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**• Jahrgang

Erscheint in zwei Ausgaben. — BezngS.PreiLr durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch di« Post S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffc 27.

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^ ° g ’ erscheinenden Ausgabe, mit für die Anzeigen-Ausnahme an besttmmt vorgeschr,ebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

U0. 525. Berlags-Fernfprecher R«. 2»53. DieNStttg» d-N 1V. Uoveml»er. N-dak.ionS.Ferniprecher No. 52. 1908.

Morgenausgabe,

Das DölKergemisch in Ungarn.

Die Ernennung des Grafen Tisza zum Minister­präsidenten von Ungarn wird allgemein als der Beginn einer neuen Ara in der inneren Politik des ungarischen Königreiches und in deren Beziehungen zur österreichi­

präge erhalten können. Welchen Grad diese Zusammen- würfelung im ungarischen Reich besitzt, zeigt unsere bei­stehende Karte. Auf derselben sind die verschiedenen verschieden sprechenden Völkerschaften und ihre Nieder­lassungsgebiete durch verschiedene Signaturen lvergl. die Zeichenerklärung) kenntlich gemacht, und zwar ist bei den Signaturen das über 50 Prozent der Gesamtbevölke­rung betragende Übergewicht der vorherrschenden Natio­nalität berücksichtigt. Das Gros bilden natürlich die Magyaren, welche 45,4 Prozent der Gesamtbevölkerung

schen Monarchie bezeichnet. Freilich ist die Kabinett­bildung Tiszas bereits mit großen Schierigkeiten ver­knüpft gewesen und hat seine Ernennung eine Spaltung in der liberalen Partei hervorgerusen, so daß in dem un­garischen Parlament heftige Kämpfe für die bevorstehende Session zu erwarten sind. Wie in keinem anderen Land, zeigt aber auch der ungarische Staat eine Zusammen- würfelung der verschiedensten Völkerschaften mit ver­schiedenen Sprachen, die es natürlich mit sich bringt, daß die ungarischen Kronländer niemals ein homogenes Ge­

bilden; ihnen folgen an Stärke nach die Rumänen mit

14.5 Prozent, die Deutschen mit 11,2 Prozent, Slowaken

10.5 Prozent, Kroaten 8,7 Prozent, Serben 5,5 Prozent, Ruthenen 2,2 Prozent, Slovenen 0,5 Prozent, Zigeuner 0,3 Prozent, Italiener 0,2 Prozent und andere Nationali­täten 1,1 Prozent. Die Gesamtbevölkerung Ungarns wird nach der letzten Volkszählung auf 19 260 000 Ein­wohner angegeben, und sind an dieser Bevölkerungsziffer die verschiedenen Nationalitäten in obiger Reihenfolge wie folgt beteiligt: 8 743 000, 2 800 000, 2 135 000, 2 020 000,

1 680 000, 105 200, 420 000, 100 000, 62 000, 28 000, 210 000. Bemerkenswert ist an unserer Karte di« weite Ber. breitung der Deutschen, von denen die Stebenbürger Sachsen in der Geschichte eine besondere Rolle gespielt haben und auch heute noch eine besondere Bedeutung be­sitzen. Leider ist das Deutschtum im Rückgang, namentlich in den Städten Oberungarns. Die Rumänen sind vor. zugsweise in Siebenbürgen und in den Städten Krön- stadt, Klausenburg usw. zu finden. Die Domizile d«r übrigen Nationalitäten sind weniger verzettelt als die bisher erwähnten, und bilden die Slowaken im Norden, die Ruthenen im Nordosten, die Kroaten im Südwesten und die Bulgaren im Süden ziemlich bedeutende Kon» tingente der Bevölkerung. Die Italiener beschränken sich in der Hauptsache auftdie Hafenstadt Fiume und die um­liegenden zur Herzegowina gehörenden Küstenstädte.

Politische Übersicht.

Kaufmännisches Proletariat.

Der Streik der Berliner Adressenschreiber, der so- eben bei dem größten Adressenverleger durch eine Er­höhung der Löhne um 25 % beigelegt worden ist, wo- durch auch in den übrigen Adressenverlagen eine Auf­besserung der Löhne erwartet wird, erinnert wieder einmal an das Elend des kaufmännischen Proletariats und daran, daß es noch immer zahlreiche Menschen gibt, die selbst bei unmäßig langen Arbeitszeiten nicht so viel verdienen, um die allerbescheidenste Existenz zu fristen. Bei einer Arbeitszeit von 16—18 Stunden betrug der Verdienst für geübte Adressenschreiber vor dem Streik 10—11 Mark pro Woche, weniger Geübte kamen nur auf 6—7 Mark und selbst „Löhne" von 3—4 Mark waren, so unglaublich es klingen mag, nichts Außergewöhn­liches. Auch bei einem Aufschlag von 25 % werden also die Adresseilschreiber recht bescheidene Löhne verdienen. Wenn man bedenkt, daß von den Schreibern noch eine gewisse Repräsentation in der Kleidung verlangt wird, so braucht man sich nicht darüber zu verwundern, daß vielen der Adressenschreiber neben den Ausgaben für ihre qualitativ und quantitativ unzureichende Beköstigung nicht einmal so viel übrig bleibt, daß sie sich auch nur die billigste feste Schlafstelle mieten könnten. Sie logieren sehr oft für wenige Pfennige in irgend einer schmutzigen Müssenherberge und noch öfter vielleicht sind sie Gäste in den Asylen für Obdachlose. Im Asyl für männliche Obdachlose in der Wiesenstraße in Berlin ist es ein ge­wöhnlicher Anblick, daß Adressenschreiber hier des Abends noch einige hundert Adressen fertigstellen, um den Tages­verdienst etwas höher zu schrauben. Zn Ende der Woche sind die Suppe und das Stück Schwarzbrot, welches die Gäste im Asyl am Abend erhalten, nicht selten die einzige Nahrung für die weniger geübten Adressenschreiber wäh­rend des ganzen Tages. Die große Mehrzahl der

Feuilleton.

Der Kampf um die ..Kilhauetle^

Berlin, 3. November 1903.

Es soll nun also doch wahr werden! Der „Kampf um die Silhouette", der in den letzten Monaten in allen Schneiderateliers mit solch erbitterter Heftigkeit geführt worden ist — mit einer Heftigkeit, von der harmlose Un­beteiligte keine Ahnung haben —, soll mit einem Siege der „veränderten Silhouette" endigen. Plisseeröcke mit kleinen Kissen „als Stütze", — eingezogene Röcke, die weit und weich aussallen, für Gesellschaften, — an­schließende, halblange Mäntel mit losen, weiten Schößen, unter denen sich die Stosfülle ungehindert aufbauschen kann, — das ist die Signatur der kommenden Mode, die uns unmerklich langsam, aber ganz sicher zum bauschigen Rock, zur Krinolinenmode überleitet. Denn wenn erst die Röcke wieder eine Stoffweite von vier, fünf Meter und darüber unterzubringen haben, dann macht sich die „Stütze" nötig, das, was wir in spaßhafter Selbst­täuschung „Stütze" nennen und was in Wirklichkeit eine ganz heimliche Krinolrne ist. — An den Gesellschafts­kleidern wird sich das zu allererst zeigen. Die leichten Stoffe, die Tülle, Mulle, Chiffons, die dieses Jahr mit Vorliebe verwendet werden, wie diese Puffen, Plissees, Volants und Rüschen, müssen nun einmal einen Halt haben, und den bekommen sie zunächst durch den Tur- nürenrock mit der hinteren Faltenbahn. Die Ara der Futteralröcke, die — gestehen wir's ehrlich — nicht immer sehr dezent und auch nicht immer gerade sehr vorteilhaft für die Trägerin war, ist endgültig vorüber. Der glatte Rock ist nur noch dem Stratzenkleid Vorbehalten, und auch hier muß er dem plissierten Rock — der dann zugleich auch kürzer wird — immer mehr weichen. Natur­gemäß folgt diesem Rock der anschließende Palewt. Und da es geradezu ein schreckliches „Muß" zu sein scheint, daß gerade die weiblichen Wesen, für die eine jeweilige Mode nicht gemacht ist, sie am eifrigsten lanzieren, so werden

wir wohl in diesem Winter eine Unmenge eng anschließen­der, kapriziöser Jäckchen von kurztailligen, starkhüftigen, sehr rundlichen Trägerinnen der staunenden Mitwelt vorführen sehen. Es ist wahr, die Sackjacke war ja auch keine reizvolle Erfindung. Aber sie war gewissermaßen das ideale Kleidungsstück für Gerechte und Ungerechte —

Fig. i.

Fig. 2.

das heißt in unserem Falle für gut und — minder gut gewachsene weibliche Wesen. Sie ließ bei schlanken Ge­stalten diese Schlankheit ahnen, und sie verbarg mitleidig das Zuviel der minder Schlanken. Dagegen der an- schlccßcnde Paletot! — Grnndgütiger Himmel! Eine schlanke Erscheinung sieht famos darin aus, das ist wahr! Aber wir können leider nicht alle schlank sein. Und so ein „fippsiges" anschließendes Winterjacket, wenn möglich

noch aus Pelz, das macht alles Kurze noch so viel kürzer und alles Runde noch so viel runder, daß etwas starke, kurztaillige und kurzhalsige Damen geradezu er­barmungswürdig in den Dingern aussehen. Es ist wieder mal nur eine Mode für die Schlanken!

Und die garnierten und plissierten Röcke, von denen es hieß, daß sie für etwas „unschlankere" Damen „riesig vorteilhaft" sein sollten?

Ach, das ist nur ein schöner Irrtum gewesen. Die Stoffmasse, die bei den modernen Röcken untergebracht werden mutz, wirkt durchaus nicht schlankmachend. Aber auch nicht cachierend. Im Gegenteil! Der Umfang der Hüften erscheint noch stärker, und es muß in der Tat der — Reifenrock kommen, um durch seine gewaltige untere Weite die Hüften schlanker erscheinen zu lassen!

Denn das ist nun einmal das heiße Streben jeder Frau, die überhaupt auf ihre äußere Erscheinung Wert legt — die Schlankheit. Haben wir auch heute glücklich —, nicht dank den unaufhörlichen Predigten der Gesund­heitsapostel, sondern dank der augenblicklichen Mode­laune — die Wespentaille in Acht und Bann getan, so halten wir's dafür mit den schlanken Hüsten. Und da Mutter Natur dem Weibe starke Hüften gab, so gilt's nrit der Naturanlage einen immerwährenden Streit aus­zufechten, in dem der Sieg mit vielen Opfern erkauft wird. Und was gilt's? Wenn heute die Wespentaille wieder „modern" wird, dann ziehen wir morgen das ver­pönte Korsett doch wieder so weit zu, daß wir kaum atmen können, und alles Predigen und Mahnen und Drohen nützt keinen Pfifferling!

So sind wir eben, und darin ändern wir uns nicht mehr! Der Fehler ist gar zu eingewurzelt, durch Jahr­hunderte, vielleicht durch Jahrtausende hindurch, so alte Fehler sind nicht zu lassen!

Vorläufig versucht man, durch verbreiterte Schultern mit kolossalen Kragengarnituren Schlankheit zu erzielen. Paris bringt wahre Biedermaiertaillen mit ganz hängen­den Achseln, Schulterkragen, Armelgarnituren, die eine verlängerte Schulter markieren. Auch die Taille wird wieder etwas kürzer.