Sl. Jahrgang.
Erscheint in »wei Ausgaben. — Bezugs-Prei«: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch dl« Bost 9 Mk. SO Pia. vierteljährlich für beid«
Berlag: Langgaffe 27.
Id.ftOO Avonnenlen.
Anreigen°Pret»t
für auswärts 1 Mk.
Morgen-Ausgabe.
^ Wegen des K«tz- «nd Kettags erscheint
näch ste Ansgnde am Donner Stagnachmittag.
Kieme Garnisonen.
slgon unserem militärischen Mitarbeiter.)
Wohl selten ist ein Sterblicher so plötzlich zum.be- Mmten Schriftsteller geworden wie Leutnarll Brlse, desen Machwerk in den meisten Zeitungen der Welt erwähnt, besprochen und kritisiert wird. Mt allen nur Säten Mitteln der Reklame hätte selbst em Barnum die Lärmtrommel nicht ärger zu rühren gewußt, wre dies die Vorgesetzten durch die Verhaftung des jugendlichen Literaten, des aktiven Offiziers, zuwege brachten.
Der Roman des AugÄIagten und Verurteilten, „Au» »mer kleinen Garnison" getauft, richtet die Aufinerr- scmrkeit der großen Menge auf rinsere kleinen Garnisonen mrd manches absprechenüe oder auch zutreffende Urtell wird wohl längere Zeit über diese kleinen Standorte gefällt werden, die sämtlich sehr froh sind, Truppenteile m ihren Mauern zu bergm, welche Handel und Wandel mit sich bringen. Diese Städte und Städtchen, vielfach der ßch«cken des Öeutnants, man denke nur an den Reim: Schlimm das ist schlimm,
Samter ist schon verdammter,
Aber Rogasen ist rein zum Raseni
find meist besser wie ihr Ruf, die Eingeborenen fühlen sA darin wohl, amüsieren sich nach Herzenslust, und dre Offt- -iere könnten dort sehr viel mehr Vergnügen und Anregung haben, wenn sie, resp. ihre Vorgesetzten nur m o l'l ± e n ! AuLnahmM gebe ich gerne zu, in einem oder dem anderen „Rest" mag selbst bei den bescheidensten Ansprüchen nichts aufzustellen sein, in dein meisten kleinen, fetzt wegen ihrer Langeweile verrufenen Orwn aber ist fine Geselligkeit, eine Kasino und bildender Verkehr wbr
wohl zuwege zu bringen. ... . .
Unter ähnlichen Verhaltnifien wre heute rn den ffieichslanden bezogen 1866 preußisch? gruppen die Garnisonstädte der annektierten Staaten Hannover, Kurhessen und Nassau. Daß sie willkommene Gäste ge- Wesen wird niemand behaupten, der die damalige Zeit schon als denkender Mensch erlebte. Die Miniatnrrerüse verloren ihre spezifische Nationalität ebenso ungern lute 1871 die Elsaß-Lothringer, sie wollten ebenso wenig von oen Siegern etwas wissen wie diese. Erst der Kneg «egen Frankreich schaffte Wandel. Unter dem Eindruck der großen Siege wurden die heimkchrenden Truppen mit offenen Armen empfangen und in den meisten Garnisonen des alten deutschen Vaterlandes entwickelte sich ein harmonisches Verhältnis zwischen Soldat und Zivil.
Doch nicht überall hat sich unter Schwingen der patriotischen Begeisterung nach den großartigen Erfolgen ein dauernder geselliger Verkehr zwischen Zivil und Militär gebildet, in einer beträchüichen Anzahl von Städten steht auch heute noch die uniformierte Bevölkerung der im bürgerlichen Gewände kalt und fremd gegenüber. t .
Den Nachteil solcher markierten Standesunter, chiede tragen in erster Linie die Ossiziere, welche der geringen Anzahl und einseitigen Bildung wegen nickt verwegen, in chrem engen Kreise einen den Geist anregenden Verkehr zu schassen, was bloß der Umgang mit gebildeten Leuten der verschiedensten Berusskiassen zustande bringt.
Ter junge Offizier sehnt sich fast ausnahmslos nach Geselligkeit rmd nach anderer Unterhallung, als der Dienst und das Kasinoleben -mit den wenigen Kameraden ihm bieten, aber vielfach wird es ihm verdacht, wenn er die einmal in der Garnison übliche Exklusivität bricht, und mehr oder weniger deutliche Winke geben ihm sehr bald zu verstehen. daß man unzufrieden mit ihm ist.
Die Brutstätten solcher Exklusivitäten liegen im Osten der Monarchie, ws die Standesunterschiede iwch schärfer markiert werden wie hier zu Lande. Als gesellschaftsfähig im Offizierssinn gilt dort der Gutsbesitzer und höhere Beamte — wenn er ein Haus macht, alles übrrge steht unter Pari. Kasinos, auf gut Deutsch Ressourcen genannt, wo der bunte Rock sich mit dem schwarzen mischt, kommen iin Osten nur sehr spärlich vor und der gemeinsame Verkehr hängt in den kleinen Städten wohl mt ganzen Reicks meist an der Person des Vorgesetzten, der die Einsicht hatte, ihn einznrichten. Mcd dieser versetzt oder tritt er von der Schaubühne der soldatischen Welt zurück, so ist gewöhnlich der Nachfolger der Ansicht, daß — wie die beliebte Redensart heißt — mit Gevatter Schneider und HandschuhniaäMr nicht umzugehen sei! Das schöne harmonische Verhältnis hört plötzlich aus, einige Offiziere kultivieren iwch eine Zeitlang bürgerlichen Umgang, dann ziehen auch diese sich zurück und der junge Offizier mit seinem übervollen Herzen sieht sich dem einförmigen Dienst und dem Kneipleben gegenüber.
Daß sich solche Vorgesetzte wahrhaft an ihren jungen Kameraden versündigen, wenn sie denselben den geselligen bildenden Verkehr uirterbinden. dieses Gefühl kommt den meist verheirateten älteren Männern nicht. Sie sind in einer Garnison groß geworden, wo nur Landver kehr existierte, sie haben Familie und damit ihre Haus lichkeit sie also bedürfen keiner Anregung. Eine gehörige Portion E-goismus spielt auch dabei seine Rolle. Da so geartete Leute andere Stände kaum kennen oder sich gänzlich salsckw Vorstellungen von denselben machen, furchteil sie Zwistigkeiten zwischen ihreii Untergebenen und dem Zivil und damit die Verantwortung, welche ihnen daraus
erwachsen könnte. , .. .
Um aus den beliebten „Gevatter Schneider _ und Handschuhmacher" zurückzukommen, an den der junge
Offizier bei richtiger Anl-eitung sehr bald glaubt, so ist es interessant und lehrreich, die Genealogie solcher hochgestochenen Menschen» die diese Redensart mit Vorliebe brauchen, zu verfolgen. Meistenteils wird man finden, daß der -edle Handwerkerstand ihrer Familie durchaus nicht fernsteht und sie diese unangenehme Verwandtschaft durch Übechebung auszugleichen hoffen. Die Zeiten, wo vornehmlich der Adel für würdig erachtet wurde, die Offiziersstellen zu besetzen, sind längst vorüber, nur b-er wenigen Regimentern im Verhältnis zur ganzen Armee finden wir diese Tradition sestgehalten. Aus welchen Ständen ergänzt sich heute ein großer Teil des deutschen Offizierstandes? Die Söhne von Subalternbeamten, Lehrern, Geistliche, großen und oft sehr kleinen Kauf- leuten, Apothekern, Hans- und Gutsbesitzern usw. füllen die Reihen der Osfizierkorps und sind sehr geergmte Elemente, iwnn sie entsprechende Bildung und gute Ge- sinnung mitbringen.
Sic muß es einen jungen Offizier anmuten, dessen Vater eine Apotheke oder kaufmännisches Geschäft besitzt, wenn chm in seiner Stellung als Fahnenjunker oder Leutnant recht oft klar gemacht wird, daß man mit Leuten solcher Art nicht verkehren könne? Ist der junge Mann törichten Geistes, wird er es sehr bald selbst glauben und ein fanatischer Anhänger dieser Abschließungstheorie werden, hat er Verstand, schweigt er stille und sorgt spater in geeigneterStellung dafür, daß seinemNachwuchs andere Jideen beigebracht werden und seine jungen Offiziere mit gebildeten Menschen verkehren, auch wenn diese Nicht des Königs Rock tragen.
Ein Beispiel für viele:
Das Städtchen K. verlor seine Besatzung und erhielt erst nach langem Petitionieren die Zusage, wiederum durch ein Bataillon belegt zu werden. Die Bürger versprachen, um der neuen Garnison das Leben so angenchnt wie möglich zu machen, eine moderne Kaserne zu bauen, bequeme Schießstände cmzukegen, den Exerzierplatz zu per- großem usw. Der Tag des Einzugs des ersehnten Truppenteils kam herari, der Gemeinder-at, cm seiner Spitze der Bürgermeister, empfing am Tore der Stadt die Ankommenden mit herzlicher Anrede und lud das Offizierkorps zu einem festlichen Mahle. Der Bataillonskomm-andeur beantwortete die Begrüßung der Stadtvertretung damit, daß er mit weit vernehmbarer Stimme erklärte, er und sein Bataillon kämm nur sehr ungern nach K„ da es ihnen in der bisherigen Garnison vorzüglich ergangen sei. Tie Einladung zum feierlichen Empfangsessen lehnte er im Namen seiner Offiziere ab!
Die Folgen solcher Taktlosigkeit hatte der sich so- vor- nehm -dünkende Major nicht zu tragen, er ging 6alb seiner Wege Aber sein Offizierkorps, vornehmlich der lebens- lustige Teil desselben, genoß gründlich die Langeweile des klemm Ortes, in dem es vereinzelt d-astand. Vier F>ahre später wechselte der Truppenteil, die neu Zu- ziehenden, vernünftiger geleitet wie die Abgehendm,
Feuilleton.
Berliner Brief.
(Soit unserem Berliner Mitarbeiter.)
Bacchus kontra Gambrinus. - Kempinski und seine Schule. - Großstadt-Geselligkeit. — Ein duentlichcr Fü»,nhr-Tee. — Die neue Sezessions-Ausstellung. - Staatliche Kunstpslege. — G»„a.
Berlin ist im Begriff, einen bedeutsamen Schritt am der Staffel der Vornehmheit zu tun. Die Zeit, da dre großen Bierpaläste den Charakter der jungen Weltstadt bestimmten, ist vorüber. In den letzten Jahren ist kern finziges neues Bierrestaurant großen Stiles erbaut worden, wie sie in den 8üer Jahren namentlich von den großen Brauereien eingerichtet wurden und damals als Muster von Pracht und Eleganz galten. Heute scheint es fast, als sei Gambrinus abgesetzt, und als solle das Reich des Bacchus beginnen: ein neues elegantes Weui- restaurant nach dem andern tut seine Pforten auf, und zur Stunde des Thcaterschlusses mutz man sich sehr beeilen, wenn man noch ein Plätzchen erhaschen wtll. Das Problem, dem Wein in Berlin Eingang neben dem Bier zu verschaffen, das man lange vergeblich durch Ausschank billiger Weine in kleinen Gemäßen zu lösen versucht hatte, scheint nunmehr mdgültig erledigt zu sein. Es ist sehr charakteristisch, auf welchem Wege diese Lösung erfolgt ist. Die schwache Seite des Müncheners ist das billige Bier, die schwache Seite des Berliners aber das billige Essen. Nicht um Wein zu trinken sucht der Berliner das moderne Weinrestaurant auf, sondern weil man dort für billiges Geld sehr gut itzt. Kempinski in der Leipziger Straße war der erste, der aus dieser Erwägung die praktischen Folgerungen zog. An Stelle der robusten Gerichte, wie sie die Speisekarte des Bierrestaurants aufwies, setzte er die feinere Küche mit allerlei pikanten Aitaten. Saucen, Mixed Pickles, Pasteten, Ragouts, Vol-an- Bents usw. und ließ von diesen verlockend betitelten Gerichten halbe Portionen für den erstaunlich niedrigen Kreis von 75 Pfennig servieren. Dazu führte er einige
billige Weine, vor allem einen wohlfeilen deutschen Sekt ein und zählte darauf, daß die Menge der Gäste den Verdienst bringen würde. Er täuschte sich nicht und bald mutzte er feine Räume bedeutend erweitern und hatte doch allabendlich und auch allmittaglich ein volles Haus. Dann kam der Kaiser-Keller in der Friedrichstraße hinzu, der nach dem gleichen Grundsatz eingerichtet wurde und noch außerdem in seiner originellen Ausstattung «neu Anziehungspunkt hatte. Auch dieses Lokal war täglich das Ziel zahlreicher Neugieriger, zumal ber Fremden, für die cs schnell den Charakter einer Sehenswürdigkeit annahm. Einige Zeit später bekam Kempinski eine weitere Konkurrenz in einem neuen Weinrestaurant, dessen Besitzer mit dem suggestiven Namen Traube sich schräg gegenüber in der Leipziger Straße niederfieß. Die Eröffnung fand vor einigen Jahren gerade am Bußtag (!) statt, und der Andrang der Büßenden war damals so stark, daß bas Lokal mehrmals polizeilich geschlossen werden mußte. Auch die Potsdamer Straße erhielt bald ihr modernes Weinrestaurant und ein zweites anscheinend im allergrößten Stile gehaltenes wird in derselben Gegend binnen kurzem in einem Prachtpalaste eröffnet werben- Als neue Spezialität sind dann seit kurzem zwei große italienische Weinrestaurants dazu gekommen, in denen als weiteres Anziehnngsmittel neben den billigen und feinen Speisen und der eleganten Ausstattung noch eine italienische Kapelle dient, die bis gegen 11 Uhr abends konzertiert — eine Sitte, die jetzt auch in vielen großen Cafäs eingesührt ist. Der Berliner verlangt nun einmal, daß er von anderen unterhalten wird. Er ist teils zu blasiert, teils aber auch durch das Räderwerk der großstädtischen Arbeit am Abend zu sehr zerrieben, um noch die Spannkraft zu haben, ans sich selbst heraus sich Unterhaltung zu schaffen. Diese prachtstrvtzenden, Abend für Abend von einem geputzten Publikum -gefüllten modernen Berliner Restaurants sind nur in sehr beschranktem Umfange als ein erfreulicher Fortschritt zu bezeichnen. Die stnd es insofern, als die Verfeinerung der Bedürfnisse immer einen Fortschritt bedeutet; es ist ein gutes Zeichen für die Kultur eines Menschen, wenn er sich nicht wehr tn einem
bierdunstigen, verräucherten Lokal mit schmutzigem Fußboden und unsauberen, ungedeckten Holztischen wohl fühlt. Aber die Uberfüllung der öffentlichen Lokale bezeugt doch auch — ganz abgesehen von der Zunahme der Genußsucht — eine bedauerliche Abnahme des häuslichen Sinnes. Es ist kein Zufall, daß in England die Einrichtung von Restaurants in unserem Sinne eigentlich so gut wie unbekannt ist. Das englische Ideal ist das Haus, das Leben in der Familie. Für den Engländer ist es unfaßlich, wie ein Familienvater am Abend mit Frau und Kindern sich in ein öffentliches Lokal begeben kann. Sem Individualismus begreift es nicht, wie man sich unter lauter fremden Menschen wohl fühlen kann. Und das ist ein durchaus gesunder und im Grunde auch ein germam. scher Charakterzug. Das Restaurant sollten wir nicht anders betrachten, denn als ein notwendiges Übel, bestimmt für die Unglücklichen, die kein eigenes Heim haben. Wer aber ein solches besitzt, der müßte doch eigentlich kerne Wahl haben, wo er den Abend nach einem Theater- oder
Konzert-Besuch zubringen sollte! _
Der vielbesprochene„Offentliche Funfuhr-Tec' ist schon wieder aus dem Gesellschaftsleben verschwunden. Wer das Berliner Leben nur einigermaßen kennt, mutzte Voraussagen, daß die neue Einrichtung unmöglich lebens» fähig sein konnte. Wäre ein Bedürfnis nach einem ge- festigen Mittelpunkt der verschiedenen Gesellschaftskreise vorhanden, so wäre längst die einzig mögliche Befrre. digung dieses Bedürfnisses gefunden: die Einrichtung eines großen Salons, aber auf privatem Boden. Awer die Zeiten der Rahel sind wohl für immer vorbei. Bor- aussetzung für einen derartigen schöngeistigen Salon sind Zeiten, in denen keine großen politischen oder Wirtschaft- lichen Fragen die Geister beschäftigen, und eine Stadt mittleren Umfanges, wie sie das Berlin Rahels darstellte. Es gibt noch mehr Gründe, warum sich in dem modernen Berlin kein eigentliches Gesellschaftsleben entwickeln konnte, aber es würde zu weit führen, sie hier zu erörtern. Keinesfalls aber läßt sich bei dieser historisch entstandenen Lage der Dinge nun plötzlich eine lebensfähige gesellschaftliche Zentralstätte von der Art dieser Tout-le-monde*
