Nr. 217.
Freitag» 17. September.
1915.
Der Roman.
d Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts.
l18. Fortsetzung.) $tHteöd$ OcbC. » < Nachdruck verboten.»
Roman von Anny von PanhuyS.
Friedels Jnterefie erwachte. Sie fragte nach der Geschichte Oudoburgs und der Joncheer van Moelen er- zählte ihr davon. Sie würde ja nun auch bald eine Moelen sein, toie alle die Frauen vor ihr. deren Bildnisse in der Halle hingen. Doch so schön wie Friede! Sorhagen >war kerne gewesen, iutS wußte er. Er hätte sie ungestüm in seine Arme nehmen mögen und ihren frischen, blühenden Mund :;..t Küssen bedecken, bis sie ihm sagte: „Ich habe dich lieb." Fester umspannte seine Hand die Zügel. „Wir Holländer sind zäh und geduldig", wiederholte er sich löste.
Friede! eilte gleich auf ihr Zimmer, das Reitkleid abzulegen. Sie verschmähte dabei die Hilfe des dienstbereiten Mädchens. Sie mußte eine kurze Svanne Zeit mit sich allein sein. Die Frau Gräfin sei im Garten, hatte ihr das Mädchen gemeldet.
Da hing das Reitkleid über dem Stuhl, die kleine Schleppe schlängelte sich dunkel ans dem Teppich, auf dem Tisch lag die Peitsche »nit den Rubinen. Schnell warf Friede! ein Hauskleid über, dann setzte sie sich nieder. Sie mußte Nachdenken, nur ein paar Minuten, ehe die Mutter kam. Ihr Schicksal Nxrr also entschieden, sie selbst hatte es entschieden, und sie fühlte, es war gut, tvas sie getan. Ihr künftiger Gatte wußte, wie es um ihr Herz stand, nie konnte er sie einer Lüge zeihen, und nun wollte sie energisch versikchen, das Vergangene zu vergessen, damit ihr Herz frei wand fiir ihn, der es wert tvar, treu geliebt zu Norden. Jeder Gedanke an Hans mußte verbannt werden. Jeder. Und Mbet sahen ihre Augen visionär auf einen Punkt und sahen einen schlanken Reitersmann mit lebensfrohem lachendem Gesicht, der nickte ihr zu und spottete: Und wenn du dir das Herz aus der Brust reißest, cs nützt dir nichts, mich vergißt du nie und nimmer!
Da lachte sich Friede! die Angst hinweg, die sie jäh inst» lähmend überfiel. Sie hatte ja ihren Willen, der mußte kräftig genug sein, ihre Gedanken und ihr Empfinden zu meistern, sie konnte doch nicht ihr Leben lang einem leichtsinnigen Menschen nachträumen. Und daß er ihr so wenig gegolten, wie sie ihm, das erfuhr er bald. Bald. Nur einer wußte die Wahrheit, und der, ein kluger, weltkundiger Mann, hatte trotzdem den Mut, sie zur Gattin Mt begehren. Sehr lieb mußte er sie haben, daß er so rasch über das, was sie ihm gesagt, wegkani. Das Bewußtsein, sehr geliebt zu werden irnd darin Hilfe und Schutz gegen alle Gedankenfährnisse zu finden, gab ihr die Ruhe, deren sie bedurfte, um der Mutter heiter entgsgenzutreten, denn ein leichtes Rascheln seidener Röcke küridete ihr das Nahen der Mutter an.
Schon betrat die Gräfin den Raum. Ihr froh erregtes Gesicht verriet, sie war bereits von dm: Neuesten unterrichtet und ihre Worte bestätigten es.
Griedel, mein Kind", sie küßte sie, „ich wünsche dir von ganzem Herzen Glück! Natürlich habe ich nicht das mindeste einzuwenden." Sie streichelte die schmale Mädchenharch. „Deine Wahl ist ausgezeichnet, und ich bin überzeugt, Papa freut sich gleichfalls." Sie sank in
einen gelben Lodersessel und rekelte sich behaglich. „Gott, ein preußischer Offizier war vielleicht mchr Papas Ge^ schmack gewesen, und das ist schließlich auch sehr begreiflich, wenn man ein Sorhagen ist, unter denen es schon seit ein und einem halben Jahrhundert keinen Zivilisten mehr gegeben. Wer ich glaube, mit van Moelen freundet er sich bald an." Sie zog ein Taschentuch hervor und strich sich damit über Stirn und Äugen. Ein zarter Geruch von Kölnischem Wasser verbreitete sich im Zimmer. „Mir ist warm geworden bei der Unterredung mit van Moelen, noch in Reitstiefeln, suchte er mich auf und bat mich um deine Hand. Er könne nicht warten, bis er sich umgezogen, er müsse erst Gewißheit haben. Stürmisch wie ein Jüngling war er", erzählte die Gräfin. „Daß du ihm so ernsthaft von deiner Verlobung mit Hans sprachest, war kaum nötig."' Sie lächelte nachsichtig. „Ich habe ihm denn auch versichert, was ich davon gehalten", sie handhabte wieder das duftende Taschentuch, dabei entging ihr der Schatten, der über Friedels. Stirn huschte. „Nun zieh dich aber schnell an, um zwölf Uhr wird geluncht, sagte mir die Baronesse."
Sie stand auf und sah sich befriedigt im Ziinmer um. Da gab cs keine Geschmacklosigkeiten, kein billiges Stück schmälerte den Gesamteindruck. Erlesener Geschmack hatte hier, wie überhairpt im Schlosse, gewaltet. Schloß Oudoburg ist der passende Rahmen für Friede!, dachte die Gräfin, und ihre Muttereitelkeit frohlockte. Friede! war allerdings von je ein hübsches Mädchen gewesen, aber die wenigen Wochen in Schsveningen wandelten sie zur berückenden Schönheit. Das lag natürlich auch viel an der Aufmachung. Friede! hatte ihr Licht immer unter den Scheffel gestellt. Sie trug die üppigen Haare zu einfach, unauffällig, man ging daran vorüber, ohne die blonde Fülle zu beachten. Jetzt dagegen bauschten sich die glänzenden, gepflegten Haar- masten lose und locker, von kundiger Hand zu breiten Wellen geformt. Selten sah man so schönes Haar. Und dann der Anzug, der machte natürlich auch viel aus, syhr viel sogar. Von dom Augenblick an, da die Verlobung Mit Hans gelöst ward, war es, als sei ein neuer Geist über Friede! gekommen. Grit gekleidet ging sie wohl immer, aber nicht so gewählt. Die Gräfin wunderte sich zuweilen, welch sicheren Blick das junge Mädchen plötzlich für kleidsame Toiletten bekundete. Auffallend war das. Sogar in dem Weltbade Scheveningen hatte sie Aussehen goinacht, wo schöne Erscheinungen doch gewiß nicht zrr den Seltenheiten gehörten.
Friede! hatte noch immer ihren Platz inne und die Mutter mußte sie noch einmal mahnen.
Nun begann sie sich zurechtzmnachen.
Bald war sie mit dom Ankleiden fertig, Gräfin Sorhagen hatte ihr dabei geholfen. Als einzigen Schmuck heftete sie sich mit einer goldenen Sicherheitsnadel einige rosa Nelken an den Gürtel. Die faßten trefflich zu dem weißen Kleide.
^ Sie gingen hinunter.
