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«i. Jahrgang.

«rfchtim m zwei Ausgabe«. — Bezugs-Preis: durch den Verlag La Pfg. monatlich, durch die Post a MI. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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627. Berlags-Fernsprecher No. 2958.

Mittwoch, den 11. November.

NcdaktionS-Fernsprechcr No. 82.

1903 .

Eff ergen-Ausgabe.

Die Münjche -er DolKsschullehrer.

Non pädagogischer Seite wird uns geschrieben: Wenn jemals, so hat jetzt angesichts der Landtagswahlen die preußische Volksschullehrerschaft die Pflicht, zu sagen, was sie erhofft, denn daß es zu einem Kampfe um die Volks­schule kommen wird, gleich viel, ob die Negierung will oder nicht will, liegt klar zutage. So erscheint es geboten, das Programm der preußischen Volksfchullehrerschaft in den politischen Kampf hinauszutragen. Die Lehrer wer­den die Konsequenzen mindestens vor dem Wahltisch ziehen. So weit es sich um solche handelt, die in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Patronen stehen, ist das nicht leicht, in den Mittel- und Großstädten hingegen sicher zu bewerkstelligen. Im Anschluß an das von Lehrer Tews-Berlin, einem unserer hervorragend­sten liberalen Schulpolitiker, in einer allgemeinen Lehrer­versammlung entwickelte und von dieser fast einstimmig angenommene Programm gehen wir auf die „Wünsche und Hoffnungen" ein, vorweg bemerkend, daß diese Aus­führungen die Quintessenz alles dessen enthalten, was seit Fahren von der organisierten preußischen Lehrerschaft auf ihren großen Versammlungen und in der Fachpresse ge­fordert worden ist. Wie kürzlich die Arzte eine Ab­trennung des Ressorts der Medizinalangelegenbeiten vom Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal- Angelegenheiten gefordert haben, so wünschen die Lehrer eine Trennung des Unterrichts vom Kultusministerium. Dieselbe ist eine Vorbedingung für die Durchführung von einer Reihe weiterer Forderungen. Sv ist z. B. eng damit verknüpft die Beseitigung der Lokal- sch ulinspektion, die meist in den Händen der Geistlichen liegt. Die Fabel, daß ohne die Aussicht der Schule durch die Geistlichen eine „Entchristltchung der Volksschule" eintretcn würde, wird nicht dadurch zur Wahrheit, daß man sie fortgesetzt wiederholt. Neuerdings mehrt sich übrigens auck die Zahl der Geistlichen, welche sich auf die Seite der Lehrer stellen und gern auf die Lokalschulinspektion verzichten möchten. Das Schulauf­sichtsgesetz vom 11. März 1872 muß durch Bestimmungen ergänzt werden, die eine pädagogische Fachauf­sicht für die Volksschule sicher stellen.

Nun zur Vesoldungsfrage. Ihre Begleiterscheinungen sind der Lehrermangel und die sogenannte Landflucht der jungen Lehrer, unter denen natürlich die Volksbildung schwer leidet. Wenn noch Zehntausende von Lehrern im Alter von 20 bis 25 Jahren lin den ersten vier Dienst­jahren) % des sogenannten Grundgehalts von 900 M. beziehen und dann in dreijährigen Stufen von je 100 M. bis 1800 M. steigen, so müssen auch die Gegner der Revi­sion des Besoldungsgesetzes zugeben, daß die Forderung des 2. preußischen Lehrertages zu Magdeburgs 1850 M. Grundgehalt und Alterszulagen von 150 M.,

namentlich auch im Hinblick auf die erhöhten Anforde­rungen bezüglich der Bildung und der verteuerten Lebensvcrhältnisse nicht unbescheiden ist. Woher das Geld nehmen? Die Lasten müssen auf breitere Schultern gelegt werden, so sagen die einen, andere fürchten davon eine Schädigung des Schulwesens der Großstädte. Jeden­falls muß der Staat durch Erlaß eines Schul- unterhaltungsgesetzes für eine gerechtere Ver­teilung der Schullasten eintretcn. Die Vvlksschulaus- gaben sollten auf den Etat der politischen Gemeinden übernommen werden und eine angemessene Beteiligung des Staates, der auch heute namentlich für das platte Land zum größten Teil die Lasten trägt, sichergestellt sein. Inwiefern wir dadurch der Staatsschule näher kommen, für welche die Lehrer im allgemeinen nicht schwärmen, muß hier unerörtert bleiben. Durch das Ruhege­halt s - K a s s e n g e s e tz sahen sich ferner die größeren Kommunen veranlaßt, meistens nur Lehrer mit bis etwa 8 Dienstjahren anzustellen, älteren Lehrern ist dadurch die Verbesserung ihrer Lage einfach abgeschnitten. Lews schlägt eine Abänderung des betreffenden Gesetzes dahin­gehend vor, daß die Beiträge der Gemeinden nach dem Durchschnittsgehalt berechnet werden, das sich aus dem Grundgehalt, Plus Alterszulagen, sowie der Mietsent­schädigung ergibt. Die Aufhebung der Privatpatrone, Sitz und Stimme des Lehrers im Schulvorstand und der Schuldeputation, Gewährung des passiven Wahlrechts zu den Gemeindevertretungen, Erlaß einheitlicher und zeit­gemäßer Bestimmungen über Schulpflicht, Erhaltung und Erweiterung der in der Volksschule erreichten Ziele durch obligatorische Fortbildungsschulen für Knaben und Mäd­chen in Stadt und Land — auch das alles ist nur erreich­bar durch gesetzgeberische Maßnahmen. Man sieht, ein umfangreiches, aber keineswegs unausführbares Pro­gramm. Und wer sich der Bedeutung einer gesteigerten Volksbildung für die wirtschaftliche Entwicklung des Vaterlandes bewußt ist, der wird zugeben müssen, daß kaum ein Punkt dieses Programms überflüssig erscheint. Was wird der neue Landtag der Volksschule und ihren Lehrern bringen? Die preußische Lehrerschaft blickt mit einem gewissen Bangen in die Zukunft.

Politische Übersicht.

Ter Verzicht auf eine Militärvorlage.

I.. Berlin, 0. November.

Es ist bemerkenswert, daß sich die Konservativen den Kopf darüber zerbrechen, warum auf eine neue Militärvorlage für die bevorstehende Reichstags- session verzichtet werden soll. Tie Tatsache, daß eine solche Vorlage nicht zu erwarten steht, dürste als sicher an­zunehmen seiir. Nach glaubwürdigen Mitteilungen besteht die Slbsicht, das gegenwärtige Quinqnennat um ein Jahr zu verlängern, und die Spezialforderungen, die für ein­zelne Waffengattungen erhoben werden sollen, im Etat

wie in besonderen Vorlagen vor den Reichstag zu bringen. Unklar bleibt es freilich zunächst, ob die Verlängerung des Quinquennats, also die Belassung der Friedenspräsenz­stärke in ihrer gegenwärtigen Hohe, durch ein Gesetz oder einfach im Wege der etatsmäßigen Bewilligung dieser Friedenspräsenzstärke betDiKft werden soll. Aber daran ist kaum noch ein Zweifel, daß eine Erhöhung des Friedensetats zunächst nicht verlangt werden wird. Die natürliche Folgerung aus dem Entschluß der Regierung sollte sein, daß eine weitere Verstärkung der deutschen Heeresrüstung nicht für nötig gehalten, wird, für jetzt wenigstens nicht. Denn wenn sie für dringend und ge- boten gellen sollte, so könnte die Heeresverwaltung auf eine entsprechende Forderung nicht verzichten. Jedenfalls kann bei unbefangener Betrachtung der Verhältnisse nirgends ein Grimd zur Beunruhigung wegen eines Entschlusses entdeckt werden, dessen Gegenteil weit eher geeignet wäre, Verwirrung und Bedenken hervorzurufen. Aber man erlebt das wunderliche Schauspiel, daß, wie gesagt, die Konservativen ungemein besorgt um das Schick­sal unserer Heereseinrichtung gerade darum geworden sind, weil die maßgebende Stelle durch den Verzicht auf eine neue Militärvorlage zeigt, daß sie unsere Kriegs­rüstung für solid genug erachtet. Die KonservatilKN handeln freilich weder rätselljaft noch unlogisch. Nichts pflegt ihnen willkommener zu sein, als wenn eine große Militärvorlage die Gemüter erregt. Denn dann können sie sich wieder einmal als die sichersten Stützen der Regierung erweisen und durch die starke Betonung der „staatserhalteirden" Note Stimmung gegen alle bürger­lichen Parteien machen, die der Notwendigkeit niemals die erforderlichen Opfer verweigert haben, die sich aber eine gewissenhafte Prüfung des Maßes der Notwendig, teit porzubehalten pflegen. Die Sehnsucht nach einem Konflikt blickt aus den konservativen Bedenken heraus, man will die Regierung an Fürsorge übertrumpfen, und da man nichts zu bewilligen bekommen wird, so will man wenigstens so laut wie möglich versichern, daß man mit Hingebung bereit sei, alles nur Denkbare doch zu be­willigen. Nun würde ein vorkänfiges Hinausschieben der Militärvorlage allerdings einen pikanten Beigeschmack bekommen, wenn es sich bewahrheiten sollte, daß dafür eine Steigerung der Marineforderungen beabsichtigt wäre. Aber einstweilen wird ja diese Absicht bestritten, und man hat eigentlich kein Recht, die Versicherung zu bezweifeln. Tie größere Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß die an» gekündigte Zurückhaltung der Regierung in bezug auf die Heeresfragen diktiert wird von der Rücksichtnahme auf die Finanzlage und von dem Wunsch, die beabsichtigte ReichSfinanzreform nicht gleich im Beginn, vielmehr nicht schon vorher durch eine beträchtliche Erhöhung der mili- tärischen Aufwendnngen in Frage zu stellen. Es mag hinzukommen, daß die Aufgaben des Reichstags nicht kompliziert werden sollen. Die Finanzreform würde bereits einen erheblichen Raum in den parlamentarischen Arbeiten beanspruchen, und wenn es gelingen sollte, noch

Feuilleton.

Mn Toorops „Glaube und Arbeit"

In der Ausstellung der holländischen Sezession, die uns die hiesige „Gesellschaft für bildende Kunst" seinerzeit tm Rathaussaale bot, wußte ein Bild trotz der Menge neirer und fesselnder Eindrücke die erste Aufmerksanrkeit sofort auf sich zu konzentrieren. So sehr das Problem der Arbeiten van Goghs lockte, so sehr der Zauber der Landschaften Hart-Nibbrigs und van der Volks schmei­chelte, zu ihm kehrte man vorerst iurmer wieder zurück. Das war Jan Toorops „Glaube und Arbeit". Die zwei Worte haben zwei Jahrtausenden des Lebens einer Welt das entscheidende Gepräge gegeben. Alle Tiefen und Höhen einer Weltanschauung wollen in den zwei Worten umfaßt sein. Und so scheint es fast unmöglich, mit den be­schränkten Mitteln eines Bildes etwas zu sagen, was ihren Gehalt andeutete oder gar erschöpfte. Unwill­kürlich fällt einem dabei die Allegorie der Akademiker ein. Glaube und Arbeit — ein schön frisierter Schmied «nt germanischem Heldenbart, der den Amboß mit einem Knliffenhammer in Grund und Boden schlägt. Daneben eine Frauengestalt mit gefalteten Händen, die Augen im Naivenaufschlag gegen Himmel, oder vielleicht auch ein rundlicher „anmutiger" Akt, eine Palme in der pathetisch erhobenen Rechten. Das wäre dann ein braves Galerie­bild geworden, an dem viele ihre Freude gehabt hätten, und nur wenige hätte es gestört, daß die Tafel dann eventuell ebenso gut „Meditation und Fleiß" oder „Handel und Industrie" usw. hätte heißen können. Und Jan Toorop? Seine „Arbeit" stellt sich ihm dar wie einem, der auf den Grund des Lebens und der Geschichte geschaut hat. Seine Arbeit ist ein Mann mit einem Cäsarenhaupt, in dem die elementare physische Kraft durch den Ausdruck der Intelligenz geweiht und geadelt ist — der Beherr­scher und Bezwinger der Materie, dem die Technik eine Armee von Hülfskräften unterstellt hat. Und doch, was

wäre er, der Mächtige! Auf flacher Hand, gleichgiltig achtlos hingestreckt halt er seinen Lohn — er sieht darüber hinweg, suchend, forschend, in die Ferne. Er wüßte mit der Frucht seiner Arbeit nichts zu beginnen. Aber neben ihm steht — angeschmiegt kann man von diesen beiden gleich starken Riesen nicht sagen —, wie zu einer Einheit verbunden durch eine höhere Kraft, ein Weib mit sorgen- durchfurchten, fast strengen Zügen, die keinem erspart bleiben, der je an ernster Arbeit wahren Anteil genom­men, im ernsten Auge den hellen, steten Schein, den nur ein Licht im Innersten leihen kann — der Glaube, der der Arbeit Ziel und Freude gibt. So ist das Bild mit seiner ungewöhnlichen suggestiven Kraft in mehr als einer Beziehung außerordentlich wertvoll. An sich ein Meister- und Musterbild der modernen, im höchsten Sinn gefaßten Allegorie — einen Ausdruck, den ich hier nur der Kürze und allgemeinen Verständlichkeit halber bei­behalte. Der moderne Symboliker muß von der charak­teristisch gegebenen realen Erscheinung ausgehen. Unser aus Notwendigkeit geschärfter Wahrheitssinn zwingt ihn dazu. Alles Innere, alle höhere Sprache darf nicht direkt in Außeres nmgesetzt werden, sondern muß durch die ge­gebene reale Erscheinung durchstrahlen. An der Stärke dieser Durchleuchtung und Beseelung des Äußeren messen wir den Ewigkeitswert eines Werkes. Es kann also kein Zweifel bestehen, wie hoch Jan Toorops Arbeit ein­zuschätzen ist. Nicht minder hoch steht das Bild als Per­sönlichkeitsdokument des Künstlers. Die Wiesbadener Kunstfreunde haben Gelegenheit gehabt, die mannig­fachsten Arbeiten Jan Toorops zu sehen und die ver­schiedenartigen Elemente seiner Kunst kennen zu lernen. Neben dem Mystiker, der den englischen Präraphaeliten so verwandt erscheint, tritt der Dämoniker der ornamen­talen Linie, dessen Phantasie öfter das exotische Blut nicht verleugnen kann. Neben dem meisterhaften Techniker des Pointillismus haben nur den Farbensymphoniker, der Whistler verehrt, in ihm gesehen. In „Glaube und Ar­beit" haben sich alle Elemente zu harmonischer Arbeit vereinigt. Ohne den starken Sinn Jan Toorops für

öas Ornamentale wäre die große monumentale Linie unseres Bildes, die das Werk zugleich mit der Wucht der Plastik vor uns hinstellt, unmöglich. Wäre Toorop nicht der Mystiker, der so tief in die' Raffel der Innenwelt hinabgestiegen ist, nie hätte er seinen beiden Gestalten diesen suggestiven, inneren Ausdruck, der für die Arbeit und den Glauben aller Menschen und aller Zeiten die gleiche Gültigkeit hat und so das Höchste der Kunst, die Erhebung des zeitlichen Individuums zur ewigen Gat­tung vollbringt, geben können.

Die hiesige „Gesellschaft für bildende Kunst" hat sich mit dem Ankauf dieser Arbeit das beste Zeugnis aus­gestellt. Sonst ist es der fast unentrinnbare Fluch solcher Vereinigungen, daß sie, indem sie aus den verschieden­artigen Meinungen ihrer Mitglieder das Resultat ziehen, zu einem unpersönlichen, faden und lauen Geschmack ge- langen, der sich gerade von der gefälligen, persönlichkeits­losen Mittelmäßigkeit am stärksten angezogen fühlt. Der Ankauf beweist aber nicht nur einen guten künstlerischen Geschmack, sondern auch eine gesunde, vernünftige Kunst­politik. Die für die Mittel der Gesellschaft immerhin große Summe von 2000 M. wurde in einem Bilde an­gelegt, das seinen Wert für echtes Kunstempfinden zu allen Zeiten behalten wird. Bliebe höchstens noch der Ein­wand, daß man eine so große Summe einem Ausländer zugeführt hat. Die künstlerische Nationalität aber teilt sich nicht nach politischen Grenzen. Daß Rembrandt und Shakespeare ebenso gut unseres Blutes sind wie Klinger und Bismarck, ist eine bis zum Überdruß erörterte Wahr­heit. Ebenso klar ist jedem Kenner unserer Kunstverhält­nisse, daß um die genannte Summe heute kein ähnlich monumentales Werk eines großen Künstlers unserer engeren deutschen Stammeszugehörigkeit zu erwerben ist. Wer also nicht meint, daß die Summe besser im Ankauf von Reproduktionen, um die es sich dann bei der Nen­nung von Namen wie Klinger, Böcklin, Leibl, Thoma usw. nur handeln könnte, verzettelt worden wäre, wird auch von dieser Seite gegen den Ankauf keinen Einwand erheben können. J. K.