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Berlag: Langgaffe 27.

«nreigen.P«ei»r Die einspaltige Petitzcile für lokale An^e,ge» 15 Pfg., für auswärtige Anzeige» 25 Pfg- — Reklamen die Pctitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

|t0. 545. BerlagS-Fernfprecher No. 2953

Üorgew^flmssab®«

Sonntag» den 22. Uovrmber.

Aüv den Monat Dezember

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

,-u adonuieren, findet fich Gelegenheit

im Verlag Kanggasse 27, bei den Ansgabeftrllen, den Zweig -Expeditione«

der Nachbarorte,

und bei sämtlichen deutschen Neichspostanfialten.

Neue Kanonen!

kDon unserem militärischen Mitarbeiter.,

" Die Sturmvögel der offiziösen Presse künden eine neue umfangreiche Militärvorlage an, man arttkelt über Rohrrücklaufgeschütze, Oberstleutnants, 3 Bataillone, 'l-ensionsgesetz usw. usw. Hervorragend find dre Leistungen einer rcichsländischen Zeitung, welche meist von aktiven Militärs geschriebene Artikel bringt, deren Bersasfer sich uns diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege die Rittes froren zu verdienen hoffen. Genanntem Blatte nach wurde jüngst die „Kriegstüchtigkeit" des neuen Geschützes im Kaisermanöver ausprobiert. Mau denke sich cuu geprobte Kriegstüchtigkeit im Manöver mit Manöver­kartuschen! Solche kühnen Aussprüche vermögen eben nur die zu tun, die den Krieg allein vom Hörensagen kennen. Die Verfasser dieser waghalsigen Behauptungen lassen noch einige Goldkörner ihres Wissens über Batterien zu 4 oder 6 Geschütze einfließen und meinen, dre Gegner der geplanten Änderungen seien inaktive Offiziere, deren Urteil nicht auf.der Höhe der Situation stände, da sw auf veraltetem Standpunkt stehen geblieben und die Neue- runaen deshalb kaum richtig schätzen könnten.

Wir gratulieren den Verfassern ob ihrer jetzt üblichen, fall unfehlbaren Weisheit und Bescheidenheit!

Auch Schutzschilde und gepanzerte Protzen streiften die Eingeweihten und zeigten auf Frankreich hin, wo

solche Lebensversicherungsmittel erngefuhrt sind. Las en

wir doch den Franzosen ihre Schutzmittel, sie lösten seit dem großen Starstich von 70 bis 71 ja Bedeutendes darin und vergruben schon Milliarden mit Spcrrforts und Festungen in die Erde. Wer sich verschanzt, markiert Angst, und die ist ihnen gründlich beigebracht. Unser Stolz war es immer, auf die lebenden Mauern zu bauen,

SW* I-h-n iix A»°» ->»' tk mmUMrnt« lieben Nachbarn herab und können es auch Gott sei dank beute noch tun, obgleich Winkelmaß und Mauerkelle ängstliche Fortschritte auch in Deutschland machten.

Die kriegsgemäße Erfahrung, ob per Armeekorps 96 oder 144 Kanonen auffahren können, foH sassern verschiedener Abhandlungen in dem angeführten

Blatte ebenfalls in diesem Kaisermanöver sestgestellt wer­den. Wir gratulieren den Männern zu ihrer Phantasie, die freilich weit über die geistige Schwungkraft von uns Inaktiven hinausragt und recht deutlich beweist, daß außer auf dem Schießplatz und im Manöver der widerliche Ge­ruch des menschenmordenden Pulvers ihre Riechorgane

nie belästigte! ,,

Wir ausrangierten Feldsoldaten machten natürlich auch sehr viele Manöver mit und hatten meist die Emp­findung, daß man dort vor allem lernt, „wie man es im Kriege nicht zu machen hat!" Die Feldzuge von 1866 und 1870/71 zeigten, daß die im Frieden geübten formen vielfach vor der Wirklichkeit nicht standhielten, und muhte in beiden Kriegen ganz anders gesuchten werden, wie die Exerzierplatz- und Manövertaktik die Truppen gelehrt hatte Dieselbe Erfahrung wird der nächste Feldzug zeitigen, denn trotz der klugen Leute von heute der Buren- und sonstiger Taktik ist alles beim alten geblieben und sieht ein Gefecht von 1903 genau so aus wie eins von 1869, nur daß der malerische Pulverdampf fehlt!

Was das neue in Frankreich und auch m einigen Batterien bei uns bereits eingeführte Rohrrucklaufge- schütz betrifft, versprechen wir uns keine besonderen Vor­teile davon, da trotz der Neuerung nach ledem Schutz

wieder gerichtet werden mutz. _,

JD6 vier oder sechs Geschütze das Richtige sind, hangt von der Menge der mitzuführenden Munition ab. Diese ist leider so gewichtig, daß sie nur in derselben berankten wie bisher zur Stelle fern kann, und dürfte auch 'mit vier Geschützen mittelst Schnellfeuer rn wenigen

Minuten verfeuert sein. ^ ^ _

Gefechtsmomente, welche dem nicht Kriegserfahrenen vorschweben, wo sich ungedeckt große Massen zeigen, wie man sie im Manöver häufig sieht, da hier das Schießen weiter nicht wehe tut, und wo ern geradezu diabolisches Artillerieschnellfeuer bei solchen Gelegenheiten am Platz zu sein scheint, kommen in Wirklichkeit nicht vor. Reichten doch die veralteten Geschütze von 1870 voll,tandig aus, die mit größter Bravour unternommenen Reiterangrisfe und Vorstöße der Infanterie zu zerschmettern, trotzdem diese Kanonen sehr langsam gegen die jetzigen ^chnell- feuerbattericn schossen. Wenn scharf geknallt wird, HÜR die Friedenstapferkeit auf, nur langsam und zähe ist dem aleickwertigen Feinde gegenüber der Vorteil zu erringen. Einlm Ernstfälle angewendetes Schnellfeuer ,vie -s jetzt möalicb ist wird in Anbetracht der vorhandenen Muni­tion fast immr ein Fehler und überflüssige Geschoßver aeudung sein.da auch chon gegen das mit halber Ge­schwindigkeit abgegebene. wohlgezielte Feuer m unge­deckten Gelände eben so wenig vorzugehen ist, rvi? gegen ein doppelt so rasches. Also bange machen gilt nicht, un­sere jetzige Kanone schießt schon schneller, wie cs die rmt- geführte Munition und selbst der bravste Femd ertragen

tan %y komme nun zu dem französischen Angstprodukt, den Schutzschilden und den gepanzerten Protzen!

Es liegt in der Natur des Menschen begründet, sein wertes Dasein möglichst zu verlängern, und deshalb

Nedaktions-Fernsprechcr R«. 52.

jedenfalls erfanden todesmutige Männer der schweren Waffe dieses Rezept gegen all zu rasches Sterben. Alles ist schon einmal dagewesen und überlebte sich» so auch dre eiserne Wehr in der Feldschlacht. Trauernde Hinter­bliebene jener Schutzvorrichtungen sehen wir rn den Rüst­kammern und Waffensammlungen, und staunend betrach­tet die in Trikot und Kammgarn gekleidete Gegenwart, wohin die Sorge um das liebe Ich führte. Je scharfer die Waffe, desto schwerer die Rüstung, hieß es dazumal, und das Resultat, welches dieser in dem offenen Kmipf falsche Brauch zeitigte, war schlietzlich. daß -mzur Erde gefallener, gepanzerter Ritter ohne fremde Hülfe nicht wieder aufsteben konnte. Die Schlacht von Sempach ging durch die schweren Rüstungen verloren und Kunz von Kaufungen kostete fein gewichtiger Harnisch Hals und

Kragte ^ Parade ist der Hieb!" DaS sollten sich die Sicherhcitskommissare hinter die Ohren schreiben! Der Hieb aber ist bei der Schußwaffe die Treffsicherheit und

®e häufig sieht man jetzt schon bei Friedensübungen steckengebliebene Kanonen, die mit doppelter Bespannung, oft unter Beihülfe von Infanteristen, welche m lue Speichen greifen, ans dem tiefen Boden herausgeschasst werden müssen. Dabei ist die Protze nur nnt leichten Manöverkartuschen gefüllt! Wie wird sich die Bewegungs- fähigkeit erst gestalten, wenn gewichtige Geschosse und gar noch Schutzschilde und Panzer die Geschütze bellten? Es wird dem Knochengerüst der Armee - wie Schönredner mit Vorliebe die schwere Waffe nennen - ersehen, wie es Kunz von Kaufungen am Kohlenmeiler und den öster­reichischen Rittern bei Sempach erging.

Die Frage, ob das Kaliber nicht zu verkleinern sei. damit das Gewicht der geliebten Schutzschilde durch leichte­res Rohr neutralisiert werde, schEt zugunsten des bis­herigen Seelendurchmessers entschieden zu sein, was wir mit Freuden begrüßen, da bei einer eventuellen Umb- waffnung wenigstens die jetzigen jungfräulichen Rohre, welche noch kein Blut vergossen haben, beibehalten werden

^""Brennend ist die Frage, ob Rohrrücklausgeschütze, Sckubichilde und Panzerung oder gegenwärtiges Modell, jedenfalls nicht, das Vaterland bleibt außer Gefahr, wenn wir Frankreich diese neueste Erfindung der Geschutztechnik

aussichtlich ohne Nutzen fortgeworfen sein wurden. Daß es sicherer ist, hinter Schutzschilden und Panzerprotzen zu fechten, als ohne Deckung die Brust den feindlichen Geschossen darzubieten, ist unbestreitbar, doch ob dieser Vorteil die schwere Beweglichkeit, welche unbedingt mit den gewichtigen Schutzmitteln eintreten wird, rechtfertigt, muß verneint werden. Der Krieg ist ein rauhes Hand^ werk es hat jeder seine Haut zu Markte zu tragen, und muß 'die Sicherheit der Person hinter die Schlagfcrtigkeit zurücktreten, welche durch Ballast, wie eherne Schilde und Panzer, beeinträchtigt wird.

Ob jedoch die französischen Batterien neuester Er- sindung, welche durch die gepanzerten Protzen, Schutz-

Alk neue Frau rn der Türkei.

Wie alte Rechte und - moderne Kleidung das Los der türkischen Frau schützen und verbessern, das schild>.rt Anna Bowman Dodd sehr interessant in einer emgehen- den Studie, die sie im „Century Magazine veröffent­licht. Der Europäer, dem es nach längerem Aufenthalte unter Türken gelingt, einen Einblick in deren häusliches Leben zu erhalten, wird sehr erstaunt sem, dce weit ver­breitete Anschauung, daß die Polygamie tn der Türkei allgemein sei, unrichtig zu finden: dcesWtzte Anzahl d.r oberen Zehntausend, dre man in Gesellschaft trifft, hat, wenigstens nach außen hin, dre europäische Sitte der Monogamie angenommen. Es gibt allerdings noch ge­nug Harems voll Frauen: aber es ist kaum daran zu zweifeln daß die neue „Mode" zunehmen wird; denn ein regelrechter" Harem ist das kostspieligste Geschenk, das ein Türke sich selbst machen kann. Jede seiner mer Frauen mutz ihre eigene Wohnung mit Sklaven, Köchen und Aus­stattung haben. Jede Frau oder Odaliske mutz, wenn -ie auf der Höhe der jetzigen Mode stehen soll, ihr eigenes kdlavier, Pariser Kleider und ausländische ne hier für ihre Löhne und Töchter haben; keine der Freuen darf ver­nachlässigt werden; jede hat ihre klaren, genauen, gesetz­lichen Rechte — so zahlreiche, daß es oft scheinen möchte, als lebten die europäischen mehr als die Osmanlisrauen in Knechtschaft. Wenn also ein Türke nicht sehr reich ist, so begnügt er sich mit einer Frau. Die schönen, in ihrer Art klugen Tschcrkessinnen werden gern zur Frau ge­wählt, wenn auch die gekaufte Frau Eder die alten demoralisierenden Zustände herbeiführt. Aber das Kauf­geld für eine schöne tscherkessische oder georgische Sklavin kommt gegenüber den großen Hochzeitsgeschenken und Festlichkeiten, die ein türkisches Mädchen zu beanspruchen hat, nicht in Betracht; wenn die Sklavin aus dem Hause -einer großen Dame stammt, ist sie in der Regel ebenso

gut erzogen wie ein türkisches hochgeborenes Mädchen, namentlich die schöneren Sklavinnen werden höchst sorg- ältig erzogen und geschult. Auch fällt bei einer solchen Heirat die Verpflichtung gegen eine etwaige Familie der Braut fort. Wenn die Sklavin erst rechtmäßig verheiratet ist, hat sie alle sozialen Rechte der türkischen Frau. Für Sklavinnen hat Mohammed durch seine Gesetz- Nicht weniger gesorgt als für freie Frauen. Die Kinder einer Odaliske haben gleich- Rechte wie die Kinder des rechtmäßigen Weibes; die Odaliske erhalt in solchem Falle Lebensunterhalt, oder sie erhält die Freiheck und wird geheiratet. Die Rechte der Frauen in der Türkei sind über zwölf Jahrhunderte, bevor das christliche Europa oder Amerika Scheidung oder Unterhalt den Frauen zusicherte, klar sestgestellt worden. J£>tx Moham­medaner erhält zugleich mit jeder seiner Frauen, wenn sie freie Mädchen sind, eine Mitgift, von der die Halste beiseite gelegt wird. Wenn ein Mann seine Frau ver­schmäht, so wird sie mit der halben Mitgift zum Vater zurückgeschickt. Daher ist die Scheidung in der Türkei wenig verbreitet. Man hat die Moslemsrauen vielfach bemitleidet; indessen gewähren die auf die Frau-n bezüg­lichen Gesetze den Frauen e,nen höheren Grad von Schub als irgend ein Gesetz seit dem mittleren rönn-chen Recht. Nur die neuesten Freiheiten und Schutzges-tze durch die Scheidungsgesetze und die Eigentumsgesetze, die jetzt in den Vereinigten Staaten in Kraft Md, können mit den türkischen verglichen werden; die Nutznießung ihres Eigentums und anständiger Unterhalt ;c nach dem Range des Gatten werden auf das genaueste zugeychert. Eine unauffällige, aber stetige Revolution wird dazu durch die Einführung europäischer Kleidung bewirkt. Seit Abdul Aziz aus Paris französische Moöeanschau- ungen mitbrachte und bei den Frauen feines ^aretnu öte raffinierten Pariser Toiletten einfuhrte, haben der Ge­schmack und die Wünsche der Türkin rückwirkenden Ein­fluß auf türkisches Leben und Finanzen. Wenn cuc tür­kische Kleidung auch prächtig und mit Juwelenstickercicn versehen ist, so wechselte sie doch nicht, wahrend;eyt rede Mode mitgemacht werden mutz. Unzählige Schachteln mit

Kleidern, Ballkleidern, Dinertoiletten, feinstem Unter­zeug werden dem reichen Türken mit dem Orient-Expreß oder dem Marseiller Dampfer gesandt. Wahrend vor zwanzig Jahren der Bey oder Pascha -00 Frauen hatte und sich als reicher Mann fühlen konnte, kann er jetzt kaum die Ansprüche einer einzigen Frau und ihrer Toch­ter befriedigen. Nur die Sklavinnen tragen noch die verhältnismäßig billige türkische Kleidung. Ev ist auch bei den feinsten türkischen Damen noch guier ^-vn, draußen den „feridjek" zu tragen. Aber der große Mantel, der, über Kopf und Ohren gezogen, bei den nie­deren Klassen getragen wird, hat sich sehr verbcsiert; statt des entstellenden unschönen Musters ist es letzt ein seidener, langer, gutgeschnittener Mantel. Der

Schleier ist nicht mehr der frühere „yaskmak , der nur die Augen freilätzt, sondern es ist ein wirklicher dicker Schleier. Übrigens muß nur nach der Heirat das Gesicht einer Mohammedanerin unsichtbar bleiben, außer für den Mann und die Leute ihres eigenen Haushaltes. Um Ein­käufe zu machen, trügt selbst die Frau des reichsten Paschas Rock und Bluse unter dem türkischen Mantel. Die -r.ra- dition gibt der Moslemsrau eine feste und unabhängige Stellung innerhalb ihres eigenen Hauses. Die

lianoum" oder erste Frau ist das rechtmäßige Haupt jedes türkischen Haushaltes: sie bleibt es auch meist denn türkische Eltern geben in der Regel nicht ihre Tochter als Untergebene eines „ersten Weibes". Die Sklavin kann nach siebenjähriger Knechtschaft ihre Freiheit verlangen Sie tut es selten, außer in dem seltenen Fall, daß sie grausam behandelt worden ist. Die Vorzüge der Er­ziehung, die sie genießt, und vor allem die Mitgift und Ausstattung, die sie bei der Heirat erhält — diese Vor­teile machen die Stellung einer Sklavin in einem guten türkischen Haushalt günstiger als ihr Leben ,n der nie­deren Klasse ihrer Eltern. Von einem Händler zum Ver. kauf gewählt zu werden, von einer „hanoum wegen ihrer Schönheit gekauft zu werden, ist für eine arme Ticberkessin ebenso sehr ein Glück, wie dre eventuelle zu- ■ künftige Erhebung zur rechtmäßigen Frau oder „seraili". U