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Uv. 536. Berlags-Fernsprecher Ro. 2958. DikNSlng» dkN 10. UoveMÜer.
Redaktions-Fernsprecher No. K2. 1903 .
flbend.flusgabe.
Die preußischen Landtugswahlrn.
Berlin, 9. November.
Anr Donnerstag finden die Urwahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus«: und Freitag über acht Tage die Wahlen der Abgeordneten statt. Trotz der angestrengtesten Bemühungen, die Wahlbewegung diesmal in stärkeren Fluß zu bringen, ist dies zum großen Teil nicht gelungen, denn die begründete Abneigung der großen Masse der Wähler gegen das ebenso unbequeme wie unvernünftige Dreiklassenwa-HIrecht, welches kein Geringerer als Fürst Bismarck als eine „Fälschung der Wahlen, der Meinung der Nation" bezeichnet hat, steht einer stärkeren Wahlbeteiligung als unübersteigliches Hindernis im Wege. Immerhin wird man die Hoffnung hegen dürfen, daß in Wbetracht der hochwichtigen Fragen, welche in der nächsten Legislaturperiode des Landtages zurEntscheidung gelangen werden, wobei in erster Reche die Volksschulfrage mrb die Kanalfrage in Betracht kommen, die Wahlbeteiligung diesmal doch etwas reger als sonst sein wird.
Zu einer stärkeren Wahlbeteiligung wird diesmal auch der Umstand beitragen, daß die Sozialdemokratie, die bisher den Wahlen zum preußischen Abaeordnetenhause protestierend ferngeblieben war, sich diesmal an der Wahl beteiligen wird. Vielleicht reißt dieser Umstand die bürgerlichen Wähler aus ihrer Gleichgültigkeit, die allerdings zum nicht geringen Teil eine Folge der Unbequemlichkeit und der Unvernunft des Dreiklassenwahlrechts ist, heraus. Hat doch die Wahlbeteiligung selbst in der Konsliktszeit der sechziger Jahre kaum ein Drittel der Wahlberechtigten überschritten, und seitdem ist sie von Wahl zu Wahl gesunken, bis sie bei den Wahlen von 1898 den Tiefstand von 18,36 v. H. erreichte.
Wir betonten schon, daß diese erschreckend geringe Wahlbeteiligung nicht allein mit dem Mangel an politischem Interesse zu erklären ist, sondern daß die Gründe für diese Erscheinung in erster Reihe in dem Dreiklassen- wahlrecht selbst zu suchen sind. Einer dieser Gründe liegt in der Öffentlichkeit der Wahlen, die so lange ein Hindernis für den wahren Ausdruck des Dolkswillens bedeutet, als unsere sozialen Verhältnisse die wirtschaftliche Abhängigkeit vielfach zu einer Vorstufe der politischen machen. Ein weiterer Grund liegt in der Unbequemlichkeit und der Kompliziertheit dieses direkten Wahlsystems. Und der Hauptgrund liegt endlich in der Verkehrtheit des preußischen Dreiklassenwahlsystems, welches das Wahl- recht nach zwei Faktoren bemißt, die nicht etwa Bildung und Besitz lauten, sondern: Besitz und Zufall!
„Wer das preußische Dreiklasfensystem. dessen Wirkung und die Konstellationen, die es im Lande schafft, etwas in oer Nähe beobackstet hat, muß sägen, ein widersinnigeres, elenderes Wahlgesetz ist nicht in irgend einem Staat ausgedacht worden," So hat schon der Altreichskanzler Fürst Bismarck erklärt, aber dieses Dreiklassenwahlrecht besteht noch heute in Preußen und es ist durch die Steuerreform noch plutokratischer und durch die im Jahre 1893 eingeführte Drittelung der Wähler nach den Steucrsummen nicht der politischen Gemeinde, sondern der einzelnen Ur- wahlbezirke noch widersinniger geworden.
Bei den Angriffen gegen das allgemeine gleiche Wahlrecht ist der Satz totgeritten worden, daß es unerträgliche sei, wenn der Reichskanzler nicht über mehr Wahlrecht verfüge als sein Schneider. Aber niemand wird leugnen, daß es weit unerträglicher ist, wenn der Reichskanzler über ein hundertfach geringeres Wahlrecht verfügt als sein Schneider. Und das ist bei dem preußischen Dreiklassenwahlrecht tatsächlich der Fall. Es gibt in Berlin einen Bezirk, wo man mindestens 216 274 Mark Steuern zahlen muß, uni. in der ersten Abteilung zu wählen, und einen, wo hierzu schon 18 Mark genügen. Die Drittelung der Urwahlbezirke hat es mit sich gebracht, daß der Reichskanzler Gras Vülo-w, die Staatssekretäre Gras Posadomsky mrd Freiherr v. Richthofen, die Minister Schönstedt und Budde, der Hausminister v. Wedel, Herr v. Lucanus und noch zahlreiche andere Würdenträger in der Bitten Abteilung wählen, während gar mancher Schreiber aus den Ministerien, der in den äußeren Stadtbezirken wohnt, zur ersten Klasse gehört und michin einen weit mehr als hundertfach so großen politischen Einfluß wenigstens bei der Wahl ausübt als der Reichskanzler. Während der Reichskanzler und die meisten Minister in der drftten Klasse wählen, ist beispielsweise der Hofschlächtermeister Hefter nicht mir Wähler der ersten Klasse, sondern er bildet ganz allein diese erste Klasse.
Angesichts dieser Turcheinanderschüttelnng der Wähler und Wählerklassen läßt sich irgend ein Schluß auf den Ausfall der Wahlen überhaupt nicht ziehen. Die Hoffnung aber wird man aussprechen müssen, daß es das letztema: ist, daß in Preußen nach diesem Wahlrecht gewählt wird. Dr. j. P.
Jur Operation des Kaisers.
hd. Berlin, 9. November. Über die Erkrankung des Kaisers wird der „National-Zeitung" von kompetenter Seite die Versicherung gegeben, daß sowohl nach dem Aussehen des Polypen, wie nach seiner mikroskopischen Untersuchung kein Grund vorliegt, nach der glücklich vollzogenen Operation für die Gesundheit des Monarchen Besorgnisse
zu hegen. Abgesehen von den Vorbereitungen zu der Operation, soll der operative Eingriff selbst nicht vi«L mehr als eine Mnnte gedauert haben.
hd. Berlin, 9. November. Über die Vorgeschichte und dm Verlaus des Leidens des Kaisers meldet der „Lokal- Anzeiger" noch solgmde Einzelheiten. Ter Kaiser litt schon vor Wochen an Unbequemlichkeiten im Halse. Eine Untersuchung ergab das Vorhandensein eines gutartigm Polypen, dessen Entfernung opportun erschim. Daß die Operation nicht sofort, insbesondere nicht vor der Zusammenkunft^ mit dem Zaren erfolgte, ist daraus zurück- zusühren, daß der Kaiser selbst den Aufschub anordnete, weil er „jetzt keine Zeit habe". Der Kaiser habe während der Operation, sowie vorher und nachher völlige Ruhe bewahrt. Er gab den strengen Befehl, daß rückhaltlos über den Charakter seines Leidens Aufklärung erfolgen solle und ferner, daß auch die Öffentlichkeit sofort der^ Befunde entsprechend verständigt werden solle. Der, Geheime Medizinalrat Professor Orth, der Leiter der pathologischm Anatomie an der Berliner Universität, dev aus Befehl des Kaisers die mikroskopische Untersuchung des entfernten Polypen ausführte, äußerte sich dahin, daß auch nicht der leiseste Verdacht für eine irgendwie bedmk- liche Bildung vorliege. Es handle sich um eine Erscheinung, die sich bei Personen, welche, wie der Kaiser^ gezwungen sind, oft zu sprechen, häufig vorfinde. Der.' artige Bildungen müßtm entfernt werdm. weil sie hinderlich seien. Geheimrat Orth glaubt sagen zu könnm, daß der Kaiser bereits in eüva 8 Tagen wieder im Vollbesitz seiner Stimme sein werde.
hd. Berlin, 10. November. Das Befinden des Kaisers ist auch weiter durchaus zufriedenstellend. Gestern! arbeitete der Monarch längere Zeit mit dem diensttuenden Gmcral ü la suite v. Löwenfeld. An den König von England richtete der Kaiser anläßlich dessen GMirtstages ein längeres Glückwunsch-Telegramm. — Präsident Roosevelt und Staatssekretär Hay gaben, wie dem „Berliner Tageblatt" aus N e w - f) o r f gemeldet wird/ ihrer Freude darüber Ausdruck, daß die Operation des Kaisers erfolgreich verlaufen ist.
hd. Wien, 9. November. Ein hervorragender hiesiger, Laryngologe äußerte sich über die Erkrankung Kaiser Wilhelms, daß es sich wahrscheinlich um ein häufig vor« kommendes Fibrom handeln dürfte. Es sei gänzlich aus« geschlossen, daß solch eine gutartige Geschwulst sich in ein« bösarttge verwandeln könne.
hd. Berlin, 10. November. Nach einer Meldung aus Wien berichtet das „Neue Wiener Tageblatt", man: erfahre erst setzt aus Hofkreism, daß Kaiser Franz Josephs nach dem vor einigen Wochen stattgehabten Besuch Kaiser Wilhelms in Wim zu seiner Umgebung Besorgnisse über.
Oie Revolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(24. Fortsetzung.)
Er blätterte in dm Papieren und zog einm steif und ungeschickt geschriebmm Brief hervor, an dem, osfmbar mit' Mehlkleister -angeklebt, -das Lied hing. „Der Einsender", ließ sich Sötemann vernehmen, „glaubt sich als
e reuer Untertan ebenfalls verpflichtet, das Lied einzu- den und dem Herm Landrat zur Kenntnis zu bringen. Er habe es in seinem Schweinestalle gesunden, und er entschuldigt. sich, daß er es demzufolge so dreckig übersenden Müsse. Herr Landrat können sich die Lektüre des in seiner ungeschickten Stilart sehr komisch wirkenden Briefes sparen, sie würde zu erheiternd wirken bei einer so ernsten Sache."
„Hm", brummte der Landrat nachdmklich, „das eine Lied von den Hühnern be . . . . und das andere vom Schwein versaut. Das gibt fast zu dmken. Was denken Sie davon, Sötemann?"
„Ich denke, daß derjmige oder diejenigen, welche diese Lieder aufrührerischen Inhalts verbreiten, sich offenbar nicht erst amneldm lassm und sie auf keinem Präsentier- teller überreichen."
„Hm, da haben Sie recht, dmn die staatsfeindliche Handlung, immer mit Hinterlist und Tücke verknüpft, ist vssmbar. Und wer ist der lobenswerte Kreisinsasse, der diese schätzenswerte Einsmdung machte?"
„Ein Hausierer und Allestreiber, ein intelligenter Mensch, der Engels-Pitters-Qberam geheißen. Er ist, waS man so sagt, 'neu echten, bergische Jong."
„So, so. Na, die Lmte haben uns einen weseifflichen Dienst geleistet. — Denken Sie nur, wenn hier dieses Fm er einer aufrührerischen Gesinnung heimlich fortgeglommen wäre, ohne daß wir es erfahren hätten, und wenn dann der Brand sich plötzlich zur gefährlichm Groß- b-ruttst umwandelte."
„Mir hätte es am Ende keinm persönlichm Scha-dm getan, ab-er dem Herrn Landrat würde der Herr Regie- mngspräsidmt dann vielleicht einm Stein in die Skaats- karriere geworsm habm."
„Verdammt, die Möglichkeit hätte nahe gelegen! Jedenfalls sind wir den wackeren Warnern zu Dank verpflichtet. Nun, der eine, dieser Gärtner, bekommt ja gleich s-einm Lohn weg, und vielleicht findet sich Gelegen- heit, auch diesem Pitter, diesem . . ."
„Engels-Pitters-Oberam, Herr Landrat."
„Na ja, diesem Oberam auch mal irgend ein Bme zu tun. Mir scheint, gesinnungstreue Lmte könnte man im Kreise brauchen. Hm, ob wir diese Liedgeschichte gleich nach Düsseldorf melden? Wer vielleicht ist's besser, wir schaffen erst weitere Unterlagen, -ehe wir die Beunruhigung nach obm zu sortsetzm. Ich werde mich gleich mal mit Baron Peitersbroich über den Fall beraten. Was der dazu wohl sagen wird, lieber Sötemann?"
„Er wird dazu lachm, Herr Landrat."
„Na, das wird sich ja findm. Lachen, lachm, hat sich was zu lachen, wenn die Demagogensaat ausgeht!"
Der Wagen fuhr vor, der Landrat ließ sich von einem Schreiber seinen Pelz herunterholen, süeg ein, nachdem er erst noch mit Mißvergnügen den schlechten Wagen und die nicht besseren Gäule des Hauderers Schmitz gmiustert und den unschuldigen Kutscher angeschnautzt hatte, und rappelte auf der hartgefrorenen Landstraße fort, im Ab- fahren der hinter dem Fenster ihm nachblickmden Land- rätin noch einen eleganten Gruß zuwinkend.
Nach einem- halbm Stündchen kam das Schloß des Freiherrn in Sicht, breff und behäbig mff seinm vier Türmen aus einem jetzt trockm lieqmdm und zum Teil mit prosaischen Kohlpflanzen bestandenen Graben empor- stveb-end. Ehemals eine trutzige Wasserburg, Haffe es seine Wehrhaffigkeit längst aufgegeben, und statt über eine dröhnende Fallbrücke rasselte der behäbige Sta-atswagen des Hauderers nun über eine feste Steinbrücke in den Hof. Ter Freiherr, in einer Jagdjoppe und in langen Stulpstieseln, stand gerade mit seinem Oberknecht — denn Zum Inspektor langten die Einkünfte des Ritterguts nicht — unter der Stalltür, als der Kreisregent einfuhr. Er begrüßte dm Gast mit einer gewissen, überlegenm Freundlichkeit. die dm stolzen Junker innerlich wurmte. Auch einm Witz über die Kallesche mußte er sich gefallen lassm, aber Herr von Rettern-Zackerlin fühlte sich entschädigt, als chm der joviale Junggeselle in behaglichem Gemach erst einen ausgezeichneten Kognak und dann ein gutes
Glas Wein vorsetzte.
Sötemann hatte recht gehabt: Peitersbroich lachte in der Tat herzlich, als ihm der Landrat Mitteilung von dem aufrührerischm Lied machte und es ihm daraus mit großer Wichtigkeit unter die Nase hielt.
„Es enthält doch eigentlich keine persönlichen Angriffe gegen Sie, Herr Landrat", meinte er. „Es ist nur eine in schwunghafte Verse gebrachte politische Meinungsäußerung. Wenn Sie das Bedürfnis habm, sich zu ärgern, so machen Sie recht viel Spektakel von der Sache, schnauben Sie Wut, und ich steh' Ihnen dafür, daß Ihnen beim nächsten Karneval dermaßen mitgespielt wird, daß alles aus sechs Stundm im Umkreis lachl, nur Sie selber nicht."
, „Sie fassen die Sache verdammt leicht auf, lieber Peitersbroich," brummte der Landrat. „Ich weiß es ja schon, trotz der Kürze meines Hierseins, daß sich das Volk hier sehr viel herausnimmt und ganz anders geartet ist wie die Bevölkerung meiner. Heimat."
„Gott sei Dank", lachte der Freiherr.
„Trotzdem werde ich selbst PersönlicheVerunglimPfung nicht fürchten, wenn es gilt, meine Pflicht zu tun und die demagogische Kanaille aufzuspüren."
„Dann wünsch' ich Ihnen nur, daß es Ihnen nicht geht wie meinem Tyvas, der für solche Hetzereien gleich- falls nichts übrig hat. Auch hier im Schloß sind in einer der letzten Nächte eine Anzahl dieser Zettel freundlichst abgegeben wordm. Der Hund, der hier nachts frei um>- herstreicht, hat dm heimlichen Gast bei seinem Tun offen- bar gestört und angefallen, bei der Gelegenheit aber offenbar mit einem Messer, einm derartigen Durch- Zieher über sein ehrliches Hundegesicht bekommen, daß der Tierdoktor die Wunde zunähen mußte. Sapienti sat, Herr Landrat."
»So viel ich vernommen habe," b-emerkte Rettern spitz, „glaubt seine Majestät, unser allergnädigster Herr, in Jhnm einen kräftigen und volksbeliebten Vertreter der monarchischen Interessen gesunden zu haben."
„Und der König hat sich darin nicht getäuscht. Wenn'S wirklich not tut, dann stehe ich meinen Mann und werd' mein Wörtchm zu reden wissen. Aber man kann der Sache des Throns, die ich sehr gerne mit der Sache des Volkes verquickt sehen möchte, nicht besser dienen, als
