1 . Beilage zum Mestmüener Tagklatt.
Uo. 535. Worgen-Ausgaöe.
Sonntag, den 15. November.
81. Dal)rgang. 1903.
Wer im Großen siegen will.
Sei im Kleinen fleißig.
Von der Eins komnit man zur Drei,
Bon der Drei zur Dreißig.
E. M. Arndt.
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(51. Fortsetzung.)
Eva Leoni.
Roman von Marie Bernhard.
„Ja, was gibt'Sl Die gnäd'gen Herrschaften ent- sinnen sich vielleicht noch auf den Brief, — den Brief, der vor ein paar Wochen oder so herum angekommen ist" —
„Gewiß!" fiel ich ein. „Ein Doktor Langenfeldt aus Zürich hatte ihn geschrieben, — ist er denn unerwartet angekommen?"
„Das schon, gnädig Fräul'n, aber das war' immer noch das wenigste, wo ich zugesagt Hab', die Stuben herzugeben, und wo man in einem Gasthaus immer d'rauf aus sein muß, Gast' zu empfangen" ....
„Nun also! Ist er so sonderbar in seinem Wesen? Ist er vielleicht krank?"
„Er! Immer er? Das • ist's ja eben!" Herr Stölzel hob sich aus die Fußspitzen empor, um zu Vernons Höhe hinanzureichon, und sagle ihm mit hörbarem Flüsterton ins Ohr: „'s ist eben gar kein Mann, — gar rein Er, — 's ist ein Frauenzimmer!"
Vernon sah etwas verdutzt aus, ich prallte ganz er- schrocken Drück, und unser Wirt weidete sich ersichtlich an unserer Überraschung.
„Da! Wie Sie's auch staunen macht! Kein Wunder ist's freilich! Steh' ich da vor gut zwer Stunden, nichts ahnend, nichts denkend, an dem schönen Sommertag hier auf diesem selbigen Fleck und freu' mich am warmen Wetter und schau' mir den Groß-Glockner an, wie er so kühl daliegt, mit seiner dunklen Tannenwucht und seinen Schneesprtzen, .... kommt ein Fuhrwesen da herauf zu klingeln, eines von unsere Gebirgswägele, hält hier au, — steigt eine junge Frauensperson heraus, kommt daher, stellt sich neb-en mich und fragt: „Herr Stölzel?" Hab' die Ehr', erwider' ich und schau sie mir an: bissel kurz angezogen, so g'rad eben blos das, was sein muß, mchts d'rüber, und die Haar' kurz geschoren und ein' Kravatten, wie ein Mannsbild, und auch so Hemdkragen, und 's Hüterl, ebenfalls wie die Buben es tragen, — aber sonst strack und frisch und so rot und weiß, wie an Apferl. — Womit ich dienen kann? frag' ich weiter, — ~ ^ sie Ihnen so flüchtig zwei Finger an das
Bubenhuterl, wie's die Militärischen tun, und sagt- „Doktor Langenfeldt aus Zürich", und wie ich sie groß anschau, fragt sie: „Mein Zimmer parat?" und wie ich halb nn Traum „ja" sag' und weis' wo hinaus es liegt macht sie kurz Kehrt, gibt dem Kutscher einen Wink, das schmächtige Köfferle abzuladen, — und dahin ist sie' Jetzt ist mein Zimmermädel d'rin gewesen, ibr zu sagen, wo und wann g'speist würd', und ob es ihr helfen könnt' beim Ausladen: wär' alles schon geschehen, hat es ge- heißen, und Bücher und Hefter die Meng' hat's auf'm
Tisch zu schauen geben. — Nun sagen mir der Herr Vernon, der so viel die Welt kennt, nur eins: ist das wahr, daß so Dainen daher kommen aus Rußland, und gar aus Deutschland und setzen sich fest an Universitäten und hören Kolleg, wie die Herren Studenten, machen ihr richtiges Doktor-Examen, kriegen chreii richtigen Doktorhut und können auf Maxis gehen und Leut' kurieren und sich Arzt nennen, g'rad' so, wie da unser Herr Doktor Wörler und die anderen von der Fakultät?"
„Ganz gewiß, mein lieber Stölzel, — und solch' einen weiblichen Doktor der Medizin haben Sie jetzt ohne Zweifel unter Ihrem Dach!"
„Daß Dich!! Und der Herr Vernon meinen, —" das folgende sollte wieder geflüstert sein, ich verstand es aber deutlich, — „daß das ein wirkliches, richtiges Frauenzimmer ist?"
„Slber, bester Stölzel, welch eine Frage! Warum soll eine strebsame und kluge Dame auf manchem Gebiet nicht dasselbe leisten, wie mancher Mann?"
„Und ein eben solch' schweres Examen hat sie zu bestehen, wie die Herren Studenten? Ganz ebenso schwer?"
„Aber ohne alle Frage! Mir scheint, ich muß Ihnen erst Achtung vor dem weiblichen Geiste beibringen, guter Freund! Meinen Sie, die Frauen wären nur zum Suppenkochen und Strünrpfestopfen auf der Welt?"
Herr Stölzel war noch nicht überzeugt.
„Das beileibe nicht! Sie sollen auch brav nach ihrem Mann und ihrem Hausstand sehen und die Kinder hüten, -7 auch mal ein Liedel singen oder ein Stückerl spielen, wie's die Fräul'n Eva so gar schön kann. Das g'hört sich für Damen! Aber ein Frauensbild mit dem Doktorhut!!
— Und wenn ich gar mir vorstell', daß es Wunden sezieren und Knochen brechen soll, wie ich's unfern Doktor Wörler Hab' tun sehen .. . alle Heiligen!"
. Hier kam Sepp aus dem Hause und rief uns zum Mittagessen, das wir seit längerer Zeit gemeinsam in dem kleinen, kühlen Salon einnahmen.
„Das Fräulein Doktor sind schon drunten!" berichtete Sepp mit bedeutsamem Blick.
„Für mich ist dies die Zeit der Überraschungen, — finden Sie nicht?" raunte Vernon mir zu, während wir die Schwelle des Speisezimmers überschritten. „Zuersl nehme ich eine junge Dame rmd zukünftige Künsflerin für ein Kind, nenne sie du und trage sie auf meinen Arm-en,
— und jetzt entpuppt sich unser Hausgenosse Doktor Langenfeldt, in dem Sie wohl mit Recht einen Anbeter witterten und ich voller Angst einen Nebenbuhler um Ihre Gunst sah, die mir bisher notgedrungen, aus Mangel an anderen Herren, allein gchörte, als ein weiblicher Arzt!"
Ich hatte kerne Zeit mehr, auf die malitiöse Bemer- kung wegen seiner Angst vor dem Nebenbuhler zu ant- warten und konnte nur einen fMfenden Blick in die Augen tun, die, mit den Lippen um die Wette, von allen Teufelchcn der S-Pottlust umspielt wurden, — denn jetzt waren wir dicht am Speisetisch, wo meine Hannah. Frau Stölzel und deren ältestes Kind, ein elfjähriges Mädchen, bereits samt der neuen Hausgenossin Platz genommen hatten.
Das „Fräulein Doktor" war von mittlerer Größe, sehr kräftig gebaut, mit breiten Schultern, gewölbter Brust und muskulösen Händen, die aussahen, als hätten
sie sich viel mit Turnübungen und Hanteln zu tun macht. Den Kopf mit der breiten, intelligenten Stirn bedeckte kurzgeschorenes, dunkelblondes Haar, das ohne Scheitel oder Löckchen, wie nach der Schnur abrasiert, rundum lief, — die Gesichtsfarbe war sehr frisch, weiß und rot und jedenfalls sehr gesund, die Äugen hellgrau und nicht groß, von scharfem, nüchternem Ausdruck. Eins gerade Nase und frische Lippen mit gesunden Zähnen machte das noch jungendliche Gesicht entschieden gut aus- seh-en-d: ich dachte mir in aller Eile die Haartracht anders und ein paar Toilettendetails dazu unb kam zu der Überzeugung, daß der weibliche Doktor dann ein hübsches Mädchen wäre, während jetzt alles dazu getan War, um es nicht zu diesem Eindruck kommen zu lassen. Denn der graue, aus ziemlich derbem, ivetterfesten Wollenstoff gefertigte Anzug war von einer Schlichtheit des Schnittes, die meinen in dieser Beziehung verwöhnten Augen schier unfaßlich war. Jeden Ausputzes und gefälligen Zierrates bar, legte sich dies Kleid mit äußerster Knappheit um die Glieder, schloß am Halse mit einem kleinen weißen Kragen und einer geknüpften Herr-enkravatte ab und würde auch dem eifrigsten Forscherblick nicht eine einzige überflüssige Kleinigkeit an diesem exemplarisch praktischen Kosüim verraten haben.
Hannah schien gerade etwas gesagt zu haben, als wir eintraten: die neue Hausgenossin erhob sich ein klein wenig von ihrem Sitz, ließ sich aber gleich wieder zurückfallen und sagte mit einer fydlen, absolut dialektfreien Stimme:
„Das -also ist Eva Leoni und das Herr Vernon! —- Doktor Langenfeldt! Ich kann die allgemein übliche, ver- rückte Redensart natürlich nicht leisten: daß ich mich nämlich glücklich schätze, Ihre Bekanntschaft zu machen, —- weil ich mir einbilde, daß Sie mit meinem sogenannten Glück absolut nichts zu schaffen haben!"
Auf mich wirkte diese Anrede verblüffend, aber Vernon sagte trocken: „Das glaube ich auch!" mg einen Stuhl für mich herbei und goß mein Glas halb voll Wein, halb voll Wasser, wie ich es gewöhnt war.
Mein vis-ä-vis musterte mich sehr ungeniert und anhaltend mit den Hellen, nüchternen Augen; mich ärgerte das, ich fühlte, daß ich errötete, ärgerte mich darüber noch mehr und wurde noch röter.
„Frau Berftam sagte mir. Sie wären krank gewesen", sagte Doktor Langenfeldt, „davon ist keine Sur mehr zu sehen. Sie haben ein durchaus ftisches, blühendes Gesicht. Was tun Sie noch länger hier oben?"
Ich dachte bei mir, daß das sie nichts anginge, errt- :egnete aber höflich, daß Doktor Wörler mein Bleibe» is in den Herbst hinein für notwendig hielte.
„Doktor Wörler? Ach so, der Arzt in Sankt Johanni Ich weiß nickst, ob er etwas taugt oder ob er ein gewöhnlicher Quacksalber ist. Man kann ja unmögttch alls Kollegen keimen." ,
Ich hielt es für meine Pflicht, zu erwidern, er sei ein vorttefflicher Arzt, und alle Menschen in der Umgegend hielten ihn dafür.
„Nun, das mag sein, aber jedenfaÜs verstehen Sis doch gar nichts davon und sprechen nur nach, was Sie hören!"
(Fortsetzung folgt.)
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