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|tl>. 5dß, Berlagö-Fernsprecher R». 2958.
Montag» den 16. Uovemdrr.
Rebaktious-Fernsprecher No. 52. 1963.
Abend-Ausgabe.
Es bleibt alles beim alten!
fVon unserem Berliner Korrespondenten.)
p. Berlin, 15. November.
Zwar liegen die Ergebnisse der Urwablm zum pveußi- ichen Ab geo rdnetenhause noch nicht vollständig vor, und in etlichen Wahlkreisen haben die Wahlen zu keinem end-
S em Ergebnis geführt, so daß erst die am Freitag ödenden Wgeordnetmwahlcn die Entscheidung bringen werden, aber: im großen und ganzen läßt sich doch schon jetzt ein Schluß auf die Zusammensetzung des künftigen preußischen Parlamentes ziehen. Dieser Schluß entspricht den Voraussetzungen, von denen wir aus» gegangen tvaren, als ivir vor acht Wochen in unserer Vorbesprechung über die Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhause schrieben: „Im Abgeordnetenhause hat brs- her die starke konservativ-klerikale Mehrheit die unbestrittene Herrschaft ausgeübt, und es ist keinerlei Aussicht vorhanden, daß dies im neuen Abgeordnetenhaufe anders sein wird. Von den 433 Mandaten des Abgeordnetenhauses Hahlen die beiden konservativen Parteien bisher 202 und das Zentrum 100 im Besitz gehabt; möglicherweise gelingt es den liberalen Parteien, diese erdrückende Mehrheit etwas herabzuminderu. aber an einen ernsthaften Versuch, die konservativ-klerikale Mehrheit zu beseitigen, wird kaum auf irgend einer Seite gedacht."
Und so ist es in der Tat gekommen. Tie konservativen Parteien werden eine kleine Einbuße erfahren, welche den Nationalliberalen zugute kommt, die bisher 73 Mandate hatten und als die einzige gewinnende Partei aus den Wahlen hervorgehen wird. Die Freisinnige Volkspartei wird ihren bisherigen Bestand von 24 Mandaten ziemlich behaupten, die Freisinnige Ver- einigung von ihren Bestand von 11 Mandaten eine kleine Einbuße zu verzeichnen haben. Unerschüttert steht der Zentrumsturm da, und der Versuch, eine antiultramontane Wahlbewegung zustande zu bringen, ist völlig gescheitert, in erster Reihe an dem Widerstand der konser- vativen Parteien, die zumeist mit dem Zentrum Hand in Hand gingen. Endlich werden auch die Polen ihren bisherigen Besitzstand von 14 Mandaten behaupten.
Abgesehen von der kleinen Schwächung der konservativen Parteien und der entsprechenden Verstärkung der Nationalliberalen bleibt also im neuen Wgeordneten- hause alles beim alten. Die hier und da gehegte Be-
sorgnis, daß die konservativen Parteien so gestärkt 'Als dem Wahlkampf hervorgehen könnten, daß sie im Abge- ordnetenhause die absolute Mehrheit, welche 217 Stimmen beträgt, bilden würden, hat sich als unbegründet erwiesen. Dagegen verfügt die konservativ-klerikale Mehrheit nach wie vor über ein so starkes Übergewicht sin Abgeordnetenhause, daß sie demselben in jeder Frage ihren Willen auszwingen kann. Und wenn diese Mehrheit auch um einige Ssimmen schwächer geworden ist, so hat sie anderersesis durch den stärkeren Zusammenschluß dieser Parteien während des Wahlkampfes eine innere Festigung erfahren.
Die Wahlen haben somit keinerlei Überraschungen gebracht, auch nicht jene, welche von der Sozialdemokratie angekündigt worden war. Die Sozialdemokratie hat sich diesmal entgegen ihrer früheren Taktik an dm Landtags- wahlen beteiligt unö sie hat mit der chr eigenen Renommisterei verkündet, daß sie beim ersten Anlauf aus eigener Kraft dem Bürgertum etliche Mandate em- reißen werde. So gewaltig renommierte die Sozialdemokratie mit den von ihr zu erwartenden Leistungen, daß aus der Freisinnigen Vereinigung heraus hier und da sogar für ein Bündnis mit der Sozialdemokratie, freilich ohne Erfolg, plädiert wurde. Aber den großen Worten haben die Taten nicht entsprochen. Die Wahlbeteiligung der Sozialdemokratie hat zu einem völligen Fiasko für die Partei geführt. Die Sozialdemokraten haben aus eigener Kraft nicht ein einziges Mandat erringen können, und sie sind lediglich in Charlottenburg- Teltow, in Breslau und in Breleseld-Herford-Halle so stark, daß sie vielleicht, aber auch nur vielleicht, einen Einfluß aus dm Ausfall der Wahlen ausüben können. Die Sozialdemokraten rechnen daraus, daß ihnen in dem einen oder anderen dieserWahlkreise von liberalerSeite für die Wahlhülse gegenüber der konservativen Partei ein Mandat eingeräumt werden wird. Mer es ist sehr fraglich, ob auch nur in einem dieser Wahlkreise die Neigung zu einem solchen Pakt vorhanden sein wird.
Im neuen Wgevrdnetenhause werden vier verschiedene Mehrheitsbildungen möglich sein: 1. Eine konservativ-
klerikale Mehrheit, bestehend ans den beiden konservativen Parteien und dem Zentrum; 2. eine Mehrheit, bestehend nur aus der deutsch-konservativm Partei und dem Zentrum; 3. eine Mehrheit, bestehend aus den beiden konservativen Parteien und den Nationalliberalen, und 4. eine, die sich aus den Nationalliberalen, den Freisinnigen und dem Zentrum zusammensetzt. Me Hauptrolle wird freilich in den meisten aktuellen Fragen der preußischen Politik die konservativ-klerikale Mehrheit
spielen, und sie dürfte sowohl im Kampfe für etn kon» sesstonelles Schulgesetz, als auch im Kampfe gegen di« Kanalvorlage der Regierung in entscheidender Weise auf den Plan treten.
Politische Übersicht.
Die Landtagswahlcn.
Nach dm nunmehr vorliegenden amtlichen Zählungen haben die Konservativen im Wahlkreise Ober- und Nieoerbarnim die Mehrheit. Somit entfällt hier die Veranlassung zu etwaigen Kompromißverhandlungm zwischen den Freisinnigen und den Sozialdemokraten. Was di« anderen drei Wahlkreise betrifft, wo die Liberalm mtt sozialdemokratischer Hülse siegen könnten (Breslau« Charlottenburg-Teltow, Herford-Halle-Bielefeld), so sind die Aussichten einer Verständigung andauernd gering. Bisher wenigstens ist nichts, erkennbar, was ans die Ansicht schließen ließe, Verhandlungen mit dm Sozialdemo» kratm anzuknüpfen. Einige freisinnige Berliner Mättm reden der Sozialdemokratie eifrig zu, sie möge nicht eigensinnig sein, sondern selbstlos dieReaktion bekämpfen helfen. Aber diese Mahnungen werdm umsonst sein. Die radikale Partei will Mandate habm, sonst streikt sie. Entscheidende Änderungen in der Zusammensetzung des Ab»' geordnetenhauses würden im übrigen so wie so nicht ein-, treten. Man kann deshalb die Sachlage ruhig und^ unbefangen beurteilen, zumal schon jetzt feststeht, daß dis Konservativen auch dann kernen Zuwachs erhalten, also die Mehrheit im Abgeordnetenhaufe nicht erreichen können, wenn sie die streitigm Mandate in den genannten drei Wahlkreisen erobern sollten. Inzwischen verdienen dis Konservativen die Anerkennung einer nicht ungeschickten Taktik. Sie hüten sich sorgfältig, in die Frage, ob es zu einer Verständigung zwischen Liberalismus und Sozialdemokratie kommen könnte, irgmdwie hineinznveden. MK ob es auf Verabredung geschehe, schweigen sich die konservativen Blätter bis zur Stunde, wo wir dies schreiben,' vollständig über die Sache aus. Vielleicht wäre es ganz nützlich, wenn man sich in den beiden anderen Partei, lagern ebenfalls dazu entschließen könnte, das Erfo oder» liche zunächst in vertraulichen Abmachungen zu erledigen» aber hierzu wie überhaupt zu einer Verständigung sehlts wie gesagt, bisher die Neigung, und so spricht einstweilen dis _ überwiegende Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Konservativm den Gewinn davon haben werdm. Darüber kann ja kein Streit sein, daß die Sozialdemokratie den Freisinnigen ein Entgegenkommen unendlich 'erschwert«
Oie Nevolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(29. Fortsetzung.)
„Aber was ist denn nun der Herr Vetter eigentlich?" erkundigte sich Malchm. „Wenn ich's mir gmau überleg', muß er um Ostern herum doch schon seine siebenund- zwartzig Jahre geworden sein, und mit stebmundzwanzig Jahren muß ein richtiger Mensch doch schon irgend etwas bedmten."
„Er hat sich noch keinem' festm Beruf zugewandt, denn er hat sich Zeit damit gönnen könnm. Er wird schon werden, was ihm Spaß macht. Einstweilen ist er ein junger Mann, der einm recht guten Verstand besitzt und der schon recht viel in diesem Lebm gelernt und gesehen hat, jedenfalls mehr, als wir alle msteinander."
„Na, du legst dich ja ordentlich für ihn ins Zeug. Und was heißt: gesehen habm?" piepste Tante Binchm.
„Nun, er wird allerdings schwerlich gesehen habm, was die Frau Landrätin für einm Hut trägt und die Frau Amtsrichter in Mühlbach für einen Shawl. Wer er hat schon viel großes und herrliches geschaut, und weil er's mit Verstand gesehm hat, so hör' ich ihm gerne zu und komm' leicht darüber weg, daß er, wie man so zu sagen beliebt, eigentlich noch nichts ist. Sv ist er dann doch viel- leicht noch etwas mehr, als einer, der schon dm Jungms in der Schule latein'schs Lektionen gibt und daheim Frau und Kind hat."
„Ja ja, es kommt alles darauf an, wie man das Lebm aussaßt", sagte Guskm. „Da kann ich der Angmies allerdings nicht Unrecht geben."
„Ich aber bin neugierig, wie sich der Herr Detter noch entwickelt, und besonders hier in Eigersbusch entwickelt", äußerte sich Dante Malchm und fuhr dann giftig fort: „Wenn's ihm mit keinem anderen Geschäft glückm will, kann er sich ja dran machen, die zwanzig Taler Belohnung zu verdienen, die der Landrat im Kreisblatt für den ausgeschrieben hat, der denVerbreiter von dem revolutionären Lied entdeckt, das neulich in Mühldorf und in der ganzm Umgebung gvad' wie durch Geisterhände verteilt wurde. Es kann einem ordentlich gruselig dabei werden."
„Wir haben auch eins gekriegt", gestand Tante Gus- ken. „Ms wir des Morgens in die Küche kamen, lag's
auf dem Boden. Wahrscheinlich ist's oben durch das Luftloch praktiziert worden. Ich weiß gar nit, wat da Schlimmes dran is. Et wird doch sogar von einem Engel drin gesprochen. Ich hab's mal mitgebracht. Es steckt noch in meinem Beutel."
„Am End' kann's uns der kluge Herr Vetter beim Nachtessen mal erklären, wenn er nix Besseres zu tun hat", meinte Malchm. „Man hat uns geraten, es beim Bürgermeister oder beim Landrat abzugeben, wie es ihrer schon viele getan haben, aber es ist zu viel Lauferei und Protokolliererei dabei. Der Polizeidimer soll übrigens im ganzen Ort herumgelaufm sein und überall nackf- gefragt habm, aber bei uns ist er noch nicht gewesen. Ich mag das Ding gar nicht mehr im Haus habm und so Hab' ich's dir mitgebracht, Angenies. Es ist doch was Interessantes."
Bald daraus bekomm die Möhnm im besten Zimmer den Kaffee aufgetragen, wozu es Kvrintenplatz (ein seines Weißbrots mit Konnten und Rosinen), und Burgerbretzeln gab. Sie waren innerlich sehr befriedigt von dichem Traktament, aber bedmtsamer deuchte ihnen doch der Umstand, daß Agnes in eigner Person den Vetter herbeiholte, damit er an dem Kaffee teilnehme und die Bekanntschaft der Möhnm mache.
Gottfried hatte für gewöhnlich ein gefälliges, ungezwungenes Wesm, 'aber als ihn die Kousine in das Zimmer führte und die Vorstellung besorgte, fühlte er sich ordentlich beklommen den vier grauen Schwestern und ihrm acht spähmdm Augm gegenüber. Er wußte auch nicht recht, was er jagen sollte, als Guskm, nachdem das Vierblatt erst ein Weilchen geschwiegen, mit der Bemerkung die Unterhaltung einleitete, der Herr Vetter gliche seinem Vater, dessen sie sich noch gmau erinnerte, auf ein Haar. Er sei ein schöner Mann gewesm, der Herr vr. Hülskamp.
„Wie kannst du da nur eine Ähnlichkeit finden", bemerkte Malchm vorwurfsvoll, indem sie dm jungen Mann scharf betrachtete. „Der Herr Detter ist doch seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Er hat zum Beispiel ganz genau ihren Mund, der für einen Mannsmund vielleicht was zu klein ist."
„Und ich Hab' die von der Pfortm Pauline noch ganz genau im Sinn und dm Herm Hülskamp selig auch, und ich muß sagen, daß der Herr Vetter akurat keinem von den beidm gleicht", ließ sich Minchm vernehmen und'
klappte energisch dm Deckel chrer Tabaksdose zu, aus der sie eben eine Priese genommen hatte. Dann besann K sich auf das, was sich gehörte und so bot sie Gottfried alsbald eine Priese an, die aus lauter Verzweiflung über die Musterung der alten Damm auch annahm. Des Genusses ungewohnt, kitzelte ihn der Tabak außerordentlich in der Nase und ein heftiger Nießreiz stellte sich ein. Dis Möhnm beobachteten mit Interesse, wie er dagegm ankämpfte und wie sich sein Gesicht verzog, bis er endlich in sein Taschentuch nießte und sich dann die Nase schneutzte. Da neigte sich Tante Binchm, die nebm Agnes saß und« die in ihrer Art eine starke Neigung zu ihrer Nicht« hatte, zu dem Mädchen und flüsterte: „Er ist doch ein schöner junger Mann, Angenieskm."
„Du hast wenigstens Verständnis für chn, Dants Binchm", flüsterte Agnes lächelnd. „Dafür sollst du auch die schönste Burgerbretzel kriegen, die noch da ist. Ich weiß, du hast was für Burgerbretzeln übrig, und diese sind ganz frisch."
„Also später noch ein Nachtessen mit Möhnen"< flüsterte Gottfried nach beendetem Kaffee im Hinausgehen seiner Kousine zu. „Wenn du mal wieder Klappes ein« machst, dann sag' es mir drei Tage früher, damit ich zeitig ausreitzm kann. Dein Vater hat das bessere Tell erwählt."
Herr Manuel ließ sich allerdings während des ganzen Nachmittags nicht blicken, und erst auf dm Abend, als die Möhnm bei ihrem Geschäft wieder eine kleine Paus« machten, um den Rest des Kümpkeszeugs zu vertilgen, und als sie ansingen, von dem damit genossenen Anis schr gesprächig zu werdm, vernahmen sie aus lautm Reden in dem nebm dem Mangelzimmer liegmdm Kvntor- zrmmerchm, daß der Bruder heimgekehrt sei.
„Was er nur hat? Es klingt ja fast, als zanke er sich mit einem", sagte Malchm. In der Tat hörte man jetzt deutlich auf eine andere, sich offenbar verteidigende Stimme das harte Organ des Gärtners antworten: „Ech well nix mehr wetm (wissen), gar mx mie (mehr)! Demagogen und Revoluzzer kann ech nit brukm, un wenn se Hongert (hundert) Johr bei mir gearbeit' haut."
Die andere Stimme machte noch den Versuch einer Gegenvorstellung, doch dann hörte man, wie Herr Manuek hart mit dm Knöcheln seiner Faust auf dm Tisch schttrg und schrie: „Wat ech geseiht han, dat Han ech geseiht, und dat es reiht."
