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Berlags-Fernsprecher N». 2958.

Freitag» den 13. Uovemder.

Rcdaktions.Fernsprecher N». 52 .

1SV3.

Blorgen^Aiisgahe.

Wohnungsfrage und Hausbesitzer.

Die Wohnungsfrage, richtiger deren Lösung durch Beschaffung von billigen und gesunden Wohnungen für die minderbemittelte Klasse, hat heute bereits einen Um­fang und eine Bedeutung gewonnen, der sich niemand mehr verschließen kann. Staat, Land und Kommunen wirken durch Gesetze und Verordnungen, durch Darlehen und Beschaffung von Kapital, durch Bau von Miethäusern, weitgehende Unterstützung an gemeinnützige Bauvereine usw., — in den großen Zeitungen bildet die Wohnungs­frage fast allerorts eine ständige Rubrik, und überall, wo Männer zu sozialpolitischem oder sanitärem Beraten zu- sammentreten, bei Kongressen gemeinnütziger Vereine, auf Städtetagen, bei Arzteversammlungen usw., bildet die Erörterung der Wohnungsfrage einen Hauptpunkt der Tagesordnung.

So wenig nun geleugnet werden kann, von welch ungeheurem Nutzen und Vorteil die Verbesserung der Woynungszustünde, bczw. die Herstellung von billigen und g e s u n d e n kleinen Wohnungen für das Volkswvhl, für die ganzen sozialpolitischen und gesundheitlichen Ver­hältnisse des Staates ist.^so sehr ist es zu bedauern, daß auch heute noch e i n Stand sich gegen alles, was in der Frage unternommen wird, mit aller Feindseligkeit kehrt und in allen den von Staat, Land, Kommunen oder Privat-Unternehmungen getanen Schritten eine gegen seine Existenz gerichtete Spitze sicht. Es ist dies der Stand der Hausbesitzer. Bei jeder Gelegenheit, in Wort und Schrift, protestieren Hausbesitzer, d. h. Besitzer von Miethäusern und deren offizielle Organe, die zahllosen Hausbcsitzcrvercine, gegen Wohnungsgesetze und -Ver­ordnungen, gegen Unterstützungen und Begünstigungen gemeinnütziger Bauvereine, allerorts leugnen sie Woh­nungsnot und schlechte Beschaffenheit von Wohnungen und das öffentliche Interesse daran überhaupt, und wo es geschehen kann, verhindern sie, daß Kommunen den Bau von gesunden und billigen kleinen Wohnungen in irgend einer Weise erleichtern oder unterstützen.

Da nun fast in allen Städten die Zahl der Stadtver­ordneten mehr als zur Hälfte aus solchen Hausbesitzern besteht, so ist dieser Standpunkt in sozialpolitischer Be­ziehung nicht zu unterschätzen und wenigstens in Grund- zügen einer kurzen Erörterung wert — wenn man auch „im Hause des Gehenkten nicht vom Galgen sprechen" soll.

Der Hauptgrund, durch welchen das Verhalten der Hausbesitzer bestimmt wird, liegt in dem nativnalökono- urischen Gesetze über Angebot und Nachfrage, d. h., der Hausbesitzer fürchtet das Fallen seiner Häuserrente bei größerem Angebot von Wohnungen.

Es ist nun richtig, daß bei größerem Angebot einer Ware diese selbst im Preise fällt — jedoch vorausgesetzt, daß sich die Nachfrage gleich bleibt: wächst auch letzteres

so findet stets der Ausgleich statt, und gerade dieser Punkt wird von den Hausbesitzern nicht richttg gewürdigt. Tat­sächlich geht die illachfrage nach Wohnungen, insbesondere nach kleinen Wohnungen, in fast allen größeren Städten des Deutschen Reichs Hand in Hand mit der gewaltigen und rapiden Zunahme der Bevölkerung, welche diese Städte in den letzten Dezennien zumeist vom Lande her- erfahren haben. Diese Nachfrage hatte denn auch eine Wohnungsnot und eine beträchtliche Steigerung der Miet­preise zur Folge und entwickelte, da der Mietpreis den Bodenpreis bestimmt, eine blühende Boden- und Häuser­spekulation, welche ja leider auch in Wiesbaden so ge­waltige Dimensionen erreicht hat.

Danach wurde der Häuserbesitz die Quelle eines ein­träglichen Einkommens, das mit dem Kapitals- oder An­kaufswert derselben oft in gar keinem Verhältnisse steht, die schlechtesten und nngesündestcn Räumlichkeiten fanden ihre Mieter, jeder Anlaß, insbesondere die neueren Grundsteuer-Verordnungen verursachten abermals Miet- ziusstcigcrungen, und heute gähnt, in Wiesbaden mehr als wo anders, zwischen den durchschnittlichen Mietpreisen für kleine Wohnungen und dem durchschnittlichen Ein­kommen des minderbemittelten Mieters eine Kluft, welche unüberbrückbar erscheint. Denn ist auch die Woh­nungsnot durch den Bau zahlreicher kleiner Wohnungen zum großen Teile allerorts eingedämmt, so sind die hohen Mietpreise überall stationär geblieben, und spricht man heute von Wohnungsnot, so bildet deren Kern nur mehr die fiir den Minderbemittelten im allgemeinen fast uner- schivingliche Höhe der Wohnungsmiete. Bei einem Tag- lvhn von 3 M. 50 Pf. und dem Jahreseinkommen von 1050 M. soll der Minderbemittelte nicht mehr als den fünften Teil seines Einkommens, somit nicht mehr als jährlich 210 All. für Mietzins ausgeben! Wo findet er z. B. in ganz Wiesbaden eine gesunde Wohnung von drei, ,ja auch nur von zwei Räumen um diesen Preis!?

Die Folge davon ist, daß ungesunde Keller- und Mansardenwohnungen gemietet werden oder daß der Hausbesitzer die so beklagenswerten Mietausfälle zu ge­wärtigen hat. Daß crsteres von jedem Standpunkte aus zu verurteilen ist, bedarf keiner Ausführung, in letzterer Beziehung aber erklärte doch ein Hausbesitzer vor nicht langer Zeit in öffentlicher Besprechung selbst, daß „Miet­ausfälle bei kleinen Wohnungen erschreckend sind", und daß „gerade die kleinen Wohnungen die meisten Auf­wendungen und Unterhaltungskosten verlangen."

Ist schon nach diesen Worten nicht einzusehen, warum die Hausbesitzer den gemeinnützigen Bau von kleinen und gesunden Wohnungen verhindern wollen, so sehen wir, daß die Nachfrage nach solchen Wohnungen stets im Wach­sen begriffen ist, das Angebot jedoch fast ausschließlich nur teure, kleine Wohnungen „auf den Markt wirft", deren hohen Mietzins diejenigen, für die solche Woh­nungen eigentlich bestimmt sind, einfach nicht bezahlen können. Nehmen wir nun an, cs werden in einer Stadt

von 100 000 Einwohnern plötzlich 100 bis 200 kleine und billige, aber gesunde Wohnungen für die minderbemittelte Klasse hergestellt, so ivird dieses Ereignis wahrscheinlich eine teilweise Entvölkerung der Keller- und Mansarden­wohnungen zur wohltätigen Folge haben — eine ziel- bewußte Stadtvertretung wird dies am allerwenigsten beklagen können —, im weiteren werden diese Wohnungen von Leuten bezogen, die bisher aus Ersparungsrücksich­ten außerhalb des Stadtgebietes gewohnt haben, und endlich von Leuten, die als Unbemittelte für den Haus» besitzer ohnehin nicht wünschenswerte Mieter sind. Eine andere Konkurrenz ist schon aus dem Grunde ausge» schlossen, weil solche Wohnungen kaum die Ausstattung, wie sie heute in modernen Häusern geboten wirb, haben können, und weil sie wegen der hohen Bodenpreise weit entfernt vom Zentrum der Stadt gelegen sein werden. Tatsächlich hat denn auch nirgends und nimmer die Er­stellung von kleinen und billigen Wohnungen für die minderbemittelte Klasse — in welcher Zahl immer (in Frankfurt a. M. waren es beispielsweise über drei­tausend) einen Sturz in den Mietpreisen zur Folge ge- habt.

Das nicht nur negative, sondern offen feindselige Verhalten der Hausbesitzer und ihrer Vereine gegen all« Unternehmungen und Begünstigungen, welche der min- dcrbemittelten Klasse ein besseres Wohnen und damit eine günstigere Existenz verschaffen will, scheint also nach alledem nur auf falschen Prämissen oder auf falscher Be­lehrung zu beruhen. Unzählig sind die Städte, welche gemeinnützigen Bauunternehmungen die weitgehendste, nicht nur moralische, sondern auch materielle Hülfe an- gedeihen lassen, trotzdem auch dort unter den Stadtver­ordneten mehr als die Hälfte, ja, oft zwei Dritteile HauS- besitzer sind. Wir müssen nun fragen: Warum steht Wiesbaden da nicht nur nicht an der Spitze, sondern weit zurück im tiefsten Schatten? Und es weiß doch jeder, der sich für die Wohnungsfrage interessiert und mit der minderbemittelten Klasse in Berührung steht, daß kleine, billige und gesunde Wohnungen gerade in Wiesbaden schon seit Jahre« eine schreiende Notwendigkeit sind!

Haben die Stimmen einzelner eine solche Macht oder ist sich weder StadtveDsiWftisig noch Bevölkerung darüber klar, daß jede ungesunde Wohnung einen Herd bedeutet für Krankheit, Unzufriedenheit und Elend? Caveant consules! H.

Herren und Diener.

Die vor kurzem im Verlag von Friedrich Burkhardt in Berlin erschienene Flugschrift eines mittleren Beamten über „Beamtentum und Sozialdemokratie" hat anschei- nend weiteren Kreisen die Augen geöffnet über unheil­volle Mißstände, die sich bei unseren Verwaltungsbehör­den eingebürgert haben. Den Beam-ten-Fachzeitschrifter, ist es trotz unermüdlicher Bestrebungen seither leider

FrmLrton.

Musikalische Fukunftsblicke.

Im Jahre 1883 trug die Welt den großen Meister von Bayreuth zu Grabe. Drei Jahre später folgte ihm der greise Abbck Franz Liszt nach, und trauernd, mit zagen­den Gefühlen sah das künstlerische Deutschland die beiden Heroen ins Jenseits scheiden. Groß war allerdings die Zahl der Jünger, die sich vor allem um den Vayreuther Meister geschart hatte. Diese wackeren Kämpen, die sich ans allen deutschsprechenden Gauen zusammensanden, waren entschlossen, den Kamps für die großen Ideen des Meisters mit aller Kraft fvrtzuführen. Nun, zu wirk­lichem Streite kam es kaum mehr. Schneller, als es jemand geahnt hatte, bahnten sich die Schöpfungen des großen Reformators ihren Weg überall dahin, wo man für künstlerischen Forffchritt Augen und Ohren hatte.

Nicht so bald gelang es Franz Liszt, seinen reformato- rischen Ideen Geltung zu verschaffen. Wir Modernen verehren in dem weißhaarigen Abb6 mit dem frommen Kindergemüt den Schöpfer der fortschrittlichen sinfonischen Dichtung. Ein Richard Strauß und mit ihm die ganze aufstrebende Moderne wäre ohne Liszt gar nicht denkbar. Er gab, von der richtigen Ansicht durchdrungen, daß nicht me Form, sondern die dichterische Idee das Wesen eines sinfonischen Tonstückes ausmache, den Anstoß zu der gro­ßen Umwälzung auf dem Gebiete der sinfonischen Musik, me heute noch längst nicht zum klärenden Abschlüsse ge­langt ist. Nur wenige waren es zunächst, die die Finger­zeige Liszts verstanden, die für ihn begeisterte Propaganda machten, und die vor allen Dingen die Fähigkeiten be­saßen, den reichen Schatz der Lisztschen Tondichtungen in der richtigen, erschöpfenden Weise der Kunstwclt vorzu- fichren. Durch eine heftig arbeitende Gegnerschaft becin- flußt, beachtete das große Publikum die Schöpfungen Liszts kaum, zumal es sich nach den wenigen, meist herz- nch schlechten Wiedergaben derselben kein rechtes Bild von dem eigentlichen Werte dieser Kunst machen konnte.

Es fehlte leider an geeigneten Dirigenten und an

Orchestern, die den neuartigen Schwierigkeiten gewachsen waren. Liszt wurde so ziemlich durchgängig als instru­mentaler Lärmmacher, als ein poesie- und geistloser, nur mit äußerlichen Mitteln arbeitender ,1l)rchesterschretber" verurteilt. Erst seit den letzten 10 Jahren datiert der Umschwung. Die in Liszts Ideen grotzgewachsenen Jünger nahmen sich der Werke ihres Meisters an und brachten sie zur Aufführung, so, wie dieselben gedacht waren. Die inzwischen enorm gesteigerte Leistungs­fähigkeit unserer großen Sinfonie-Orchester ermöglichte jetzt gleichfalls eine ganz andere Wiedergabe in technischer Hinsicht, und staunend fragte man sich, wie aus diesen ver­pönten Lärmstücken von früher nunmehr farben- sprühcnöe, glutvolle Tonbilder wurden.

So stehen die beiden verwandten Geistesheroen in unserer Zeit als unbestrittene Sieger da: Richard Wag­ner als Schöpfer des Musikdramas, Franz Liszt als Be­gründer der modernen sinfonischen Dichtung. Ein Unter­schied, und zwar ein gewaltiger, zeigt sich in dem Schaffen der beiden Tondichter allerdings. Während Wagner die von ihm angebahnten künstlerischen Tendenzen bis zur äußersten Konsequenz durchführte und kraft seines jeden Widerstand zwingenden Genies das Musikdrama zur höchsten, geradezu abschließenden Vollendung führte, blieb Liszt auf halbem Wege stehen. Die rücksichtslose Über­zeugung, das zielbewußte Vorwärtsdringen ging ihm ab. Vielleicht auch durch die eklatanten Mißerfolge irre ge­macht, wagte er es nicht, den einmal eingeschlagenen Pfad über eine gewisse Grenze hinaus zu verfolgen. Aller­dings reichte auch die absolut schöpferische Kraft Liszts wohl kaum dazu aus, den begonnenen Bau zur höchsten Vollendung zu führen.

Mit Wagners „Nibelungen", „Tristan", „Parsifal" und „Meistersingern" war gewissermaßen der Höhepunkt des mustkdramatischen Schaffens erreicht worden. Die folgende Generafion suchte vergeblich nach neuen Wegen auf diesem Gebiete. Man fand nach Wagner nichts mehr zu sagen, und unsere modernen Opernkomponisten, so weit sie nicht unfreiem Epigonentum verfielen, ließen ihre

Blicke rückwärts streifen, um eine Weiterentwicklung der Oper auf anderer Basis zu versuchen. Erst Max Schillings gelang es, mit seiner „Jngwelde" und mit seinem „Pfeifertag" etliches Neues zu bringen. Auch Richard Strauß zeigt in seinem „Guntram" und jetzt in seiner „Feuersnot" manche originellen überraschenden Züge. Doch einen wesentlichen Schritt weiter sind wir seit Wagner nicht gekommen. Die Zukunft wird uns lehren, ob auf dem Gebiete des musikalischen Dramas in absehbarer Zeit überhaupt noch ein wesentliches Fort- schrciten möglich ist. Die Aussichten sind jedenfalls recht geringe. Wer der kommende Mann sein wird, das weiß jetzt niemand. Auf Schillings setzt man ja große Hoff- nungen,- auch der Münchener Ludwig Thuille verspricht Gutes. Viel Staub aufgewirbelt hat des Franzosen Charpentier Oper „Louise". Möglich, daß uns von jen. seits der Vogesen das „Heil" kommen wird. Ist doch der Franzose Bizet der einzige, der mit seiner „Carmen" nach den Wagncrschen Werken einen dauernden Erfolg auch auf den deutschen Bühnen zu erringen vermochte.

Während also auf dem Gebiete des musikalischen Dramas in der Fortentwicklung seit 20 Jahren ein auf. fallender Stillstand eingetreten ist, der allerdings durch die vorausgreifcnde Kraft Wagners erklärlich wird, sehen wir auf dem Gebiete der absoluten Musik ein lebhaftes und erfolgreiches Streben nach neuen Ideen. Die klassisch« Formensinfonik hatte ihren Gipfelpunkt schon in Beet­hovens „Neunter Sinfonie" erreicht. Die Nachklassiker und Romantiker, späterhin auch Brahms und in gewisser Beziehung Bruckner, nicht zu vergessen des genialen Russen Tschaikowsky, bauten auf demselben Boden weiter, ohne indessen wesentlich Neues zu bringen, es sei denn auf den mehr äußerlichen Gebi.eten der Instrumentation und der kühneren Harmonieverbindungen. Die Formen­musik war also auch gewissermaßen auf einem toten Punkte angelangt. Da war es Liszt, der instinktiv das starre Formengebäude zerbrach und nur unter Zu­grundelegung einer einheitlichen poetischen Idee die Phantasie frei schalten und walten ließ. So schuf sich der Geist die Form, und nicht, wie bisher, wurde die ur-