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I Beilage puit Miesbaürnrr Tagklatt

Uo. 323. Morgen-Ausgabe.

Sonntag, den 8. Uovemder. öl. Jahrgang. 1803.

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Auf Energie beruht die Möglichkeit, sich den Mächten des All gegenüber als Einzelwesen zu behaupten. Alle Energie aber, die wir uns geben können, beruht ans Bildung.

v. Fcnchterslebe».

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(45. Fortsetzung.)

Goa Keoni.

hat dich gelockt! Dein Gewissen spricht dich frei! Wohl­an, so befriedige dein Verlangen, prüfe dich, und dann eile, eile, um nie inehr hierher zurückzukehren!

Ich legte zaghaft die Hände auf die Tasten, — wo­mit beginnen? Ich hatte so viele Stücke auswendig ge- lvußt, — was hatte ich denn zuletzt bei Monsieur Morreau studiert? Das war eine schöne Chopinsche Polonaise gewesen! Wohlan! Versuchen wir die Chopinsche Polo­naise!

Roman von Marie Bernhard.

Mir war es sehr recht, daß ich bei meinem, mir selbst so zweifelhaften „Konzert" keine Zuhörer hatte, — Hannah saß drüben in der Weinlaube und strickte sehr vertieft ein neues Muster aus — blitzgeschwind huschte ich die breite Treppe hinauf und betrat die holten, kühlen Zimmer, ohne mich viel darin umzuschauen, nur die Blicke nach dem Ziele meiner Sehnsucht, dem schwarz- glänzenden Stutzflügel, gerichtet. — Er war über und über mit Noteicheften bedeckt, — sie lagen aufgeschlagen und zugecklappt auf dem Pianoforte, dem Fußboden, dem Klaviersessel. Auf dem Notenpult stand ein dickes Heft, das zur Hälfte, wie ich sah, bereits beschrieben war, mit ftmtS durcheinander wimmelnden Noten, guer- geschriebenen Bemerkungen, Randnotizen: soviel verstand ich von Musik, daß ich sofort wußte, hier hatte ich eine Partitur vor mir.

Er komponierte also hier in der Einsamkeit, — was konnte es sein? Eine Sinfonie, ein Quartett oder Quintett? Dazu sah das Heft zu umfangreich aus! Ich sah mich scheu und vorsichtig um und öffnete dann mit leise bebenden Händen den Deckel. „Totila, große roman- tische Oper in vier Akten", war auf dem Titelblatt zu lesen. Darunter stand ein kühn hingeworfener Name, den ich, so große Mühe ich mir auch gab, leider nicht zu ent­ziffern vermochte; daß aber dieser Name nicht Vernon hieß, war unschwer herauszufinden I —

Eine Oper! Was es das Werk eines Freundes, und batte er es unternommen, dasselbe durchzusehen? Aber die Noten und Bemerkungen zeigten alle dieselbe Hand. Hier lag der lässig hingeworfene Bleistift, und hier, auf einer kleinen Staffelei, auffällig zur Seite gerückt, wie um jederzeit den Blick auf sich zu ziehen, stand eine Photo­graphie, das Brustbild eines ganz jungen Mannes mit fernen, zarten, leidenden Zügen, einer geistreichen Stirn und übergroßen, granwollen Augen. — Ich fühlte, daß ich glühend rot wurde, und eine so tiefe Bangigkeit über- kam mich, daß ich mich bereits von dem Klaviersessel erhob und rasch, wie ich gekommen, wieder gehen wollte. Wer war ich? Gin fremdes, dreistes Mädchen, das keck seinen Fuß in dieWeihestätte desSchaffens setzte und demTreiben eines großen Künstlers nachspürte, der sich geflissmtlich dem Lärm der Welt entzogen, sich in tiefste Einsamkeit ge­flüchtet hatte, um unbeachtet und unbehelligt zu sein! Wie kam ich dazu, hier zu sitzen, mit meiner: spähenden Bucken die Räume zu durchforschen, die er, im vollen Vertrauen aus fremde Diskretion, unverschlossen gelassen fycttte?

Nein, nein, rief es in mir, nicht um zu spähen, nicht um zu forschen bist du hierher gekommen! Du Haft nichts gesucht und nichts gewollt, als dein musikalisches Können auf die Probe stellen, — das Pianoforte, nichts als das

Es ging, — es ging über Erwarten gut! Nicht rneirr Gedächtnis, nicht meine Finger liehen mich im Stich; ich hatte wohl, während ich spielte, zuweilen die Empfind­ung, daß diese und jene Passage, die eine besonders ge­übte Technik, eine glänzende Fertigkeit erforderte, ge­schmeidiger, fließender herauskommen könnte, — im ganzen aber hatte ich mein nur gebliebenes Material unterschätzt: ich spielte mich in die Helle Freude hinein, der Geist der Komposition faßte mich und riß inich mit sich fort, ich vergaß die ganze Außenwelt, dieBedingungen, unter welchen ich dies Zimmer, an dies Pianoforte ge­kommen war, — die Angst, die mich erfüllt hatte, und meinen festen Vorsatz, nach einer kurzen Probe sofort zu gehen.

Ob ich wohl die Beethovensche ^s-dur-Sonate, die ich mit so großem Entzücken studiert, mit solcher Sorg­falt eingeübt hatte, noch beherrschen würde? Ich mo­dulierte einen kühnen Übergang, vom Schluß der herr­lichen Polonaise zum Anfang der Sonate, — ich wollte sie ja nicht ganz durchspielen, ..... nur versuchen, wie weit ich käme!-

Nun, ich kam weit genug! Wohl nie zuvor war es mir in meinem Leben so klar geworden, wie jetzt, welch' wirkliche Begabung für die Musik die Natur mir hatte zu­teil werden lassen, — jetzt, da ich so lange Zeit keine Taste angerührt hatte, und doch all' die geliebten Tonschöpfun­gen, in die itfl mich ftüher versenkt, mir mühelos, wie gehorsame Geister, die der Beschwörung folgen, wieder zuströmten und mich mit einer Glückseligkeit erfüllten, die ich nicht in Worte fassen kann.

Ich spielte, was mir gerade in den Sinn kam, — das Mendelssohnsche Frühlingslied und eine Paraphrase von Franz Liszt über irgend ein bekanntes Lied, eine brillante Henseltsche Etüde, und dann, da ich zu merken begann, daß meine Kraft etwas ermattete, ließ ich die Hände sinken, atmete ein paar Mal tief auf und versuchte zu singen. — Es war unklug von mir, dies nicht vor dem Spiel getan zu haben, denn die Lungen arbeiteten heftiger, und wer singen kann, begleitet unwillkürlich das eigene Spiel mit einer Art von stummem Gesang, der selbst-

verständlich die Stimme beeinträchtigt. Die

weinige hatte ich weit kräftiger in der Erinnerung, als sie mir heirte klang, — aber nach ein paar Takten schon wrirde sie lauter rmd voller, und das kleine Lied „Mädchen inlt dem Schmetterling", das ich Silsi abgelauscht hatte, die es mit unnachahmlich graziöser Koketterie vorzutragen verstand, gelang mir schließlich so hübsch, daß ich meinte, Monsieur Morreau würde mit mir zufrieden sein. Ich hielt es nun aber doch für geraten, meine heutige erste Musikprobe aufzugeben, und sah, ehe ich mich erhob, zag- Haft nach meiner Uhr. Himmel! Ich hatte mehr als zwei volle Stunden musiziert! Wo war die Zeit hinge­kommen? Von wahrhaftem Entsetzen erfüllt sprang ich

auf, lief zur Schwelle des Zimmers-— und blieb dort

wie festgewurzelt stehen, deirn neben der Portiere, welche statt der Tür die beiden Gemächer von einander schied, stauch Bernon und nach seinem Gesichtsarisdruck zu schließen stand er dort schon recht lange und hörte mir zu.

Meine gehobene Stimmung, meine Freudigkeit, der Stolz auf meine Begabuirg, — alles war mit einein Schlage dahin. Was mußte er von inir deirkerr? In N-elcheni Lichte mußte ich ihm erscheinen? Ich kam mir selbst so zudringlich vor, so taktlos und unweiblich, ich wußte so gar nicht, wie ich mich entschuldigen sollte, daß ich das Klügste und das Dümmste zugleich tat: — ich brachte keine Silbe hervor, und das war gut, denn etwas Gescheites hätte ich sicher nicht gesagt, sondern ich bedeckte mein Gesicht mit beiden Händen und fing bitterlich an zu weinen, — und das war dumm, denn es sah aus, wie das entschiedenste Schulhbewußtsein.

Das Gesicht, welches Vernon machte, konnte ich natür­lich nicht sehen, aber ich fühlte, wie sein Arm sich sanft um mich legte, wie er mich zu einem Sitze führte und be­strebt war, mir leise das Tuch von den Augen zu ziehen; er sprach nicht sonderlich viel dazu, nur einzelne freund- Worte, etwa wie man ein unartig gewesenes Kind, das Reue zeigt, zu beruhigen trachtet .... ich ivar auch zu aufgeregt, um aufmerksam zuzuhören, -— mir fiel es inir allmählich, als die erste Verwirrring sich ein wenig ge­legt hatte, auf, daß etwas wie Ungeduld aus seiner Stimme hindurchklang, und ich legte mir dies felbstver- ständlich als Ärger über mein unbefugtes Eindringen aus. Daher bemühte ich mich aus allen Kräften, mein« Tränen niederzukämpfen, um Vernon sobald als möglich von meiner Gegenwart zu befreien, denn es schien mir, als könnte er es kaum mehr abwarten, mich gehen zu scheu.

Das war aber ein Irrtum. — Er konnte es kaum mehr abwarten, mich spielen und singen zu hören.

Tenn als ineine Hände vom Gesicht herabsanken, be­gann er sofort ein Examen mit mir, — ein seltsames Examen, — und eine seltsame Gruppe müssen wir dazu gebildet haben! Ich, aus all' meinen Himmeln gestürzt, in Furcht und Zittern zu ihm aufsehend, ganz geknickt auf den Klavierstrihl niedergesunken und wie erschlagen von meiner Reue, — — er voller Ungeduld über meine ftndischen Tränen, — über die ganze Veranlassung der- selben, wie über ein wertloses Nichts hinwegsehend, ganz Musiker, ganz bei der Sache, .... von seiner statüichen Höhe auf mich hevabschauend. um festzustellen, wann dies alberne Weinen endlich aufhören würde. — Ich hatte damals keinen Sinn für den Humor dieser Situation, aber ich habe chn jetzt nachträglich in um so höherem Grade.

Me ersten Fragen, wie lange ich Klavier spiele, bei wem ich Unterricht gehabt, ob ich jemals regelrechte Ge- äNgstunden erhalten hätte, beantwortete ich verwirrt und lockend, meine Hände krampfhaft in einander der- chlungen, die Augen hartnäckig zu Boden geschlagen, ein fatales Zittern in der Stimme, das sich durchaus nicht bemeistern ließ. Allmählich wurde ich ein wenig Trier, ich wagte es, Vernon anzuschauen, und stellte innerlich fest, daß er garnicht böse aussah, nur eigen- tümlich unrirhig und gespannt.

(Fortsetzung folgt.)

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