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1. Beilage zum Wiesdadeaer Taglilatt.

N-. 526. Morgen-Ausgabe.

Dienstag, den 10. November.

81. Jahrgang. 1003.

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Das verwundbarste Ding und doch das unbesiegbarste ist die menschliche Eitelkeit: ja, durch die Verwundung wächst seine Kraft und kann zuletzt riesengroß werden.

F. Nietzsche.

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(46. Fortsetzung.)

Gva Keoni.

Roman von Marie Bernhard.

diese

„Wer von Ihren Eltern hat denn diese . .

Hingabe zur Musik gehabt?"

„Ich weiß es nicht genau, . . . soviel ich mich aber erinnere, soll meine Mutter sehr hübsch gespielt und mein Vater ebenso gesungen haben."

„Worauf hin Mademoiselle es für gut befand, sich lieber beides vererben zu lassen, um ganz sicher zu gehen! «Also rwch keinen regulären Gesangnntervicht! Und Baccais Übungen, — wissen Sie eine davon aus­wendig?"

„Ich denke, ja!"

„Wollen Sie mich hören lassen?"

Ich holte tief Atern. „Wenn ich nur können werde! Ich bin so aufgeregt."

„Oh-aber" — wieder der ungeduldige Ton

und ein kleines, zorniges Fältchen zwischen den Augen­brauen. „Versuchen Sie, — man muß sich beherrschen, ■— ich bitte!"

Blieb mir etwas anderes übrig, als zu gehorchen? War ich ihm nicht wenigstens diesen Gehorsam schuldig als Ersatz für meine Dreistigkeit? Der Anfang klang nicht schön, aber nun ärgerte rch mich darüber und nahm mich ernstlich zusarnmen, um zu zeigen, was ich könne, denn ich wollte, daß es schön klang, — -— und Monsieur Morreau wäre am Schluß, das . weiß ich bestimmt, in Be­geisterung geraten; aber Vornan sagte kein Wort, sondern fragte gleich ohne weiteren Übergang:

„Können Sie das a recht lange halten? Bitte, so lange Sie können!" y

Ich konnte es lange und er nickte.

„Lassen Sie einmal an- und abschwellen!"

Ich gehorchte sehr präzise.

„Hat man Ihnen geraten, beliebige Töne zu treffen?"

„Ja, darin bin ich ganz sicher."

Er probierte es ein paar Mal und nickte wieder.

„Vom Blatt singen hat man sie wohl nicht gelehrt?"

„Nein, ich habe es mir selbst einstudiert und kann es nun."

„Greifen die tiefen Töne Ihr Organ beim häufigen Singen an?"

„Nein, durchaus nicht!"

„Sie dürfen aber nie wieder so viel spielen und hinterher singen, — versprechen Sie mir das! Wollen Sie?"

„Ja! Es war unbedacht von mir, es fiel mir zu spät ein, — ich — ich — wollte ja überhaupt nur einmal sehen, — ob — ob —"

Er ließ mich nicht zu Ende reden.

„Hand darauf?"

Ich gab ihm meine Rechte und er schüttelte sie kräftig.

„Wollen Sie jetzt noch etwas spielen?"

Ich hatte das Vorgefühl, dies unausgesetzte Musi­zieren würde mich sehr angreifen, .... für jetzt aber hielt rnich noch die Erregung aufrecht.

„Sehr gern. Was soll es sein?"

„Wissen Sie vielleicht den Schannannscheu „Auf­schwung" auswendig?" fragte er nach einigem Zögern.

Ich nickte mit strahlenden Augen. Der „Aufschwung" war inein besonderes Entzücken, ich fand ihn so charakte- ristisch und hatte gerade jetzt unendlich oft an die inter­essante Komposition denken müssen.stand doch

auch ich im Begriff, mich „aufzuschwingen",-— aufzu­

schwingen aus dem lähmenden Druck meiner bisherigen Verhältnisse, aus der Dumpfheit der gemeinen ^Alltäg­lichkeit in die lichwolle Region der ewigen, göttlichen Kunst!

Dieser Glaube, dies Gefühl beflügelte auch jetzt meine Hände, feuerte meine Kraft an, vertiefte und beseelte meine Auffassung. „Hinauf!" sagte es in mir. . „Laß hinter dir. was dich quälte und traurig machte, wirf ab, was kleinlich an dir haftete, dich einengte und belastete! Rein und frisch weht die Luft auf den Gebirgen, du weißt es, —hoch da oben, wo alles Menschenwerk bergestief ver­sinkt und beim Zurückblicken zwergenhaft klein erscheint,

.rein und frisch auch wird sie wehen auf den

Höheir der Menschheit, — wer soll diese Höhen beschreiten, wenn nicht der Künstler? Darum aufwärts, aufwärts! Deine heilige Pflicht ist, den Fimken. welchen ein gütiges Geschick in deine Seele legte, zur hellen Flamme anzu­fachen, — hinauf, hinauf! Kein Zagen, kein bedauerndes Rückwärtsschauen, kein Vergleichen mit anderen, die glänzendere Lose ziehen als du, oder ein beschauliches Stillleben führen, .... aufwärts, — aufwärts!"

Nun war ich zu Ende, und ich hatte mein bestes Können drangegeben; erwartungsvoll blickte ich auf und ich sah, daß aus Bernons verschleierten Augen der müde und kalte Ausdruck verschwunden war; er lächelte mir sonnig und freudig zu und sah jung und schön und glück­lich aus.

„Duschenka", sagte er weich, beinahe zärtlich, „Ihre Seele hat zu meiner Seele gesprochen, und ich habe sie verstanden: wenn ich Sie führen wollte, — würden Sie mir folgen?"

Ich mckte.

„Gut, — wir überlegen das noch. — wir haben ja Zeit, nicht wahr? Und jetzt gehen Sie hinunter und ruhen vorerst einmal aus, Ihre Nerven sind überreizt. Sie haben zu lange Musik gemacht!"

Ich erhob mich gehorsam, um zu gehen, aber an der Tür wandte ich . mich noch einmal zurück; es war eine lächerliche Eitelkeit, die mich antrieb, ich empfand es da­mals dunkel und weiß es heute gewiß. Hatten feine Augen nicht in Stolz und Freude geleuchtet, hatte er nicht gesagt, er wolle mich führen? — Dennoch .... ich wollte ein Lob, ein bestimmt ausgesprochenes Lob von seinen Lippen hören.

„Meinen — glauben Sie — daß ich, . . . daß ich — wirkliches Talent habe?" stammelte ich verlegen.

Vernon lächelte traurig und seine Augen umflorten sich wieder.

„Warum wollen Sie hören, was Sie selber ganz genau wissen, Mademoiselle?" fragte er in ernstem Tone. „Eine wahre Künstlerin darf niemals kleinlich und eftel

sein, •— und ist sie es dennoch — ich lasse meine Hand

von ihr!" i .

Mir traten Tränen in die Augen, ich fühlte, daß rch glühend errötete, deinütig senkte ich den Kopf und wollte stumm cm ihm vorübergehen; da hörte icb ihn sagen: ,

„Sie nrüssen sich mühen, das zu bekänrpfen, was rn Ihnen nach Lob und Anerkennung trachtet, — wer das nicht tut, der gehört denr Publikum und nicht der Kunst! Sie aber möchte ich für die Kunst haben! — Wir sprechen mehr davon; sind Sie bereit, mich morgen in. der Frühe auf einer Wanderung zu begleiten?"

„Sehr, sehr gern!"

„Der Lohn wird nicht ausbleiben, ich will Ihnen einen wunderschöner: Ausblick zeigen, den ich selbst entdeckt habe und den schwerlich viele Menscher: kennen. Mer Sie müsse,: um sechs Uhr bereit sein, — werden Sie das können?"

„Ganz gewiß!"

„Gut, — so treffen wir einander auf der Terassej au rgroir!"-

Wie ich die Treppe herab gekornmen und wie ich memer guten Hannah erschienen bin, weiß ich nicht. Ich fand mich erst wieder unten in meinem Zimmer über das Ruhebett hingestreckt, den Kopf auf die verschlungenen Hände gestützt, und wie verzaubert vor mich hinstarrend, während Hannah. vor mir stand und in immer erstaun­terem Ton etwas fragte, was ich zuerst gar nicht ver­stand und was ich endlich entrüstet zurückwies: nämlich die Zumutung, heute etwas zu Mttag zu essen!"

Wunderlicher, verworrener, glückseliger Zustand! Also sollte er doch wahr werden, der Traum von der Künstlerlaufbahn, —- sie sollten sich dennoch verwirklichen, die hochflisgenden Ideen von Ruhm und Größe, Lor- lveren, Anbetung ::nd Wonne! Es war ganz umsonst, daß ich nur Bernons Worte ins Gedächtnis zurückrief, mir sagte: eine Künstlerin dürfe nicht eitel und .an-

maßend sein,.ich war wie berauscht, es ging ein

Fieber durch meine Adern, ich hätte jauchzen und laut aufschluchzen mögen, mein Herz war iibervoll, meineHände und Lippen brannten, ich vermochte vor Beklemmung kaum zu atmen, und doch war mir die Brust so weft, —> so weit! —

Auch dieser seltsame Tag hatte ein Ende, das ich träumerisch und stumm erwartete, über eine Handarbeit geneigt, die, wie ;mir zum Hohn, in meinem Schoß lag; ich versuchte es redlich, meine Gedanken zu ordnen, an Susis Bnef zu denken, der mir einen so nahe bevor­stehenden wichtigen Umschwung in ihren Verhältnissen

aukündigte.-nein, es ging alles nicht! Hatte ich

wirflich diesen Brief heute erst erhalten, war nicht schon eine endlose Zeit seitdem verstrichen? Da steckte er aber noch in meiner Tasche; ich faltete ihn mechanisch aus­einander und starrte lange auf das Datum, so beharrlich, als gelte es, ein schwerwiegendes Geheinmis zu ent­ziffern. Wer war es doch gleich gewesen, den sie zu hei­raten gedachte? Ach richfig, Sennor Manuel y Berragüs, der Bruder unseres „Paradiesvogel" aus Vevey. Und ohne Liebe wollte sie — — um des äußerer: Glanzes tvillen ——' o Susi, Susi, wie muß ich dich bedauern, — ich, die künftige Priesterin der heiligen Kunst, in derer: Herzen keine äußere Verlockung, kein leichtfertiger Gedanke, kein törichtes Selbstbewußtsein aufkommt! —< (Fortsetzung folgt.)

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