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So! Jetzt war es aber genug! Es fing mir an, heiß M werden, ich war ermüdet, hatte nahezu drei Munden Musiziert, — nun hinaus auf den nach hinten gelegenen Ballon, wo es um diese Zeit immer kühl und schattig

I. Kerlnge ;um Wiesbndenrr TWblnN.

^ 545. Morgen-Ausgabe.

Sonntag, den SL. November

, 51 Jahrgang. 1008.

aj Überall geht ein frühes Ahne» dem^ Wissen »

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(56. Fortsetzung.)

Gva Keonr.

Roman von Marie Bernhard

Ach, welch' ein heißer Augusttag! In meinem Zimmer, non wo ich mir meine Arbert holte, herrschte eine druckende Schwüle, trotzdem die Fenster offen standen; draußen aus Terrasse zitterte das grelle Sonnenlicht über dem flimmernden Kies, die weißen Gartenmöbel blendeten fast Lj Auge. Mer in der Laube wäre es erträglich ge­ilen, wenn nicht — ja, wenn nicht Dokror Langenfeldt, «n Buch in der Hand, mrf der Bank gesessen hätte! — crch war ärgerlich, indessen — wo sollte ich bleiben? >sch Lüßte also stumm und setzte mich, indem ich langsam meine Stickerei auseinanderwickelte.

„Schon wieder diesen Firlefanz ! Sie sind doch ohne Zweifel eitel, — wie können Sie sich so geflissentlich dre Augen ruinieren?" t r

Da ich diese Frage schon sehr oft gehört imd beant­wortet hatte, so zuckte ich jetzt nur die Achseln imd nähte luhig weiter.

, Sie wissen doch, daß Ahrenz heute ankommt?" „Heute? Ach richtig! Herr Stölzel hat es mir gestern mitgeteilt, aber ich hatte es wieder vergessen!" ,

„Das glaube ich Ihnen nicht! Sie wollen mir doch nicht weiß machen, daß Sie dies hübsche Kleid, das ich heute zum ersten Male an Ihnen sehe, ohne jede Wsichi ungezogen haben?"

Ich trug mein blaßblaues Kleid, daß ich nie anlegen konnte, ohne an einen gewissen Theaterabend in Dresden m denken, der unauflöslich mit der Erscheinung eines wunderschönen Kürassier-Osfiziers verbunden war. Es war ein leichter, dünner Stoff, der mir bei dieser Hitze hne wahre Wohltat erwies. —

„Richtig!" erwiderte ich, ohne nur meinen Unwillen merken zu lassen. „Ich habe nur dies blaue Kleid über­haupt nur angeschafft und in den Koffer gepackt, weil ich Herrn Doktor Ahrenz' Ankunft ahnte und ihm mit meiner Lrscheinung imponieren wollte!"

„Sieh, sich! Ordentlich eine kleine Anlage zum Sarkasmus! Liebes Kind, das verfängt liim bei mir gar nicht! Es scheint Ihnen übrigens nicht recht zu sein,

wenn ich Sie „Kind" neiine oder „Kleine" oder kiirzweg „Eva"! Ja, das hilft Ihnen aber nichts, ändern werde

ich mich darum doch nicht, die Bezeichnuiig „Fräulein" >st mir zu widerlich, und Sie können nicht verlangen, daß ich mir allerlei Schmeichelnamen für Sie ausdenke, wie Vernon es tut, der Sie immer mit Singvögeln der gleicht!"

„Ich verlange überhaupt gar nichts von Ihnen", n ich, nun eriistlich ärgerlich, „als daß Sie mich in Ruhe lassen! Ich lasse Sie sa ungehindert Ihres Weges gehen, - tun Sie doch dasselbe niit mir!"

„Hm!" nrachte Doktor Langenfeld: nachdenklich,

stützte den Arm auf das Knie und legte das Gesicht auf die geballte Faust. „Von 'Ihrem Standpunkt sind sie im Recht, das zu verlangen, denn Lie venneiden i i wirklich, wo und wie Sie können — und ich wurde Sw auch unbeachtet lassen, da solch kleine Mädchen üc ' nicht mein Geschmack sind, wenn ich nicht doch noch immer dächte, es ließe sich etwas ans Ihnen inacheii.

„Das geben Sie nur auf!" erwiderte ich trocken. ,,gi) wundere mich, daß Sie es nicht schon lange tatm Sw müßten viel zu klug und eine zu .cmte Menschenkennerm sein, um sich nicht zu sagen, daß ich nicht aus dem Holz geschnitten bin, aus dem man die weiblichen Doktoren

""^Dieser Vernon hat sie geradezu mit seinem Spiel behext, das ist das Ganze,; denn daß der Kunsttrieb sich in einem Geschöpf, wie Sie es stnd, Bahn bricht, davon glaube ich kein Iota. Run, ich habe pyn gestern auch eine Weile spielen hören, und ich, mutz gestehen, ich fand nichts Besonderes daran. Mir ist Musik nichts anderes als ein störendes Geräusch, das einem am Nachdenken und Arbeiten hindert. Apropos Vernon. Er muß wo) das sein, was die Welt einen bedeutenden Künstler nennt, obgleich ich mich nicht erinnern kann, jemals seinen Namen gehört zu haben. Aber sein Gesicht kam nur gleich be- .äunt vor, ich habe diese Physiognomie Mit den gleich­gültigen Äugen und dem, starken, niederhangetu en Schnurrbart in allen möglichen Schaufenstern, dre Be­rühmtheiten aufzuweisen hatten, ausstehen selben, "7 um denNomen, der darunter stand, habe ich nach natürlich nicht bekümmert, denn ich besuche me öin Konzert und halte den ganzen Kunstjubel für einen zeit- und geld- raubenden Liixus für die reichen Leute, die sonst nichts auf der Welt zu tun haben und nichts wissen, wonnt ste ihre Tage hinbringen sollen. — Sie werden sich alw wenn Doktor Wörter Sie von hier als geberlt entlaßt,

_Das er übrigens, nach meinem Dafürhalten, schon vor

vier Wochen hätte bin können — ganz unter Vernons

Protektion begeben?" _ .,

„Darüber ist noch nichts näheres bestimmt! wich

icki aus. ^ „ . ~.

So? Frau Bertram meinte es aber. Nun sagen Sw mir'aber in aller Welt, warum tut diese sonst leidlich der- nünftige Person so fürchterlich geheimnisvoll mst chrer — ich meine Sie, Eva, nicht die Bertram selbst! — Herkunft, — mit Ihren Eltern und so weiter? ^i tat ein paar harmlose Fragen, aber sie nahm es so, wichtig und wich so entsetzt vor mir zuruck, als wollte ich, daß sie mir das Vaterland verriete, — es fehlte ja nurnoch, daß sie das Kreuz vor mir schlug und ausrief: Weiche von mir, Satanas! — Sie werden jedenfalls mehr davon wissen, nur heraus mit derSprache — ich kann schweigen !

„Ich auch!" twar meine Antwort. „Erstens, weiß ich nichts näheres über meine Eltern, da die Personen welche mich darüber aiifklären könnten, konsequent schweigen, ohne Zweifel, aus wohlerwogenen Gründen und zweitens, wenn ich etwas wüßte, sagte ich es Ihnen doch nicht, weil ich keine Veranlassung habe, Ihnen mein Vertrauen zu schenken!" ^

„Redensarten! Was kann es da zu verbergen geben, da Ihre Eltern rechtlich getraut wareii? Eine Andeutung des Gegenteils brachte Frau Bertram in flamineudeu Zom! Wenn ich mein Dasein überdenke, da ist alles schlicht, glatt

und Gottlob vernünftig! Vater Arzt, Mutter si ch gestorben, — Geschwister nicht vorhanden, vatertich« verständige Erziehung, — eiskaltes Master, Zmmner im Wnter dsto ^ Tuinen. Schlittschuhlaufen Srmmew gyinnastik, — hinaus in Wind und Wetter, ? .

mäßige Ernährung, — Gymnastalbildung, — tuchttq lernen müssen, nichts von Handarbeit, Mistik' -vtalera und unnützem Dtädchcnkrlmskrams, — atuinum n Zürich — Brüssel — Petersburg ^Vatertot, — Exmnen in Zürich, — Doktordtplom — fertig I Das ist "i emec knaPpenMinnte mein ganzerLebeuslcruf, nichts hint Berg zu halteii, alles frei heraus!" ,

„Hatten Sie Ihren Vater schr ffeb? ..

„Er war ein achtbarer und vernünftiger Mensch, nn dem ich gut zurecht kam, wir respektierten um, gegen, festig und lebten wie Kameraden mit «nander. Lwb haben? Was Sie darunter versteheii, wird s nicht ge­wesen sein! Er und ich, wir verabscheuten alle Gefühls­duseleien — ich kann mich zum Beispiel nicht bsstnnen, daß wir einander jemals geküßt haben! Schade wm m daß er starb, ehe ich dm Doktortstel hatte, es Müdeihn gefreut haben, obgleich er es rm Voraus mst BeftiMmt heit annahm. Daß meine Mutter so früh starb, war su L ststoferu gut, als sie sich sicher in meine Erziehung gemischt und der durchaus einheitlichen W) hm 8 selben wahrscheinlich zum Schaden gereichi hatte. Da ^ sie gar nicht gekannt habe, so konnte ich ste natürlich n )

^EZh^edachte meiner Kinderzeit, meiner leidenschast. lichen Sehnsucht nach meiner Mutter, nach ElteniliÄe, meines brennenden Neides gegen die glucklichm Kmder, die beides genossen, meiner grerizeistoseii Herzenseinsam-

^Wäre mir besser gewesen, ich hätte gefühlt wie dies Mädchm, das kalüilütig erörterte, inwiefern der frühe Tod ihrer Mutter ihr genutzt hatte?' .Nem, tausendmal nein! Wo war in diesem kräftig entwickelten Körper die Seele die mit uns jammert und weint, mst uns zauchzt und jubelt, der grübelnden Verniinft zum Trotz, dre unser Leben vergoldet, über tausend Nichtigkeiten des Lebens ihren zarten, buntfarbigen Schleier deckt. ,

Wo war die Phantasie, die nur in meinen einsamen Träumereien die holdesten Bilder, vorgemalt, mich, aus Stunden über die trübe Wirklichkeit hinweggetaiiscyi hatte? Wo war das übermächtige Schönhestsgefühl, der unwiderstehliche Trieb zur Kunst, der mich üb«^ alle hemmenden Schranken binwegriß. mich auf starken Schwingen emportrug, wre zener Adler, der ,zur ^me aufstieg? Wo war das heimliche, unergründliche Gesicht der quellenden Lebensfreude, das mir dre Weltso schmr erscheinen, mich jeden Tag mst glücklicher Erwartung be-

^H^nnah' ttat zu uns. sie streichelte meine echitz^n Wangen und hieß mich die Arbmt bei eite legm r^ich gehorsam tat. Ich schmiegte mich an ihre kräftige Gestatt und ließ es gern geschehen, daß sie den Arm um mich legte und mich zärtlich küßte, — Gottlob, daß es Menschen gab. die mich liebten, die ich wieder lieben komstel — Doktor Langenfeldt beobachtete uns nnt einem spöttischen Lächeln, aber das focht uns wenig, an, — Arm m Arm entfernten wir uns und ließen die Gelehrte mit ihrem Buch in der Laube allein. —

(Fortsetzung folgt.) _

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