*»• Jahrgang.
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|jt0. 548» Verlags-Fernsprecher No.
28SS.
Dienstag» den 24. November.
Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1903»
Abend-Ausgabe.
Englands neuester Feldzug.
Unser Londoner n.-Korrespondent schreibt uns unterm 21 cr.: .
Wenn man dem, was die englische Presse bisher über die Invasion Tibets schrieb, Glauben schenken könnte, sah sich John Bull zu seinem größten Leidwesen genötigt, wieder einmal den Kriegspsad zu beschreiten. Die meisten Menschen im Vereinigten Königreiche hatten überhaupr gar keine Ahnung davon, daß sich in jenem entlegenen Telle der Welt Krisgswolken drohend zusammenzogen, aber dafür verficht die indische Regierung es auch, von jeher ihr Tun und Treiben mit einem undurchdringlichen Schleier zu umgeben, bis der geeignete Augenblick für offenes Vorgehen gekommen. Die Invasion jenes wilden, von einem harmlosen Volke bewohnten Gebietes bildet die Ausführung eines lang vorbereiteten Planes der militärischen Clique in Indien, die darüber bestimmt, in welcher Weise die Rupien der halb verhungerten indischen Steuerzahler zu verschwenden sind. Jetzt ht zwölfter Stunde sucht Mn dem Publikum daheim die absolute Notwendigkeit einzureden, Tibet dem britischen Reiche einzuverleiben, und da jenes auf dem Gebiete der äußeren Politik selbständig nicht zu denken vermag, schon weil es über alles, was sich außerhalb seines kleinen Jnselreiches befindet, notdürftig oder gar nicht unterrichtet ist, so fällt es natürlich nicht schwer, es von der Gerechtigkeit des neuen Krieges zu überzeugen. Es trifft sich für die Regierung glücklich, daß das Parlament gegenwärtig nicht tagt, denn sie entgeht infolgedessen dem unbequemen Kreuzverhör, in das sie bei solchen Gelegenheiten die Liberalen zu nehmen pflegen, und im Februar, toctttt die Annexion Tibets ein kalt accompli ist, braucht sie das nicht mehr zu fürchten. Dann wird ein Hinweis auf den weiteren Ausbau des britischen Riesenreiches genügen, um die Frager in den Aügen des Volkes als lästige unfr alberne Querulanten erscheinen zu lassen, denn einem englischen Sprichwort gemäß sichert nichts bessere Erfolge als Er- folg. Wie uns ein Blick auf die Karte zeigt, korrespondiert im Nordosten die Lage Tibets zu Indien mit derjenigen Afghanistans im Nordwesten. Hinter letzterem steht Rußland, nach englischer Ansicht drohend und provozierend, und wie wohl Tibet auf seiner anderen Seite von China begrenzt wird, das die Oberhoheit über das Land ausübt, so läßt sich doch der wachsende russische Einfluß in China schließlich als «in Vorwand für die englische Aggression Vorbringen. Ein hervorragender englischer Soldat, Sir-
Donald Stewart, stellte vor zehn Jahren einmal die militärische Clique in Simla warnend bloß, die, wie er sagte, sich Tibet für ihren Sport wählen würde, sobald sie länger keine Gelegenheit fände, sich im Nordwesten durch die Provozierung von Grenzkriegen angenehme Unterhaltung zu verschaffen. Diese Warnung ist aber längst vergessen, wiewohl seit jener Zeit alljährlich in einer oder der andern Weise gegen Tibet agfliert, beziehungsweise nach einem Vorwände für eine „militärische Expedition" dahin gesucht wurde. Mitunter behaupte man, im Interesse des indischen Handels, das heißt in Wirklichkeit aber in demjenigen der englischen, in Indien Handel treibenden Kaufleute, müßte gegen Tibet vorgegangen werden. Dann wieder sagte man, Englands Prestige mache einen Gegcn- zug gegen Rußland unerläßlich, und das ist es, worauf die englische Jingo-Presse nun herumreitet. Zu einer Zeit verlangt man gar die Annexion des Landes, weil sein Klima sich für die in Indien leidend gewordenen Offiziere besonders gut eignete, und ähnlicher frivoler Gründe für eine Vorwärtspolitik wurden noch viele vorgebracht. Die anglo-indische Presse in Bengalen lieh den englisckien Offizieren bei dieser Agitation von jeher die kräftigste Unterstützung. Ganz besonders zeichnete fick dabei das Blatt „Englishman" in Kalkutta aus, das im Äpril bereits schrieb: „Unser Prestige und Handel müssen unbedingt unter der Ausdehnung des russischen 'Einflusses dreißig Meilen von unserer Grenze leiden." Danach machte er dann die Notwendigkeit der Sicherung Tibets klar. Andere indische Zeitungen protestieren jedoch entschieden, und die „Times of Jndia" z. B. bezeichnet? eine aggressive Politik an derNordgrenze als „nnverfroreneFreibeuterei", während der „Pioneer" die Annexionspläne als Tollheit bezeichnete. Das schönste bei der ganzen Geschichte ist aber, daß derartige Feldzüge zur Aufrechterhaltung des englischen Prestige nicht etwa auf Retchskosten, sondern lediglich auf diejenigen der hungernden Inder unternommen werden.
Eine wichtige Uede.
Bonn, 28. November.
Bei dem vorgestrigen Rektoratsessen, dem auch Prinz Eitel Friedrich, der Herzog von Koburg-Gotha, Erbprinz Georg und Prinz Moritz von Schaumbnrg-Lippe beiwohnten, hielt Kurator v. Rottenburg eine Rede, anknüpfend an das Wort des Kaisers, daß die Wissenschaft in der Forschung frei sein müsse. Nach der „Bonner Ztg." sagte er: Der kaiserliche Wille habe seine Wirkung nicht verfehlt. Heute sei es allseitig anerkannt, daß die Freiheit der Wissenschaft eine unerläßliche Bedingung ftir
deren Gedeihen sei. Von verschiedenen Seiten wurde
die Forderung erhoben, daß die Volksschule streng kon- fesiionell gestaltet werde. Zur Begründung dessen weist mau darauf hin, daß bei uns der Materialismus den Idealismus verdränge, und knüpft daran die Behauptung, nur die Religion vermöge diesem Prozeß moralischer Degeneration Einhalt zu gebieten. Wenn das richtig sein soll, muß der Katholik weiter behaupten, daß dasjenige Element in der christlichen Religion, welches erzieherisch in der Richtung des Idealismus wirkt, in dem spezifisch katholischen Dogma enthalten sei. Der Protestant muß dasselbe von den spezifisch protestantischen Dogmen aussagen. Die Wissenschaft aber wird diese Argumentation verwerfen. Das stärkste erzieherische Moment unserer Religion liegt in deren e r h a b e n e r M o r a l. D i e s e i st g l e i ch s ü r die K a t h o l i k e n u n d P r o t e st a n t e n. Die konfessionelle Erziehung muh gerade das Gegenteil dessen bewirken, was> sie zu bewirken sucht. Sperrt man ein katholisches Kind von seinem protestantischen Genossen ab, so erzeugt man in ihm notwendig die Vorstellung, als ob die Protestanten aus einem anderen Stoffe gemacht seien, von dessen Berührung man sich zur Vermeidung einer gefährlichen Infektion hüten müsse. Nur in der Simultanschnle läßt sich der Gehorsam gegen das idealistische Gebot der Räch st en- liebeanerziehen, nur dort ist das Vorurteil zu bekämpfen, als wären die Protestanten und Katholiken aus verschiede- nemTeig gebacken. Dar umist auch die Absonderung in den konfessionellen Schulen, Konvikten, Seminaren usw. zu verwerfen. Daß wir seit 1876 materialistischer geworden sind, ist nichts Abnormes, dafür ist Bismarck nicht verantwortlich zu machen. Zur Charakterisierung seiner Politik teilte Redner folgendes mit: Vor vielen Jahren erfuhr Deutschland eine schwere Beleidigung. Wir empfanden sie um so peinlicher, als die Nation, von der die Beleidigung ausging, sich durch ihre Ritterlichkeit vor vielen anderen auszeichnet. Es entstand die Frage, die Beleidigung nicht mit den Waffen zurückzuweisen sei. und der damalige Chef des Reichsmarineamts, v. Caprivi. wurde zu einer gutachtlichen Äußerung über die Chancen eines etwaigen Krieges aufgefordert. Seine Antwort ging dahin, daß wir einen tapferen Gegner vor uns haben würden, aber daß das Kriegsmaterial des Gegners viel zu minderwertig sei, als daß er einen ernstlichen Widerstand zu leisten vermöchte. Wenn dem so ist, entschied
Die Revolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(35. Fortsetzung.)
XIV.
Wie die Berteiluna der Fluchchristen wirkte und der Gendarm Dolfes Wibbclhus beinahe die geheimnisvolle Verteilerin ev- vischt Hütte, dabei aber selber zu Schaden kam. Wie der Kaufmann Zchwertfeger von dieser Sache erfuhr und sich alsbald voller borgen nach dem Eikenhüsken auf den Weg machte, und wie er Mieken dort vorfand.
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Me geheimnisvolle Verteilung politischer Flugschriften im Kreise des Landrats von Rettern-Zackerlm und in deir angrenzenden Bezirken hatte einen solchen Umfang angenommen, daß alle Behörden aufmerksam wurden, und daß der Freiherr von Peitersbroich den besorgten Landmt ferner nicht mehr wegen seiner Bedenken cuslachen konnte. War anfänglich nur das aufrührerische Lied von bekannten Händen nächtlicherweile unter das Volk gebracht worden, das Lied, das inzwischen heimlicherweise überall gesungen oder wenigstens gebrummt wurde, so hatten sich diesem neuerdings andere Flugblätter zugesellt, die allenthalben die Gemüter erregten. Zwar wurde in den Kretsblättern von volksverhetzerischen Pamphleten gesprochen, aber zum größten Kummer mußten sich diejenigen Vertreter der Regierung, die sich ein sachliches Urteil bewahrt hatten, selber sagen, daß keinerlei Beschimpfung, keine niedere Hetze in jenen Blättern zum Ausdruck kam, daß vielmehr in knappen, volkstümlich stilisierten Sätzen die Regierung scharf kritisiert und manche liberale Forderung in faßlicher Begründung aufgestellt wurde. So mußten diese Schriften doppelt ihre Wirkung tun. Und sie taten ihre Wirkung. Zwar konnte sich das nicht offen und deutlich äußern, denn ein politisches Versammlungsrecht gab es nicht, und die Zeitungen, die liberalen natürlich in erster Linie, standen unter dem harten Druck der Zensur, aber die Beamten in den Schreibstuben merkten es genugsam, daß sie mit ihrem kurz angebundenen Wesen, ihrer barschen Art keinen rechten Effekt mehr machten und daß die Untertanen ansingen, in ihren Mienen oft dm Respekt zu verleugnen, den man jeder obrigkeitlich angestellten Person doch bedingungslos schuldig sei. Das schon gab Anlaß genug,
die Angelegenheit ernst aufzufassen, und so wurden denn alle Hebel in Bewegung gesetzt, den Urheber der Flugschriften und den Verbreiter zu entdecken. Hatte sich doch eine freche Hand bereits erlaubt, nächtlicherweile nsit Kreide an die Tür des Landratamts in Solingen das Wort zu schreiben: „Zwing-Uri," was bewies, daß auch ein so revolutionärer, von Gatts und Rechts wegen eigentlich zu verbietender Dichter, wie dieser Friedrich von Schiller, gelesen wurde. Wer alle Bemühungen schienen umsonst. Haussuchungen bei verdächtigen Persönlichkeiten verliefen vollständig resultvtlos und der Engels-Pitters-Oberam erklärte jedem, der es hören wollte, die verdammten Donnerkiels, die die Schriften verbreiteten, die wären nicht in der Gegend zu suchen, das wären Aufwiegler, die von auswärts kämen, vielleicht als Hausierer und Bettler verkleidet. Er fand Gelegenheit, diese seine Ansicht auch dem Landmt von Rettern gegenüber zu vertreten, dem er den Rat gab, durch die Gendarmen derartiges, vevdächtigesVolk immer ordentlich durchsuchen zu lassen, ein Rat, der dem Landrat so einleuchtete, daß ein förmliches Treiben auf alle landfahrenden Gesellen veranstaltet wurde und der Oberam kaum eine Konkurrenz im Kreise vorsand, als er begann, seine Weihnachtshandelsreise anzutreten und auf den Höfen den Leuten billige Schmucksachen, Bänder, Taschentücher und dergleichen aufzuschwatzen. Tenn er handelte mit sehr verschiedenen Dingen, wie sie gerade saisongemäß waren. Und wenn es ihm nicht zu genierlich gewesen wäre, hätte er sogar mit Mäusefallen hausiert.
Die Polizei und Gendarmerie der Gegend setzte inzwischen ihre Bemühungen fort, den oder d t e Flug- schriftenverbreiter zu fangen.
„Wer haut en noch nit, äwer wer werden en schon kregen," sagte eines Abends in der Wirtsstube der Schankwirtschaft „zum Möschennest" in Schlepenrat derGendarm Dolfes Wibbelhus, stürzte den Rest seines Kümmels hinunter, schüttelte sich, wischte sich den borstigen Schnauzbart und nahm seine kurze Büchse in den Arm. Er sah ordentlich aus, und in seinem roten Gesicht
drohte seine Nase mit der schneeweißen Spitze nod) einmal so stolz wie sonst. Diese weiße „Küpp" an seinem Riechwerkzeug war sein eigenstes Charakteristikum. Ja* hatte es seiner Soldatenzeit zu verdanken. Bei einer Streiterei hatte ihm ein Kamerad die Spitze abgebissen, Gott sei
Dank, ohne sie zu verschlucken. Vielmehr hatte er sie
ausgespieen, sodaß dem kunstbegabten Militärärzte willkommene Gelegenheit geboten wurde, seine Geschicklichkeit zu beweisen und das Abgebissene wieder anzunähen. Die Sache glückte prächtig, nur erwies es sich nach der Heilung, daß der angeflickte Teil weiß blieb, so daß dis stattliche Nase nicht unähnlich einem mit ewigem Schnee bedecktem Berge aus dem kupferroten Gesichte hervorschaute, was dem Beamten ein besonders gefährlichesAüs« sehen gab und den Respekt vor ihm merklich erhöhte.
„Die nächtliche Patrouilliererei hat gar kesiren Zweck. Bei der Dunkelheit einen zu erwischen, ist schon rein unmöglich und über die freie Chaussee wird das verfluchteGesindel bei seineuGängeu wohl kaum kommen," meinte der Gendarm. Der Wirt aber, der ihn respektvoll zur Tür geleitete, äußerte: „Wer weiß? Die Feldwege und die Fußsteige sind alle verschneit und schlecht zu gehen, zumal bei der Finsternis. Da wird schon die- Chaussee benutzt werden müssen. Im übrigen ist's reine Zusallssache mit dem Erwischen. Vielleicht habt Ihr Glück, und grad hier, denn in Schlepenrat ist bis jetzt noch nichts verteilt worden. Man wird uns aber schwerlich übergehen wollen. No, gute Verrichtung."
Der Gendarm swlperte auf die Straße ins Dunkel und der Wirt verschloß seine Tür, denn es ging schon auf elf, und es waren keine anderen Gäste mehr da. Er machte sich noch im Schankzimmer zu schaffen, räumte die Schnapsgläser zusammen und spülte sie in einer kleinen Kufe, er wischte die Tische ab und klopfte seine Pfeife aus.
Da war es ihm plötzlich, als höre er ein eigentümliches Rascheln im Vorflur. Leise öffnete er die Stubentür und blickte hinaus. Mit Staunen sah er, wie sich unter der Haustür ein Stück Papier hin und her bewegte. Zweifellos, man wollte es ins Haus schieben und der Spalt zwischen Schwelle und Tür war nicht so weit, daß sich das ohne Schwierigkeit bewerkstelligen ließ. Der Pütz Kaubes sah dem einen Moment zu, dann schlich er leise zur Tür, drehte denSchlüssel um und riß sie auf.
Ein kurzer Schrei, wie eine Frauenstimme, erscholl, dann flüchtete eine Gestalt, schnell wie eine Eidechse, ins Mmkel. Ter Pütz Kaubes tat einen Sprung in der Richtung, als wolle er sie verfolgen, aber sein niedergetretener Pantoffel ging verloren und so fluchte er hinter
