L Beilage Min Wiesbadener Tagblatt.
81. Jahrgang. 1903.
Die grctzen Dinge in einem Volke gejchehen gewöhnlich ^ durch die Minderheit. E.Renan.
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(53. Fortsetzung.)
Eva Leoni.
Roman von Marie Bernhard.
Damit machte mir Vernon eine seiner schönen, vornehmen Verbeugungen und ging auf sein Zimmer, von wo ich gleich darauf eine herrliche freie Phantasie herabbrausen hörte, so daß ich unten an meinem geöffneten Fenster mit verhaltenem Atem lauschte. Hannah kam mir nach und als nach einer halben Stunde das Sptel verstummte, machte sie ihrem Ergötzen über deir neuen Gast so munter Luft, daß ich am Ende einstimmte, herzlich mit ihr lachte, und mir, da auch Hannah mich etfng dam beredete, wirklich vornahm, fortan bessere Wehr und Waffen zu führen, um nicht bei künftigen Wortgefechten allezeit den Kürzeren zu ziehen.
Als ich nach längerer Mittagsruhe tind genossenem Kaffee mit meiner Arbeit allein auf der Terrasse saß, trat das gelehrte Weibsbild", wie Herr Stölzel in seiner Eekränktheit den neuen Gast titulierte, zu meiner geringen Erbauung aus der Haustür, zog einen Stuhl an meine Seite und setzte sich ohne weiteres neben mich.
„Ich kann nämlich noch nichts rechtes arbeiten, weil meine Instrumente noch unterwegs firtb, —_ ich hoffe, morgen, spätestens übermorgen werde ich sie hier haben. _ Was nähen Sie denn da?"
„Einen Brautschleier!" sagte ich kurz.
„Unsinn!"
: • „Was soll Unsinn sein? Der Brautschleier an sich oder meine Näherei?"
„Beides natürlich! Sie verderben sich mit dieser wahnwitzig feinen Stickerei die Ailgen, und die Person, die sich trauen lassen will, käme auch ohne ben Firlefanz damit zustande, wenn sie einfach in ihrem Hauskleide zum Standesbeamten ginge und sich einschreiben ließe!"
Ich mußte lächeln, wenn ich mir meine elegante, prachtliebende Susi im Hauskleide vor dem Standesbeamten vorstellte.
„Ich wenigstens gedenke es so zu tun!" fuhr die dpreclierin fort.
„Sie?"-Ich starrte sie mit einem, wie mir
leider zu spät einsiel, unartigen Erstaunen an, als habe sie etwas Undenkbares geäußert.
„Ja, ich! Nun, sind Sie verwundert, daß ich heiraten werde? — Freilich fasse ich die ganze Geschichte anders auf, als die jungen Mädchen von heutzutage. Nichts von Mondschein und Nachtigallen und himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, nichts von einigen Treuschwüren, Herz und Hütte und ähnlichen Redensarten, — denn das sind nichts weiter als Redensarten, dahinter kommt man bald, wenn man sich die modernen Ehen ansieht! Mein Bräutigam — übrigens ein absurdes Wort! — ist ein Kollege von mir, wir haben mitsamt in Zürich Kolleg gehört und manches gemeinsam studiert; da fanden wir denn beide heraus, daß wir gut zu einander passen, daß wir gleiche Ziele anstreben und gemeinsam in uriserm Beruf in dieser Welt, vorurteilsvoll und beschränkt wie
sie jetzt noch ist, besser wirken können, als jeder für sich allein. So haben wir beschlossen, zusammen zu bleiben, — ich habe ihm bereits geschrieben, daß er hrer heraus kommen soll, da es sich wirklich hier ungestört arbeuen läßt, und er, ebenso wie ich,^ noch verschiedene Aufsätze in medizinischen Blättern veröffentlichen will!" ^
Ich war nicht erbaut von der Aussicht em zweites Exemplar, diesem ähnlich, zum Hausgenossen zu be- konmren und es tat nichts dazu, daß es diesmal em wirtlicher männlicher Doktor sein sollte.
„Aber, — wenn Sie verlobt sind, — brachte ich endlich stockend heraus, „waruni tragen Sie dann keinen
Ring?" .. t .
„Weil alles das unnützes, dumnies Zeug stt und mir Geld kostet, das man besser verwenden kann! Für den Standesbeamten müsien freilich Ringe da sein, die dumme Einrichtung ist iücht zu umgehen, — aber wenigstens werde ich Sorge dafür tragen, daß es spottbillige Dinger sind, — am liebsten borgte ich sie mir für die Zeremonie! Ich bitte Sie, was ist ein Ring, was hat er für einen Zweck? Ein Symbol! sagen die Leute, — endlos, wie der Ring, soll auch die Liebe sein, — und Ringe smd-?, die eine Kette bilden, — und so inetter. Run, darubei wären Ahrenz und ich. — Mwenz heißt mem Kollege — zum Glück hinaus. Das ist sur Kinder und Narren, die sich selbst betrügen: wir halten die Augen offen und sehen, was iins aneinander bindet: gleiche geistige Interessen
und ähnliche LebenSanschamiNg,
Punktum! In
manchen Stücken ist ja leider Ahrenz, weil er em Mann ist, ungeheuer unvernünftig, er hat allerlei schwachen, denen er leicht unterliegt, zum Beispiel eine große Bor- liebe für hübsche Mädchen. Ich bin fest überzeiigt, er wird sich für die erste Zeit feines Hierseins sterblich in Sw verlieben — aber schließlich ist er klug genug, um stich seinen Vorteil klar zu machen und nicht um schöner Augen und eines blonden Lockenkopfes willen m sein Verderben zu reiinen! Was haben Sie nun schon wieder rot zii werden? Wenn das nicht geschmeichelte Eitelkeit bei Ihnen ist, — was ist es sonst?" n
„Ärger ist es!" sagte ich, wirklich empört über diese Art "und Weise. „Man hat mich noch nie so behmrdelt, man hat noch nie so zu mir gesprochen, wie Sie es tun, — ich finde Ihr Wesen rücksichtslos und verletzend, und da es sich nicht annchmen läßt, daß Sie es ändern werden so mutz ich Sie bitten, mich künftig mir selbst zu über lassen und Ihre Ansichten für sich zu behalten, zumal, wenn dieselben mich betreffen, — wie ich es Ihnen gegen über gleichfalls tun will!"
Ich hoffte, mein Quälgeist würde aufstehen, nur einen verachtungsvollen Blick zuwerfen und davon gehen, um mich fortan wie Lrift zu behandeln, aber nichts von den, allen geschah. Or. mell. Langenfeldt setzte sich begiiem in ihrem Stiihl zurecht, streckte die Füße weit von sich, vergrub die Hände in denSeitmtaschen ihres nachHerren- nranier verfertigten Oberkleides und sah mich mir dreisten, musternden Blicken von Kopf bw Fuß an, wie eine für Geld ausgestellte Kuriosität.
„Wenn Sie mich besser kennten, würden Sie sich diese temperamentvolle Antwort. die mich übrigens nicht im geringsten beleidigt, gespart haben, Eva Leoni! Sie müssen wissen, daß nichts in der Welt mich zurück schrecken kann, mich einer Persönlichkeit oder Sache zu widmen, für die ich einmal Interesse gefaßt habe. Und für Sie habe ich Interesse, — denn Sie sind jnng„ sind
entschieden intelligent, — aus Ihnen ist noch etwas zu machen, wenn man sich die Mühe nicht verdrießen lasst und sich gar nicht d'rum bekümmert, daß Sie sich mit Händen und Füßen wehren!" „ ....
Ich sprang bei dieser unerwarteten Eröffnung ganz entsetzt von meinem Stuhle auf und rief: „Um Gotteswillen! Was haben Sic denn mit mir vor?" .
„Ach, seien Sie doch nicht albern!" rwf meine Peinigeriri stirnrunzelnd und drückte mich kräftig nieder „Sie machen ja Augen, als ob ich Sie ermorden wollte. —- Ist es nicht schade, wenn die Natur ein junges, ge- nndes Geschöpf mit mancherlei Gaben ausrüstet, und das verkommt und verkümmert nun elend bei unserer sogenannten heutigen Mädchenbildung, die mit das erbärmlichste ist, was unsere Zeit produziert hat, — und das will ctivas heißeii! So wie Sie da sind, stellen Sie w weiter nichts im Leben vor als eine reizende, große Puppe, die essen, trinken, schlafen, reden, lachen und sich bewegen kann, höchstens iioch Brautschleier sticken um ähnlichen Unsinn. Das ist entschieden nicht die Absicht der Natur, die Sie geschaffen hat, das ist ein Leben, zede^ denkenden Geschöpfes unwürdig, — das heißt, .lerne Pflichten gegen Welt und Mitmenschen vernachlässigen, das heißt Gaben mutwillig verschleudern, die andere,i zum Heil gereichen könnten, .... und so etwas kann ich nicht mit ansehen, ohne energische Abhilfe zu ver- suchen! - Sie haben natürlich in Ihrem Leben noch me etwas von einem Manne gehört, der, Darwin,heißt?
O ja!" erwiderte ich, unwillkürlich von einem leichten Schauder überlaufen, eingedenk der Stunden, die ich auf meinem Zimmer in Dresden mit dieser nur Jo, schwer faßlichen Lektüre verbracht und der, langen, erklärenden Auseinandersetzungen, welche meine Großmutter nur darüber hatte zuteil werden lassen. „Ich weiß mehr von ihm, als mir lieb ist und als ich habe _ überwältigen können, ich war gezwungen, „die Abstammung de» Menschen" von ihm zu lesen!"
.Gezwungen! Sie sollten dankbar dafür sein! Ärmlich sind Sie hoch sehr jung, und Ihre Vorbildung durfte 'Sie auch nicht befähigt haben, dies eminente Buch zu ver-
^ ,^Jch bin in Devey im Pensionat der Madame Belle- mont zwei Jahre hindurch erzogen worden."
Fürchterlich' Diese Mädchcnpenstonate sind wahre Brutstätten der krassen Unwissenheit, im besseren Falle der traurigsten Halbbildung, die sich nnt allem befaßt, nur nicht mit dem, was wirklich zur Schulung des Geistes not (nt — Nun, sehen Sie, Darwin ist es. der den „Ausspruch tat, daß das, was im Leben nicht wahrhaft nützlich
sei, keine Eristenzberechtigung habe,-vrid wenn mm
ic ein Wort einleuchten mußte, so war es dies! Nützlich sein das ist der Zweck des Daseins: alles andere: Liebe, Glück. Ruhm. Ehre und wie die bekannten Schlagworter sonst noch heißen mögen, sind taube Nüsse, Hirngesptnnste müßiger Menschen, die nichts Vernünftiges auf der Welt ru vollführen haben. Ich für meine Person ziehe dre strengsten Konseauenzen dieses Ausspruchs, ich sage nur beständig: was nicht nützt, das fördert auch nicht — und wo ich Kräfte vergeiidet. Gaben brach liegen sehe, da halte ich es für meine Pflicht, nicht nachzulassen, Nicht zu i-i,hen und zii rasten, bis ich solche Individuen der em- ziaen menschenwürdigen Aufgabe zugefuhrt habe, di« es
gibt: nützlich sein!" -
(Fortsetzung folgt.) __
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