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» 538* Berlags-Fernjprecher No. 2953.
Abend-Ausgabe.
Die Frauen und die Politik.
Die Landtagswahleu, welche in diesen Tagen den Gegenstand des allgemeinen Interesses bildeten, haben die Frage, inwieweit die Frauen sich am politischen Leben beteiligen sollen und können, neuerdings in den Vordergrund treten lassen. Eine der „Kölnischen Volkszeitnng" entnommene Zusammenstellung, welche sich auf die von den Frauen in den verschiedenen Ländern bereits errungenen politischen Rechte bezieht, dürfte daher erwähnenswert sein.
Von modernen Staaten haben in neuerer Zeit einzelne englische Kolonien den Frauen das Parlamentswahlrecht, allerdings nur das aktive, eingeräumt. So Neuseeland seit dem 19. September 1893, bald darauf, 1894 , auch Südaustralien; im Mutterlande selbst ist die lebhafte Agitation für das Frauenstimmrecht, die seit der Mitte der sechziger Jahre unter dem Einfluffe John Stuart Mills sich entwickelte, bisher erfolglos geblieben. Zwar hat das Unterhaus, nachdem es früher jedesmal den Antrag auf Verleihung des Stimmrechtes abgelehnt hatte, ihn bei seiner Wiederholung am 8. Februar 1897 angenommen, trotzdem aber hat er wegen des Widerstandes des Oberhauses keine Aussicht auf Verwirklichung. Im übrigen wirb in England keineswegs für alle Frauen das Wahlrecht gefordert, sondern nur für diejenigen, welche Besitzerin oder Mieterin eines Wohnhauses sind oder ein Gebäude im Stadt- oder Landbezirke selbständig verwalten.
Für die eigentlich gesetzgebenden Körperschaften besitzen außer in den erwähnten Ländern die Frauen das Wahlrecht fast nur noch in einigen Staaten der nord- rmerikantschen Union. Nachdem New Jersey als einziger Staat schon im 18. Jahrhundert (1773) den Frauen das Stimmrecht verfassungsmäßig eingeräumt, dasselbe aber 1807 wieder abgeschasft hat, begann um die Mitte des vorigen Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Anti- fklavereibewegung in den Vereinigten Staaten eine auf Erlangung des Frauenstimmrechtes gerichtete allgemeine Bewegung; doch wurden in bezug auf die allgemeine Volksvertretung Erfolge nur in einigen jüngeren Staaten, bezw. Territorien, erzielt. Zuerst, 1869, entschloß sich Wyoming dazu, den Frauen die Berechtigung zur Wahlbeteiligung, sowie zur Erlangung von Ämtern zu erteilen, 1883 folgte Washington und 1893 Colorado; Utah gab zwar schon 1879 den Frauen die politische Gleichberechtigung, doch wurde sie 1882 den polygamen Frauen, 1887 allen Frauen ohne Ausnahme durch den Kongreß wieder aberkannt, bis bei der Erhebung Utahs zum Staate 1895 die politischen Rechte der Frauen dauernd zur Anerkennung kamen. In einer Reihe anderer Staaten hatten zwar die gesetzgebenden Faktoren die Verleihung der politischen Rechte an die Frauen ebenfalls
Dienstag» de« 17. Movernder.
beschlossen, so in Oregon, Nebraska, Indiana, Süd- Dakota, doch hat das Volk, dessen Zustimmung zu jeder Verfassungsänderung erforderlich ist, bisher stets das Frauenstimmrecht verworfen. In Österreich besitzen die unverheirateten Frauen für die Landtagswahleu in den Wahlkollegien des Großgrundbesitzes das Stimmrecht und darüber hinaus in den zisleithanischen Ländern, für die Reichsratswahlen sind die Frauen auch nur im Kollegium des Großgrundbesitzes aktiv wahlberechtigt; die Frauen dürfen aber ihr Stimmrecht nicht selbst, sondern nur durch Bevollmächtigte ausüben. Von der Wählbarkeit sind sie durch das Gesetz vom 2. April 1875 ausdrücklich ausgeschlossen. Ähnlich sind in Schweden die F-rauen zur Teilnahme an den Wahlen für das als Interessenvertretung organisierte Oberhaus berechtigt; doch ist ihre Teilnahme bei diesen Wahlen, welche indirekt und stufenweise erfolgen, auf die unterste Stufe beschränkt. Von den direkten Wahlen zum Abgeordnetcnhause sind sie auch hier ausgeschlossen. In Italien können Frauen nur ihre Steuerleistung zugunsten eines Mannes in Anrechnung bringen und diesem so das Wahlrecht verschaffen.
Größeren Erfolg als auf dem eigentlich politischen Gebiete haben die Frauen bei dem Bestreben, ihre Rechte zu erweitern, im Bereiche der lokalen Selbstverwaltung zu verzeichnen.
Politische Übersicht.
Giolitti bleibt.
Was ich Ihnen kürzlich als bevorstehend ankündigte — schreibt man uns aus Rom —, ist eingetroffen, Giolitti bleibt. Zu diesem Schritte war nicht nur die Weigerung des Königs, die Demission anznnehmen, und der einstimmige Beschluß der anderen Minister, auf ihren Posten zu verharren, die Ursache, sondern auch die Kundgebungen zahlreicher Deputierten, die dem Premier auf diese Weise ein privates Vertrauensvotum erteilten. Seitdem die Lage sich auf diese Weise geklärt, haben die Angriffe der Sozialdemokraten gegen das Kabinett wie mit einem Zauberschlage aufgehört. Die Sozialisten urtö 1 vor allem ihre Presse sind auch durch eine andere sie sehr stark berührende Angelegenheit so in Anspruch genommen, daß sie daraus ihre volle Aufmerksamkeit verwenden, Gegen den „Avanti" und andere Blätter desselben Schlages ist eine Anklage wegen einer ganzen Reihe von Verleumdungen im Gange, die dem Bestehen einiger, besonders aber dem „Avanti" leicht ein Ende bereiten können. Der erste Prozeß, der des Admirals Bettolo gegen das obengenannte Journal, beginnt am Montag, Eine allgemeine Beruhigung in politischen Kreisen ist eingetreten.
Frankreich nnd Siam.
Zu dem Dementi der Nachricht von dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Siam und Frankreich bemerkt die Pariser
Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1903»
„Agence Haivas": In Wirklichkeit sind die Be
ziehungen gegenwärtig ein wenig gespannt infolge der von der siamesischen Regierung an den Tag gelegten Zögerung, die von Frankreich im Vertrag von 1902 geforderten Abänderungen anzunehmen. Bekanntlich rief dieser der Kammer vorgelegte Vertrag seitens der Kolonialgruppe der Kammer zahlreiche Einwendungen hervor, so daß die Ratifikation schließlich vertagt iveröen mußte. Da der französische Minister des Äußern neu« Verhandlungen eingeleitet hat, um wichtige Abänderungen in den Vertrag hineinzubringen, wünscht die französische Regierung teineswegs eine Unterbrechung der Verhandlungen. Wenn jedoch Siam sich weigern sollte, die Besprechungen sortzusetzen, dann würde der Vertrag von 1902 einfach ohne Vorbehalt sortfallen. Beide Landet würden wiederum unter den Verhältnissen, wie sie vor 1902 bestanden, verkehren, d. h. aus dem Boden des französisch-siamesischen Vertrages von 1893. Das Gerücht, daß in einem geheimen Vertrage die Zurückgabe von Tschantabon an Siam geplant sei, wird als vollkommen erfunden bezeichnet.
Tie Winkelzüge der Türkei.
Aus K o n st au ti n o p el, 14. November, erhalten wir folgenden Bericht unseres I-Korrespondenten: „Lieber der letzte Kalife als der erste Khedive" soll der SultLn gesagt haben, als Österreich und Rußland verlangten, daß er ihre Resormvorschläge annehmen müßte. Wenn Wdul Hamid auch diesen Ausspruch nicht getan hat. so könnttz er ihn doch getan haben; denn er wird keinesfalls sich der ihm zugemuteten Kontrolle des Auslandes unterwerfen« Freilich, offen dies, zuzngestehen, fällt ihm auch nicht ein, denn im türkischen Charakter liegt es nicht, überhaupt eine definitive Erklärung zu geben. Und mit dem Hinziehen dürfte die Pforte auch Glück haben, Wettges nicht anzuuehmen ist, daß die anderen Großmächte Österreich und Rußland plein pouvoir geben werden, Gewalt anzu» wenden und ohne eine solche ist nichts zu erreichen. Dis eben genannte Staaten haben auch bereits angedeut»t, daß sie in bezug auf die Ausdehnung der Reformen mit sich reden lassen würden, während England und Jlalren die unbedingte Annahme verlangen. Das ist der PmEt au den die ottomanischeRegierung denHebel nntErfolg eins setzen wird. Sie bereitet sich auch sonst vor, die Unmöglich» feit nachzuweisen, Zugeständnisse zu machen, indem sie dttz öffentliche Meinung vorschützt, die sich dagegen empören würde. In den türkischen Zeitungen hat auf dieser Basis eine heftige Preßkampagne gegen die Fremden begonnen« Plakate sind in allen Moscheen von cstambul angeschlagen, die die Gläubigen auffordern, zu den Waffen zu greifen« um den Islam gegen die Giaurs zu schützen, und oie Gesandten, sowie die ausländischen Christen empfangen fortwährend Drohbriefe von türkischen National-Komitsss. Wenn man jedoch bedenkt, daß eine sogenannte öffsnt-
Oie Revolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(30. Fortsetzung.)
„Na, ihr Möschen", rief Manuel in scheinbar guter Laune, hinter der sich aber nur mühsam seine Erregung Verbarg, „das ioivd nun wohl mal wieder ein extrafeiner Kappes werden, den ihr da geschabt habt. Die Sache verficht ihr. Ist ja auch 'ne nette Arbeit, und ihr braucht euch bei dem Geschäft nicht so zu ärgern als unsereins."
„Du sorgst wenigstens, daß wir von deinem Ärger auch was zu hören kriegen", sagte Gusken, die sich als die Älteste dem jüngeren Bruder gegenüber schon etwas glaubte erlauben zu dürfen. „Was hat's denn gegeben? Es schien so, als wärst du mit dem Klaas Pitter Zugänge gewesen. Das ist doch ein alter und treuer Knecht."
„Ein frecher Donnerkiel ist er!" schrie Herr Manuel und ließ sein Messer sinken, mit dem er eben eine Lage Apselkrant auf sein Puffertsküchelchen streichen wollte. „Ja ja, ein frecher Donnerkiel ist er. Man kennt ihn gar nicht mehr wieder."
„Aber wie würde es der Pitter riskiert haben, frech gegen dich zu werden, Vater?" frug Agnes vorwurfsvoll.
„Frech ist er geworden und rebell'sch. Ich Hab' dem Gottfried die Geschichte schon erzählt und er hat mir recht gegeben."
„Ich hätte dir recht gegeben, Ohm?" sagte der junge Mann verwundert. „Ich habe mich einstweilen noch gar nicht geäußert,"
„Na, ich sollt' doch denken, wenn einer schweigt, sttmmt er zu. Das ist doch selbstverständlich."
„Du warst so erregt, daß es ganz zwecklos gewesen wäre, wenn ich dir opponiert hätte. Ich wollte nur warten, bis du deinen Ärger ausgeschlafen hättest, und morgen hätte ich schon ein gutes Wörtchen für den Pitter eingelegt. Du weißt, er ist gereizt, daß sein Junge unter das Militär muß oder, daß er Preutz' werden muß, wie sie hier zu sagen pflegen."
„Dafür sollt er doch unserm Herrgott danken, daß der
Junge die krummen Knochen mal gerade gerichtet kriegt. Das Dienen macht 'neu ganz andern Menschen aus ihm."
„Daran zweifle ich nicht. Dir vielleicht hat der Militärdienst sehr gut getan, aber diese Einsicht kannst du nicht jedem eintrichtern und am wenigsten solch einem einfachen Geiste, dem alle Berechnungen über den Haufen geworfen werden."
„Das kann einem doch auch wirklich leid tun, daß der junge Klaas zu den Soldaten mußte, wo er Gelegenheit gehabt hätte, sich jetzt in seinem Handwerk selbständig zu machen und dem Kirschbaum seine Schreinerei zu übernehmen. Solche bequeme Gelegenheit findet er wohl schwerlich wieder."
„Was verstehen Weiber von solchen Dingen", fuhr Manuel auf. „Tie allgemeine Dienstzeit ist ein Segen und hat unser Vaterland stark gemacht. lind da will so'n Schasskopp Herkommen und aufrührerische Reden darüber führen."
„Mein Gott, lieber Ohm", wandch Gottfried wieder ein, „einen weiteren Gesichtswinkel kannst du doch am Ende von dem Klaas Pitter nicht erwarten, wenn er auch in der Schule manches über die Herrlichkeit des Soldatentums eingetrichtert gekriegt und sein Preußenlied ordenr- lich gesungen haben mag. Der kurzsichtige Egoismus solcher einfachen Leute, die die Möglichkeit vor sich sehen, aus ihrer Lage herauszukommen, ist doch verständlich und verzeihlich."
„Aber unverzeihlich ist es in meinen Augen, wenn man seinem patriotischen Brotherrn gegenüber über König, Regierung und Vaterland herzieht und plötzlich mit seinem Maul zum Rebellen wird. Zurücknehmen sollt er, was er so vor den andern herausspektakelte, aber statt dessen ist er nur rabiater geworden, und was er da los ließ, das grenzte hart an Majestätsbeletdigung. Und das soll ich mir auf meinem eigenen Grund und Boden gefallen lassen, noch dazu jetzt, wo ich eben durch die Gnade Seiner Majestät ausgezeichnet worden bin,"
„Ter Pitter wird sich besinnen, und du wirst das auch tun, Vater, und morgen ist wieder alles in Ordnung", sagte Agnes, aber der Gärtner schlug auf den Tffch und
schrie: „Da ist nichts mehr zu wollen, gar nichts mehr. Und daß du dich nicht unterstehst, dich in die Sache hinern- zuhängen."
„Nun, das letzte Wort wird doch noch nicht gesprochen sein", warf Gottfried ein.
„Es i st gesprochen. „Wenn mein Junge Preuß werden muß, ist es mir auch ganz egal, ob ich noch Bettler werd', und ich will verdammt sein, wenn ich was von dem zurücknehm', was wahr ist", so hat er mir vor den andern entgegengeschrien."
„Die eklige Politik und was damit zusammenhängt", seufzte Tante Binchen, „Und jetzt fangen sie auch noch in unserer Gegend damit an. Die Verteilung von dem Lied hat ja viel Spektakel gemacht. Wir haben auch eins gekriegt, und ich Hab' es extra für sich mitgebracht, Manuel, damit du damit machst, was du willst."
Sie erhob sich und holte aus ihrem Beutel das Flugblatt herbei, es ihrem Bruder überreichend.
„Ach, laß doch", brummte der ärgerlich. „Ich Hab' von den Geschichten nun grab genug. Es fehlte nur noch, daß meine Arbeiter ansingen, es bei der Arbeit zu singen."
„Die Melodie, nach der man es singt, soll so was Aufregendes haben", meinte Gusken. „Hären möcht' ich sie doch mal."
„Na, der Wissenschaft wegen könnt' das nichts schaden« Ich kenn' sie zufällig und damit sie keiner arglos annimmt und sie mal gedankenlos vor sich hin singt, wenn vielleicht grad ein Spion in der Nähe ist, mag es ganz angebracht sein, daß sie jeder kennen lernt", sagte Gottfried, erhob sich und ging, den Teckel zurückschlagend« an das Taselklavier Agnesens.
„Du wirst doch das Lied nicht spielen wollen?" rief Herr Manuel fast ängstlich, aber Gottfried lachte: „Nur der Wissenschaft wegen mal antippen. Es weiß ja doch jeder, daß dies schreckliche Lied hier nicht aus anti- patriotischen Gründen erklingen wird. Da kannst du ganz ruhig sein, lieber Ohm."
„Ja, hören könnt' man es doch mal. Das schad't ja nix", ließ sich auch Tante Minchen vernehmen, schob den leergegessenen Teller von sich, und nahm eine Priese..
