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«• Jahrg«^«.

^rfchetm in zwei Ausgabe«. — Vezu-S-PrefDr durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch di« Post » Mk. 5« Pfg. vierteljührliq für Mibe Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 87.

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Mp. 535. Verlags-Fernstrecher SR». 2958.

Konntagg den 15. Uovemder.

RebakttonS-Fernsprecher No. 52.

1903.

Eorgen«flMsgabe,

Nach den Mahlen.

Es hat sich beinahe nichts geändert, dies ist der erste und. der bleibende Eindruck, den. rnan vom Ergebnis der preußischen Urwählern erhält. Die Parteien werden im wesentlichen in der alten Stärke zurückkehren. Die Konservativen verlieren einige Mandate, die National­liberalen gewinnen einige Mandate. Vielleicht auch kom­pensieren die Konservativen ihre Verluste wieder durch die Einbußen, die der Freisinnigen Vereinigung drohen, während die Freisinnige Volkspartei kaum eine Schwächung erfahren wird. Aber das alles bedeutet ja nur Kleinigkeiten. Die liberalen Gruppen sind so schwach im Abgeordnetenhause, daß dm weitere Schwächung verhältnismäßig gleichgültig ist, wie auch eine kleine Stärkung verhältnismäßig gleichgültig bleiben würde. Die Konservativen wieder sind so stark, daß nichts darauf ankommt, ob sie vier oder sogar acht oder selbst zehn Mandate weniger als vormals haben sollen oder nicht. Höchstens kann man sich des negativen Erfolges freuen, der damit, daß die Konservativen die absolute Mchrheit des Hauses nicht erreichen konnten, immerhin erzielt worden ist. Denn es konnte ja geschehen, daß sie die zwölf Sitze, die ihnen noch zur absoluten Mchrheit fehlten, jetzt wirklich eroberten. Wer auch nach dieser Richtung hin sollte man sich vor falschen Auffassungen hüten. Eine Situation, in der sich die Regierung ans die Konservativen allein stützen und irgend eine wichtige Vorlage mit ihnen allein gegen das Zentrum und die gesamte Linke durchsetzm möchte, eine solche von Kampfes- wut.erfüllte Situation ist ja gar nicht denkbar. Immer wird es so liegen, daß entweder ein Zusammengehen der Konservativen mit dem Zentrum oder der Konsewativen mit einem Teile der Nationalliberalen die Grundlage sein wird, auf der sich die Regiernngstaktik aufbaut. Beide Möglichkeiten waren im Abgeordnetenhause bisher vorhanden und bleiben auch jetzt vorhanden. Wenn die Konsewativen klug sind, werden sie sich glücklich schätzen, die absolute Mchrheit nicht zu haben, sie wäre ihnen nur eine Last und materiell keinerlei Gewinn.

Also wirklich, es hat sich nichts geändert, zumal das Zentrum in ungebrochener Stärke wiederkchrt. Es wird sich selbst dann nichts ändem, wenn die Sozialdemokratie, was immerhin denkbar ist, einige Mandate im Wege von Kompromissen ertrotzen sollte. Ob es in der Regierung Männer gegeben hat, die einen anderen Wahlausfall er­warteten, wissen wir nicht; dagegen können wir uns vor­stellen, daß es der Regierung willkommen gewesen wäre, wenn ein etwas kräftigeres Kegelschieben erfolgt wäre, wenn es den liberalen Parteien ohne Rücksicht aus das

Lederzeug hätte gelingen können, den Konservativen ein halb Hundert Sitze zu raub>en. Denn was ist die Folge des Wahlaiussalles? Die Regierung könnte nur durch­setzen^ was sie hoffentlich nicht durchsetzen will, eine re­aktionäre Gesetzgebung auf dem Gebiete von Schule und Kirche. Dagegen werden chr nach wie vor die Hände gebunden sein, wenn sie an die Lösung großer Kultur­aufgaben gehen möchte, und man weiß nicht, wie sie mit diesem Abgeordnetenhause die Turchsühwng namentlich der großen Kanalpläne bewerkstelligen könnte. Man muß wahrhaftig poch zufrieden sein, daß die Regierung nicht so reaktionär ist, wie sie sein könnte, ohne einen Konflikt mit dem Abgeordnetenhause befürchten zu müssen.

Die Konservaftven verdanken es dem schlechten preußischen Wahlgesetz, daß sie weich und warm in der Wolle sitzen. Warum sollten sie willens sein, dies Wahl­gesetz ändern zu helfen? Man hat freilich noch nicht gehört, daß die Regierung eine durchgreifende Reform des Wahlgesetzes betreiben werbe, .aber wenn sie es auch möchte, so wird sie damit wohl nicht durchdringen, wohl noch weniger durchdringen als mit ihrer Kanalpolitik. Und so werden selbst diejenigen, die mft ihrem Sanguinis- nnis sonst die schwersten Hindernisse nchmen, resigniert bekennen müssen: Es ist kein Ende abzusehen dieser un­seligen preußischen Zustände, die schlechtweg unerträglich wären, die längst schon zu Explosionen getrieben hätten, wenn der Konservatismus nicht das Glück bätte, daß das von chm gehaßte demokratische Reichswahlrecht als ein Dentft für die unschädliche Entladung von Dolks- stimmung und Volkswillen innerhalb Preußens wirkte. Jawohl, der Konservatismus ist mächtig in Preußen, und wer es leuanet, der betrügt sich selbst und hat von dem Betrüge nichts weiter, als daß er sich um die Fähig­keit bringt, diese Macht in ihren gefährlichsten Triebfedern zu erkennen.

Toleranz

Duldung abweichender Anschauung auf dem Gebiete des Glaubenslebeus, d. h. auf religiösem, politischem oder künstlerischem Gebiete, kann auf doppelte Art geübt werden. Entweder ist diese Duldung ein bloßes Gehen- lassen, ein Nichthindern, dann kann man sie Duldung im negativen Sinne nennen, oder diese Duldung schließt in sich eine positive Anerkennung der abweichenden Anschau­ung als einer gleichberechtigten, wenn auch vom eigenen Standpunkte aus irrtümlichen, dies wäre Duldung in einem positiven Sinne. Jene erste stellt sich ein, wenn man selbst auf dem betreffenden Gebiet keinen eigen­ständigen Glauben hat; wenn man deshalb nicht begreift, warum man Leuten, die einen solchen Glauben haben, der untereinander abweicht, das Vergnügen nicht gönnen solle, auf eigene Fasson, ohne äußere Belästigung des­

halb, „selig zu werden". Diese Toleranz ist also verhält- nismäßig leicht, weil sie keine Selbstverlcijgnung fordert; sie ist der Ausfluß politischer Klugheit auf Grund einer gewissen Glaubcnstndiffcrenz, beruht auf innerer Gleich­gültigkeit gegen fremden Glauben. Die positive Toleranz ist dagegen ein nie ganz zu verwirklichendes Ideal, das immer nur als eine Art Richtschnur für unser Verhalte« anderer Glaubensbetätigung gegenüber dient: ähnlich wie das Ideal der allgemeine» Nächstenliebe oder des ewigen Friedens. Denn diese positive Toleranz verlangt' etwas für den natürlichen Menschen zunächst Wider­spruchsvolles. Ich, der ich einen eigenen Glaube« auf einem Gebiete habe, soll dem abweichenden, de« ich doch für irrtümlich halten muß, die gleiche Existenzberechtigung wie dem eigenen Anerkennen und mein Verhalten darnach ihm gegenüber einrichten, obwohl doch der fremde Glaube, je ernster er es nimmt, seinerseits dem nretntgen die Lebenslust einschränkt! Zunächst ist doch der wirklich ernste Glaube, der nicht bloß Meinung ist, unbedingt intolerant, ö. h. er muß sich zunächst für maßgebend, für allein berechtigt halten. Wie soll ich dazu kommen, mich hierin einzuschränken durch jene Toleranz? Gerade die Füfle des eigenen Glaubens erschwert dies um so mehr, je mehr ich sie immer von neuem erlebe. Erst von dem Moment an, wo ich nicht nur diese Fülle erlebe, sondern etwas anderes dazu, erst dann ist Toleranz, in den ersten Anfängen zunächst, überhaupt mir faßbar. Was ist dies Neue? Kurz ist es dies, daß ich im Verlaufe meiner Glaubensbetätigung unzweifelhaft die Vervollkomm- nungsfähigkeit, d. h. die momentane Unvollkommenheit des eigenen Glaubens erfahre, so daß ich mir sagen muß, wie Paulus: nicht, daß ich's schon ergriffen hätte! Erst dann, wenn ich der menschlichen Bedingtheit, der Endlich­keit des eigenen Glaubens, d. h. seiner Menschlichkeit, gewiß werde, erst dann kann ich überhaupt erst ahnen, was eigentlich Toleranz sei und wie echt im ganze« menschlichen Dasein begründet ihre schwere Forderung. Des eigenen Glaubens gewiß sein, bei voller Erfahrung seiner tatsächlichen Unabgeschlossenheit, diese gerade für den Tätigen nicht leichte Erfahrung erst läßt «ftch die Tvleranzforderung anderen gegenüber, die in ähnlicher Lage sich befinden könnten, aus meinem eigenen Zu­stande begreifen. Es ist alsdann nur der Ausdruck meines eigenen Strebcns nach immer tieferer Erfassung meines Glaubens, wenn ich den fremden als existenzberechtigt anerkenne, ohne ihn teilen zu können. Dann aber ist wirklich erstrebte Toleranz auch zugleich einer der stärkste« Erweise der Sicherheit, die ich selbst in meinem Glauben fühle, wenn ich auch diesen selbst nie für ganz fertig hal­ten darf. Deshalb ist auch Intoleranz, gerade je schärfer sie auftritt, stets der Erweis, daß das eigene Glaubens­leben noch nicht die Sicherheit hat, die es bei aller Un­fertigkeit doch haben müßte, wenn es wirklich lebendige Kraft sein soll. Dann soll die Schärfe,, mit der auf die Vernichtung fremden Glaubens hingearbeitet wird, die

Feuilleton.

Berliner Stimmungsbilder.

Von Paul Lindenbcrg.

Die Erkrankung des Kaisers. — Gute Nachrichten. — Five

0 clock-teas und deren Premiere. — Hoffnungen und Befürch­tungen. — „Es war einmal". — Ludwig Pietschs Berliner Er­innerungen. — Aus unserem Kunst- und Theaterleben.

Die unerwartete Nachricht von dem operativen Ein-

zriff, dem sich der Kaiser unterziehen mußte, rief auch hier, wie überall, allgemeinste Erregung hervor, die sich :rst nach der Veröffentlichung weiterer Bulletins legte. Letztere waren so klar und beruhigend abgefaßt, daß auch die ärgsten Schwarzseher mit ihren düsteren Prophe­zeiungen schachmatt gesetzt wurden, zumal man von den verschiedensten arideren Seiten hörte, daß die gleiche Operation recht häufig und ohne weitere Folgen vor­genommen wird, hat sich doch derselben unter anderem oor einiger Zeit einer unserer ersten hiesigen Opern­sänger unterworfen, der trotzdem seines „Basses Grund­gewalt" mit ungeschwächter Kraft ertönen läßt. Jene erwähnten Bulletins zeigten übrigens zu aller Genug­tuung, welch hoher Achtung sich unser ärztlicher Stand erfreut: gegenüber den bestimmt und sachgemäß abge- saßten Erklärungen der den Kaiser behandelnden Arzte gab's kein Drehen und Deuteln mehr, die so peinlichen Erörterungen wie zu Zeiten von Sir Mackenzies Gna­den blieben uns erspart, und man hofft innig, daß zu Ähnlichem nie Veranlassung vorliegen mag.

Eine andere „Engländerei" fand dagegen vor kurzem bei uns Nachahmung: die Veranstaltung öffent-

1 i ch tz r „t i v e o ’ c 1 o c k -1 e a s", zu denen jeder gegen einen mäßigen Betrag, welcher zu wohltätigen Zwecken bestimmt ist, Zutritt hat. Eine sehr hübsche Idee, welche bei ihrer „Premiere" auch eine sehr hübsche Ver­wirklichung zeigte. Der kleine Saal des „Kaiserhofes" war gedrückt voll, eine Fülle schöner und eleganter Damen, unter ihnen die anmutigsten Vertreterinnen unserer Theater, waren erschienen, daneben eine große Zahl von Offizieren, ferner die jüngeren Herren der Gesandtschaften und Ministerien, auch verschiedene Künst­

ler und Finanzleute, tatsächlich ein weltstädtisches Bild, das sich in fesselnden und abwechselnden Szenen bei lustigen Musikklängen entrollte. Die Anwesenheit der zierlichen Frau Erbprinzessin zu Wied, der Tochter des Königs von Württemberg, sowie mehrerer der schönsten Blüten unserer Aristokratie gab dem Ganzen einen be­sonders vornehmen Anstrich, was freilich nicht hinderte, daß gehörig „geflirtet" wurde, dies zu eigenem Besten! Erfreulicherweise sah man bei dieser Gelegenheit kost­bare, gewählte Toiletten, an denen sonst in Berlin kein besonderer Überfluß herrscht, namentlich trugen unsere Künstlerinnen die jüngsten Schöpfungen der launischesten aller Göttinnen zur Schau und heimsten dafür manch Wort der Bewunderung seitens der Herren, aber auch manch neidischen Blick der übrigen Evaschwestern ein. Und gerad' letzteres ist ein Punkt, der befürchten läßt, daß diese ansprechende Neuheit in unserem geselligen Leben, daß diese Nachmittags-Tees bald wieder verschwinden oder zum mindesten einen anderen Charakter annehmen werden. Zu stark ausgeprägt ist bei uns die Abschließung bestimmter gesellschaftlicher Schichten, zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen das ewige Rückstchtnehmen aus sogenannte Pflichten der sozialen Stellung der einzelnen, als daß auf die Dauer eine Verschmelzung der verschie­denen, hier in Betracht stehenden Kreise, sei es auch auf völlig neutralem Boden, stattfinden wird. Einmal, zwei­mal, gut, namentlich wenn es sich um Wohltätigkeit han­delt, aber öfter und wohl gar regelmäßig — nein, meine Liebe, das könnte doch zu Annäherungen und wohl gar zu Vertraulichkeiten führen, die durchaus nicht erwünscht sind! Und eines kommt noch dazu: Berlin ist doch weit mehr eine Stadt der Arbeit als des Vergnügens, ferner sind unsere Frauen der Mehrzahl nach zu unselbständig, als daß sie gern ohne ihre Männer, die meist bis zun: Abend durch ihren Beruf gebunden sind, etwas unter­nehmen. Ganz anders in Paris und London, wo die Frauen ihre eigenen Wege — es sollen zuweilen nicht die besten sein! — wandeln und diese Nachmittags-Tees dazu benutzen, sich über alles Mögliche und Unmögliche aus­zuplaudern. Es scheint denn auch, daß jene recht be­halten sollen, welche den Zusammenkünften im „Kaiser­hof" kein langes Leben voraussagten: der erste Tee war von 600, der zweite von 100, der dritte von 26 Personen

besucht, und unter letzteren werden sich kaum Ihre Kgl. Hoheit die Erbprinzcssin zu Wied, die holde Gräfin Beroldingen, die exzellente Ministerfrau Studt befunden haben — „es war einmal" dürfte es bald auch hier wie bei anderen ähnlichen Gelegenheiten, welche eine Auf­frischung unseres geselligen Lebens versprochen hatten, lauten.

Nun, mag auch dies und jenes noch am weltstädtischen Gewände unserer Berolina verbesserungsfähtg sein, das beeinträchtigt nicht das stolze Gefühl auf die Größe und Schönheit unserer Stadt, die so schnell und geschickt das einstige Aschenbrödelkleid abstreifte, um jetzt sich auch die Anerkennung und Bewunderung jener zu erringen, die aus irgendwelchen Gründen nur höchst widerwillig das Lsb Spree-Athens anstimmen, aber doch zu ehrlich sind, um nicht ihrer Meinung offenen Ausdruck zu geben. Berlins zielbewnßtes Emporringen kann man so recht ermessen, wenn man gelegentlich die Augen rückwärts wendet und schaut, wie es früher hier ausgesehen — und dies „früher" braucht nicht etwa Jahrhunderte, sondern bloß ein paar Jahrzehnte zurückzuliegen. In dem so­eben im Allgemeinen Verein für deutsche Literatur er­schienenen Buche: „Aus der Heimat und der Fremde" schildert uns Ludwig Pietsch — der Berufenste unter den Berufenen, aus Berlins Flegeljahren zu erzählen — seine Erlebnisse als junger Akademiker und gibt uns da­mit ein Kulturbild von anziehendem Reiz und litcra- rischem Wert, wie wir deren wenige besitzen. Längst- verschwundenes, Halbvergessenes entsteht aufs neue in scharfgezeichncten Umrissen vor uns, wenn wir diese Blätter lesen, die uns mit liebevollem Eingehen auf Menschen und Dinge in beredter Weise von den Hoff­nungen und Erwartungen des Sechzehnjährigen be­richten, der im April 1841 nach Berlin gekommen, um die Kunstakademie zu besuchen und mit möglichster Fixig­keit ein großer Künstler zu werden. Daß dies nicht er­folgte, daß Pietsch später einer der Unseren ward, wir vom literarischen Beruf haben dies wahrlich am wenigsten zu bedauern und freuen uns auf das innigste, den bald Neunundsiebzigjährigen so rüstig und schaffensfroh in unserer Mitte zu wissen. Jene Zeit, von der Pietsch plaudert, war ja eine so viewerhcißenöe für unser Vater­land, für das kurz nach der Thronbesteigung Friedrich