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«*• Jahrgang.

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Ko. 520.

BerlaaS-Fernsprecher No. 2958.

Freitag» den 6. November.

Redaktions-Fernsprechrr N». 52. 1903.

Abend-Ausgabe.

Die Panama-Revolution.

Als der Kongreß der Vereinigten Staaten von Amerika sich im Juli 1902 für den Bau des Panama- Kanals unter Verwerfung der Nicaragua-Linie entschied und hierfür 170 Millionen Dollar bewilligte, wiesen wir darauf hin, daß die amerikanische Regierung mit einer Schwierigkeit zu kämpfen haben werde, die nicht, wie bei der Nicaragua-Linie, vulkanischer, sondern politischer Natur ist, nämlich mit den ständigen Wirren in der Republik Kolumbien, durch deren Provinz Panama die Kanallinie geht. Wir Bemerftm jedoch damals hierzu: „Wer die Vereinigten Staaten von Amerika fühlen sich stark genug, die Landenge von Panaina jederzeit zu schützen; ja bei den panamerikanischen Politikern dürste sogar die Erwägung, daß man aus diese Weise gelegent­lich eine:: Vorwand zur Einmischung in die kolumbischen Verhältnisse erhalten könne, nicht unwesentlich miitge- sprochen haben."

Der jetzige Verlaus der Ereignisse in Kolumbien läßt unsere damals ausgesprochene Vermutung als gerecht­fertigt erkennen, und der Vorwand zur Einmischung in die kolumbische:: Verhältnisse ist für die Amerikaner ge­funden. Bekanntlich sind die Verhandlungei: zwischen den Bereinigten Staateir von Amerika und Kolumbien noch im Hase:: gescheitert. Laut dein zwischen den beiden Re­gierungen verabredeten Vertrage, ivelclfer nur noch der Genehmigung seitens der parlamentarischen Vertretung Kolumbiens bedurfte, sollte dieses eine einmalige^llb- findung von IO Millionen Dollar und eine jährliche Sub­vention von 250 000 Dollar erhalten, wofür Kolumbien einen 6 englische Meilen breiten Landstreifen ans der Landenge von Panama an die Union zum Zweck des Känalbaues abtreten sollte.

Diesen Vertrag hat das Parlament der kolumbischen Republik in letzter Stunde abgelehnt. Wie die Kolumbier behaupten, geschah dies deshalb, weil der Vertrag die kolumbischen Hoheitsrechte nicht genügend respektiere. Der wahre Grund der Ablehnung war aber der, daß mall in Kolumbien hoffte, durch längeres Sträube:: noch mehr Geld aus der nordamerikanischen Republik hevausschlagen zu können. Die smarten Amerikaner waren aber nicht gewillt, sich von den Kolumbiern schröpfen zu lassen, und sie weigertm sich, irgend welche neuen.Vorschläge Kolumbiens entgegenzunehmen. So wäre die Pananm- Sache auf das tote Geleise geraten, wenn nicht die Amerikaner eben Amerikaner wären.

In der nordamerikanischen Republik war man über die Ablehnung deS Kanalvertrages begreiflicherweise sehr eirtrüstet, aber man begnügte sich nicht mit der eigenen Entrüstung, sondern trug dafür Sorge, daß an anderer Stelle eine korrespondierende Entrüstung austrat. Mose Stelle war die kolumbische Provinz Pananm. In dieser Provinz, die an der Kanalsrage natürlich am unmittel­barsten interessiert ist, war man erstens über die Ab­lehnung des Panama-Vertrages sehr ungehalten, und zweitens vertraten die klügsten Köpfe dort den Stand­punkt, daß es dach eigentlich schade -wäre, wenn die schöne Absindnngssmnme von IO Millionen Dollar und die jährliche Subvention an das ganze Kolumbien verplempert würde::, während, wenn dieser Goldregen sich nur aus die Provinz Panama ergösse, jeder einzelne doch viel mehr davon haben würde.

Diese echt arnerikanische Erwägung ist der Urgrund der jetzt in der Provinz Panama ausgebrochenen Revolution. Me nordamerikanische Repirblik wird die Beschuldigung, daß sie diese Revolution selbst geschürt hat, weit von sich weisen, aber sie wird schwerlich verlangen, daß ihr jemand diese Ableugnung glaubt. Es ist ein offenes Geheimnis, daß man von der Union aus den Panama-Leuten den Mund wässerig gemacht hat, sie sollten sich doch den herrlichen Millionenregen nicht ent­gehen lassen, und man wußte auch in Pananm von vorn­herein, daß nian wenn auch nicht der offiziellen, so doch der offiziösen Unterstützung der nordamerikanischen Republik sickjer wäre.

Me jetzige Haltung der Vereinigten Staaten von Amerika zeigt denn auch, daß sie es kaum noch sür nötig halten, ihre eigentlichen Absichten mit dem Fetgenblatt zu bedecken. Wenn sie auch die neue Regierung, welclx sich in Panama nach der Unabhängigkeitserkläruug gebildet hat, bisher noch nicht anerkannt haben, so haben sie sich doch bereits in die Wirren eingemischt, und zwar in einem sür die kolumbische Regierung ausgeprägt unfreundlichen Sinne. Ihr Recht zu dieser Einmischung leitet die Union aus einem Vertrage ab, den sie im Jahre 1816 mit dem damaligen Neu-Granada, der jetzigen RepublikKolumbiei:, abgeschlossen hat und dem zufolge sie sich verpflichtet, die Neutralität das Jschmus von Panama zu gvrantier-cn.

Tie Republik KolumbicU wird selbstverständlich ver­suchen, die Revolution in Kolmnbien mederzuschlagen, aber ilyre Aussichten sind angesichts der eigenen militäri- scljen Schwäche und der höchst zweideutigen Haltung der Union sehr gering. Ist aber der Aufstand ans Panama von Erfolg begleitet, dann wird die Union ihren Kanal- Vertrag mit der neugebackenen Republik Panama machen, und man wird dort mit dem preußischen Minister a. D. Thielen sprechen: Gebaut wird er doch!

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New Aork, 5. November. Ein Telegrarmn aus Colon meldet: Die vom amerikanischen Kanonenboot „Nashville" gelandeten Matrosen wurden wieder an Bord ihres Schiffes zurückberusen, da Oberst Torres, der Befehls» Haber der Regterungstrnppen in Colon, es übernommen hat, die Ordnung ausrechtzuerhalten. Gestern abend herrschte vollkommene Ruhe. Die Eisenbahnzüge verkeh­ren ohne Unterbrechung.

wb. Washington, 5. November. (Reuter.) Das Staats- departement erhielt von der neuen Regierung in Panama ein Telegramm, in dem diese formell ihre Konstituierung bekannt gibt. Es heißt, das Staatsdepartement werde die Regierung offiziell anerkennen, wenn sie geeignet er­scheine, sich zu halten und die Ordnung zu verbürgen.

bä. Berlin, 6. November. Zn dem Abfall Panamas von Kolumbien wird den, „B. T." ans N e w I o r k tele­graphiert: Die reichlichen Mittel, über welche die neue Isthmus-Republik verfugt, kommen anscheinend von der Panama-Gesellschaft. Seit drei Monaten ist es ein öffent­liches Geheimnis, daß die Sezession erfolgen würde, so bald in Bogota der Kanalvertrag scheitere. — Wie weiter nach demselben Blatt aus Panama verlautet, hat die Regierung der neuen Republik an den Befehlshaber der kolumbischen Truppen in Colon ein Ultimatum ge­richtet mit der Androhung, daß die Stadt angegriffen würde, wenn sie von den kolumbischen Truppen nicht ge­räumt werde. Aus dem Innern treffen Meldungen ein, nach welchen sich die meisten Ortschaften der neuen Repu­blik anschließen.

Politische Übersicht.

Zur Kaiserzusammcnkunft in Wiesbaden

Me Petersburger Blätter besprechen alle in aussuhr» lichen Artikeln den Besuch des russischen Kaisers in Wiesbaden. Me „Deutsche Petersburger Zeitung" weist dabei aus die Besuche des Kaisers Nikolaus in Wien und des Grafen Lambsdorff in Paris hin und hebt hervor, daß alle Besuche die Eintracht auf dem internationalen Boden versprechen. Me Beziehungen Rußlands im besolkberen zu Deutschland seien zu lange in Frieden und Freundschaft gesesügt, als daß sie noch einer Besserung bedürfen. Unter diesen Umständen spricht das Blatt den Wunsch und die Hoffnung aus, der Wiesbadener Besuch werde die Erneuerung des Handelsvertrags zwi- scheu dem Deutschen Reiche und Rußland fördern. Dev „Petersburger Herold" verweist aus die ver- worrene politische Lage in: fernen -Osten und beurteilt die Wiesbadener Zusammenkunft der beiden Monarchen als ein Ereignis, dem eine die politische Sltmosphäre Mnigendk und klärende Kraft innewohne. Die friedliche Gesinnung

Oie Revolutzer.

Roman von Walther Schulte vom Brühl.

(21. Fortsetzung.)

IX.

Bas in Sturbergs Kotten vor sich ging. Wie Herr Schwertfeger ben Schleifern „Adiüs" sagte, »m mit dem Kretzbergs Micken im Eikenhüsken geheime Dinge zu bereden, und wie sich das Mieten zu schwieriger und gefährlicher Mission bereit finden lieh.

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In einer engen, verwachsenen Talschlucht unweit der Wupper lag eine einsame Schleismühle. der Sturbergs Kotten. Es war ein altes, niedriges Gebäude, dessen windschiefes, in regellosem Wechsel mit roten und schwar­zen Pfannen -gedecktes Dach säst in Berührung mit dem Damm kam, der -das Wasser eines nrunteren Bächleins zu einem Teiche staute. Es war Frühstückszeit. Aus der Tür des Kottens trat ein Schleifer in seiner rostfarbenen Arbeitskleidung, kletterte die paar Erdstusen zu dem Damm empor und- ließ -das „Schütt" hinab, damit wäh­rend der Arbeitspause nicht nutzlos das Wasser fortströme, zumal die ersten Oktobersröste die Fülle des Bächleins bereits sehr beeinträchtigt hatten. Drinnen in der Muhle ließ das Kreischen der gegen die Steine gedrückten Klingen nach, das bemooste Rad drehte sich noch ein paar­mal mühselig und stan-d dann still, da kein Wasser mehr aus seine Schaufeln niedersiel, und der Schleifer wandte sich wieder der Tür zu. Da kamen leichte Schrftte den Pfad zu dem Kotten herauf, der Schleifer schaute sich um und empfing den Herankommenden mit den Worten: „Donnerkiel, dat es ja der Herr Schwerffeger ut Solig."

„Ja, in höchsteigener Person", -entgegnete der Kauf­mann lachend. Er war im Jagdanzug, trug eine weit- bauschige Jagdtasche an der Seite und eine Doppelflinte über der Schulter, und sein langhaariger, deutscher Hühnerhund folgte ihm nach.

Ter Schleifer öffnete die wackelige, mit breiten Ritzen reichlich versehene Tür, ans dessen Innenseite einige Krauenköpfe aus illustrierte:: Zeitungen und ein in grellen Farben ausgemaltes, schlechtes und halb zersetztes Bild­nis des Johannes Bückler, des Schinderhannes, mit Motschennägeln befestigt waren- und ließ den Kaufmann

eintrete::. Ein Dutzend Schleifer etwa befände:: sich in dem inneren Raume, meist aus niedern Schemeln um einen mitten in den: Gelaß sichende::, rotglühenden Kanonenofen sitzend, der auf gemeinsame Kosten geheizt wurde. Keiner erhob sich. Sie antwortete:: auf den Gruß Schwertsegers nur mit einem Kopsnickei: rmd einen: „Goden Dag och!" und setzten ihr Mahl fort. Der An- komnrende kannte ihre Weise. Er zog einen Schemel heran, ließ sich zwischen ihnen nieder und hielt die Hände gegen de:: Ofen hin, sie dmm kräftig aneinanderreibend.

„Das tut gut bei der Kälte", sagte er.

„Es nutzt nur für auswendig, Herr", meinte einer bedeutungsvoll und ein anderer sagte frech: „Seid Ihr nur hergekommen, um Euch die Klauen zu wärmen?"

„Nee, einzig, um zu sehen, ob der Leyendeckers Kawelm noch immer die freche Schnut hat."

Der Dann war gebrochen. Einige lachten la::t und erklärten, „darin habe sich nichts geändert".

„Ech stek' öch dat Metz (Messer) en den Balg", sagte der Verspottete im gemüllichsten Tone, worauf ihm der Kaufmann nicht minder gemütlich empfahl, damit lieber zu warten, bis er ihm das Maul gestopft habe. Damit zog er eine Flasche Kümmel aus seinem Jagdranzen und stiftete sie zum allgemeinen Besten und zur inneren Er­wärmung.

„Ich Hab' es ja immer gesagt, der Herr Schwertfeger hat was übrig sür die Arbeiter", ließ sich nun der Leyen­deckers Kawelm vernehmen. „Prost!" Und einer nach dem anderen trank dem Kaufmann zu. Sogar die Schleiferlehrlinge durfte:: an dem Umtrunk teilnehmen, doch wurde sorglich -daraus geachtet, daß ihnen nur ein kleiner Schluck zukam. Uird als der listige Sorgnits Herwch, der seinen biblichen Namen durch manchen bösen Bubenstreich bereits prosaniert hatte, obgleich sein Vater, der Flickschneider, zu den „Feinen", den Pietisten, gehörte, in aller Hast zwei Schlücke genehmigen wollte, schlug ihm sein Meister, der Plümmachers Drickes, eine foIcf>e Ohr­feige, daß der Jnstifizierte sich verschluckte und den schönen Kümmel dem von der Kohls Pitter ins Gesicht hustete, was diesen Mann veranlaßte, dem Beklagenswerten auch für seinen Teil eine Ohrfeige zu versetzen. Sie war der­maßen gesalzen, daß Henock sich wie ein wunder Hirsch

in die Einsamkeit zurückzog und in seinem Winkel mann­haft gegen die Tränen des Schmerzes anlämpfte.

„Na na, nur nit gar zu grob", meinte der Kaufmann, aber der Drickes erklärte, die vielen Ohrfeigen hätten dem Schnecdersjungen den Kops helle gemacht, und er hätte Ursach', dafür dankbar zu sein. „Ihr wollt gewiß zum Krctzbergs Jupp, Eurem Schleifer", erkundigte er sich. Und als Schwerffeger erklärte, daß er über die Ver­haftung des Arbeiters schon in Kenntnis gefetzt sei, und daß er einen Ersatzmann für den Jupp haben müsse, er­boten sich sofort ihrer vier, die Arbeit noch mit zu über- .:whmen.

„Ihr seid alle miteinander gleich grob, aber brave und tüchtige Kerls seid Ihr", sagte der Kaufmann. „Da wird mir die Wahl schwer, denn der eine ist mir so lieb als der andere. Ich denk', wir losen um die Sache." Und als sie damit einverstanden waren, winkte er den grollen­den Henoch Heran und bestimmte, daß er die vier „Pinnchen" ziehen lassen sollte. Wer das längste Pinn- chen ziehe, der könne fürder die Arbeit Jupps für ihn,mit- machen. Der Leyendeckers Kawelm gmg als Sieger hervor und freute sich darob, denn der Kaufmann be­zahlte gut und war als entgegenkommend gegen seine Arbeiter bekannt.

„Es soll Euch nit gereuen, Herr Schwertfeger, daß Ihr diesen Tausch gemacht habt", versicherte der Schleifer. „Der Jupp soff zu viel, und es war kein Verlaß aus ihn. Ich aber halt' die Lieferzeit ein, und wem: ich die Klingen bring', will ich Euch zu lieb die verdammte Schnut da­heim lassen."

„Wenn sie nötig ist, könnt Ihr sie meinetwegen mit- bringen", sagte der Kaufmann und -erfreute dann das Herz Heuochs durch ein Kastemännchen, das er sich durch seinen Lotteriedienst ehrlich verdient habe.

„Das Kaschot ist dem Jupp vielleicht ganz gesund", meinte der Plümmachers Drickes, „wem: er's vielleicht auch aus andere Weise sich besser hätt' verdienen können, als durch die Red', die er im S-uss losgelassen hat. Sch«d' ist's nur um das Mieten, seine Frau. Wen wollt Ihr denn jetzt in das Hiisken setzen?"

„Ich kann ihr doch das Dach nicht überm Kopse weg­nehmen!" erwiderte Schwerffeger, was ihm ein Ge­murmel des Beifalls eintrug. „Im- übrigen wird sich wohl