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Ko. 528.

Berlags-Ferusprecher No. 298».

Mittwoch, den 11. November.

RebaktionS-Fernsprecher R». 82. 1903. ' f

Abend-Ausgabe.

Der WedergW Bet euMei IiBWrie.

, Wenn es Me Fremden sagten, daß die englische In­dustrie zurückgeht, so wäre Zweifel Pflicht. Aber Me Engländer selbst sagen es, sie beweisen es, sie sind voller Kummer und Entrüstung über Me Tatsache, und so ist man berechtigt, zu glauben, daß dies einst führende Land mehr und mehr von aufstrebenden Rivalen überholt wird, vor allem von uns und Amerika. In einer so wichtigen Frage muß man Me Wirklichkeit der Dinge sprechen lassen, die Raisonnements kann man sich sparen: Es ist eine besonders unverdächtige Quelle, aus der wir im Nachstehenden schöpfen. Die Wochenschrift „Die Neue Zeit" hat nicht die Vermutung für sich, daß sie aus blin­der Liebe zu Deutschland den Verhältnissen Gewalt an­tun möchte, und gerade diese Zeitschrift bemüht sich jetzt, in einer längeren Artikclreihe die Belege dafür zu brin­gen, daß die englische Industrie ins Hintertreffen gerät. So sei aus der wichtigen Publikation dies und jenes herausgegriffen.

Sir Henry Roscon schrieb in einem Artikel über die Aussichten des britischen Handels im Februar 1902: „Was sind die veränderten Bedingungen der Industrie von heute, verglichen mit denen früherer Jahre? Der Unter­schied kann mit einem Worte ausgedrückt werden. Es ist der Unterschied zwischen der Herrschaft der rohen Gewalt und der Herrschaft der Wissenschaft. Es ist der Unterschied zwischen Ignoranz und Bildung, zwischen dem Tappen im Dunkeln und dem Wandeln im Sonnenlicht. Die Unterschätzung, Me in vielen Fällen bis zur absoluten Nichtachtung sich steigert, für Me Anwendung der wissen­schaftlichen Methoden bei industriellen Unternehmungen, das Festhalten an veralteten Arbeitsweisen statt des Adoptierens geeigneter Neuerungen, das ist das schleichende lähmende Übel, welches das industrielle Leben der Nation bedroht."

Eine technische Zeitschrift in England teilte kürzlich folgenden Fall mit: „Eine amerikanische Firma, die hier Fabrikgebäude zu errichten beabsichtigt, ersuchte eine her­vorragende hiesige Bauunternehmerfirma in Eiscnkon- struktionen, ihr Entwürfe und Offerten zu unterbreiten. Bei deren Ansicht schienen Mctallgewicht und Preis außer­ordentlich hoch, und eine Prüfung ergab, daß die Gewichte ganz ähnlicher Teile sehr verschieden waren, da die Trag­sicherheit von 5 bis etwa 20 differierte. Nachfragen bei den Unternehmern enthüllten die Tatsache, daß das Ganze nur nach dem Augenmaß gezeichnet und keine Berech­nungen gemacht worden waren. Das ist das famose „Un- zefähr"-Prinzip in der Praxis."

Einer der hervorragendsten englischen Optiker er­klärt, daß, so bald er einen Mathematiker braucht, um seine Linsen auszurechnen, er ihn in Deutschland suchen

muß. In der Eisen- und Stahlfabrikation ist die eng­lische Industrie hoffnungslos geschlagen. Und warum? Ganz einfach deshalb, weil die Wissenschaft an Stelle des veralteten Bessemerprozesses bei der Stahlfabrikation, woran die Engländer immer noch hängen, andere Ver­fahren gesetzt, und weil sie in dem basischen Prozeß und in dem Siemens-Martinschen Flammofen-Prozeß den Deutschen und den Amerikanern neue und wirksame Pro­duktionsverbesserungen an Me Hand gegeben hat. Schon 1896 kehrten die von der British Jron - Trade Asso- ciation zur Besichtigung deutscher und belgischer Werke abgeordncten Delegierten voller Bewunderung und Neid über das Gesehene zurück. Und voriges Jahr in Düssel­dorf mutzte das British Jron and Steel Institute durch den Mund seines Präsidenten verkünden, daß „England nicht mit der industriellen Entwicklung Schritt gehalten habe." Ebensowenig hat es verstanden, die Vorteils auszunützen, die darin liegen, daß die Hauptindustrie mit der Verwertung ihrer Nebenprodukte verbunden wird. Die Hochofenschlacke, dieses Abfallprodukt, müssen Me britischen Eisenindustriellen noch heute fortschaffen und mit teurem Geld bezahlen. Die Deutschen benutzen sie zur Fabrikation von „Portland"-Zement und haben darin England von fast jedem wichtigen Markte vertrie­ben. Dasselbe ist der Fall mit dem Hochofengas, das man in England ungenutzt in die Lüfte entweichen läßt, während es in Deutschland als Kraftquelle verwendet wird, um Maschinen zu treiben. Kein Wunder, baß die Eisenindustrie in Deutschland prosperiert, während sie in England stagniert.

Und wie mit der Stahlindustrie, geht es mit der elek­trischen Industrie, und wie mit dieser, so mit der chemi­schen Industrie. Während sechs der größten Firmen Deutschlands nahezu 500 hochgelehrte Chemiker wissen­schaftlich beschäftigen, wird Me entsprechende Zahl in Eng­land auf nicht mehr als 30 bis 40 geschätzt. Während die sechs deutschen Firmen von 1896 bis 1900 für neue Farb- waren und andere Teerprodukte 948 Patente anmelde­ten, konnten sechs der größten englischen Firmen ans ähn­liche Entdeckungen nur 86 Patente nehmen. Die „Neue Zeit" schreibt: „In diesem Mangel an theoretischem Sinne der bornierten Profitgier, der als Tendenz der Bourgeoisie eines jeden Landes eigen ist, der aber in dem Mutterland der kavitalistischen Industrie sich besonders stark entwickelte, sehen wir die Hauptursache seines indu­striellen Niederganges." Wir wiederholen: Es ist ein in diesem Falle besonders beachtenswertes Organ, das solch vernichtendes Urteil ausspricht.

Zur Operation des Kaisers.

Zum Verständnis der an dem Kaiser vollzogenen Operation bringen wir beistchend eine Zeichnung. In dem oberen Teile derselben ist der Kehlkopf dargestellt mit einem Polypen am rechten Stimmband, der sich also als

kleiner fleischiger Auswuchs am Stimmband zeigt. Solche Polypen sind selbst bei ganz gesunden Menschen nichts Außergewöhnliches, ja die Wucherungen derselben sind vielfach sehr umfangreiche, die sich auch auf die Umgebung noch ausdehnen.

Im unteren Teile unserer Zeichnung ist eine zum Teil mit Zahlen versehene Darstellung des Kehlkopfes, von oben gesehen, gegeben. Hier werden durch Zahlen be­

zeichnet: 1 die beiden Stimmbänder, 2 der Zwischenraum derselben beim Sprechen, die Glottis, 3 der Kehldeckel­wulst, 4 das Taschenband, 6 Rand des Tafchenbandes, 6 und 7 Kehlkopfrückwand, 8 Schlundrückwand.

An den Stimmbändern (1) hat sich bekanntlich beim Kaiser der Polyp gezeigt, der durch die glücklich ver­laufene Operation entfernt worden ist.

*

lul. Berlin, 10. November. Nach dem heute ausge­gebenen Bericht über das Befinden des Kaisers hält die rasche Besserung im Aussehen der linken Stimmlippe an. Heute morgen unternahm der Monarch den gewohnten Spaziergang im Freien und hörte später die Vorträge des Chefs des Militär-Kabinetts, des Chefs des Admiralsstabes der Marine und des Chefs des Marine- Kabinetts. — Wie die „National-Zeitung" feststellt, hat der Kaiser Blutungen aus dem Kehlkopf nicht geh<cht.

Oie Nevolutzer.

Roman von Walther Schulte vom Brühl.

(25. Fortsetzung.)

Eine halbe Stunde später fuhren der Landrat und der Frecherr in Eigersbnsch vor. Trinken, in sauberer weißer Schürze, öffnete ihnen auf ihr Klingeln die Tür. Der Freiherr griff ihr freundlich unter das Kinn und sagte: „Sehen Sie, Herr Landrat, so sieht ein nieder- rheinisch Früchtchen aus, Bäckchen wie ein Äpfelchen, ordentlich zum Anbeißen."

Das Mädchen lächelte geschmeichelt und verschämt. Der Landrat, der sich für unwiderstehlich hielt und der Weiblichkeit nicht abhold war, blickte der Magd unver­schämt in die Augen und bemerkte schmunzelnd: „Auch die Arme scheinen nicht übel zu sein." Er machte einen kecken Versuch, einen zärtlichen Kniff zu tun, da schlug ihn das Mädchen derb aus die Hand und rief: „Hände von der Butter!" Zugleich zeterte und schimpfte plötzlich eine Amsel, die in ihrem langen, niederen Käfig an der Decke hing, so gewalttg los, daß sich derLandrat erschrocken umschaute.

„Zum Donner, was ist denn das?" ries er.

„Das ist ein Vogel, eine Merle", sagte das Mädchen und öffnete die Tür zur besten Stube, in der Herr Manuel, angetan mit seinem besten Leibrock, in einsamer Größe stand und hocherhobenen Hauptes die beidenHerreu erwartete.

In kordialer Weise machte der Freiherr den Landrat und den Gärtner miteinander bekannt.

„Ich hatte Ihnen schon Mttteilung zukommen lassen, daß mich eine ganz besondere Veranlassung herführe, Herr von der Pforten", sagte der Beamte. „Ich komme in allerhöchstem Aufträge Seiner Majestät unseres aller­gnädigsten Königs und Herrn."

Herrn Manuels Antlitz wurde noch um einige Grade finsterer und hochmütiger, als er darauf entgegnete: „Ich kann mir die Ursach' schon denken, Herr Landrat. Wer ich bin ganz unschuldig an der Geschichte, und an den

Worten, die Seine Majestät an dem Kaltenberger Tag an mich richtete, Hab' ich grad' genug. Ich sollte denken, damit könnte das nun erledigt sein."

„Ich verstehe Sie nicht recht, werter Herr", sagte der Landrat. „Ich kann doch wohl kaum auuehmen, daß Sie die hohe Auszeichnung, die Seine Majestät für Sie bestimmt haben . . . ."

Herrn Manuels Züge zeigten den Ausdruck größter Verwunderung, als der Landrat jetzt ein Etui aus seiner hintern Rocktasche zog und es mit einer gewissen Feier­lichkeit öffnete.

Ein glitzerndes Farbenspiel von Weiß, Rot und Gold bot sich den staunenden Augen des Gärtners dar. „Ein Orden!" seufzte er, nach Lust ringend, und der Landrat hielt ihm das Etui hin und sprach mit gemessener Würde: „Ich schätze mich glücklich. Ihnen dies Zeichen allerhöchster Anerkennung überreichen zu dürfen. Wie es eine Be­lohnung für Ihr verdienstliches, patriotisches Wirken be­deutet. sowie eine Anerkennung Ihrer dem ganzen Kreise nützlichen und weit darüber hinaus geschätzten, gewerb­lichen Tätigkeit, so möge es zugleich ein steter Ansporn sein zu neuem Streben, zu neuer und eifriger Betätigung Ihres schätzenswerten Pattiotismus, wie Ihrer ersprieß­lichen Tättgkeit auf dem Gebiete der Hortikuttur."

„Ich ... ich ... ich bin so überrascht, so so . . . glücklich, Herr Landrat, ja so glücklich . . . Wenn Sie so g'Ut_ sein wollten und . . . und Seiner allergnädigsten Majestät .... meinen allcruntertänigsren Dank . . ." stammelte Herr Manuel.

„Schon gut, schon gut, mein Lieber", näselte der Land­rat, und der Freiherr streckte die Hand hin und sagte schmunzelnd: „Lassen Sie mich der erste sein, Herr Nach­bar, der Ihnen Glück zu der schönen und- wohlloerdienten Auszeichnung wünscht. Und lassen Sie mich auch der sein, der Sie schmücken darf."

Er nahm den Orden, ließ ihn erst ein wenig vor den Augen des Dekorierten funkln und befestigte ihn dann kunstgerecht in: Knopfloch des glücklichen Mannes, der sich immer noch nicht zu fassen wußte vor freudiger Über­raschung.

„Vielleicht darf ich ein Gläschen Wein . . . und dann ineine Tochter und mein Neveu..." fragte Herr Manuel.

„Ein Glas Wein schlage ich nicht ab, schon um mit Ihnen anzustoßen-auf das Wohl unseres allergnädigsten Landesherrn", erwiderte der Landrat. „Auch wird es mir Freude machen, Ihr Fräulein Tochter und den Herrn Reffen kennen zu lernen. Indirekt habe ich schon seine Bekanntschaft gemacht. Er scheint mir ein vielversprechen­der junger Mann zu sein."

Manuel eilte hinaus, und man konnte ihn draußen nach Agnes rufen hören. Nach einem Weilchen kehrte er, von der jungen Dame und Gottfried begleitet, zurück und beellte sich, in etwas verlegener Art die Vorstellung zu vollziehen.

„Welche^Überraschung, Herr Landrat", sagte Agnes. „Gestatten Sie auch mir, Ihnen ineinen Tank cmszu- sprechen, daß Sie sich freundlichst zum Überbringer einer Auszeichnung machten, die nicht nur den Papa, sondern uns alle ehrt."

„Es war mir eine angenehme Pflicht, mein Fräu- lein", entgegnete der Landrat lächelnd und sie bedeutungs­voll anschauend, fuhr er fort: „In der Tat, ich bin sehr glücklich, auf diese Weise mit der Geburtsstätte einer so interessanten Industrie bekannt zu werden und zu sehen, daß zwischen den Dornen die Rose nicht fehlt."

Sie drohte mit dem Finger. „Es ist nur eine Weiß­dornblüte und diese Dornen sind weit länger und kräf­tiger als die Rosendornen", antwortete sie.

Ta brachte Trinken ein Tablett mit Wein und Ge­bäck, und Agnes schenkte ein. Der Landrat schien ein leb­haftes Gefallen an ihr zu finden, er bemühte sich, witzig mit ihr zu plaudern und bemerkte in seiner Selbstgefällig, keit gar nicht, daß das verborgene Lachen in ihren Ang- winkeln einen etwas spöttischen Ausdruck annahm. Er kam ihr ein wenig komisch vor mit seinem ostpreußischen, breiten Dialekt und sie dachte bei sich: „wie komntt es doch, daß dieser seltsame Herr als ein großer Gewalthaber von den Leuten betrachtet werden kann."