Wiesbadener
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§!<>- 629. BerlagS-Fernsprecher N». ASI.
Donnerstag» den 12. Kovemder.
ReSaktionS.^ernsprecher No. 82 . 1993 .
Morgen-Ausgabe.
Pie ßlrmWii jiim AdgeordneleiiljMsk.
Heute Donnerstag finden die Urwahlm zun: Abgeordnetenhaus statt, denen acht Tage später die Slbge- ordnetenwahlen folgen. Ter heutige Wahlakt vollzieht sich auf Grund des neuen Wahlreglements vom 14. März o. I-, welches am 11. Juli amtlich veröffentlicht wurde.
Bor der Eröffnung der Wahlhandlung ernennt der Wahlvorsteher laut § 12 des Reglements aus der Zahl der Urwähler des Wahlbezirks den Protokollführer und drei bis sechs Beisitzer, welche mit ihm zusammen den Wahlvorstand bilden. Um den Wählern der zweiten und ersten Klasse, welche den Wahlakt erst nach der dritten Klasse vollziehen, unnötigen Zeitaufwand zu ersparen, ist die Wahlhandlung vielfach so angesetzt worden, daß zu einer bestimmten Stunde zunächst die dritte Klasse, zu einer späteren Stunde die zweite Klasse und zu einer noch späteren die erste Klasse wählt. Ter Wahlvorstand blecht aber für die Wahlen aller drei Klassen derselbe. Die Wah'lhandlmtg wird (§13 des Reglements) damit eröffnet, daß der Wahlvorsteher den Proiokollführer und die Beisitzer mittels Handschlages an Eidesstatt verpflichtet und auf die für die Wahl maßgebende!: gesetzlichen und reglementarischen Bestimmungen hinweist, von denen ein Wdruck so im Wahllokal auszulegen ist, daß jeder Wahlberechtigte sich daraus informieren kann. Dann konstituiert sich die Wahlversammlung, indem jeder nicht stimmberechtigte Anwesende zum Verlassen des Wahllokales veranlaßt wird. Es steht also den Wählern der zweiten und ersten Klasse frei, den Wahlen der dritten Klasse beizuwohnen. Dagegen müssen sich (§ 14) die Wähler der dritten Klasse entfernen, sobald die Wahlen der dritten Klasse beendet sind, und ebenso die Wähler der zweiten Klasse, nachdem der Wahlakt dieser Klasse geschlossen ist.
Der eigentliche Wahlakt, der also mit den Wahlen der dritten Klasse beginnt, denen die der zweiten und ersten Klasse folgen, vollzieht sich in der Weise, daß (§ 15) der Protokollführer die Namen der Urwähler in derselben Reihenfolge aufruft, wie sie in der Slbteilungs- liste verzeichnet sind, wobei mit dem Höchstbesteuerten angefangen wird. Die Wahl vollzieht sich in voller Öffentlichkeit. Jeder Aufgerufene tritt an den zwischen der Verfamnllung und dem Wahlvorsteher aufgestellten Tisch und nennt unter genauer Bezeichnung den Namen des Urwählers, welchem er seine Stimme geben will. Sind mehrere Wahlmänner zu wählen, so nennt er sogleich so viele Namen, als Wahlmänner in der Abteilung zu wählen sind. Die genannten Namen trägt der
Protokollführer (also nicht mehr wie früher der Urwähler selbst) sofort in Gegenwart des Urwählers neben dessen Namen in die Abteilungsliste ein.
Wenn_ der Urwähler nicht rechtzeitig zum Wahlakt erschiene:: ist, so daß er seinenNamensaufruf versäumt hat, so kann er doch noch an der Wahl teilnehmen, wenn er sich vor dem Schluß der Wahlhandlung seiner Klasse einfindet. . In diesem Falle muß der betreffende Wähler sich bei dem Wahlvorsteher melden. Dagegen können (8 13) Abwesende in keiner Weise durch Stellvertreter oder in sonst einer Form an der Wahl teilnehme!:.
Me Wahl erfolgt (8 16) nach absoluter Mehrheit der Stimmenden. Soweit sich bei der ersten Abstimmung eine absolute Stimmenmehrheit nicht ergibt, kommen (8 17) diejenigen, welche die meisten Stimmen haben, m doppelter Anzahl der noch zu wählenden Wahlmänner in die engere Wahl. Ist die Auswahl zweifelhaft, well auf zwei oder mehrere Wahlmänner eine gleiche Stimmenzahl gefallen ist, so eillscheidet zwischen diesen das Los. Erhält bei der engeren Wahl nur ein Wahlmann die absolute Stimmenmchrheit, während zwei zu wählen warm, so ist der zweite Wahlmann in einer zweiten engerm Wahl zu wählen. Im übrigen findet eine zweite engere Wahl nicht statt. Wenn bei einer Wstimmung die absolute Stimmenmchrheit auf mehr Personen gefallen ist, als Wahlmänner zu wählen warm, so gelte:: diejenigen als gewählt, welche die höchste Stimmmzahl haben. Bei Stimmengleichheit entscheidet auch hier das Los.
Zum Schluß richtm wir noch einmal an alle Wähler die dringmde Mahnung, sich weder aus Bequemlichkeit, noch aus verwerflicher politischer Gleichgültigkeit heraus von der Ausübung des Wahlrechtes abhaltm zu lassen, welches zugleich eine moralische Pflicht in sich schließt Gegen diese staatsbürgerliche Pflicht sündigt, wer nicht heute von seinem Wahlrecht Gebrauch macht!
Politische Übersicht.
Agrarische Pläne.
L. V e r l in, 10. November.
Eine merkwürdige Nachricht verbreitet die „Königsberger Hartungsche Zeitung". Das Blatt meldet (wie wir gestern schon berichteten. Die Red.), es sei auf Betreiben der Agrarier beabsichtigt, die Abgabenfreiheit für die Schiffahrt auf -dem Rhein und der Elbe zu beseitigen. Ein entsprechender Plan werde in den Ministerien allen Ernstes erörtert. Man wolle, um den Artikel 64 der Verfassung zu umgehen, die großen Ströme nicht als natürliche, sondern wegen der Bauten und Regulierungen als künstliche Wasserstraßen bezeichnen. Man hoffe, die
Feuilleton.
Londoner Brief.
„Kleine Saison". — The smart set. — Pineros neues Drama. — Ausländische Künstler. — Das deutsche Theater. — Deutschenhaß. — Deutsche „Sparsamkeit". — „German brodschen". — Post-Nachnahme. — Seisen-Gefahren. — Unbebärtete Arzte. — Doktoren in Weiß.
London, Anfang November.
„London ist jetzt eigentlich nie mehr ganz leer", hört man m neuerer Zeit öfter sagen, und das ist für eine Stadt, die mit ihren Vororten offiziell sechs Millionen Einwohner aufweisen soll, immerhin einigermaßen tröstlich. Sind die sechs Millionen vollzählig auch wohl nur während der großen Saison im Frühjahr bei einander, so kann man doch neuerdings jedenfalls im Spätherbst auch in London sich einige Zeit blicken taffen, ohne zugleich alle Selbstachtung einbützen zu müssen, selbst wenn man zu dem smart sst gehören möchte. Denn die richtigen Winter-Kurorte, die Riviera, Kairo und selbst — Jerusalem, sic sind ja alle noch „ganz leer". So bleiben eigentlich nur die Landsitze übrig. Und da diese nicht eben für alle gleich große Anziehungskraft ausüben, so hat sich seit einigen Jahren für diese Jahreszeit sogar so etwas wie eine „kleine Saison" in London heransgebildet, wenn auch Leute, die sich für besonders smart halten, eine solche Bezeichnung wohl kaum gelten lassen möchten.
Mer diese mehr als nur „schneidige Welt" veröffentlichte „Rita" eben eine Serie von Artikeln in dem „Gentlewoman", die viel Aufsehen erregen. „Schmeichelei und Heuchelei sind das Lebenselement dieser sozialen Welt", heißt es da u. a. „Die grausamsten Fernde der Gesellschaft-Königinnen sind ihre lieben Freunde. Welche „smarte" Frau vergibt es einer noch „smarteren" Freundin, die sie in Sachen der Toilette, Jntrigue und Findigkeit übertrifft. Sie küßt ihre Wange, begrüßt sie mit dem zauberhaftesten Lächeln, aber wie sie in der innersten Seele sie haßt! Wie sie ihr das Kleid aufreißen möchte, ihre Toiletten-Geheimnisse zu erspähen. Wie sie wissen möchte, wie viel sie ihrer Schneiderin schuldet — ob der Oberst wirklich ihre Spielschulden bezahlt hat — wo sie letzt immer ihre Zeit von Samstag bis Montag verbringt
— ob es wirklich nur die Liebe für das Automobil ist, die ihre plötzliche Neigung für die Landausflüge yervor- gerufeu — und wer hat ihr das Halsband geschenkt"!
„Diener und Freunde sind beides eine ebenso große Gefahr wie eine. Notwendigkeit. Die einen sind immerfort am Schlüffelloch, die anderen stets uns zur Seite. Beide sind dienstbeflissen, beide lächeln, beide schmeicheln, und beide sind auf Erpressung bedacht."
Nun, es hat ja solche Wesen überall und zu allen Zeiten gegeben, aber sie sind doch schließlich für das gesamte englische Gesellschaftsleben ebenso wenig charakteristisch, wie etwa die Personen in Pineros neuem D r a m a „L e t t y", die zum guten Teil demselben „sei" angehören. Immerhin gibt uns das Stück ein anschauliches und fesselndes Bild von dem Treiben dieser auf der Bühne ja leicht besonders wirkungsvollen Klaffe von Menschen, und es wird uns in die unsaubere Gesellschaft auch noch mit großem Geschick ein moralischer Sonuen- strahl geleitet, indem der Held, der ein einfaches Mädchen aus dem Volke in seine Wohnung gelockt, nun auf einmal auf die Kunde hin, daß seine Schwester mit ihrem Liebhaber durchgegangen, ein moralisches Rühren verspürt und im letzten Augenblick das Mädchen frei gibt.
Pinero ist wohl als der hervorragendste englische Dramatiker unserer Zeit anzusehen. Will das auch nicht viel besagen, so wird er mit seinem neuen Stück jedenfalls mehr Erfolg haben als mit seinem Bestreben, die späten Theater stunden abzuschaffen. Jtt England wird in allen „besseren" Häusern das Diner erst um 7 oder 8 Uhr eingenommen, und die Folge davon ist, daß das Hauptstück in den Theatern des Abends gewöhnlich erst um halb neun und noch später beginnt, so daß das Publikum häufig erst um Mitternacht nach Hause kommt. Das paßt nun „den niedrigeren Klaffen auf den höheren Plätzen" recht schlecht,- und selbst der allgemeine Brauch, für sie zu früherer Stunde erst noch ein besonderes Stück zu geben, von dem die vornehmere Welt in den „Stalls" sich gewissenhaft fern hält — bietet zwar eine angenehme Zugabe, die mau sich gern gefallen läßt, gewährt dem llbelstande der späten Stunden aber doch keine Abhülfe. Wenn indessen Herr Pinero glaubt, die „smarten" Leute werden sich bequemen, eines Theaterstückes wegen ihre Speisestunde zu verlegen, so hat er doch wohl einen verkehrten Begriff von der relativen
internationalen Konventionen bei Handelsverträgen mit Österreich, der Schweiz und Belgien entsprechend ändern zu können. So die „Hartungsche Zeitung",' deren Mitteilungen man wohl ohne weiteres als den Ausdruck grundloser Befürchtungen bezeichnen kann. Ein so kühner Plan mag in agrarischen Kreisen erwogen werden, aber daß die Regierung ihn ausführen möchte, erscheint als undenkbar. Seine Durchführung würde nicht nur eine grobe Verletzung bindender internationaler Verträge, sondern auch eine Schädigung der Rhein- und der Elb- schiffahrt und eine empfindlicheBeeinträchtigung wichtiger Handelsplätze bedeuten. Wie gesagt, den Agrariern, wenigstens den extremen Bündlern, würde es wohl Be- hagm, auf so einfache Weise dem ausländischen Getreide den Weg in bc£ Herz Deutschlands zu verlegen, aber nach ihren Wünschen allein kann es doch unmöglich gehen und wird es auch nicht gehei:. Man wird erwarten dürfen, daß die erwähnte Mitteilung alsbald durch eins offiziöse Erwiderung ihre unvermeidliche Widerlegung findet.
Aus der sozialdemokratischen Partei.
Was hat nun Bebel davon gehabt, daß er den Genossen Braun mit seinem Haß und seiner Verachtung verfolgte? Me Vertrauensmänner imWahlkreise Brauns haben sich einstimmig für ihren Gewählten erklärt, und damit ist dieser Herr gegen alle weiteren Scherereien gesichert, wenigstens kann man ihm- nichts mehr archaben. Ob es zu einem ähnlichen „Gericht" über Heine kommt, steht noch dahin. Sollte es aber stattfinden, so wäre ziemlich sicher anzunehmen, daß es ebenfalls mit einer Niederlage des Parteistaatsanwalts Bebel -endigen werde. Bielleicht erlebt der alte Kanchfhahn den billigenTriumph!. den uiwedeutenden Genossen Bernhard hinauszudrängen, aber auch dies Unternehmen könnte sehlschlagen, und "gar so erpicht darauf wird Bebel wohl nicht sein. An keiner Stelle der langen Kampflinie zwischen den Radikalen und denRevisionisten bekommt man denEind-ruck, daß jene gesiegt haben, -daß diese unterlegen sind. Und wenn man es recht betrachtet, ist das leitende Parteiblatt, der „Vor- wärts", mit seinem Herzen ans der Seite der Bernstern- Gruppe-. In der Flut von Erklärungen für und wider, mit denen das Blatt wochenlang angefüllt war, bofandm! sich mehrere von den Redakteuren des „Vorwärts". Keine von ihnen schlug auf die Revisionisten ein, da- gegen bekam Mehring seine verdienten scharfen Geißel- Hiebe, und Herr Bebel ließ es sich gefallen, daß das be- freundete „psychologische Rätsel" an den Pranger gestellt wurde. Wie unsicher sich der radikale Flügel trotz allen Lärmmachens fühlt, zeigt auch die Kaltstellung Mehrings in der „Neuei: Zeit". Er hat sich ja, so meint er, „gerechtfertigt", aber schreiben darf er für dies Blatt darum noch lange nicht.
Bedeutung, die diese beiden Vorgänge in den Augen solcher Leute besitzen. Sein neues Stück beginnt um acht. Würde er es aber erreichen, daß dieses noch früher angesetzt würde, so würde er sicherlich erleben, wie andere Reformatoren auf diesem Gebiete schon vor ihm getan, daß die Besucher der Stalls erst lange nach Beginn der Vorstellung oder auch — gar nicht sich eiustellten. Ubri- gcns sprechen in solchen Dingen doch auch noch andere Umstände mit; und wie das großstädtische Leben hier nun einmal angelegt ist, scheint die Zeit auch wirklich so gut gewählt, wie es eben angeht.
Die „kleine Saison" ist doch auch groß genug, eine Menge ausländischer Künstler, wie eine Düse, einen Kubelik, Hoffmami, Sauer, Sarasate u. a. angelockt zu haben,- und sie sind darin jedenfalls gut beraten gewesen, da in den wenigen Wochen der großen Saison die Künstler von allen Seiten der Welt so massenweise sich herandrangen, daß bei den mannigfachen Zerstreuungen, die das weltstädtische Saisonleben auch sonst noch bietet, mancher wirklich große Künstler dann gar nicht zur Geltung kommen kairri.
So haben auch die Leiter des hiesigen D e u t s ch en Theaters, die Herrn Hans Andresen und Max Vehrend, gewiß den günstigsten Moment zur Wiedereröffnung ihrer Spielzeit ausgewählt. Dieselbe begann am 31. Oktober und bringt fast ausschließlich moderne Sachen, wie es die Rücksicht auf den Kassenstandpunkt erheischt. Das Unternehmen hat nun bereits seine fünfte Saison erlebt, hat aber leider doch immer noch mit pekuniären Schwierigkeiten zu kämpfen und ist immernoch auf einen Garantiefonds angewiesen, der von einer Anzahl der hervorragenderen Persönlichkeiten der hiesigen deutschen Kolonie aufgebracht wird. Die Deutschen halten sich aber vielfach dem Theater ganz fern, das ihnen doch, mit wirklich guten Kräften besetzt, Gelegenheit gibt, sich mit den neueren Erscheinungen der dramatischen Literatur des Vaterlandes vertraut zu machen. Wohl hat das Deutsche Theater auch einen erfreulichen Zuspruch seitens des englischen Publikums aufzuweisen. Indessen darin greift nun im Augenblick auch wvhl wieder die unfreundliche Stimmung störend ein, die jetzt so vielfach gegen Deutschland laut wird.
Wir Deutschen müssen wirklich eine schlimme Sorte von Menschen lein — sollte man üenken. wenn man hier
