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638. Berlags-Fernfprccher No. 2958.
Abend - Ausgabe.
Konsumvereine und Kleinhandel.
Überall begegnet man heute Bestrebungen, die darauf hinauslaufen, die wirtschaftliche Existenz bestimmter Jnteressentcugruppen zu verbessern. Kein Errverbszweig mehr, dessen Angehörige sich nicht zusammengetan hätten, um gemeinschaftliche Interessen zu verfechten, um einen größeren Einfluß auf die ihren Beruf angehenden öffentlichen Fragen zu gewinnen. Die Gilden und Zünfte des Mittelalters haben in gewisser Beziehung eine Wiedergeburt erlebt, denn alles, was wir heute unter dem Begriff Kartelle, Innungen ufw. zusammenfassen, ist im Grunde genommen nichts anderes als eine modernisierte Renaissance des mittelalterlichen Zunftwesens. Die Sonderinteresscn sterben nicht aus und so lange dieselben auf e i n e m Boden um ihre Anerkennung ringen müssen, kann es nicht ausbleiben, daß sie sich in einzelne gleichartige Gruppen zusammenschließen. So entstehen die Produzentenvereinigungen, die Handwerks-Innungen, die kaufmännischen Interessengemeinschaften. Ihnen stand die große Konsumentengruppe bis vor einigen Jahrzehnten gegenüber, ohne an einen Zusammenschluß ihrerseits zu denken. Als aber erst einmal der genossenschaftliche Gedanke auch unter den Konsumenten anfing, Boden zu fassen, da entstanden sozusagen die Konsumvereine im Handumdrehen und der Konsument wurde sein eigener Kaufmann und teilweise auch sein eigener Produzent. Es ist selbstverständlich, daß man in den Kreisen der Händler und Fabrikanten diese neue großartige genossenschaftliche Bewegung nicht mit sehr liebevollen Augen ansah, wurden doch die Konsumvereine bald zum Eckstein, an dem Hunderte von kleinen Existenzen in kurzer Zeit zerschellten. In dem Maße, wie die genossenschaftliche Bewegung unter den Konsumenten zunahm, wuchs auch auf der anderen Seite das Gefühl für den Wert und die Notwendigkeit gemeinschaftlichen Kampfes. Hatte man sich zunächst nur zusammengetan, um die schlimmen Auswüchse der Konkurrenz niederzuhalten, so schloß man sich jetzt mehr und mehr zusammen, um dem Vordringen der Konsumenten in das Reich des Handels und der Fabrikation mit besserer Ausrüstung gegenüber zu stehen.
Am meisten wird die Konkurrenz, welche die Konsumiereine dem Handel machen, auf dem Gebiete des Kleinhandels verspürt, und man versteht es, wenn sich in den Kreisen der Detaillisten eine heftige Agitation gegen die Konsumvereine geltend macht. Die wenigen kapitalkräftigen Detaillisten, namentlich aber diejenigen der Lcbens- mittelbranche, sehen sich in ihrer Existenz bedroht, und es kann nicht zweifelhaft sein, daß hier ein gewaltiger Umsturz in Aussicht steht. Man hat gesagt, daß unsere
Freilag, den 13. November.
gegenwärtige wirtschaftliche Entwickelung auf dem besten Wege sei, die Bevölkerung in zwei große Klassen zu trennen, in die der Besitzenden und die der Besitzlosen. Und in der Tat scheint der Mittelstand, den man nicht ganz mit Unrecht öfters als den staatserhaltenden Stand gepriesen hat, mehr und mehr zu verschwinden, was freilich von anderer Seite energisch bestritten wird. Einen erheblichen Teil unseres Mittelstandes bilden aber gerade die Detaillisten, die Kleinhändler — da dürfte es denn wohl am Platze sein, auch einmal auf ihre Stimmen zu hören, wenn sie im Kampf um ihre Existenz sich gegen die Konsumvereine wenden.
Auf der vor einiger Zeit in Witten stattgefundenen Generalversammlung des Zentralverbandes deutscher Kaufleute und Gewerbetreibender nahmen die Verhandlungen über die Konsumvereine einen breiten Raum ein, und manches wurde bei dieser Gelegenheit gesprochen, was zum Nachdenken Veranlassung gibt. Es wurde gesagt, daß eine besonders schwere Gefahr für den Kleinhandel das Dasein einer großen Zahl großkapitalistischer Konsumvereine bedeute und die Entstehung neuer derartiger Genossenschaften drohe den Detaillistenstand aufzureiben. Es sei dringend an der Zeit, hiergegen Front zu machen und den soliden und reellen Kaufmannsstand, der einen wesentlichen Bestandteil des gewerblichen Mittelstandes und zugleich seine oberste Schicht bilde, zu erhalten und zu stärken. Vor allen Dingen wurde aber darüber Klage geführt, daß die Regierung selbst die mittelstandsfeindlichen Bestrebungen unterstützt, indem sie vielfach ihren Beamten den Zusammenschluß zu Konsumvereinen geradezu empfehle. „Wir wollen Beachtung," führte ein Redner aus, „und diese Beachtung sind wir als Steuerzahler wert. Ich weiß nicht, ob die Sozialdemokratie nicht nochmals wächst, wenn es so weiter geht. Die Regierung ist dazu berufen, den Forderungen, die aus den einzelnen Ständen hervor geltend gemacht werden, vor allen Dingen, wenn sie nicht auf materielle Unterstützungen abzielen, Rechnung zu tragen. Ist der Staat berechtigt, auf Kosten der stcuerzahlenden Bürger solche Unterstützungen zu gewähren? Die Beamten können sorgenfrei leben, der Mittelstand jedoch kann nicht ohne Sorgen in die Zukunft sehen!"
Hierin stimmen wir den Klageführenüen rückhaltlos zu. Die Beamten, die zum mindesten eine gesicherte Existenz haben, sollen nicht Handel treiben und denjenigen Konkurrenz machen, die durch Ausbringen der Steuern zu ihrer Bezahlung beitragen, und wir wundern uns nicht, wenn durch das Verhalten der Regierung in dieser Angelegenheit Unzufriedenheit unter den Kaufleuten Platz greift. Die berechtigten Beschwerden der Detaillisten richten sich gegen die Beamten-Konsumvereine überhaupt und gegen die anderen Einkaufs- und Verkaufsgenossenschaften nur in soweit, als dieselben Steuerfreiheit genießen. Natürlich können sie auch gegen die letzteren prinzipiell Stellung nehmen und sie tun das, irgend ein
RedaktionS-Fernsprecher No. 52. 1903.
Mittel, den freien Staatsbürgern den genossenschaftlichen Zusammenschluß zu unterbinden, existiert jedoch nicht und so müssen sie sich die Konkurrenz der freien Konsum» vereine gefallen lassen. 6.
Preußische Fundtagswuhlen.
M. Berlin, 12. November. Nach einer Meldung wls Grünberg sind die Wahlen dort durchwegs konservativ ausgefallen. Die freisinnigen und die soziaroemo- kratischen Wähler enthielten sich der Stimmabgabe. Die Wahl der Konservativen Boucholt und Neumann steht außer Zweifel. — InRendsburg ist die Wiederwahl des bisherigen freikonservativen Abgeordneten Brütt gesichert. Mit Ausnahme von 4 Sozialdemokraten werden sämtliche Wahlmänner für Brütt stimmen. — InPots - dam ist die Wiederwahl des bisherigen Abgeordneten, Fabrikbesitzer Otto Eckert, gesichert. — Im Wahlkreis N a u mb u r g - W ei tz en f eI s - Z ei tz wurden ge- wählt: In der Stadt Weißenfels 3 Kartell (Konservative und Nationalliberale), 86 Freisinnige und 21 Sozialdemokraten; in der Stadt Naumburg 73 Kartell, 9 Freisinnige und 2 Sozialdemokraten und in der Stadt Zettz 45 Konservative, 14 Freisinnige und 30 Sozialdemokraten.
— In Marburg wurden 75 konservative, 66 liberale Wahlmänner, sowie 45 für den Kandidaten des Bundes der Landwirte gewählt. — Köln, Stadt und Land, Bisher 224 Bezirke bekannt. 956 Zentrum, 295 Liberale, 14 Sozialdemokraten. Wahl des Zentrumskandidaten gesichert. —■ Magdeburg, Stadt, 658 Kompromiß (Nattonalliberale und Freisinnige), 160 Sozialdemokraten. Wahl der beiden nationalliberalen Kandidaten Schiffer und Zuckschwert gesichert. — HallemS. Wahl der beiden liberalen Kandidaten gesichert. — Osnabrück. Wahl des nationalliberalen Kandidaten gilt als gesichert. — Wetzlar. Bis 7 Uhr abends: 89 Konservative, 86 Nationalliberale, 2 Sozialdemokraten und 4 Antisemiten. Wahrscheinliche geht der Konservative glatt durch. — Homburg v. d. H. Die Wahl des nationalliberalen Kandidaten v. Bulow gesichert. — Elberfeld. Nationalliberale und Freisinnige 672, Konservative 387, Sozialdemokraten 208. — Krefeld. Wahl Bachems (Zentrum) gesichert. — Erfurt. Wahl des Konservativen gesichert. Sozialdemokraten 50 Wahlmänner. — Paderborn. Wahl der Zentrums- kandidaten gesichert. — Bromberg. Sieg des Kartells (Konservative-Freisinnige) gegen die Polen gesichert. — Mansfeld. Wahl der konservativen Kandidaten gesichert. — Bonn. Zentrumssieg gesichert.
— H a d e rs I e b e n. Wahl des Dänen Welsen gesichert. — Appenrade. Wahl des Dünen Haussen
Oie Nevolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(27. Fortsetzung.)
,Wir essen heut' ein bißchen zeitig, weil wir Kappes einmachen wollen", erklärte Agnes, als sich die beiden mit ihr zu Tisch setzten. „Um zwei Uhr wollten die Mähnen (Tanten) schon hier sein."
„Meine Schwestern?" seufzte Herr Manuel. „Na, sie werden's mir hoffentlich nicht übel nehmen, daß ich gleich 'neu längeren Gang zu machen Hab'. Grüß' sie nur schön von mir, alle vier miteinander. Ich dacht', du wollsl es nun mal mit dem Tyroler Kappesschneider probieren. _ Gestern erst sah ich wieder so 'nen Kerl in Mühlbach mit seiner Kappesschabe auf dem Rücken stehen und am Brunnen mit den Mägden herumkalbern. Er frag sie in seinem verrückten Kauderwelsch, ob sie auch 'neu richtigen Spaß an ihren Schätzen hätten, sonst sollten sie mit ihm vorlieb nehmen. Sie freuten sich an seinen Wadenstrümpfen, an seinen nackten Knien, an seinem breiten, gestickten Ledergürtel und an seinem Hütchen mit der großen Feder. Dolle Kerls das, und ich sollt denken, mit ihrem großen Käppeshobel bringt dir so einer in zwei Stunden deinen ganzen Kappes in dieReih', und du konntest dir die Mähnen sparen."
„Ich hab's mir doch überlegt", entgegnete sie. „Bequemer isfls ja mit solchem Kerl, aber es geht doch weniger sorgfältig zu. Ter Kappes wird nicht so fein geschnitten unb bann wird mir wohl auch unversehens ein Schliken (Regenwurm) ober ein Schneckchen mit untergeschabt und das ist doch nicht grad' appetitlich."
t „Immer noch appetitlicher, als wenn der Tante Minchen eins von ihren ewigen Tröpfchen von der Schnupftabaksnas' in den Kappes fällt", brummte der Gärtner.
„ „Daran er inner’ mich nur nicht, Vaier", schrie das Mädchen entsetzt. „Das ist ja schrecklich. Aber sieh', ich Hab' auch schon dran gedacht. Die Tante Minchen siebt doch nicht gut und ihr Kappes wird deshalb ein wenig grob. Der wird in einem besonderen Faß für die Leute eingemacht."
„Na, dann bin ich beruhigt", sagte Herr Manuel mit Würde.
„Weißt du, und die Mähnen hättens doch am Ende übel genommen, wenn wir's diesmal anders gemacht hätten. Tu kannst dich ja ruhig drücken. Nur heut' abend — sie kriegen, wie gewöhnlich, Puffertsküchsker mit Apselkraut und noch ein bißchen Fleischaufschnitt dazu, dann mußt du dabei sein."
«Na ja, das geht wohl nicht anders."
„Und heim bringen mußt du sie doch wohl auch."
„Hm, dat es jo wahr!" seufzte Herr Manuel. „Tat 's mir aber unangenehm."
„Vielleicht kann ich es dir abnehmen, Ohm", sagte Gottfried.
Herrn Manuels enttäuschte Miene verschwand. „Junge!" rief er erfreut, „du machst dich wirklich verdient um deinen alten Ohm. Du wirst dich hier aus Eigersbusch noch zu einem brauchbaren Menschen entwickeln. Na gut, na gut. dann will ich dir nicht im Weg sein, wenn du gern die Mähnen heimbringst."
Bald darauf empfahl sich Herr Manuel, angetan mit seinem besten Leibrock, den Zylinder auf dem Haupt, einem stolzen Rohrstock mit großem Elfenbeinknopf in der Hand, die rotweiße Ordensbandrosette im Knopfloch.
„Ich weiß nicht, er ist plötzlich so drauf aus, im besten Anzug Gänge zu tun", meinte Agnes, die mit dem Vetter noch ein wenig bei Tische sitzen blieb.
Gottfried lachte. „Na, Agnes, tu doch nicht so, als wenn du's nicht wüßtest, daß er nur seine Ordensdekoration spazieren führen will. Es ist ja ordentlich ein neuer Geist über ihn gekommen. Ich habe selten einen würdevolleren Herrn gesehen, als es jetzt der Ohm Manuel ist."
„Nun, er hat wohl auch Ursach', stolz zu sein." Sie zögerte etwas und sagte dann kleinlaut: „fficim sie sich nur nicht über ihn lustig machen."
„Das wird mau Wohl, wie die Menschheit nun einmal geartet ist. Wer was braucht man sich um die Neid- hammetei zu kümmern."
„Jedenfalls hat der Vater seine Verdienste, sonst hätt' er doch den Orden nicht gekriegt, was ja eine seltene Ehre ist. Ganz klar ist ntir freilich die Geschichte noch nicht.
Daß er Kriegervereins-Präsident ist und ein angesehener Mann, das kann doch nicht allein der Grund zu diese»' Auszeichnung sein, und daß er die große Gärtnerei bat und so famos die Dornpflanzen zieht, das ist doch vielleicht auch keine Ursach', ihr: so zu dekorieren. Sich', ich freu' mich ja und bin stolz darauf, wenn er das Bändchen so in seinem^Knopfloch trägt, aber es würd' mir doch noch viel mehr spaß machen, wenn ich ganz deutlich die Verdienste kennen würde, die er hat."
„Die Verdienste, die ihm den Orden eintrugen, soll er sich vielleicht erst erwerben."
„Was du nur redest! Wer sag' es mir nur, wie du dir die Sache denkst."
„Nun, es ist doch ein ziemlich starker Regen von Orden und Titeln über die Gegend niedergegangen. Es hängt mit der Kaltenberger Feier zusammen und vielleicht nach mit etwas anderm. Mit Speck fängt man Mäuse und mit Auszeichnungen Königstreue. Und die scheint denen da oben vielleicht in der jetzigen Zeit besonders von nöten."
Agnes blickte einen Augenblick sinnend vor sich! hin, dann sagte sie: „Tu meinst, daß der Papa nun nicht
anders mehr kann, als unter allen Umständen für den. König sein. Nun, das war er vorher doch schon immer."
Gottfried lachte. „Dann ist er es jetzt von Ordens wegen. Wir leben in einer tollen Zeit. Manche möchten sie recht verwünschen, denn sie bringt das Gefühl der Unzufriedenheit _ mit vielen staatlichen Einrichtungen mit sich und damit zugleich einen lebhaften Freiheitsdrang. Da muß denn die Schar iber Zufriedenen verstärkt werden, damit sie einen Tamm gegen die Unzufriedenen bilden und in jeder Weise die Sache derer vertreten, die von Freiheit oder sogar nur von größeren Volksrechten nichts wissen wollen. Tein Herr Papa ist jetzt durch den Orden als Patriot, oder vielmehr als Königspatriot geeicht. Er ist jetzt gleichsam ein „ausgezeichneter" Widersacher gegen die andere Art von Patrioten, die man Volkspatrioten nennen könnte, und die die Sache des Volkes ebenso energisch vertreten möchten, wie die Königspatrioten die sache der Unterdrücker — des Thrones, wollt ich sagen."
„So, so. Also du meinst, mit der freien Ansicht des Vaters in staatlichen, in politischen Dingen hörte es nun auf."
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