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Samstag» 18. September 1915.
Kbenö-Ausgabe.
Nr. 436. 63. Jahrgang.
ver Urieg.
von den östlichen Kriegsschauplätzen.
Die vollständige Räumung Rigas.
W. T.-B. Petersburg, 18. Sept. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) „Rußkoje Slowo" meldet, daß Riga vollständig geräumt sei. Von 74 000 Arbeitern verließen 50 000 die Stadt. Von 184 Fabriken sind 57 ganz und andere zum Teil verlegt worden.
Aufregung und Maffenflucht in Minsk.
W. T.-B. Kopenhagen, 18. Sept- (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Die „National Tidendc" meldet: Die Bevölkerung von Minsk ist in großer Aufregung und flüchtet in Massen. Die Bahnhöfe seien belagert und die Bewohner müßten gewöhnlich drei Tage auf ihre Fahrkarte warten. Die Eisenbahnwagen seien überfüllt, so daß auch die Dächer beseht wären. Die Lebensmittel in der Stadt seien knapp, Mehl und Zucker nur wenig vorhanden.
Bedeutungsvolle russische Geständnisse auf der einen Seite, Vertuschungen aus der andern.
Der amtliche Geueralstabsbcricht.
W. T.-B. Petersburg, 17. Sept. (Nichtamtlich.) Der Große Generalstab gibt bekannt: In der Gegend südwestlich Dünaburg warfen wir wiederholte deutsche Angriffe vor unseren Drahtverhauen zwischen der Straße nach Dünaburg und dem Samara-See zurück. Kleine deutsche Reiterabteilungen erschienen in der Gegend an der Eisenbahn Molo- d e t s ch n a - P o l o s k. (Das ist ein Zugeständnis von b e - sonder er Bedeutung, das überdies gegenüber unserem eigenen GenercrlstabSbericht, der gestern erst von der Erstürmung Widsys südlich Dünaburg berichtet, eine erfteq- liche Überraschung bedeutet. Die Bahn Molodetschna-Polosk ist bereits die Parallel st recke der Bahn Wilna-Dünaburg; auch, der zweite Schienenweg nach Petersburg ist also zum mindesten bedroht, wenn nicht schon abgeschnitten, und die deutschen Vorhuten müssen schon ungefähr in d:r Mitte zwischen Dünaburg und Minsk sein, was eine weitere furchtbare Bedrohung der Wilnastellungen bedeutet. Schriftl.) Weiter nordöstlich Wilna gelang es dem Feinde, auf das linke Ufer der Wilija zu gelangen. (Auch das ist ein wichtiges Eingeständnis. Schriftl.) Weiter südch'tltch Prany versuchten die Deutschen den Versovkaflutz, einen Nebenfluß der Meretschanka, zu überschreiten. Bei dem Dorfe Eisen- vuyeismonty (?) warfen unsere Truppen den Feind in den Fluß. In der Richtung auf P i n s k ziehen sich unsere Truppen unter dem Druck des Feindes zurück. (PinSk ist inzwischen bereits nach unserem vorgestrigen Bericht bekanntlich von unseren Truppen durchschritten. Schriftl.) In der Gegend von Nijnistochod schlugen wir die Offensive des Feindes gegen Ugrinitschi ab. Der Feind unternimmt weiterhin Gegenangriffe in der Gegend von Derajew und an verschiedenen Teilen unserer galizischon Front. Der Feind, der erschüttert ist, sucht seine Stellung durch diese Gegenangriffe zu befestigen, aber er erzielte bei diesen Bemühungen , und Versuchen im besten Falle nur kleine örtliche Erfolge. Unsere, Trupven iabr-->n kort. Erfolge im Kampf zu haben. Westlich von dem Dorfe Pendhkr in der Gegend von D e r a y n a machten wir 410 Gefangene und erbeuteten vier Maschinengewehre. Erbitterte Gegenangriffe des Feindes wiesen wir bei dem Grenzdorfe Neuplerinetz (?) und der Stadt Vischnewetz (?) ab. An der Strypa westlich der Linie Tarnopol-Treinbowla liefern wir (?) dem Feinde, der sich an die Flußübergänge klammert, an verschiedenen Stellen erbitterte Kämpfe.
Notiz: Der amtliche Wiener Bericht vom 12. September erklärt, daß wir in der Richtung auf den Brückenkopf von Tarnopol zurückgeworsen wurden und daß wir bei Tarno- pol ungewöhnlich hcche Verluste gehabt haben. Der Feind besitzt indessen keine Unterlagen für die Beurteilung des Umfangs dieser Verluste, und zwar darum, weit der Feind an den folgenden Tagen trotz der erhaltenen Verstärkungen noch mehr westlich Tarnopol gegen die Dörfer Gliaki (?) und Zebrow (?) abgedrängt wurde, zum Teil sogar noch über die Linie des Styrflusses hinaus.
was die „Times" wiffen will.
Rotterdam» 18. Sept. iZens. Bln.) Der Petersburger Berichterstatter der „Times" schreibt, daß ein weiteres V o r r ü ck e n der deutschen Streitkräfte auf der Front Dünabung-Wilna voraussichtlich nicht ohne die heftig- sien Kämpfe vpr sich gehen werde. Wahrscheinlich habe Hinden- burg zwischen der Düna und dem Njemen Verstär- k u n g e n erhalten, um so mehr, als anzunehmen sei, daß auch der russische Oberbefehlshaber Rußki mit besonderer Sorgfalt seine Reserven herangezogen habe. Wegen der Unmöglichkeit,, längs des kürzesten Wegs über S l o n i n vorwärtszurücken, weil dort die stark parallel laufenden Verteidigungslinien längs der S e t v i a n k a und der S z c a r a russi- scherseits angelegt worden sind, haben die Deutschen ihre Flanken auf Kosten des Zentrums verstärkt. Abgesehen von dem Heer des Generals v. S ch o l tz, das längs seS rechten Njemenusers aufmarschiert ist, sind vier Heere auf üner Front von 100 Weilen zwischen Njemen und den Pripet-
sümpsen verteilt. Wenn man ungefähr 30 Meilen für die Pripetsümpfe abrechnet, so stehn ungefähr 16 Armeekorps auf einem Gebiet von 70 Meilen, oder ein Armeekorps auf 4 Meilen. Eine derartige Anhäufung von Truppen erschwert natürlich die freie Bewegung der Wacht, und deshalb hat die deutsche Heeresleitung das Heer Gallwitz', das im Norden von Woltowicz in dem waldreichen Bezirk der unteren Szcara stand, und einen Teil des von Mackensenschen Heeres nach einem anderen Frontabschnitt übergeführt.
Trotze Erregung über die Vertagung der vuma in Rutzland.
Br. Kopenhagen, 18. Sept. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) Aus Petersburg wird telegraphiert: Die Vertagung der Reichsduma hat im ganzen Lande die größte Erregung hervorgerufen. Die Verbände, Städte und Semstwos ersuchten sofort telegraphisch um die Erlaubnis zur Abhaltung eines Kongresses, auf dem die politische Lage erörtert werden soll, da diese im höchsten Grad für das Russenvolk beunruhigend sei. Wie verlautet, beabsichtigt die Regierung, einige wenige wichtige, vom Dumablock verlangte Reformen durch- zusühren.
Br. Christiania, 18. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) „Morgenbladet" meldet aus Petersburg: Die Vertagung der Duma hat große Enttäuschung hervorgerufen. Mehrere Parteien haben jedoch nach lebhaften Debatten beschlossen, sich der kaiserlichen Verfügung ohne Kritik zu fügen, weil sie der Ansicht sind, daß eine offene Opposition die militärischen Operationen ungünstig beeinflussen könne. Ministerpräsident Goremykin erzählte nach seiner Rückkehr aus dem Hauptquartier dem Präsidenten der Duma und den Mitgliedern der Regierung, daß der Beschluß des Zaren unwiderruflich sei, und daß von einer weiteren Erörterung einer Änderung der Regierung keine Rede sein könne. Goremykin behauptet, die Duma habe eine erhebliche Arbeit geleistet; ihre fortgesetzte Einmischung würde jetzt aber nur störend auf das Land wirken.
London, 17. Sept. (Zens. Fritsch Der Korrespondent der „Daily Mail" in Petersburg berichtet, daß die Vertagung der Duma, die bereits feit• einigen Tagen bekannt war, als ein Sieg der Bureau kratie und ihres Anhanges ^ in der Volksvertretung angesehen werde. Drei Viertel der Duma und' nahezu die gesamte Presse hüben sich der Vertagung wider setzt. Die „Rjetsch" erklärt, daß die gesamte Presse mit Ausnahme der durch die Regierung subventionierten Blätter die Maßregel als eine drohende nationale Katastrophe betrachten. Die „Nowoje Wremja" greift Goremykin heftig an und sagt, er klebe an den Traditionen einer üblen Vergangenheit und er sei zu alt, da§ Land in Kriegszeiten zu regieren. ~ ■
Die russische Geistlichkeit gegen de« Dumablock.
W. T.-B. Petersburg, 18. Sept, (Nichtamtlich.) Nach dem „Rutzkoje Slowo" macht die Geistlichkeit in den Kirchen gegen den liberalen Reichsdumablock Stimmung. Fürstbischof Seraphim von Twer erklärte auf der Kanzel, die Diener der Kirche würden gegen die verräterischen Umstürzler kämpfen, selbst bis zum Märtyrertod.
Das traurige Los der nach Sibirien Verbannten.
W. T.-B. Kopenhagen, 18. Sept. (Nichtamtlich. DrahiLe- richt.) Die Begründung der Interpellation, betreffend die Amnestie für die nach Sibirien verbannten politischen Verbrecher, läßt Schlüsse aus deren Lage ziehen. Sie führt aus, daß in der Session der Duma über Quälereien und Verbrechen der Verwaltung gegen jene Gefangenen geklagt worden sei. Jetzt wären neue Mängel Verschickter hinzugekommen, die man durch die Vorenihaltung der gesetzlichen Unterhaltungsgeldcr dem Hungertode preisgebe.
Hindendurgstratze und Hindenburgpark in Eydtkuhnen.
In Ausführung eines Beschlusses des Gemeindevorstands von Ehdtknhnen, nach dem eine Straße in Eydtkuhnen den Namen „Hindenburgstraße" und der Gemeindepark die Bezeichnung „Hindenburgpark" erhalten sollen, war ein Schreiben an den Generalfeldmarschall b. Hindenburg gerichtet worden, in welchem er um die Genehmigung gebeten wird.
Daraufhin hat Amts- und Gemeindevorsteher Krüger die nachstehende Antwort erhalten:
Hauptquartier-Ost, den 9. September 1915.
Dem Gemeindevorftand Eydtkuhnen danke ich herzlichst fiir den freundlichen Beschluß, einer Straße sowie einem Park Jbrer schwergeprüften Gemeinde meinen Namen geben zu wollen. Ich erblicke hierin nicht nur eine Ehrung meiner Person, sondern auch der mir anvertrauten Truppen, unter denen die altbewährten Ostpreußen Hervorragendes leisten. Ich bin sicher, daß es der schwergeprüften ostpreußischen Bevölkerung in kürzester Frist gelingen wird, den angerichteten Schaden gänzlich zu beseitigen, so daß Ihre Gemeinde nach ehrenvollem Frieden auf gesichertem Grund und Boden schöner wieder erstehen und ihr ferneres Blühen und Gedeihen beschieden sein wird.
v. Hindenburg,
Gcneralfeldmarschall und Oberbefehlshaber der gesamten deutschen Streitkräfte im Osten."
Oberst Leu an den Stettiner Magistrat.
Regimentskommandeur Oberst Len richtete an den Stettiner Magistrat das folgende Schreiben:
„Das Regiment pflückte neuen Lorbeer. Es durclchrach nunmehr zum fünften Male an entscheidender Stelle die feindlichen Linien und half weiter voraus zum Siege. Heute trägt jeder hier im äußersten Galizien sein Haupt hoch und zeigt seine Nummer, denn er weiß, er und seine Kameraden kämpften, siegten, bluteten oder starben im n n ü b-e r w rn d - lichen Drange nach vorwärts. Selbstlos voller Hingabe, nicht um einen Schatten anders, als bei Beginn des Krieges. Wir sind nicht müde geworden, die Kraft ist nicht erlahmt, sie ist durch Übung gestählt, wie der Stähl härtet, je mehr man ihn hämmert. Wir hatten Verluste, doch jeder Grenadier weiß, daß sie dem Vaterlande dienten. Wir würdigen gern die Not der Heimat. Wir fühlen mit ihr die Teuerung des Lebens. Wir denken daran, daß manches arme Mütterchen in Not geraten ist durch den herben Krieg. Aber wir hoffen auch, daß das treue Pommernland aushält, mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der hier das Leben eingesetzt wird. Walter Bloem schilderte uns ei-nst den Ruhm von 1870/71. Wir berauschten uns an dem Heldeugesange in der Form eines Romans. Heute jedoch empfinden wir, die wir am Feinde sind und das Sterben' unserer Leute sehen, daß das deutsche Volk noch freudiger sein Leben einsetzt wie damals. Es ist größer geworden und hat sich noch mehr hindurchgerungen zu der Erkenntnis, daß das Lebeu der Güter höchstes nicht ist. Ein Treugruß der lieben Heimat, Leu, Oberst und Kommandeur des Regiments." >
Gegenseitige Besichtigung der Kriegs- und Zivil- gefangenenlagcr in Österreich-Ungarn und Rutzland.
W. T.-B. Wien, 16. Sept. (Nichtamtlich,) Nach einem! bei der Wiener Auskunftsstelle für Kriegsgefangene einge- laufenen Telegramm der Zentrale des dänischen Rpteu Kreuzes in Kopenhagen hat sich die russische Regierung bereit erklärt, auch mit Österreich-Ungarn ein Abkommen, betreffend eine gegenseitige Besichtigung der Kriegs- und Zivil-- gesangenenlager durch Rote-Kreuz-Schwestern, zu (reffen. Täe Schwestern werden hierbei, von Beauftragten des dänischen. Roten Kreuzes begleitet werden. Die diplomatischen Verhandlungen zur Durchführung der Angelegenheit eingeleitet worden.
Mtcheners letzte Rede.
Die Macht der Lüge.
Man kann K i t ch e n e r § letzte Rede im UntechWse mit Hohn und Spott begrüßen, und man wird recht daran tun. Aber darüber diirfen wir nicht vergessen, wie unheimlich groß die Kraft der Füg e ist. Es ist unser Unrecht, uns das nicht lederzeit eindringlich vor. Angen zu halten, unser Unrecht in politischer Hinsicht. Freilich sind wir außerstande, Lügen mit Lügen, (Aufschneidereien mit Ruhmsucht. Verschweigungen mit Der- tuschuirgen zu beantworten, wir sind ohnehin gegen die von den Feinden und besonders von England angewandten Mittel. Wir können nichts tun als handeln, nur das wird uns a uch d a n n bewußt bleiben müssen, daß Lüge, Vergeßlichkeit, Selbsttäuschung im anderen Lager wie in dem der meisten Neutralen -unsere noch so großen Er folg e immer wieder von der Lasel' der ' Geschichte gleichsam w e g z u w i s che n ver-mügen. Sie vermögen es taffächlich. wenigstens bis zu einem! gewissen Grade. In der Geschichte gilt auch dos Wort, gilt auch die einmal geprägte Meinung, gleichviel ob sie zutrifft oder das Ergebnis meisterhafter Verdrehungs- künste ist. Dafür ließen sich aus der Vergangenheit viel«, zum Teil seltsame Beispiele ansühren, aber wir hcchen es mit der Gegenwart zu tun- Wir wollen uns nicht täuschen: wenn Lord Kitchener uns für bauLerott erklärt und unsere Si ege in RußIand einen Riesen- b I u fs nennt, so w eiß der Mann ja, daß er eine grobe Unwahrheit ausspricht, aber er weiß auch, daß seine Landsleute ihm glauben, nämlich weil sie wollen, daß es so sein soll. Dieser Selbstbebug wirkt weiter auf die Verbündeten Englands und auf die Neutralen, dies uns bis auf geringe Ausnahmen mißgünstig genug gesinnt sind. Man wird einweuden, daß einfach schon ein Blick auf die Landkarte zeigen muß, wie es steht, aber weil die Feinds mit heißer Herzensschn» sucht eine anderen Zustand erstreben, darum schieben sie alles hinweg, was chnen dies begehrte Zukunftsbild verschleiert, und sie sind inbrünstig glembenslustig. Auch das gehört zu den Imponderabilien, die in /der Weltgeschichte eine so große Rolle spielen. Die Feinde geben sich noch lange nicht geschlagen, sie wollen nicht geschlagen sein, und darum sind sie es nach ihrer» seelischen Verfassung nicht. Vielleicht giltdciS. für ldas zusammenbvechende Rußland nur noch bedingt, aber wir dürfen,-uns nicht verhehlen, daß es für Eng'' fand und für Frankreich immer noch gilt. Au>f das Tatsachengebiet übertragen heißt dos. daß der Errt- s ch l u ß zur N a ch g i eb i g k e i t erst k om me n umtz-s wir sehen keine Ansätze dazu. Hieraus folgt,.Latz
