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Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.

Uv. 521. Morgen-Ausgabe.

Samstag, den 7. November.

51. Jahrgang. 1803.

l3cr lTmnrmn tritt ßinAiri.n Kl x a.h i.

1(| ... Der Umgang mit einem Egoisten ist darum so Verderb- « Iich. weil d>e Notwehr uns zwingt, allmählich in seine Fehler *• zu verfallen.

Kl M. v. Ebner-Eschenbarb. .

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(44. Fortsetzung.)

Gva Leoni.

Roman von Marie Bernhard.

^^ch^ncrhm ihm den bunten Fächer aus der Hand und Mchelte ihn damit, ganz sanft, ganz sanft — und metne Gesellschaft stand um uns herum und amüsierte aA- chcanuela sah vergnügt aus, und der Neger zeigte all ferne schneeweißen Zähne vor Freude über seines bär- berßrgen Gebieters Holdseligkeit. An dem Dage trennten wir uns rasch, aber unser Paradiesvogel hat^ eine ruhrende Wonne an unserm Medersehen gehabt und bat flehentlich um einen recht lebhaften Verkehr, worauf ich mich ein wemg kostbar machte und sehr bedenklich tat, ob sich das werde tun lassen.

Natürlich läßt es sich tun, wir sind seither täglich zu­sammen, und ich habe meinen internationalen Hofstaat um wer Personen vermehrt, .... den Neger rechtre ich namlrch imt, denn sein Entzücken über mich kennt keine Grenzen. Ern paar junge Engländerinnen, mit denen ich hter bekannt geworden bin, und eine sehr emanzipierte kleine Russtn sind nicht schlecht neidisch auf mich, daß ich die Herren alle. am Fädchen Hab', und sie sind dumm es deutlich zu zeigen, wie sie sich ärgern. Das &er Onkel ärgert mich auch zuweilen nichtig, ich aber bin allemal spitzvergnügt in meinem Wesen, — da denkt er denn: die ficht auch gar nichts an und laßt ec> aus ein andermal bleiben! Die albernen Fratzen die! Sie sollen's doch auch versuchen, ihr Netz auszuwerfen, vielleicht fängt sich dennoch ein blitzdumnies Fischerl drin. Den Hauptfang freilich, — ja, den Hab' ick, ihnen eben weggeschnappt, denn, daß du's weißt — „ment Bruder Manuel" ist sterblich in inich verliebt. Dolch ein südlicher Mensch, das ist doch eine ganz andere Sach, als unsere Berliner Herren, die wunder denken, welche Ehre ste einem Mädel tun, wenn sie ihr bissel die Kur schneiden. Dieser hier aber, — mit seinem vollen Namen heißt er Carlitos Manuel de Santüs y Perragds klmgüdas nicht pompös? — der hat's noch mit der Ritter^ lichleit, imt dem Minnedieiist, mit den Ständchen und Blumen, — und ein einziges Wort von mir genügt, ihn froh oder traurig zu machen. Den alten Herrn mit den O&*0*$än0at und dem Ungetüm von Panama- Hut Hab ich ganz und gar in meiner Tasche, er zwinkert mich ofte^ so seitwärts an, daß ich, straf's Gott, schon auf den Verdacht geraten bin, er habe nicht übel Luft auf eigene Rechnung den Liebenswürdigen zu spielen' Nun er ist, ein zärtlicher Papa und der Herr Sohn ist mündig, mit einem schönen, eigenen Vermögen, wenn's dem väterlichen, das schier übermenschlich sein soll, mcht das Wasser reicht, -- auch kann „mein Brilder Manuel, Augen nmchen, die es deutlich genug verraten daß er m ernsten Affären nicht mit sich spaßen ließe es 2° v e§ r Unser Paradiesvogel hat natürlich gleichfalls dwerse Freier und scheint mir einen irischen

Earl zu bevorzugen, mit dem ich nun ungerührt zwanzig Gchre in eiitem Vogelbauer zubringen köimte, . . . . welch' ein Glück, daß der Geschmack verschiedeii ist! Der Paradiesvogel vertraute mir mich neulich ohne viele Um­schweife an, daß ich nur zu wollen brauche, um im Hand­umdrehen Sennora Susanua de Santüs y Berragüs zu sein, worüber ich natürlich sehr erfreut tat.

Dir un Vertrauen gestanden, ma blonde aux yeux noirs — ich werde wohl wollen! Nicht daß ich für Earlitos„Manuel :c. rc. eine rasende Liebe empfände! Ob die sich überhaupt jemals bei mir einftnden wird, scheint mir sehr zweifelhaft, und darauf zu warten und die besten Chancen zu vergessen, ungewiß! Er ist weder schön noch häßlich, weder klug noch dumm, also gerade begu-em, und verliebt genug, um mich gewähren zu lassen, und reich genug, um mir alles gewähren zu können, — große Hauptsache, -— Herz und Hütte sind ein Nonsens für mich!. Geheiratet muß doch einmal werden, ewig kann ich nicht beim Onkel bleiben und dem alten Herrn zu seinem Rheumatismus noch das Gallenfieber anärgern, — den siebenjährigen Krieg kann ich doch nicht mit ihm aufführen, und am Ende hört es auch auf, mir Spaß zu machen, alles aus seiner Hand anzunehmen und zu wissen, er giebt es so ungern, . . . was freilich eine Schand' ist, denn er ist sehr reich!

Nun also, Everl, behüt' dich Gott da oben in deiner poetischen Einsamkeit und wenn dir was einfällt zu schreiben, dann schreib' mir's! Und wundere dich nicht, Piccola, wenn bald eine ganz exotische Verlobungskarte bei dir eiutrifft. Me dir erzählt, daß deine Sufi Braut ist! Noch muß ich dir sagen, daß Manuel entschlossen ist, sich nach Berlin, beordern zu lassen, auf meine bloße Äußerung hin, es gefiele mir da gut! Freilich lebte ich lieber in ineinem herzigen Wien, — aber kann ich mich von Clemens Günther trennen? Nein! Susi."

Ich las den Brief und las ihn wieder, und so sehr ich meine Susi in jeder Zeile fand, .... zufrieden konnte ich nicht sein!

Daß sie ihre Verlobung kaltblütig vorher besprach und abzuwickeln gedachte wie eine Geschäft, mißfiel mir durchaus! Sie, war doch gemütvoll, sie hatte doch ein Herz, .... wie konnte sie diesen wichtigsten Schritt ihres Lebens so trocken berechnen? Mich überfiel eine wahre Seelenangst, — würde sie glücklich werden mit diesem Manne, von dem sie so schlichtweg sagte, er sei nicht schön und nicht häßlich, nicht klug und nicht dumm, seine besten Eigenschafteii wären sein großer Reichtum und seine ebenso große Verliebtheit! Ja, wäre sie ihrer­seits wenigstens in ihn verliebt gewesen, so daß ihr diese prosaische Analyse seines Wesens dadurch unmöglich ge­macht worden wäre! Susi und eine Berstandesheirat! Es wollte mir durchaus nicht in den Simi! Freilich — vielleicht hatte sie ihres Herzens reichstes, bestes Gefühl ein- für allenial unweigerlich an Clemens Günther, ihren angebeteten Bruder, hingegeben, so daß für andere nichts mehr übrig blieb, — aber war sie nicht mir stets eine liebevolle, giite Freiindiii gewesen, hatte sie nicht an meinem Wohl und Weh regen Anteil genommen? —

Eine glänzende Partie war es jedenfalls, und eine solche mußte Susi entschieden machen; der Reichtum des „Paradiesvogels" war uns im Pensionat stets wie ein Zaubermärchen erschienen. Empfand ich Neid, daß Siisi

im Begriff stand, eine vielbeneidete Braut und Frau z»t werden, während ich selbst jedenfalls himmelweit davon entfernt war? Ich glaube nicht! Susi war mir stets tausendmal vollkommener, klüger und schöner als ich er* schienen, abgesehen von ihrenc glücklicheit Temperament, ich fand es also ganz in der Ordnung, daß ihr ein glän­zendes Los ohne weiteres in den Schoß siel,-—

und dann auch — was hatte ich, mit meinen künstlerischen Zukunstsplänen, mit meiner glühenden Hingabe an meinen musikalischen Beruf, der mich ganz und gar aus- fülleir sollte, mit Liebe und Verlobung und Heirat zu tun? —

Aufgeregt schritt ich die Terrasse auf und ab, den Brief in der Hand zerknitternd! Ja, mein Beruf, meine über alles geliebte Musik! Wenn ich nur Gelegenheit fände, einmal mein mir gebliebenes Können zu prüfen, festzu­stellen, wieviel mir von dem, was ich einst geleistet, noch als Eigentum gehörte! Sollte ich wirklich dazu ver­dammt sein, noch Monate hindurch das, was mein ganzes Leben ausfülleii mußte, zu entbehren? Es war mir un­denkbar! — Eine brennende Sehnsucht, unmittelbar aus deni Herzen herausgestiegen, ergriff mich, mente Stimm« zu hören, meiite Hände auf die Tasten zu legen, . . . . ungestüm wandte ich mich an Herrn Stölzel, der gerade aus dem Hause trat.

„Monsietir Vernon ist fortgegangen?"

„Ei nun freilich! Seit gestern ist der Herr bös ver- sstmmt, wie allemal, wenn er'n Brief mft der putzigen Handschrift aus Madeira hat! Zweierlei Brief bekommt er aris Madeira, wohl die einzigeti Privatschreiben, —■ davon stimmt ihn der mft der klaren, festen Schrift zu­meist gut, wenn auch hin und her traurig, .... kommt aber das Schrifterl so schwer und dick und sonderbar, da wird er rabbiat, rennt in die Berge 'nauf und kommt in vieleii Stunden nicht zurück. Wer ihm daher von dev Insel schreibt, weiß ich nimmer, — der beißt sich eh' die Zungen ab, bevor ihm eine Silbe entgleitet über sein Leben und seine Sachen, — aber so ist's, das weiß ich für g'wiß, und heut' ist er d'rum auch schoii fort in dev Frühe, und mich soll's wundern, wenn er in zwei Stund' zum Mittagsmahl hermkommt!"

Monsieur Bernons geheimnisvolle Briefe auS Madeira würden mich unter anderen Verhältnissen höch­lich interessiert haben, •— jetzt war ich ganz erfüllt von meinem Wunsche und hörte hauptsächlich das, was ich hören wollte, — nämlich das von seinem langen Fort* bleiben.

„Es ist nur — ich möchte nämlich", begann ich stockend und wickelte Plutos lange Ohren um mein« Finger, — dann mit einemmale kurz erftschlossen: „O8 ich wohl ein Weilchen auf Monsieurs Pianoforie nrusi- ziereii könnte?"

Herr Stölzel war ganz Feuer und Flamme.

„Ei, warum das denn nicht? Monsieur kann's nuv zu seiner Ehr' rechnen, und dem Flügel geht eben nichts weg. Spazieren gnädig Fräul'n nur getrost herauf, steht alles offen, nur für mich selbst jammert's mich, daß ich's Konzert nimmer mit anhören kann. Aber der Sepp richtet Rosenstöck', damit kommt er seintag nicht allein zu*" stand', imd somit muß ich 'nauf nach'm Garten."

(Fortsetzung folgt.)

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