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|lö. 524. «erlags^ernsprecher N». 2S5S.
Montag, de« 9. Movemirrr.
NedaktionS-Fernsprecher No. 82 .
1903.
Abend«Ausgabe,
Eine Operation des Kaisers.
Berlin, 8. November. (Privattelegramm.) Der Kaiser unterzog sich heute der Operation ejnesStimmlippenpwIypen, welche Professor Moritz Schmidt aus Frankfurt a. M. ausführte. Die Operation verlief ganz glatt. Bis zur Heilung der Wunde muß der Kaiser sich des Stimmgvbrcmchs enthalten.
wb. Berlin, 8.. November. Die „Nordd. Allgem. Ztg." fährt fort: Das Ergebnis der von Geheimrat Orth ausgeführten mikroskopischen Untersuchung ist folgendes: Der Polyp besteht aus sehr weichem, nur wenige Zellen enthaltendem Bindegewebe, das von regelmäßigem, überall scharf gegen das Bindegewebe abgegrenztem Plattenepithel überzogen ist. Ein Teil der Bindegeweb- zellen enthält feine braune Pigmentkörnchen, offenbar von früher stattgehabten kleinen Blutungen herrührend. Der Polyp enthält eine größere Anzahl dünnwandiger Blutgefäße, es handelt sich also um einen durchaus gutartigen bindegewebigen Polypen.
wb. Berlin, 8. November. Der heutige Hofbericht meldet: Ter Kaiser und die Kaiserin unternahmen gestern einen Spaziergang. Zur Mittags- und Abendtafel waren Einladungen nicht ergangen. Zur heutigen Mittagstafel ist der Reichskanzler Graf Bülow geladen.
wb. Neues Palais, 8. November. Der Kaiser nahm heute mittag den Dortrag des Reichskanzlers Grafen Bülow entgegen. Graf Bülow wurde sodann von den Majestäten zur Frühstückstafel gezogen.
bä. Berlin, 9. November. Im Laufe des gestrigen Tages und auch in den Abendstunden war das Befinden des Kaisers ein befriedigendes. Der hohe Patient war fieberfrei und verspürte an der kleinen Halswunde keinerlei Schmerzen. Auch die psychische Stimmung des Kaisers ist keineswegs eine gedrückte. Die Arzte haben die Hoffnung, daß der Monarch bereits in wenigen Tagen völlig genesen sein wird. Immerhin haben sie bis dahin dem Kaiser die größte Schonung auferlegt. Bereits gelegentlich der Kaiserbegegnung in Wiesbaden fiel, nach dem „Kleinen Journal", das angegriffene Aussehen des Monarchen auf. Ein Beweis, daß das Befinden durchaus günstig ist, ist wohl auch darin zu finden, daß der Kaiser gestern mittag den Vortrag des Reichskanzlers entgegengenommen bat. Graf Bülow wurde sodann vom Kaiserpaar zur Frühstückstafel gezogen. Aus guter Quelle
wird noch demselben Blatt versichert, daß die vorgestrige Operation leicht und schmerzlos von statten ging.
wb. Berlin, 9. November. Über das Befinden des Kaisers ist heute morgen nachstehendes Bulletin ausgegeben worden: Der Kaiser hat den gestrigen Tag ruhig im Ziimner verbracht und die Nacht ohne Unterbrechung geschlafen. Das Aussehen der Keinen Wunde ist durchaus zufriedenstellend. Schmerzen und sonstige Beschwerden im Halse sind nicht vorhanden. Die Temperatur betrug heute morgen 36,3, der Puls 60. gez. von Leuthold, Moritz Schmidt, Jlberg.
Neues Palais bei Potsdam, 9. November. Das heute morgen ausgegebene Bulletin lautet: „Die nach der Operation säbstverständlich auftretende entzündliche Reakfion läßt bereits nach. Man darf sonach mit dem Aussehen der linken operierte,: Stimmlippe zufrieden sein. Immerhin wird die Heilung der kleinen Wunde voraussichtlich noch einen Zeitraum von acht Tagen in Anspruch nehmen. Das Allgemeinbefinden des Kaisers ist gut. Temperatur und Puls normal, gez.: Leuthold, Schmidt, Jlberg." — Der Hofbericht meldet: Der Kaiser hörte heute vormittag den Vortrag des Chefs des Zivilkabinetts Dr. v. Lucanus.
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In dem Buche „die Erkrankungen der Nase, des Rachens, des Kehlkopfs und der Luftröhre" von Professor Or. K. Stoerck inWien befinden sich folgende Bemerkungen über Polypen: In den meisten Fällen wirkt Überanstrengung der Stimme als die Schädlichkeit, die Neubildungen hervorruft. Sie werden insbesondere gefunden bei Sängern, Rednern, Schauspielern, Advokaten, überhaupt bei Leuten, die ihre Stimme intensiv gebrauchen müssen. An der Ansatzstelle der Stimmbänder und zwischen den Stimmbändern sind diese Geschwülste am häufigsten zu finden. Sie verdanken ihre Entstehung einer chronischen Entzündung mit Wulstbildung, so daß man die chronische Entzündung als die Ursache der Polypenbildung ansprechen muß. Die Entfernung derartiger Schleimpolypen hat gar keine Schwierigkeiten, sondern es gelingt, mit einem Quetsch-Jnstrument oder auch einer Schlinge dieselben leicht zu beseitigen ; einen besonderen Widerstand setzt eine derartige Neubildung, die zu den allerhäufigsten im Kehlkopfe gehört, nie. Die Prognose ist eine äußerst günstige.
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In der Arbeit von Professor vr. K. Gerhardt in Berlin über „Kehlkopfgeschwülste und Bewegungen der Stimmbänder" heißt es: Kehlkopfgeschwülste sind im jugendlichen und mittleren Mannesalter am häufigsten zu treffen. Männer werden häufiger als Frauen betroffen. Die allgemeine Meinung, daß Lehrer, Prediger,
Sänger, Offiziere besonders viel befallen werden, muß als zutreffend erachtet werden. Wiederholte Katarrhe scheinen vorbereitende, Überanstrengungen der Stimme Gelegenheitsursachen zu sein. Erkältung, Trinken, Rauchen, viel und laut reden, Singen (man spricht z. B. von Sängerknötchen) wirken oft zusammen. Fibrome entwickeln sich im Kehlkopf vorzugsweise am Rande des vorderen Drittels des Stimmbandes, und zwar etwas häufiger des rechten, auch öfter unmittelbar unter dem Bereinigungswinkel des vorderen Endes der Stimmbänder, doch auch an verschiedenen anderen Stellen. Meist ist nur ein solches Gebilde vorhanden, doch können natürlich auch mehrere gleich- oder verschiedenartige Geschwülste nebeneinander bestehen. In dem gewöhnlichen Falle des Sitzes am Stimmbandrande erhebt sich hier ein kleines, blasses Hügelchen, das wächst und eine rötliche Farbe an- uimmt, später an der Basis weniger als an der Kuppe wächst, dadurch eine Einschnürung bekommt und die Form eines Knöpfchens annimmt. - In langsamem Wachstum machen diese Gebilde zunehmende Stimmstörung, im Beginne vielleicht nur Unreinheit einzelner Töne, bei Randstellung, namentlich der Fisteltvne, leichte, später völlige Heiserkeit. Husten fehlt. Schlingbeschwerden fehlen, außer wenn etwa die Neubildung an der Umrandung der obererr Kehlkopföffnung süße oder bedeutende Größe erlangte. Die Gebilde gehören zu den häufigeren Formen der Kehlkopfgeschwülste, finden sich ganz vorwiegend bei erwachsenen Männern, kaum bei Kindern und selten bei Greisen, vorzugsweise bei Leuten, die die Stimm« viel anstrengen, Erkältungen sich aussctzen und Alkohol und Tabak lieben. Moritz Schmidt fand unter 460 gutartigen Kehlkopfgeschwülsten 256 Fibrome, dagegen Mackenzie nur 20 auf 100, Jurasz 27 auf 184. Geschwülste mit dünnem, rundlichen Stiele eignen sich besonders zur Entfernung mit der kalten Schlinge oder dem Ringmesser. Wer mehr darauf eingeübt ist, kann sie natürlich auch mit der scharfen Zange zerquetschen und abretßen. Geschwülste mit breiter, lappenförmiger Anhaftung müffen an ihrer Basis mit dem Messer durchstochen und können dann erst in gewöhnlicher Weise entfernt werden. Große Schwierige leiten bereiten festere, kurzgestielte Fibrome unter dem vorderen Stimmbandwinkel. Das Cocain ist hier sehr hülfreich, die Stimmbänder ertragen die fast unvermeidlichen Verletzungen wunderbar gut: sie müssen mit quer- gestellter Schlinge bei weit offener Glottis ersaßt obez galvanokaustisch zerstört werden.
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Paris, 9. November. Die Nachricht von der Ope, ration des deutschen Kaisers wurde erst in den Abendstunden hierher übermittelt und machte wegen des überraschenden Charakters einen tieferen Eindruck, als dev Wortlaut des Bulletins zu rechtferttgen scheint.
Oie Revolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(23. Fortsetzung.)
X.
«Sie sich der königliche Landrat, Herr v. Rcttern-Zackerlin, rüstet, eine Diätenfahrt zu tun, wie sich Gottfried und der Engels- Pittcrs-Oberam als getreue Denunzianten und Patrioten bet ihm einführten und wie ihn der Freiherr v. Peitersbroich auslachte. Wie der Landrat den Herrn Manuel im allerhöchsten Auftrag ehrte und wie der Beamte an den Erzeugnissen des wohlgesinnten Hortokulturisten sein Vergnügen hatte.
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Der königliche Landrat von Rettern-Zackerlin hatte sich in Wichs geworfen. Wohlgefällig bärachtete er sich in dem Spiegel, der von der niederen Decke seines Schlafzimmers niederhing und die Figur des großge- ivachsenen Mannes vom Wirbel bis zu den Knieen wiedergab, etwas bläßlich zwar, denn der Spiegel war ein altes Inventar aus der Ausstattung der Landrätin, aber immerhin imposant. Ter Beamte steckte die alte goldene Uhr in die gestickte Seidenweste, daß die Ehatelainekette gefällig nrederbaumelte, und knöpfte sich den Leibrock mit dem breit umgelegten Kragen und den großen Posamentenknöpfen zu. Dann tätschelte er ein wenig an dem schon etwas dünn gewordenen Toupet herum, bearbeitete mit einem Bürstchen seine Bart- koteletten und fuhr sich mit einem stark parfümierten Taschentuch über das sonst ganz glatt rasierte Gesicht.
„Zylinder!" schrie er ins Nebenzimmer und alsbald erschien die Frau Londräfin selber und überreichte ihm den glänzenden hohen Hut mit der geschweiften, breiten Krampe, den Rettern sorgsam auf sein frisiertes Haupt stülpte.
„Du siehst famos aus, Oskar. Unter dem Volk hiesiger Gegend wirklich wie ein König", sagte die Land- räfin wohlgefällig.
„Habe heut' auch Seine Majestät selber zu ver- treten", knurrte er. „Feierliche Überreichung des roten Adlerordens vierter Klasse an irgend einen Böofter. Hängt alles noch mit dem jüngsten, allerhöchsten Hiersein zusammen, bleibt dann besser im Gedächtnis. Hm, und für
uns springen ein paar Silbergroschen Diäten heraus. Aus elf Uhr habe ich mich in Eigersbusch ansagen lassen. Ter Wagen wird wohl gleiche Vorfahren. Wird wieder 'ne nette Kalesche sein."
„Ist es denn so wät, lieber Oskar? Es ist ja kaum halb zehn Uhr."
„Na, kleiner Umweg. Werde vorher bei Peitersbroich ansahren. Da gibt's immer 'neu guten Tropfen und der Freiherr fährt vielleickst mit mir, damit mir diese Chose nicht langweilig wird. Außerdem macht's noch besonderen Effekt, denn er hat es verstanden, sich bei den Kreisein- gesessenen beliebt zu machen."
„dtun, vielleicht wird dir das auch nod) gelingen, wenn du erst ein paar Jahre länger hier bist."
„Äh", krächzte der Beamte, „ich pfeife auf das Beliebtmachen. Respekt soll die Bande vor mir haben, und das kriegen wir schon, so störrig dies Volk auch zu sein scheint."
„Ja, die Demut und die Unterwürfigkeit unserer Masuren scheinen sie nicht zu besitzen", seufzte die hagere Landräftn, und ihr hochmütiges Gesicht nahm einen bekümmerten Ausdruck an. „Mt den Mägden ist hier gar nicht auszukommen. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als daß wir eine Marielle von zu Hause verschreiben."
„Hohe, gesteh's nur, damit du mal wieder ordentlich hauen kannst und nachher die Hand dafür geküßt kriegst."
„Das Volk ist hier gar zu schlecht erzogen", stöhnte sie.
Ter Landrat war befriedigt von dem Eindruck, den er im Spiegel machte und wollte sich nun ins nebenan- lregende Wohngemach begeben. Dabei stieß er mit seinem Zylinder hart gegen die obere Schwelle der niedern Tür.
„Himmeldonnerwetter! Ist das eine Amtswohnung!" fluchte er. „Dieser alte Kasten aus der kurpsläzischen Zeit sollte längst einem Preußischen Neubau Platz gemacht haben. Diese niedrigen Katen bin ich gar nicht gewohnt."
Er vergaß, daß das väterliche Schloß in Zackerlin dahinten in Ostpreußen, wo er mit einer ganzen Schar von Geschwistern die eäten Jugendjahre verlebte, doch mit dem breit und niedrig gebauten, aber statüichen Kreisamte in Mühlbach känen Vergleich auszubalten vermochte und
putzte ärgerlich an feinem Zylinder herum, um sich dann in guter Haltung von seiner Gemahlin zu verabschieden^
Im Erdgeschoß betrat er seine Amtsräume.
„Was angekommen, lieber Sötemann?" frug er den Kreissekretär in kardialem Ton und ließ sich vorsichtig aus dem Sessel vor seinem Amtstisch nieder. Der Beamte, ein zierliches Männchen mit klugem Gesichtsausdruck, das! seinen schäbigen Buveaurock noch sorglich mit Ärmelschonern geschützt hatte, legte einige Akten und Briefe vor seinem Vorgesetzten nieder und antwortete: „Mchts von Bedeutung, Herr Landrat."
„Selbstverständlich", brummte Rettern. „Das ist hier ja einen Tag, wie den andern." Er blätterte in den Papieren herum «nfr zog dann ein bedrucktes Blatt neugierig hervor. „Hm, ein Gedicht? Was soll denn das?"
„Ach so", sagte der Sekretär, „der Brief, mit dem es hergesandt wurde, kreuzte vermutlich mit dem, in dem Herr Landrat seinen Besuch aukündigte. Er ist von dem Kunst- und Handelsgääner Emanuel von der Pforten, oder vielmehr aus seinem Hause. Es ist ein sehr gutgesinntes, sehr monarchisch fühlendes Haus."
„Emanuel von der Pforten! He, wie das Kingt! In dieser Gegend erfreut sich, mancher Stemklopfer eines Namens, als gehörte er zu den Reichsgrasen. Überhaupt 'ne nette Gegend, diese westliche Seite des Königsreichs, wirklich nette Gegend", höhnte der Landrat.
Der Sekretär verbeugte sich. „Herr Landrat scheinen sich bei den Rheinländern nicht recht wohlzusühlen. Und merkwürdig, hierzulande sieht man den Osten wie etwas sehr Entferntes und Kaltes an, so was, wie das preußische Sibirien. Ich hatte noch nicht das Vergnügen, Vergleich zwischen der dasigen Gegend und der hiesigen ziehen zu können."
„Na, da würden Sie sich höllisch umsehen."
„Hm, eine Strafversetzung hat unsereins wohl nicht zu gewärtigen", wagte Herr Sötemann leise zu spötteln.
Der Landrat sah ihn durchdringend an und frug mit einiger Schärfe: „Sollte das ein Witz sein, Sötemann? Na, für die Zukunft bitte ich mir bösere Sch"-'" aus,"
„Mir scheint, Herr Landrat haben eben einen in der Hand", entgegnete der Schreiber; ein verstecktes Lächeln in seinen Augenwinkeln, und verzog sich zu seinem Platz ins Nebengemach.'
