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Beilage zum Mieskaüener Taglilnll.

Uo. 529. Morgen-Ausgabe.

Donnerstag, den 12. Uonember.

81. Jahrgang. 1903.

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Verachte. was die Menge spricht.

Und bleib bei Lob und Tadel stumm. Nur das Gefühl erfüllter Pflicht Bringt Frieden in Dein TnSkulnm. •

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(48. Fortsetzung.)

Eva Leoni.

Roman von Marie Bernhard.

, »Ausruhen!" sagte ich kurz, setzte mich schlichtweg auf euren starken, niedrig gewachsenen Föhrenast und sah ganz gelassen zu meinem Gefährten in die Höhe.

Er sah bedeutend und imposant aus, wie er vor mir stand, den Hut in der herabhängenden Rechten, von dem magischen Halblicht umflossen, — Die Majestät des Hoch Waldes erdrückte seine Erscheinung nicht, aber das Selbste bewußtsein, das seinem Gesicht einen so eitergischen Stempel ausdrückte, hatte nichts von Arroganz an sich, es wurde auch gemildert durch den stillen, gelassenen Blick, der über alles Unwesentliche hinwegzusehen schien, — so auch entschieden über meine Persönlichkeit, die anscheinend ganz demütig zu des Meisters Füßen saß und sick) im Süllen ärgerte, daß er sie offenbar vergessen und seine Gedanken West weg geschickt hatte.

Aber nein! Ich hatte ihm und seinert Augen Unrecht getan, denn er fing plötzlich an:

„Ich sinne, ob ich Sie zu einer Säitgerin oder Pianistin Wachen soll, — Sie haben das Zettg zu beidem!"

* ^"T mich?" gab ich etwas pointiert zurück. „Habe ich selbst mcht das meiste dabei zu entscheiden. Kommt es nicht daraus an, wozu ich die größere Sehn- such habe?"

„Gut deitn! Wozu haben Sie die größere Sehn­sucht?"

Ich hob rasch den Kops — zauderte — wurde rot — und sagte endlich betreten: „Ich weiß es nicht! Wenn ich singe, möchte ich nie etwas anderes ttin, und spiele ich so scheint mir dies das einzig mögliche für mich!"

„Sehen Sie wohl!" erwiderte Vernon gelasseir. „Das wußte rch!"

wußten Sie? Dann komme ich Ihnen gewiß poch recht kmdrsch vor!"

ist richtig, — Sie sind noch ein ganzes Kind!"

Diesen Ausspruch nahm ich Hm übel und schwieg gekrankt.

„Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft fortan vor?" fragte er werter.

„Run, ich will meiner Großmutter im Herbst schriftlich pirtterlen, daß rch mich ganz der Musik widmen will, — ^r^usstchllrch gibt sie mir dazu die Einwilligung und das Geld. Versagt sie mir beides, so nehme' ich einst- weilen die Hülfe meiner Freundin Susr in Anspruch."

»Wer ist Susi? Wollen Sie mir etwas von ihr er­zählen?"

.~ ~ 7“ Ja, das wollte ich. es war ein Thema, das rch sur ment Leben gern behandelte, und so vergaß ich meinen Zorn und schilderte Susi, — schildeiste sie mit Begeisterirng und Hellern Entzücken, malte ihr Äußeres rhr Wesen, ihre Manieren mit den leuchtendsten Farben' sprach vorr der Pension und von Madame Bellemont und

Monsieur Morreau rurd endete dann rnit meinem Dresdener Leben, von dem ich kurz urrd schwermütig be richtete. . ">

„Das ist also Ihr Leben bis jetzt gewesen!" sagte Vernon, nachdem ich schon eine ganze Weile geschwiegen hatte und heftete nachdenklich seine Augen auf ein kleines Tannenzweiglein, das er abgestreift hatte urrd nun vor seinem Gesichte immer hin- und herdrohte. „Und Ihre früheste Kindheit? Sie waren da sehr viel allein, nicht wahr?"

„Sehr viel. Woher wissen Sie das aber?

Er lächelte. „So sehr viel Menschenkenntnis gehört dazu nicht. Wenn Sie auch in Vevey ein paar heitere > 5 ahre verlebt haben, — die frühesten Eindrücke verwischen sich nicht so leicht, und in Ihrem Augenaufschlag spricht oft noch der fragende, bange Kinderblick, der ans seiner Herzenseinsamkeit heraus bekümmert nach Liebe lind Verständnis verlangt!"

»Ja, ja!" rief ich lebhaft bestätigend. „So ist es lange Zeit gewesen, aber so soll es nicht mehr sein! Ich will mich mit der Freundschaft meiner Susi, nstt Hannahs herzlicher Zuneigung begnügen, — im übrigen aber will ich aushören, suchend nach Liebe und Verständnis umher zu blicfert. Ich werde meine Kunst haben, und sie wird

alles sein! — Warum lachen Sie mich schon wieder aus? Habe ich denn einen so dummen Ausspruch getan?"

„Es fällt mir nicht ein, Sie auszulachen, und dumm

war ihr Ausspruch auch nicht, — aber er war sehr-

jugendlich! Sehen Sie, nun sind Sie schon wieder er­öffnt, jede kleine Anspieliriig auf ihr zartes Alter macht Sie ärgerlich. Sehnen Sie sich doch nicht so sehr darnach, eine gesetzte, alte Dame zu sein! Wären Sie zwanzig >whre alter, als Sie heute sind, hätten Sie herbe Ent- tauschungen erlitten, dann wäre Ihre Id«, daß die Kunst Ihnen alles sein zollte, vollberechtigt, ... so aber wollten Sie wirklich so vermessen sein, die Liebe ganz ans >)hrem Lebensprogramm auszrlschließen?"

Ich schwieg betroffen: vor meinen Blicken traten die Baunre des Waldes zurück, der Schnee knirschte uriter metnen Füßen, ich schritt über die Augustusbrücke in Dresden, uird flimmernder Sonnenschein wob eine Gold- älorie um die ritterliche Gestalt des schönen, blonden m^-^E^^sfiziers mit dem bewundernd ausflammenden Blick. So deutlich sah ich das ganze Bild, daß ich be­stürzt die Augen schließen mußte.

„Freilich bin ich jung", erwiderte ich nach einer Pause, das schließt die herben Enttäuschungen, von denen Sie sprachen, nicht aus, sollte ich meinen; ich habe deren genug erlitten. Irgend etwas muß in, Leben meiner Elterri dunkel urid voll schuld gewesen sein, man ver­birgt es mir absichtlich, und ich habe es als völlig erfolg- los aufgeben müssen, danach zu forschen; aber es hat merne Kindheit verdunkelt urrd meiir Dasein oft sehr bitter gemacht!"

lind nun erzählte ich ihüi meine Erfahrungen init Frau voir Wellingen. die Bemerkung des alten Toten- Arabers, die Andeutungen der Dame auf des Doktors Ge- ellschaft, ihr Erstaunen, daß man andere .Ander mit mir umgehen ließe, meine allmähliche Vereinsamung, die Zitate aus den Briefen meiner Großmritter, die mich immer wieder als ein armes, unglückliches, ein beklagens- bezeichneten, — mein unausgesetztes Grübeln, worin dies mein „Unglück" liesteheu ' könne.

meine immer zunehmende Scheu vor deir Menschen und meine häufige Sehnsucht nach dem Tode, unnatürlich bei einem jungen, gesunden, in mancher Hinsicht reichbegab- ten Geschöpf uird doch gerechtfertigt durch die eigentüm­lichen Verhältnisse, von denen ich mich umgeben sah.

Wie ich eigentlich dazu kam, gerade Derrron dies alles so lebhaft uird ausführlich zu berichten, da er nur doch bisher wenig Beachtung geschenkt und mich nur mit einer Art wohlwollender Zerstreutheit behandelt hatte, weiß ich selbst nicht. Während ich sprach, sttegen mir mehr als einmal Zweifel auf, ob das innere Leben eines fremden jungen Mädchens diesen Mann ernstlich interessieren könne, .... aber es war, als hätte eine unbekannte Gewalt meine Gedanken rrnd meine Rede entfesselt, ich konnte nicht anders, als mich geben, ganz so, wie ich war, imb ich, die ich Hannah, ja selbst Susi gegenüber wort- karg und zurückhaltend in meinen Berichten über meine Kinderzeit urrd deren Eindrücke gewesen war, entrollte jetzt ein deutlich anschauliches Bild davori und belebte es mit meinen Beobachtungen, als müsse es so und nicht anders sein.

Als ich endlich schwieg und ein wenig verlegen zu Vernon empor sah, hörte ich ihn wieder in weichem Ton ein paar russische Worte murmeln, die ick natürlich nicht verstand, die mir aber die Idee gaben, er habe meine Beichte gut verstanden und empfinde Mitleid mit rnir.

„Wollen wir mm weiter gehen?" fragte ich. „Die Ruhe hat mir sehr gut getan!"

Er nickte rrur, und wir ssiegen wieder aufwärts, —< kletterten vielmehr, denn immer steiler wand sich der mühsame Pfad zwischen Geröll, Steinen und Gestrüpp zur Höhe. Vernon half mir jetzt zuweilen, Indern er mich, ohne weiter zu fragen, umfaßte und übler eine besonders schlimme Stelle hinweg hob oder mir den Platz bezeichnet«, auf welcherr ich am sichersten meinen Frrß sehen könne.

Jetzt warerr rnir endlich oben, und — „nicht Um­sehen!" gebot mein Begleiter, während wir Wer ein kleines, freiliegendes Plateau schritten, über welches der frische Wind hinwegsegte. Am Rande dieses PlateauS stand eine schöne Fichtengruppe, dorthin lenkten wir

unsere Schrite, wairdten uns ein wenig rechts-und

batten dicht vor rrns, wie mit Händen zu greifen, den Groß-Glockner, der sein Haupt stolz in den Morgen- hirnrnel hoch während belle Sonnenblitze seine Eisgrüst« und Schneesenkungen überflogen und bläulich leuchten ließen. Tiefer unterr wallten noch die schwer verteilten Nebel in dichten Wolken, —- hier und da schwebte ein zart­weißer Schleier zerslatternd zu Tal, — und nun kam aus schwindelnder Höhe herab ein einsamer Gebirgsadler; —- die mächtigen Schwingen weit ausgespannt, ließ er sich in majestätischer Ruhe von der Luft abwärts tragen, sank durch das Nebelmeer, das über ihm zusammenschlug, zer-> teilte es, fiel tiefer und fieser, fast bis arrf die Häupter der fnmfdm Rstsenföbren, die das Gebirge unffänrnten, ... bis er sich plötzlich aus seiner trägen Gelassenheit ausraffte urrd zu steigen begann, die Nebelwellen mit schwungvollem Flügelschlag peitschend — empor, —- empor, — vorüber an Gletscherspalten und Schneefeldern, wie unwiderstehlich angezogen von der Sonne, — jetzt deH Gebirgsgipfel in stolzem Kreise umsegelnd und dann noch höher in den verklärten Äther hinaus, der den Menschen-« blick blendete und im ewigen Blau zerfloß.

(Fortsetzung folgt.)

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