1. Winne zum Wiestlndener Tngiiintt.
Mo. »37. Morgen-Ausgabe.
Dienstag, den 17. November.
81. Jaliegang. 1903.
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Er hat gelebt, gelitten und genossen, ^
Nun floh sein Geist zum Sternenchor hinauf; ^
Uns, die dem Freunde wir die Augen schlosse»,
Uns schließt er für die Ewigkeit sie ans. »
Julius Lohmeyer. fe
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(52. Fortsetzung.)
Cva Keoni.
Roman von Marie Bernhard.
J ch fing an, den weiblichen Doktor innerlich für ein ich unausstehliches Menschenkind zu halten. hielt es
aber für nutzlos, auf die letzte Bemerkung etwas zn antworten, zumal mir wirklich nichts daran lag, diese fremde Person zu überzeugen. Ihr beharrlicher Blick ruhte immer noch mit dreister Musterung auf niir und stimmte mich immer unbehaglicher.
„Tun Sie doch nicht so verlegen!" hieß es nach einer Pause. „Es kostet doch nichts, wenn man Sie anschaut? Und Sie müssen doch das Anstarren gewöhnt sein! Man hat es Ihnen doch gewiß tausendmal mit Blicken und Worten gesagt, daß Sie außergewöhnlich hübsch sind, und Sie tvissen es ganz geirau und bilden, sich einiges darauf ein, nicht wahr?"
Es maa, kindisch gewesen sein, aber ich gestehe frei, mir wav^ms Weinen nahe. Diese Art, in anderer Leute
Gegenwart von einer wildfremden Persönlichkeit abge- kanzelt zu werden, war mir so neu und stieß mich so vor den Kopf, daß ich ganz außer Fassung geriet. Aber ich sollte Hilfe bekommen.
„Nein, es ist nicht wahr!" sagte Bernon ruhig und hob die Servierte, die ich in meiner Verwirrung hinuntergeworfen hatte, vom Boden auf. „Ich habe in der langen Zeit meines Zusammenlebens mit Mademoiselle Leoni nichts von kindischer Eitelkeit wahrgenommen, wobei ich es Ihnen übrigens völlig anheimstelle, meinen Worten Glauben zu schenkerr oder dieselben anzuzweifeln. Zu- gleich aber muß ich dringend ersuchen, Mademoiselle Leoni in Frieden ihr Mittagbrot verzehren zu lassen, da Ihr Kollege Wörter ungestörte Seelenruhe während der Mahlzeiten für seine Patientin als unerläßlich erachtet!"
„Liebe Zeit! Wenn ihr eine so harmlose Frage schon das Gleichgewicht der Seele stört, dann ist es um sie allerdings nicht zum besten gestellt!'"
„Es können eben nicht alle weiblichen Geister mit philosophischer Nichtachtung durchtränkt sein,"" lautete Vernons Antwort.
„Wenn Sie glauben, mir damit einen geschickten Hieb versetzt zu haben, so irren Sie sich!" sagt? der weibliche Doktor. „Die Meinung anderer Leute ist mir total gleichgültig, und es ist das Ziel meines Strebens, in der Tat mit philosophischer Nichtachtung durchtränkt zu sein, wie Sie soeben sagten!"
„Sollte dies Ziel nicht bereits erreicht, das Streben somit unnütz geworden sein?"
„Nicht ganz, Monsieur; zuweilen bin ich noch so kindisch, mich über andere Menschen zu ärgern oder mir ihre Ansichten zu Herzen zunehmen, — aber es wird zum Glück mit der Zeit immer seltener, und ich weiß im voraus, daß es bald gänzlich aufhören wird!"
„Eine straffe Selbstdisziplin! Schade, daß dieselbe nicht auf bessere Ziele gerichtet ist!"
„Bessere Ziele! Sie gehören wohl auch zu den Männern, die das lveibliche Geschlecht weich wie Wachs haben möchten, ohne ihren eigenen Willen, ohne Ansichten, ohne Kraft, — nur beliebig zu formen und zu kneten, wie es den Herren der Schöpfung gefällt?"
„Ich halte dafür," sagte Bernon langsam und schenkte sich ein frisches Glas Wein,voll, „daß kein Mensch, er sei nun Mann oder Weib, zung oder alt, gelehrt oder unwissend, sich gegen den Einfluß von Seinesgleichen ganz verschließen und es verschmähen soll, h i e r zu lernen, dort anzunehmen, — einmal milder zu denken, ein anderes Mal energischer vorzugehen! Wer die Lehre versäumt, die das gute Beispiel — oder auch das schlechte, denn auch das hat mitzusprechen! Anderer uns gibt, wer es absichtlich versäumt, weiter zu streben, kluge und gute Menschen auf sich einwirken zu lassen, der schließt, nach meiner Überzeugung, den Haupthebel des Daseins, den Fortschritt, aus. Nicht weiches Wachs, das jeder nach Belieben bilden kann, wohl aber ein lernender, denkender Schüler, der das ganze Leben bis ins späteste Alter für eine lange Lehrzeit und jeden Mtmenschen für ein Wesen ansieht, dessen Licht- oder Schattenseite ihm helfen kann, — .—: so baut sich vor meinen Augen das Lebenauf. Es gibt keinen Menschen, der es konsequent durchführen kann, niemand zu brauchen, und ich bestreite es durchaus, daß. die Nichtachtung unserer Mtgeschöpfe ein würdiges oder irgendwie erstrebenswertes Ziel genannt werden kann."'
Er hatte sich ganz zu mir gewendet und nur zu mir gesprochen, als käme es ihm besonders darauf an, meine Zustimmung zu haben, sich mir vollauf verständlich zu machen. Erinnerte er sich eines unserer ersten Gespräche, da ich eine ähnlich kindische und übereilte Frage, wie die vom weichen Wachs gewesen war, an ihn gerichtet hatte? Wenn er sich dessen erinnerte, so war es mir unsagbar peinlich, — ich hatte mich damals fast augenblicklich nach dem eigenen Ausspruch meiner Torheit geschämt und bekannte mich in nieinem Innern ehrlich zu dm Ideen, die Bernon soeben ausgesprochen und die ich zuweilm unklar gehegt, ohne sie fest gliedern zu könnm. Bei unserm nächsten Beisammensein unter vier Augen wollte ich ihm dies sagen, .... jetzt war es mir unmöglich. Die fremde Erscheinung mit dem scharfen, dreisten Blick mir gegmüber hatte nichts anheimelndes für mich, ihr ganzes Wesen berührte mich wunderlich, als käme sie aus einer andern Welt, — aber ich verspürte keine Lust, diese Welt näher kennen zu lernm. Ihrem rasch und schlagfertig geführtm Gespräch mit Bernon hatte ich mit weit offenen, verwunderten Augm zugehört, — etwas ähnliches war mir bisher noch nie vorgekommen, .... zwei einander wildfremde Menschen, noch dazu Herr und Dame, welche die ersten fünfzehn Minuten ihrer neuen Bekanntschaft benutzen, um sich gegensettig die derbsten Wahrheiten zu saaen und einander mit ihrer Lebensauffassung bekannt zu machm! Ich war interessiert, das mußte ich mir selbst zugeben, aber mir war unbehaglich zumute. Welcher tolle Wirbelwind hatte dieses exzentrische Mannweib hier herauf in unsere friedliche Ge- birgseinsamkeit gejagt, um unser schönes, harmonisches Beisammensein zu stören?
„Ja, es macht sich eben jeder nach seinem Belieben seine Weltanschauung zurecht,"" erwiderte der Daktov Langenfeldt gleichmütig nach einer kurzen Pause und betrachtete ein Stück Rindfleisch, das sie sich eben auf den Teller genommen hatte, sehr aufmerksam, — »und es wäre dumm, wenn einer versuchen wollte, den andern darin zu stürm!"
„Ganz recht, — das wäre dumm!" pflichtete Bernon mit seiner unbewegten Miene bei.
„Nun, sehen Sie, in d e m Punkt sttmmen wir also überein, — eine große Hauptsache! — Herr Wirt, ich will nicht annehmm, daß dies Pferdefleisch ist!"
Der arme Stölzel, der sich auf seine in der Tat vortreffliche Verpflegung mit Recht oiel zu gute tat, wurde kirschrot vor Ärger und gab seiner empörten Dernernung den stärkstm Nachdruck. Er, seine Gattin und dre elfjährige Zenzi maßen den ungezogenen Gast während der weiteren Mahlzeit fast unaufhörlich mit entrüstetm Blicken, ohne daß dies den geringsten Eindruck auf denselben hervorbrachte. — Hannah ergötzte sich anscheinend in der Stille wundervoll und warf mir heimlich amüsierte Blicke zu, — ich war verlegen und wünschte, das Diner wäre erst zu Ende. ■— — — Dies Ende kam dmn, nachdem wir herrliches Obst zum Nackstisch_ verzehrt hatten, dem die neue Hausgenossin alle Ehre widerfahren ließ. Als wir aufstanden, kam sie unbefangen auf uns zu, schüttelte uns, wie guten alten Freunden, die Hände, und fragte dann: „Was unternimmt man hier nach Tische?"
„Man schläft!" antwortete Bernon lakonisch.
„Sehr edle und bildende Beschäftigung! Wie lange denn?"
„So lange jeder mag! Schon ehe wir die Ehre hatten. Sie. kennen zu lernen, war es eine unter uns abgemachte Sache, der persönlichen Freiheit und dem Belieben eines jeglichen unter uns- Rechnung zu tragen."
Doktor Langmfeldt sah zum erstenmal ein wenig verdutzt aus, aber es war nur ein Augenblick, — dann machte die Dame kurz Kehrt und ging ohne Antwort von dannen.
Bei Famflie Stölzel brach ein Sturm der Entrüstung gegen „überspannte, emanzipierte _ Frauensleut'" los, Hannah lachte herzlich und sagte leise zu Bernon: „Sie waren doch sehr unhöflich, Monsieur!"
„Nach landläufigen Begriffen — ja!" sagte ec lächelnd. „Aber, sagen Sie selbst, was würde ich dieser Menschenspezies gegenüber mit Höflichkeit ausrichtenH Bin ich jemals gegen Sie unhöflich gewesen?"'
„Nein das nicht, — aber —"
„Nun also, sehen Sie! Jedem gebührt das Maß, mit dem er gemessen zu werden wünscht! Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben dürfte, Duschenka, dann wäre es der: besinnen Sie sich auf Ihr gewandtes Zünglein, — mit taktvollem Schweigen, Abwenden und Ignorieren kommt man diesem kühnen Vorkämpfer der Rücksichtslosigkeit nicht bei! Sie werden ja Ihre eigene Natur nie verleugnen und Ton und Sprache einer Persönlichkeit an- nehmen, die in allen Stücken Ihr gerades Widerspiel ist, .... aber schärfen Sie ein wenig Ihre Waffen, — ich möchte nicht haben, daß man von Ihren geisttgen Fähigkeiten eine untergeordnete Meinung gewinnt!"
(Fortsetzung folgt.)
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