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Redaktious-Fernsprechcr No. 82. 1803.
flbend-Ausgabe.
Mir licht es Ir Aertslh-MweWiKi?
P. Berlin, 11. November.
Die aus englischer Quelle stammenden Alarmmeldungen über den Aufstand der Bondelzwarts sind von vornherein mit dem Mißtrauen ausgenommen worden, welches den englischen Meldungen über die Vorgänge in unseren Kolonien erfahrungsgemäß gebührt, und es hat sich auch unterdes erfreulicher Weise herausgestellt, daß dies Mißtrauen begründet war. Sehr bedauerlich aber ist es. daß sich auch diesmal wieder dieselbe Erscheinung zeigt wie bei fast allen wichtigeren Vorgängen in unseren Kolonien, daß nämlich die amtliche deutsche Berichterstattung den privaten Meldungen aus englischer Quelle um ganz beträchtliche Zeit nachhinkt. 9hm ist ja freilich der Ort der neuesten Unruhen, das im Bezirk Keetmanshoop gelegene Warmbad, von Windhoek, dem Amtssitz des Gouverneurs, sehr viel weiter entfernt als von Kapstadt, von wo die englischen Meldungen Herkommen. Aber auch dieser Umstand bietet keine hinreichende Erklärung für die spärliche amüiche Berichterstattung. Es ist eine seit langen Jahren viel beklagte Erscheinung, daß gerade in den kritischen Momenten der Draht zwischen unseren Kolonien und den hiesigen Stellen zerrissen zu sein scheint.
Aus den bisher vorliegenden spärlichen Meldungen läßt sich, da die englischen Nachrichten, die auf den von den Eingeborenen verbreiteten Gerüchten beruhen, keinerlei Verträum verdienen, der Umifang und die Bedeutung des Aufstandes nicht hinreichend beurtellen. Wenn wirklich der ganze Stamm der Bondelzwarts im Aufruhr wäre, so wäre die Situation nicht ganz unbedenklich. Denn dieser Stamms ist der größte der Hottentotten und ihr Gebiet, welches sich vom Großen Fischfluß bis zur mglischm Grenze und vom Oranje-Strom bis zum Löwenfluß erstreckt, ist so ausgedehnt und durch seine gebirgige Beschaffenheit so schwer zugänglich, daß die Kriegsfuhrung hier mit dm größtm strategischen Schwierigkeiten zu rechnen hat. Diese Schwierigkeitm haben wir bei dem Aufftand der Swartboi-Hottentotten in den Jahren 1897 und 1898 zur Genüge kennen gelernt.
Nach den neuestm Meldungen vom Kriegsschauplatz ist der Bezrrksamtmann v. Burgsdorff mit 150 Reitern in Warmbad eingetroffen, während Hauptmann v. Fiedler mit 180 Reitern und 4 Geschützen im Anmarsch ist. Das ist immerhin eine für dortige Verhältnisse ganz stattliche Macht, toerat es auch fraglich ist, ob sie hinreicht, die Bondelzwarts, die zirka 1800 Köpfe zählen sollm, nachhaltig zur Raison zu bringen. Da aber die Schutztruppe, die dem Gouverneur zur Verfügung steht, im ganzen aus
620 Mannschaften, 150 Unteroffizieren und 33 Offizierm besteht, wozu noch gegen 200 Eingeborene kämmen, so wird die Unterdrückung des Aufstandes, wmn die Bondelzwarts nicht von anderen Hottentottenstämmen Zuzug erhalten, zweifellos ohne Hülfe aus Deutsch-Ost- afrrka oder aus dem Mutterlande gelingen. Da nach der Meldung des Gouverneurs die Bethanien-Hottentotten trm sind, kämen als bedenklich höchstens noch die Berseba-Hottentotten und die Veldschoendräger oder Feldschuhträger in Betracht.
Über die Ursachen des Aufstandes der Bondelzwarts ist bisher nichts bekannt geworden und derselbe ist durchaus überraschend gekommen. Noch in der Denkschrift über die Entwickelung des südweitafrikanisch en Schutzgebietes. die dem Reichstag am 23. Januar d. I. vorgelegt wurde, hieß es: „Kriegerische Unternehmungen und Expedittonen größerer Abteilungen der Schutztruppe waren nicht erforderlich, da irgend welche Ruhestörungen durch Eingeborene nicht vorkamen." Und in der dem Etat für 1908 beigegebenen Denkschttft wurde erklärt, daß mit Ausnahme des Qvambo-Landes das deutsch-südwestafrikanische Schutzgebiet als durchaus pazifiziert bezeich- net werden könne.
Der jetzige, anscheinend sehr ausgedehnte Aufftand der Bondelzwarts muß daher sehr überraschen, und es muß die Frage aufgeworfen werden, welches die Ursachen dieses Aufstandes sind, und wo etwa ein Verschulden vorliegt. Nach den englischen Darstellungen ist es in erster Linie der Hunger gewesen, welcher die Hottentotten rebellisch gemacht hat. In der Tat muß der Nofftand im Gebiet von Warmbad sehr groß fein, da dort feit drei Jahren kein hinreichender Regen gefallen ist. In diesem Fall würde aber zu prüfen sein, ob seitens des Gouvernements hinreichende Maßnahmen getroffen worden sind, um diesem Nofftand zu begegnen.
Ob sonst von irgend welcher Seite Fehler begangen worden sind, wird ernsüich geprüft werden müssen. Es ist eine alte Klage, daß in den Kolonien seitens mancher Beamten mehr auf die sogenannte „Schneidigkeit" als auf die notwendige Berücksichtigung der Sitten und Gewohnheiten der Eingeborenen gegeben wird. Dieser Mißstand, von dem wir nicht wissen, ob er auch im vorliegenden Fall mitgewirkt hat, ist nicht in letzter Linie eine Folge der viel zu häufigen Versetzungen der Kolonialbeamten. Ist doch der in der Presse irrtümlicher Weise als Tistriktschef von Warmbad ausgegebene vr. Men- rensky bereits seit einigen Monaten nach Keetmanshoop versetzt, wo in den letzten sieben Jahren nicht weniger als sieben Bezirksamtmäner aufeinander gefolgt sind. Jedenfalls wird die Kolonialverwaltung ' auf das sorgsamste prüfen müssen, ob irgendwo Fehler begangen worden ßnd. damit in Zukunft ähnliche Fehler vermieden werden können.
Oie Revolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(26. Fortsetzung.)
XI.
Wie Gottfried einen Massenverbrauch von Heckcnbeeren inszenierte, wie er deshalb dem Herrn Manuel ein Rätsel blieb und »on ihm mit zärtlichster Sorgfalt behandelt wurde. Die Geheimnisse des Laboratoriums, die plötzliche Besuchswut des Handelsgärtners und wie Agnes ihrem Beiter die Leviten las.
*
Gottfried Hülskamp war nun alleiniger Gebieter im „Laboratorium" des Herrn Manuel, und zwar ein recht willkürlicher Gebieter, der sogar dem vottgen Inhaber jeden Zutritt verweigerte. Zur größtm Verwunderung des Herrn Manuel mußten ein neuer Tisch, ein bequemer Lehnstuhl, ein kleiner Kanonenofen und einige große, hölzerne und irdme Gefäße zur Ausstattung des engen Gelasses geliefert werden, alles Gegenstände, welche der Gärtner bei seinem einfachen Betrieb nicht nötig gehabt hatte. Fünf Pfund Heckenbeerm, eine Menge, welche Herrn Manuel mit Staunen und Entsetzen erfüllte, wurden allmorgenllich in einem Korbe vor das Häuschen gestellt. Gottfried hatte es so besttmmt, und über hundert Pfund hatte er schon im Laboratorium verschwinden lassm Mit großer Besorgnis betrachtete der Onkel täglich seinm Neffen, und wmn es ihm einmal so vorkam, als sähe der ttn wenig bleich oder angegriffen aus, dann tätschelte er chm wohl mit einer gewissen Zärüichkeit auf die Schulter, blrckte chm ängstlich in die Augm und mahnte ihn, die Geschichte nicht zu übertreiben. Im allgemeinen blieb chm Gottfried aber ein Rätsel. Der junge Mann nahm MN Frühstück, sein Mittag-, sein Vesper- und Abendbrot mrt emem Appetit zu sich, wie jeder normale Mmsch Er mußte eine ganz wunderbar kräfüge Konstitution haben Gottfried hatte seine heimliche Freude an dem besorgten Wesen Manuels und es machte ihm Spaß, ihm hm und wieder eine besondere Achtung einzujagen, so, als er eines Morgens keck zwei Pfund Streuzucker von chm erbat. „Man muß sich das Leben doch etwas der- sußm bei der harten Arbeit," erklärte er, und der Gärtner
riß die Augen vor Verwunderung auf und stöhnte:
„Junge, aus dir werd' der Dmwel klug. Da drauf wäre ich nie gekommen, sie mit Zucker zu fressen."
„Ja, lieber Ohm", sagte Gottfried, „in der Verzweiflung^ kommt man auf allerlei Ideen. Sie sind ja jetzt, wo sie so hübsch durchfroren abgeliefert werden, schon ganz nett süß, aber mit Zucker angemacht, schmecken sie wie eine Johannistraubenmarmelade. Doch kümmere dich nicht um mich und laß nuch nur machen. Es ist für mich eine Ehrensache, deine Angelegenheit so gründlich zu vertreten wie nur möglich."
Diese Vertretung war in Wirklichkeit nicht sonderlich schwierig. Gottfried verschwand täglich auf zwei Stünd- chen im Laboratorium mit den an der Tür aufgestellten Beeren, die er drinnen, nachdem er sorglich abgeschlossen, in eine große Holzbütte schüttete, die ihrer schon diele ent- hielt. Dort gärten sie in einem Sud, den er sich nach Anweisung eines ihm befreundeten, mit dem Studium von Agrikulttirfragen in Gießen beschäftigten Chemikers bereitet hatte. Ganz besonders in der künstlichen Borkeimung der Samen hatte jener schon mancherlei Erfolge erzielt, und durch seine chemische Behandlung war es ihm gelungen, sogar die eigensinnigen Kerne der wilden Hagebutte um ein ganzes Jahr früher zum Austreiben zu bringen.
So genoß denn Gottfried im Laboratottum ein ganz behagliches Dasein. Das von ihm selbst bediente Kanonen- öfchen spendete eine angenehme Wärme, und er saß, die lange Pfeife rauchend, bequem in seinem Lehnsessel und las in einem Buche, oder er schrieb Briefe, oder studierte die Zeitschriften und Broschüren, die ihm Schwertfeger zusandte. Der Kaufmann hatte ihn nämlich gebeten, in knappen, schwungvollen Worten den Text zu einem Flug- blatt zu verfassen, das gleichsam einen Extrakt alles dessen in lapidaren Sätzen bilden solle, was an berechtigten Forderungen seil dem Regierungsantritt des Königs von treuen und einsichtigen Vaterlandsfrsunden ausgestellt war. Er hatte ihm das Studienmaterial aufs beste geordnet und numeriert. „Jacobys: „Vier Fragen, beantwortet von einem Ostpreußen" lagen oben auf, und die letzten Nummern des Materials bildete die Berichte
M. Berlin, 11. November. Nach einer Meldung auZ London soll der deutsche Konsul in Kapstadt die Kap» Regierung um die Erlaubnis ersucht haben, eine Ab» teilung Truppen nach Warmbad schicken zu dürfen, um 90 Merlen Weg durch wüstes Gelände zu sparen. Die Kap-Regierung werde dies wahrscheinlich ablehnen auS Furcht, bei den Kap-Hottentotten Anstoß zu erregen. Die Deutschen in Scuyt-Drift, 65 englische Meilen östlich von Warmbad, erwarten einen sofortigen Angriff der Rebellen. Eine Anzahl Hottentotten überschritten den Oranjefluß bei Ranrends-Drift, wurden aber von der Kap-Polizei zurückgeschlagen. Man schätzt die Aufständischen insgesamt auf 1200 Mann. Ihre Zahl würde sehr übertrieben.
Glossen jutn Swilecka-Prozeß.
Wenn die Gräfin Kwilecka eine Kindesunterschiebunz begangen haben sollte, so wäre sie nach Recht und Gesetz selbstverständlich strafbar. Aber es kommt auf die Mottve an, aus denen eine Straftat geschieht, und wenn man den Verhältnissen näher geht, die in diesem denkwürdigen Prozeß die am letzten Ende entscheidenden sind, so hat man das Gefühl: Das Strafgesetz wäre nicht verletzt worden, wenn die Vererbung des Gutes Wroblewo nicht durch seinen fideikomnüssarischen Charakter beschränkt wäre. Nur im Mannsstamm soll das Gut auf die Kinder des jetzigen Besitzers übergehen können, die Töchter dürfen nicht erben. Das sind Dinge, die man sich gewöhnt hat, hmzunehmen, well eine lange gesetzliche Praxis sie uns zu einer der Einrichtungen gemacht hat, die zu dem ganzen memandergreifenden System des staatlich-gesellschaftlichen: Aufbaues gehören, so daß man meint, es könne so leicht- kein Stein herausgenommen werden, ohne daß das Gebäude selbst zusammenstürze. Aber wenn diese unselige Fideikommißwirffchaft einmal zu einer Sensattons- affare führt, wie sie jetzt im Schwurgerichtssaal zu Berlin verhandelt wird, dann erwacht die Kritik auch in jenen unschuldigen Gemütern, die sonst leicht geneigt sind, das Bestehende schon darum, well es besteht, für ehrwürdig zu halten. Der Kwilecka-Prozeß mag ausgehen, wie er will, so wird er jedenfalls in unzähligen Menschen das Nachdenken über das Fideikommißwesen schärfen. Hunderttausende von Lesern der Prozeßberichte werden vermullich jetzt zum ersten Male erfahren haben, daß es Gesetze gibt, die das freie Eigentum in einer Weise be» schränken, von der man sich mllde ausdrückt, wenn man sie als unmoralisch und geradezu als Verleitung zum Verbrechen bezeichnet. Ob die Gräfin Kwilecka schuldig ist oder nicht, so wird so leicht niemand ein besonderes Gefühl übrig haben für die feindliche Linie, die nach dem Stammgut Wroblewo trachten zu dürfen glaubt, well die gegenwärtigen Fideikommißbesitzer keinen legi-
über die Tagung des „Vereinigten Landtages", dies Zerr- blld einer von autokratischem Geiste allergnädigst ge- währleisteten Volksvertretung, in der sich aber der frucht- bare Geist einer gesunden Opposllion schon mächtig geregt hatte.
. Zusammenhanglos, impulsiv, hatte sich bisher Gott- frieds politisches Empfinden dann und wann geäußert; durch diese Lektüre, der er sich mit steigendem Eifer hin- gab, aber kam System und rechtes LÄen in seine Anschauungen, und er empfand es mehr und mehr, daß ihm der Freiheitsgedanke nicht mehr allein eine schöne Blüte war, an der sich zu Zeiten seine Phantasie erlabte, sondern daß er bei ihm zu einem starken Baume wurde, an dem sein bestes und erhabenstes Fühlen aufranken konnte. Wohl verstand es Schwertfeger, seine Ideen knapp, scharf und uberzeugend zu entwickeln, aber es fehlte ihm die Schwungkraft des dichterischen Wortes, und so erhoffte er von dem neugewonnenen politischen Freunde die rechte Hilfe für seine Zwecke. Gottfried nahm die Aufgabe ernst. Nie hatte ihm die Abfassung eines Schriftstückes solche Schwierigkeiten bereitet wie setzt. Ganze Bogen hatte er schon nüt einzelnen Sätzen bedeckt, die er immer wieder ausfeilte, um sie dann später sauber an die Schnur 'eines Grundgedankens zu reihen. Aber selbst über die Eingangssätze war er sich noch nicht klar.
„Preußische Brüder", so begann er, „ivas Euch Euer Königshaus vor mehr als drei Jahrzehnten feierlich ver- sprachen, das Königshaus, dessen Thron Ihr mit Blut und Eisen danials neu gefestigt, hat es nicht gehalten Vergeblich verlangen Eure Besten, vergeblich verlangt das ganze Volk nach einer vollgültigen Verfassung. Einen Stein hat man Euch statt des Brotes gereicht und erheischt dafür noch Eure Dankbarkeit. Kein beschriebenes Blatt, so hat der König geäußert, solle sich zwischen den lieben Gott und unser Vaterland drängen. Auch wir wollen dieses nicht, aber der König wird sich gefallen lassen müssen, daß sich unsere gerechten Forderungen und Wünsche zwischen ihn und das Volk drängen, so lange, bis er sich gezwungen sieht, den wachsenden Berg solö^r Blätter durch ein Dokument, durch die aei'chriebene Verfassung, zu beseitigen. Ohne die Liebe und das Vertrauen
