwäldern, und links hinüber,- gerade uber Sankt Johann, stand eine schauerliche, ungeheure Wetterwa d von einer rötlichgelben Kante scharf umnssen. ^ ^

blies hohl über das Tal hinweg und fuhr Mit unheim lichem Pfeifen den gewalstgen Föhren m die Krom. .• • wir hörten das Aufbrau,ei: der Wipfel und das und Recken der riesenhaften Stamme bis zu uns herul e. In der Lüfte:: flüsterte es. wie wenn Geister ihre Zrme spräche hielten, und ein kleines geschwätziges Bächlein, das hier oben seinen Ursprung hatte, eine harmlose, klare Wasserader, stürzte sich jetzt gurgelnd um -Z'schend w die Trete und sah trübe und dunkel ans.

Ter erste Donner kam dumpf und matt zu uns herüber, aber Vernon. welcher der Meinung war es mußtzm mehrere Gewitter zugleich am Himmel stehen, so . ch behalten, denn min grollte es laut und mazestatisch zur Rechten, und als wir uns umwandten, riß soeben ein zah niedersausender Blitz die sätzvarzen Schleier über dem Haupt des Groß-Glockner entzwei, und Nur gewahrten deutlich den zackengekrönten Wipfel mit seinem, m der dunkeln Umgebung geisterhaft leuchtenden, ewigen Dchiwe, gleich daraus war es da oben wieder tiefe Nacht, der Donner krachte von neuem, und um uns herum erhob sich ein wirbelndes Chaos von Staub. Erde, abgerissenen Blättern und losgepeitschten Zweigen.

Ich hatte mich instinktiv mit beiden Händen an Bernons Arm geklammert. :md als ich mich nach unseren beiden Gefährten umsah, bemerkte ich beim neuen Aufslammen des Blitzes, daß Ahrenz' Blick unausgesetzt auf mir ruhte, während er mit dem rechten Arm erneu Baum um­schlungen hielt und sich nicht im mindesten um seine Braut kümmerte, die seitwärts einige Schritte von ihm stand Vernon war inzwischen bemüht, mir in den Regenmantel :n helfen, da bereits die ersten schweren tropfen sielen, und als er mit einiger Mühe sein Werk zustande gebracht hatte, legte er schützend den Arm um mich und zog mich ganz nahe an sich. — stillschweigend. — und ich ließ es stillschweigend geschehen und freute mich, daß es um uns beide so wütete und tobte.

_Die Wolkenwand über Sankt Johann wurde

wie mit einem Riesenmesser voneinandssr geschnitten, und nun kam es von allen Bergen zugleich — ein betäubendes Rollen und Krachen, immer gewaltiger anwachsend. bis ein einziges zorniges Brüllen zuletzt die ggnze Natur zu erfüllen schien. Tie im Zickzack niederfahrenden Blitze blendeten den Blick, der wie toll aufsagende Staub prickelte und reizte die Haut, ich konnte nichts mehr sehen, war wie betäubt von dem Toben des Sturmes und Donners und barg mein Gesicht an Bernons Brust. Wie

Traume fühlte ich. wie heftig sein schlug, w^ rm Traume hörte ich dicht au meinem Ohr ern paar M-

flüsterte Worte.-ich konnte sie nicht verstehen^ denn

er sprach russisch, wie immer, wenn er erregt war, aber der Ton. in welchem er zu mir sprach, bewirkte, daß ich zusammenschrak und mein Gesicht emporhov.

Wir aeben setzt!" schrie mir Doktor Langenseldt M und "nahm resolut ihres Kollegen Arm. „Wenn Sie noch

^Fch W&te ta. .«Ort und n°d Mi« Mn Stano« die Anhöhe hinab mehr tragen, als fuhren Der Regen kam jetzt in ungestümen Güssen vom Himmel hercw. ich lief sofort aus mein Zimmer, um mich umzuklerden.

Fast zwei Stunden stürmte und tobte es draußen noch mit derselben ungemäßigten Wut. aber endlich,des übends wurde es ruhiger, der Regen horte auf. vereinzelt hallte ein abziehendes Grollen in dm Bergen, aus dem rasen den Sturme war ein sanfter W-rnd geworden und von der erfrischten Erde, aus dem erquickten Laubestieg, kost licher Dust zum nachtdunkeln Himmel empor. Bernon hatte bitten lassen, ihm das Souper auf s«nm Zimmern servieren zu lassen., wir anderen hielten ern ziemlich em silbiges Mahl. Ahrenz berichtete seiner Braut «tag Schicksale verschiedener gemeinsamer Kollegen, darunter eines weiblichen Arztes, der soeben mit AusMchnung d^ Staatsprüfung bestanden und eine glanzende Zukunft vor sich gehabt, sich aber vor acht Tagen mit einem Rechts anwalt aus Berlin verlobt und der medizinischen Karriere für immer entsagt hatte. Doktor Langenfeldts Rand- glossen über diese „haarsträubende Verrücktheit und ihre Ausfälle über verliebte Frauenzimmer, die sns Hrren haus gehörten, versetzten Hannah m große Heiterkeit, zu­mal Doktor Slhrenz seiner, Braut nicht unbedingt bei- pflichtete, sondern meinte, eine gewisse Rolle müsse man nun einmal der Liebe im Menschenleben überlassen, um wenn sie davon nichts wissen wolle so sei sie eben eine Ausnahme, die bekannilich die Regel bestätigte.

Als ich nach Tische einen Augenblick aus dre Termsse heraustrat, um die herrliche Luft zu ^nkengabDvktor Langenseldt dem Kollegen ein Zeichen, das ich nicht ver staud. und folgte mir auf dem Futze^

Feierlich funkelten droben die Sterne, der Groß- Glöckner reckte sein mächtiges Haupt in den flimmernden Himmel hinein, von oben tonten vertue Klänge durch das geöffnete Fenster. ..... vernon

kompom ^ Ihnen nicht in Gegenwart der anderen saaen wollen", sprach die durchdringende Stimme neben mir. „aber ich möchte Ihnen doch raten, sich m acht zu

nehmm.^li^ |. tuOTm un fy maß die Sprecherin mstieinem fragenden Blicke, außer Stande, es zu verbergen, wie un­willkommen mir die Störung war^

Sie sind sehr jung und unersahren und lassen, sich leicht täuschen. — mir war dieser Monsieur Vernon langst verdächtig, sein Gesicht kam mir bekannt, sein Name fremd vor. aber ich frage den Teufel nach diesen Kunst- lern' Ahrenz hat mich vollends aufgeklärt, und es ist meine Pflicht, dasselbe Ihnen gegenüber zu tun Der Herr heißt ebensowenig Vernon, als sie oder ich, fern eigentlicher Name

(Fortsetzung folgt.)

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