.- ■ ! Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. i, ^==a )
Nr. 218.
Samstag. 18. September.
1915.
(19. Fortsetz'-na.) $t*lCÖClS
Roman von Annh
Inspektor Luder befand sich im Zimmer der Gräfin Duckenbach, da saß sein Oberkörper groß und männlich breit auf einem Sticht, während die kurzen Dackelbeine sich vergebens bemühten, bis zum Fußboden zu reichen.
Die Gräfin hatte ihn zu sprechen gewünscht, sie mußte sich noch mal eingehend erkundigen, wie Gans in die Landwirtschaft sich einarbeitete.
„Ganz ausgezeichnet", war die Antwort gewesen.
Und nachdenklich sagte Inspektor Luder: „Wissen Sie, Frau Gräfin, ich hätte dem Herrn Grafen soviel Eifer und Fleiß gar nicht zugetraut. Wir haben doch im Laufe der Jahre schon viele Volontäre auf Buckonlbach gehabt, über so bei der Sache, wie der Herr Graf, war noch keiner. Erst hielt ich's sür Übereifer und Strohfeuer, doch jetzt glaube ich an das ernste Streben des Herrn Grafen. Und dabei vernachlässigt er auch seine Rennpferde nicht. Heute in aller Herrgottsfrühe plagte er sich schon damit ab, „Hexenkind" iiber den Wassergraben und die Steinmauer zu bringen."
„Nun, und gelang es ihm?" fragte die Gräfin.
„Solange ich zusah, nicht, doch er wird's sicher erzwungen Haben, eher steigt er doch nicht ab", antwortete Luder, „es ist eine Kunst, mit dem nervösen, bockigen Tier umzugehen."
„Ich wünschte, er verkaufte „Hexenkind" wieder", meinte die Gräfin, „das Pferd hat so etwas Bösartiges.
Ich hat ihn schon mehrmals darum, doch lachte er mich aus und nannte mich überängstlich."
„O, Frau Gräfin brauchen sich wirklich nicht zu sorgen. Gefährlich ist „.Hexenkind" nicht", sagte der Inspektor. Daß auch er bereits seinen jungen Herrn gebeten, das Pferd zu verkaufen, mußte er verschweigen, wozu die Angst der Mutter noch vergrößern. „Hexen- kind" war total verritten und halsstarrig. Auch Inspektor Lüder fürchtete, das Tier könnte seinem Besitzer gefährlich werden.
„Nein, wirklich, Frau Gräfin brauchen sich keine Gedanken zu machen", beruhigte er, im stillen aber nahm er sich vor, alles aufzubieten, um den Grafen zum Verkauf der Stute zu bewegen. Doch erhoffte er nicht viel.
Der junge Graf konnte genau so eigensinnig fein wie ,-Hepenkind".
„Jedenfalls ist es mir angenchm, zu hören, daß mein Sühn seine Gutstätigkeit ernst nimmt, um so mehr, da er doch bald wieder aussetzen muß. Ende Oktober ist ja schon die Hochzeit, und das junge Paar beabsichtigt, nach Ägypten zu reisen."
„So so", sagte der Inspektor. Und wenn er auch nicht ivagte, mit der Gräfin direkt darüber zu sprechen, so wußte er, wenn die Gräfin, auch bezwungen von der Schönheit der Schauspielerin, ihrem Sohne kein Hindernis in den Weg legte, diese Heirat war nicht ganz nach ihrem Geschmack. Die schmale Komtesse Sorhagen, die mit Pferden gleich einem alten Kavalleristen umzu- gchen verstand, wäre ihr lieber gewesen. Und ihm, offen gesagt, auch. Doch er hatte natürlich darüber keine Meinung zu äußern. Der leidenschaftliche Sports-
ClCbCt (Nachdruck verboten.)
von PanhuyS.
mann Hans Duckenbach brauchte eine Frau, die auch etwas von der Sache verstand, nicht so ein überzartes Nervenbündel, das erschreckt aufschrie, wenn ihr ein Pferd zu nahe kam-
Und das hatte die Schauspielerin getan. An dem Tage, ida der junge Graf sie seiner Mutter brachte. Verse und schöne Roden mochte ja das seidenraschelnde Geschöpschen sprechen können und einem das Herz im Leibe damit zu rühren verstehen, aber von Pferden hatte sie keine Ahnung, dachte geringschätzend der Inspektor.
Das dachte auch oft Hans Buckenbach. Nicht gerade geringschätzend, über Magdas kindliche Furcht vor Pferden und Hunden, über die er anfangs lächelte, ärgerte ihn jetzt zuweilen und oft trat dann Friedet Sorhagen vor. sein geistiges Auge. Er erinnerte sich der wilden Ritte, die sie durch Frankfurts Wald gemacht. Und bei der Fuchsjagd waren Friede! und er immer >die ersten gewesen. Er dachte oft mehr an den „Frosch", als er es eigentlich durste, war er doch der Verlobte der liebreizenden Magda Bergen. Mit welchem Feuereifer hatte Friedet an allem Anteil genommen, was ihn als Rennreiter anging.
Magda kümmerte sich wenig darum, sie fand es schick, damit erschöpfte sich ihr Wissen von: Nennsport. Mehrinals versuchte Hans ihre Aufmerksamkeit dafiir zu wecken, doch bald sah er ein. es war verlorene Liebesmüh- Das Wichtigste beim Rennen schienen ihr die vielen Menschen. Papa Bergen zeigte allerdings mehr Wissensdurst, aber die Hauptsache für ihn war es. gute Tips zu erführen, doch hatte er ein Geschick, was er in Erfahrung gebracht, falsch anzuwenden und nach wie vor verlor er bei jodem Rennen seine gewohnten zehn Mark.
Ach, die Familie Bergen gefiel ihm überhanvt wenig. Ohne die Zugabe von Eltern und Schwester hätte Magda entschieden gewonnen. Gott, es waren brave, anständige Menschen, aber bei Papa Bergen brach gar zu oft noch der einstige Portier durch: das störte .Hans sehr und in letzter Zeit hatte er Magda wenig besucht. Anfangs fiel ihm manches nicht so ans, er sah alles durch eine rosenfarbene Brille, aber bereits die kühlen Glückwünsche der Kameraden träufelten die ersten bitteren Tropfen in den Freudenbecher seines Glückes.
Ob er nicht vielleicht übereilt gehandelt chatte? Doch wenn Magdas weiches, süßes Gesicht zu ihm anssah. schwanden solche Godanken- Wenn ich erst immer mit ihr zusammen bin, werden wir sehr glücklich sein, tröstete sich Hans, die Familie Bergen werde ich mir schon vom Halse zu halten verstehen.
Mehrere Monate war er auf keiner Bahn mehr geritten. Für die Herbstrennen in Frankfurt aber hatte er sich .gemeldet. „Hexenkind" sollte ihm da den Steg verschaffen, und deshalb fanden ihn die ersten Sonnen- strahlen schon bei der Morgenarbeit.
Zuweilen ärgerte er sich tüchtig über „Hexenkind"» es war nicht leicht, dem Tier die Unarten abzugewöhnen»
