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Erschek» tn Mei Ausgabe». — »««gs-Prei»;

durch den Verlag La Pfg. monatlich, durch die P-tz » Mk. 60 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

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537. Berlags-Fernsprecher No. 2958.

Dienstag» den 17. Uovrmder.

Rcdaktionö.Fernfprecher No. 52.

1803.

Worgcn«flusgabe.

Deutsch-englische Beziehungen.

(Von unserem Korrespondenten.) T - n. London. 14. November.

Wer die Zeichen der Zeit zu lesen versteht, kann nicht verkennen, daß sich die deutsch-englischen Beziehungen neuerdings gebessert haben. Es wurde das durch keine ostensible offizielle.Kundgebung wie einen königlichen Besuch in Berlin herbergeführt, denn gerade auf Liefern Gebiete bleibt man noch immer mit rührender Konsequenz unser Schuldner, und so entging die Wandlung hier auch dm meisten. Adr. Chambertain hetzt bei seiner Schutz­zollagitation schon seit einiger Zeit nicht mehr gegen Deutschland, und spricht nur noch von amerikanischen Taschenichren, Schuhen und dergleichen, durch deren Massenernfuhr die -englische Industrie zugrunde gerichtet wird. Wer das ist namentlich den tollwütigen Jingos und der gelben Presse bisher entgangen, welch letztere indes hier, wie z. B. der wunderbare und so schrecklich g-eist- und witzreiche „Globe", vielfach aus schmutzig rosa Papier gedruckt wird. Ter „Globe" paßt eben nicht ordentlich auf, oder er kann infolge seiner patriotischen Raserei und Hetzerei nicht mehr ordentlich sehen und hören. Als die Kunde von dem Ausstand der Hotten­totten in Deutsch-Westafrika eintraf, da jubelte die gelbe Presse. Eine von ihr für Wahrheit ge­nommene Zeitungsente, dergemäß deutscherseits bei Eng­land, beziehungsweise der Kapkolonie um Beistand gegen die Hottentotten angeklop-ft worden sein sollte, ver­schlang sie mit wilder Gier und bezeichnete das Ansinnen als eine Unverschämtheit. Als sich daun h-erausstellte, daß in Wirklichkeit nur von englischer Seite Beistand an- geboten, aber dankend abgelehnt worden war, wußte die Imgopresse nicht recht, was sie sagen sollte. In ihrer Verlegenheit kam ihr eine Drahtmeldung ans Johannes­burg recht gelegen, in der es hieß, man wäre dort über das Borgehen des Oberst Warren, den Deutschen tausend von ihm anzuwerbende Söldner zu offerieren, im höchsten Grade entrüstet, und Briten wie Eingeborene (!) frügen erstaunt, weshalb Engländer die Schlachten der Deutscheil gegen Leute kämpfen sollten, mit denen sie keinen Streit haben. Aber schließlich telegraphierte man gar ans Kap- stadt die Beschreibung einer bemerkenswerten Szene am Mittwoch, die in einer Parade der beiden feinsten dortigen Freiwilligen - Korps, dem Peninsula-Regiment und der Old Town Guard, bestand. Itr.ier ungeheurem Enthusiasmus beschloß man bei dieser Gelegenheit, den Deutschen den Beistand der beiden Regimenter gegen die

Hottentotten angubietem Verschiedene kleine Liebens­würdigkeiten, die von einer oder der anderen hervor­ragenden Persönlichkeiten Deutschland neuerdings er­wiesen wurden, wie z. B. der teilnahmsvolle Hinweis aus die Erkrankung des deutschen Kaisers, den der Lord Oberrichter gelegentlich seiner Rede bei dem Amtsantritt des neuen Lord-Majors tat, machen es den Hetzern jetzt klar, daß, um populär zu bleiben, beziehungsweise um keine Abnah-me ihrer Auslagen zu veranlassen, sie einen anderen Ton anzuschlagen. haben werden. Der „Globe" kann das indes offenbar nicht ohne weiteres tun, denn er bleibt dabei, daß all dem Blutvergießen in Makedonien nur darum bisher kein Ende -bereitet werden konnte, weil Deutschland für seine Zustimmung zum energischen Vor­gehen Rußlands und Österreichs einen Preis forderte, der bisher als zu hoch betrachtet wurde. Wie er be­hauptet, hat es ihn jedoch inzwischeir erhalten, und daher käme auch die vermehrte Energie, die jene beiden Mächte seit etwa einer Woche dem Sultan gegenüber entwickelten. Mit Deutschland zugleich soll auch Italien bezahlt worden sein, doch womit, erzählt uns das wunderbare rosa Blätt­chen leider nicht. Es bemerkt über diesen Punkt nur prophetisch schleierhaft: „Wenn die geheime Geschichte der letzten Monate einst zur Kenntnis der Welt gelangt, wird jener kleine Handel wahrscheinlich nicht geringes Er­staunen erregen." Es ist aber immerhin schon eine be­friedigende Tatsache, daß der „Globe" nur einen weiteren Grund für seine Hetzereien gegen Deutschland als -beseitigt erklärt. Auf diese Weise steuert er eben allmählich mit in den neuen Kurs hinein, und möglicher Weise tut er klug daran, denn einige seiner ständigen Leser wären vielleicht doch intelligent genug, plötzliches Umsatteln verdächtig zu finden.

Nolittsche Öbcrltdjt.

Den Einfluß der letzten Krisis

auf den Arbeitsmarkt im Handelsgewerbe bespricht im Augustheft von „Conrads Jahrbüchern für National­ökonomie" Wilhelm Schock, der Vorsteher des d-eutschnationalen Handlungsgehülf-en-Verbandes (Ham­burg). An der Hand einer ausführlichen Statistik aller kaufmännischen Vereine Deutschlands, die sich mit der Vermittlung von Stellen beschäftigen, gelangt er zu folgenden Verhällniszahlen von Angebot und Nachfrage. Es kamen:

1900 auf 100 offene Stellen 120,8 Bewerber

1901 „ 100 „ „ 165,6

1902 „ 100 „ „ 164,1

Das Ergebnis zeigt eine in die Augen fallende Ähnlichkeit mit den Feststellungen des Verbandes deutscher

Arbeitsnachweise für den Arbeitsmarkt der Handarbeiter, die das folgende Bild zeigen. Es kamen im Durch­schnitt des Jahres

1900 auf 100 Angebote 129,7 Arbeitsuchende

1901 „ 100 „ 166 ’ „

1902 „ 100 „ 177,3

Die größere Spannung zwischen dm beiderseitigen Zahlen des Jahres 1902 ergibt sich aus einem während dieses Jahres eingetretenen Verlust an Bewerbern bei dm kaufmännischen Vereinen, für dm es angesichts der vorhandenen statistischen Unterlagen keine andere Er­klärung gibt, als daß infolge -der Krisis rund 10 000 Handlungsgehülfen nicht nur aus ihren Stellungm, son­dern auch, wenigstens vorläufig, aus ihrem Berufe ge­drängt worden sind, indem sie anderweitig Beschäftigung gesucht und gefunden haben. Insgesamt wurden bei den kaufmännischen Vereinen im Jahre 1901 nahezu 10 000 offene Stellen weniger angemeldet als im Jahre vorher. Auch das Jahr 1902 brachte keine Besserung, sondern eine weitere Verminderung von 2000 Stellm. Die Feststellungen lassen die einschneidende Wirkung -der Krisis auf dem Arbeitsmarkt im Handelsgewerbe dmtlich erkennen, aber -auch denNutzm derStellenlofenversicherung des genannten Verbandes, der monatlich 4—5000 Mark Renten an Stellenlose bezahlt.

Deutsches Deich.

* Hof» und Personal-Nachrichten. Der Staatssekretär bei ReichLmartnc-Amtes, v. T i r p i tz, ist, dem „33. L.-A." zufolge, vom Kaiser zum Admiral befördert worden.

* Gegen Wafferstratzen-Abgabcn. Die Handels­kammer in Mainz hat, der „Franks. Ztg." zufolge, fol­gende Erklärung angenommen: „Nach immer be­stimmter auftretenden Zeitungsnachrichten sollen in den Kreisen zuständiger Reichsämter oder preußischer Ministe, rien Bestrebungen vorhanden sein, die dahin gehen, auf den natürlichen Wasserstraßen, insbesondere auch auf dem Rhein, unter Abänderung internationaler und ver­fassungsrechtlicher Bestimmungen Abgaben einzuführen. Die Handelskammer Mainz fühlt sich veranlaßt, gegen diese Bestrebungen auf das entschiedenste Stellung zn nehmen und gegen die Verwirklichung derselben nach­drücklich Verwahrung einzulegen. Die wirtschaftlich« Entwickelung des Rheinstromgebiets, sein Wirken und Gedeihen und damit die Wohlfahrt und Macht des Deut­schen Reiches ist fundamental mitbegründet auf die Ab­gabefreiheit des Nheinstromes. Durch einen zahrzehnte- lang mit Kraft und Zähigkeit -geführten Kampf, der von Anfang bis über die Mitte des vorigen Jahrhunderts dauerte, ist die Abgabefreiheit des Rheines erstritten und damit der gewaltigen, seit jener Zeit dauernden rvirt»

Feuilleton.

pariser Brief.

Eine „Volksbühne". — Die degenerierte Ansichtskarte. — Jahr­marktfest -es Montmartre. — Seine gefährliche» Gäste. — Seine berühmten Frennbe.

Paris, 13. November.

Die Frage -des Volkstheaters steht wieder eimnal auf der Tagesordnung und die hauptstädtische Presse predigt mit Eifer die Notwendigkeit einer volkstümlichen Bühne mit gediegenem Spielplan und billigen Preisen. Auch der Berichterstatter für das Budget der Schönen Künste hielt es für seine Pflicht, in seinem umfangreichen, an die Kammer erstatteten Rapport die Angelegenheit zu be­handeln und den Wunsch auszudrücken, daß eine Ein­richtung dieser Art möglichst bald ins Leben gerufen wer­den möge. Eine Anzahl von Theaterdirektoren habt» Pläne ausgearbeitet und erklären sich bereit, das Unter­nehmen in Szene zu setzen, falls ihnen der Staat eine Subvention gewährt. Der Punkt der Subvention scheint daran schuld zu sein, das das seit langer Zeit beabsichtigte Volkstheater noch immer keine Verwirklichung gefunden hat. Mehrere Privatunternehmungen, die ans die Bei­hülfe des Staates verzichten zu können glaubten, haben kläglich Dch-iffbruch erlitten. Alle diejenigen aber, welche sich bisher für den Gedanken einer Volksbühne ins Zeug legten, führten einstimmig als Grund ihrer Bestrebungen an, daß eS höchste Zeit sei, „dar moralische Niveau des Volkes zu erhöhen".

Dieses Niveau scheint allerdings, nach gewissen An­zeichen zu schließen, in letzter Zeit bedenklich gefunken zu sein. Eines dieser Anzeichen, welches dem in Paris an- kommenden und die Straßen durchwandernden Fremden sofort und auf Schritt und Tritt auffällt, besteht in der unglaublichen Zügellosigkeit -der illustrierten, sogenannten Witzblätter. Gegen die Schamlosigkeit dieses Literatur­zweiges führt der bekannte Senator Bsringer seit langen Jahren einen erbitterten Feldzug, aber -die Resultate die­ses Krieges lassen sich leider nur dahin zusammenfaflen, daß die Bilder noch kecker geworden sind, und daß der wackere Senator, der mit kleinen Mitteln große Schäden .heilen zu können meint, die Zielscheibe -des Spottes eines

großen Teils der frivolen Bevölkerung bildet. Bon Zeit zu Zeit unternimmt die Polizei, angcstachelt durch den unermüdlichen Bsringer, einen Streifzug gegen die Schaufenster und Auslagen der Zeitungsverkäufer, kon­fisziert unendliche Ballen von illustrierten Blättern und Postkarten — und nach einigen Tagen bemerkt der un­glückliche Senator, wenn er seinen Zensorgang durch Paris macht, daß die beanstandeten Unflätigkeiten wieder aus der Versenkung emporgetaucht sind-. Mit Entsetzen wird er gewahr, daß namentlich -die Unsanberkeit der illustrierten Postkarten von Tag zu Tag zunimmt. Wenn Bckringer in seinem Kampfe gegen die pornographischen Erzeugnisse in Wort und Bild vielleicht — besonders wenn man sich auf den Standpunkt der Pariser stellt, welche in dieser Hinsicht anders und freier denken als wir Deutsche — hier und da etwas zu wett gegangen ist, so muß man ihm dagegen recht geben, wenn er die Bahn, die die hiesige Ansichtskarten-Jndustrie eingeschlagen hat, für eine durchaus verkehrte, verfehlte und schädliche hält. Anfangs sträubte sich Frankreich gegen den in Deutschland ausgeblühten Sport der Ansichtskarten, dann bemächtigte es sich der neuen Mode mit Leidenschaft, und es schien fast, als wollten die Franzosen in der Herstellung wirklich künstlerischer Karten den Deutschen den Rang ablanfen. Neuerdings aber macht sich in den in Paris in den Verkehr gebrachten illustrierten Karten eine so bodenlose Geschmacklosigkeit breit, daß man getrost sagen darf, daß diese immerhin nicht unwichtige Industrie im Begriffe ist, sich durch ihre eigenen Fehler und Auswüchse zu ruinieren. Namentlich die politisch-satirischen Bilder leisten Ungewöhnliches an Unvernunft und Witzlosigkeit. Weist man einen Pariser gesprächsweise auf die Exzesse der hauptstädtischen Postkarten hin, so meint er lächelnd, daß die Schuld hauptsächlich jenseits der Vogesen zu suchen sei, da das Nachbarland sein Frankreich mit diesen Ar­tikeln geradezu überschwemme. Es will uns fast scheinen, als habe der interpellierte Pariser nicht ganz unrecht, wenn er die Verantwortlichkeit für gewisse Postkarten ans eine Nachbarnation ablenken will.

Wenn es nach dem einstimmigen Ausspruch »er Mora­listen, seien sie Journalisten oder Parlamentsberichter­statter oder — Theaterdirektoren, die höchste Zeit ist, eine Erhöhung des moralischen Niveaus der Bevölkerung vor­zunehmen. dann haben sie gerade jetzt die schönste Ge­

legenheit dazu. Augenblicklich spielt sich, wie alljährlich, das Jahrmarktsfest des Montmartre auf den äußeren Boulevards von der Place de la Chapelle bis zur Place Clichy in einer Ausdehnung von mehr als einem Kilo­meter ab. Man braucht weder ein gestrenger Sitten­prediger rt In B6ringer, noch ein griesgrämiger Men­schenfeind wie Tinion zu sein, um zu finden, daß diese Pariser Volksbelustigungen, die das ganze Jahr hindurch, aber in verschiedenen Stadtteilen der Reihe nach stattftn- den, allmählich etwas ausarten und an Schmackhaftigkeit verlieren. Für einen langen Monat werden große Strecken der genannten Boulevards, die sonst den Spaziergängen der erholungsbedürftigen Menge dienen, ausschließlich den Veranstaltungen der arti8t«8 forains überantwortet, den Jahrmarktskünstlern, welche in ihren Buden der Bevölkerung eine immer ungesunder wer­dende Nahrung an Monstrositäten aller Art darbteten. Neben harmlosen Verkaufsbuden, die zweifelhaftes Back­werk abzusetzen suchen, befinden sich die Wachsfiguren­kabinetts, -die anatomischen Museen und die Dioramen, welche die letzten sensationellen Verbrechen vor Augen führen. Neben Schießbuden, die ein vorteilhafteres Aus­sehen haben als -die deutschen, und welche vor allem der anlockenden, geschminkten Dämchen entbehren, finden sich zweifelhafte Veranstaltungen zur Ausbeutung der öffent­lichen Spielwut. Aber weder gegen die Ungeheuerlich­keiten der Museen, noch gegen die Zunahme der Hasard­spiele, die sich bei ähnlichen Gelegenheiten in aller Herren Ländern bemerkbar machen, wäre etwas Ernst­liches einzuwenden, wenn sich nicht auf den Pariser Jahr­marktsfesten zu den bisherigen Kategorien der Besucher — einfache Kleinbürger und vergnügungssüchtige Ar­beiter und Arbeiterinnen — in der letzten Zeit ein neues Element gesellt hätte, das der „Apachen". Diese Herren, eine moderne Abart des Pariser Verbrechertums, die mit dem Revolver umgehen, um einen Nebenmenschen zu töten, wie Normalmenschen mit dem Streichhölzchen, um eine Zigarre anzuzünden, machen es sich gegenwärtig aus dem Montmartre-Jahrmarkt so bequem und scheinen hier so zu Hause zu sein, daß wirklicher Mut dazu gehört, um zur Mitternachtsstnnde, wo das „festliche" Treiben im vollsten Gange ist, sich in das Herrschaftsgebiet der Apachen zu wagen. Wo sonst um die nämliche Stunde die graziösen Erscheinungen der von Henri Murger besungenen Mimi-