Sr'üagr pun Wiesbadener Tagbiati.
Mo. 317. Morgen-Ausgabe.
Donnerstag, den 3. Uonember.
31. Jahrgang. 1903.
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Zu behaupten, daß eine Lehre wahr ist, weil sic nützlich und schön ist, Hecht, sie i„ die mechanischen Hilfsmittel einer Verwaltung oder in die Erfindungen der Poesie cin- reihen. Die Wahrheit durch fremde Autorität begründen, heißt, sie um ihre Autoritär bringe».
H. Taine.
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(42. Fortsetzung.)
Gr»a Keoni.
Roman von Marie Bernhard.
Einen einsamen! Denn Hannah liebte die Bequenllich- keil, sie ging selten ohne Zweck umher, und gar steigen und klettern, was doch im Gebirge unerIWich lvac, hielt sie für den Gipfelpunkt aller Strapazen und begriff es nicht, warum die Menschen sich so abquälten und nicht lieber unten blicken; da sei es doch auch hübsch, und die Berge wären ebenfalls schön anzuschen, es verlange sie gar nicht danach, dieselben in größerer Nähe zu bewun- derw; sie war auch einigermaßen korpulent und das Bergsteigen benahm ihr den Atem.
In aller Sülle hatte ich gehofft, niein neuer Freund, der die Morgenspaziergänge liebte, von Strapazen nichts wußte und für mich anscheinend eine gewisse Sympathie Wlte, würde sich gern meine Begleitung bei seinen Wanderungen gefallen lasser:, — allein dies war ein Irrtum geivesen! Er luar wirklich außerordentlich einsamkeitsbedürftig, dieser Monsieur Bernon! Überhaupt hatte ich mir unsern Verkehr nach jenem ersten, eingehenden Gespräch ganz anders gedacht. Es vergingen mehrere Lag, ohne daß er mehr als einen freundlichen Gruß oder ein paar gleichgültige Worte für inich hatte, — ja, ich konnte es mir, so wenig schmeichelhaft es für mich war, nicht verhehlen, daß er meine Anwesenheit von Zeit zu Zeit gänzlich vergaß und nnt zerstreuter Miene mechanisch Len Hut zqg, bis in seinen dunkel umflorten Augen plötzlich das Bewußtsein unserer näheren Bekanntschaft aufwachte und das Lächeln, welches sein Gesicht so anziehend und verjüngt ausschen ließ, für einen Augenblick erschien, um alsbald wieder zu erlöschen.
„Er muß wirklich sehr berühmt sein, denn er hat Künstlerlaunen!" argumentierte Hannah. „Aber unbegreiflich ist es und bleibt es doch, Eva, daß wir zwei, die wir doch wahrhaftig nicht auf dem Dorfe gelebt haben, bisher niemals etwas von dieser Musikgröße hörten!"
Auch mit dem herrlichen Spiel, das einen andern Menschen aus mir geinacht, einen so großen Eindruck auf mich ausgeübt hatte, kam eS anders, als meine geschäftige Phantasie es sich ausgemalt hatte. Es schien, Bernon habe nur für kranke Menschen liebenswürdige Rücksichten übrig, und die gesunden dürften keinerlei Ansprüche an ihn erhcken. Früher Hatte er zu bestimmten Stunden gespielt und gar das gespielt, was ich zu hören verlangte, . . . . daS hörte nun ganz auf. Nachdem ich einige Tage um die frühere Zeit erwartungsvoll gelauscht und mich auf wundervolle Genüsse vorbereitet hatte, aber nichts anderes zu hören bekam, als das Zwitschern der Vögel vor meinem Fenster oder einen ruhelosen Schritt, der über meinem Haupte in ungleichen Pausen auf- und abging, stand ich ärgerlich und enttäuscht auf und ging ins Freie, um nach ein paar Stunden durch Hannah zu erfahren, ich sei kaum fort- Mvesen, als Herr Bernon herrlich zu phantasieren angefangen habe, so daß sie wie im Bann gewesen sei, . . . . oder ich kehrte von meiner Morgenwanderung heirn und kam gerade noch zur Zeit, um die letzten Mkorde irgend eines Lieblingsstückes von mir zu vernehmen, und gleich darauf das ungestüme Rücken des Stuhles, das mir sagte, für heute sei es mit dem Spielen vorbei. — Und wenn ich wirklich einmal io glücklich war, im Hause zu sein und mich mit einem Wonneschauer in meinem Ruhe-
lager zurücklehnte, bereit, einen gemütstiefen Beethoven, einen schwermütigen Chopin, einen dämonischen Schumann in meine entzückte Seele aufzunehmen — so brauste sicherlich eine gewaltige Bachsche Fuge nnt dröhnenden Klängen über meinen: Haupte dahin und türmte sich zu einem kunstvollen Bau auf, oder eine alte Kirchenhymne von Palästrina oder Marcello rauschte majestätisch daher und löschte meine sehnsüchtigen, unbestimmten Träume mit w::chtig strafendem Ernst aus.
Ich wollte es mir damals selbst nicht gestehen und hätte jeden, der mir dies angedeutet, voller Entrüstung
zurückgewiesen,-allein jetzt weiß ich es genau, und
so ist es denn auch meine Pflrcht, es einzugestehen: ich hatte in aller Stille dennoch, trotz meiner ^ eifrigen Abwehr bei unserem diesbezüglichen Gespräch, _ gehofft, Bernon werde mich ersuchen, ihm etwas vorzuspielen, da Hannah ihm von meinem Talent erzählt, hatte gehofft, er werde ungemein überrascht von meinem Spiel sein, sich für dassckbe interessieren und mir auf diese. Weise helfe::, den Zukunftsweg, den ich deuüich vor mir sah, zu ebnen. Was ich von bei: durch zahllose Musikjünglinge und -Jungfrauen belästigten Künstlern gesagt hatte, war meine feste Überzeugung, ich fand in der Tat, es sei eine Plage, und die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten spiele eine große Rolle dabei, .... aber in meinen: tiefsten Innersten glaubte ich doch — was wohl jeder von sich denkt! — eine Ausnahme zu bilden und Talent genug zu besitzen, um selbst einen genialen Künstler einigermaßen zu interessieren. Dazu kam noch, daß man mir im Pensionat — Susi an der Spitze.— tausendmal gesagt hatte, ich sei wirklich auffallend hübsch, daß mein eigener Spiegel und das rasche, bewundernde An- und Umschauen, welches ich vielfach auf Reisen erlebt, dies bestätigte, daß selbst der verwöhnte Clemens Günther
von Rothkirch dieser Ansicht gewesen,-und daß nun
dieses hübsche, so oft als „frappant" und „fremdartig" gerühmte Gesicht anscheinend gar keinen Eindruck auf den einzigen Mann hervorbrachte, der für lange Wochen meine alleinige Gesellschaft bilden würde. Künstler waren unendlich für Äußerlichkeiten empfänglich, das wußte ich, ... . warum mußte dieser eine Ausnahme mack-en? Mein (i)ang war elastisch, mein Haar kräuselte sich lustig in üppigen, dicken Locken, meine Wangen färbte eine zarte Röte, und meine schwarzen Augen strahlten, ja, ich wußte es genau, sie strahlten wirklich! Warum glitt sein Blick über das, was ihm eine Augenweide hätte sei können, gleichmüttg hinweg, — immer dieser in sich gekehrte, müde, freudlose Blick, über den jeder äußere Eindruck machtlos zu sein schien? —
Gleichviel! Wenn sich Monsieur nicht nnt Mademoiselle beschäftigen wollte, so beschäfttgte sich doch Mademoiselle mit Monsieur, wenn auch freilich oft gegen ihren eigencnWillen und mit offenbaremÄrger. Wie mochten seineFamilienverhältnisse beschaffen sein? Er hatte mir von einem Kinde gesprochen, das er zärtlich liebte, für welches er das entzückende Schlummerlied komponiert hatte, das meine Genesung, wie ich fest glaubte, einzig und allein herbeigeführt hatte. Wo lebte dieses Kind, dieser Sohn. — wie alt war er, — und warum, da der Vater ihn so unendlich liebte, hatte er ihn nicht bei sich, warum trennte er sich auf so lange Zeit von ihm? Wo war die Mutter des Kindes, Vernons Gemahlin? Und welch' eine Frau mochte sie sein? —
„Wir wollen darüber nicht sprechen, — ich bitte Sie!"
hatte er damals gesagt.-also wieder, wie schon so
oft in meinemLeben, hieß es: Frage nicht! Rühre nicht daran! Mir hätte es am Ende nur natürlich erscheinen müssen, daß mir, die von den eigenen Eltern und deren Schicksalen nichts erfahren durfte, der Einblick in das Leben Fremder verwehrt war, . . . aber, ob es nur selbst- verständlich oder unnatürlich vorkam, ich hatte mich zu fügen! —
Hannah und ich führten ein friedliches Leben, und sie war in jeder Beziehung mit mir zufrieden. Stets
freundlich und heiter, saß ich auf dem Altan stundenlang mit meiner Handarbeit oder einem hübsäM Buch an ihrer Seite, oft in Gesellschaft Herrn Stölzels oder des freundlichen Arztes, der freilich nie länger als euie Stunde für uns übrig hatte, erzählte lustige Geschicken aus dem Pensionat und kam von meinen Bergtouren/ auf denen mich jedesmal der große, schöne Bernhardiner unseres Wirtes begleitete, stets in bester Stimmung und mit regem Appetit zurück.
„Sie ist geradezu wie ausgewechselt, gar nicht, als ob es dassckbe Mädel ioär'-" rief Hannah oft mit heller Freude, fuhr mir liebkosend durch die Locken und sah nur mit einem sehr licken, mütterlichen Stolze ms Gesicht. „Und wie das wächst, wie das gesund und kräfttg und — und — nun, nun, nun 's ist nicht nottg, daß ich dir Komplimente sage, Evchen, spitz' du nur gar nicht so ausinerksam die Ohren! Jung und gesund, mein Kind, das ist allemal die größte Schönheit!"
Meine Großmutter erhielt alle Woche einen regelmäßigen Bericht von Hannah und antwortete ebenso reget- mäßig mit einigen Zeiten, sie sei erfreut, daß merm Genesung Fortschritte rnache und hoffe, zum Herbst —;T««« sollte meine Rückkehr nicht erfolgen, — mich vollständig wieder hergestellt zu sehen. Ich fügte Hannahs kurzen Briefen grundsätzlich nicht eine Zeile hinzu und da es nie von mir verlangt wurde, so befand ich mich sehr wohl dabei, nicht zu einem Briefwechsel gezwungen zu werden, der mir nur eine Pein gewesen wäre. Lieber Himmel, bis zum Herbst ivar's noch eine lange Zeit und was dann gschehen mußte, stand bei mir felsenfest, ich hatte es mrr ganz klar in meinem Innern zurechtgelegt und auch Hannah, unter dem Versprechen tiefster Verschwiegeichett, in meinen Plan eingeweiht. Keine Macht der Welt sol^ und konnte mich zwingen, jemals wieder zu meiner Wfr mutter zurückzutchren, jemals wieder das Leben, welches ich bei ihr geführt, fortzusetzen! Das wollte ich ihr kurz vor meiner Abreise aus Tirol in einem langen Briefe <ms- einandersetzen und, wie ich sie kannte — Hannah war derselben Meinung — gelüstete es sie gleichfalls nicht mchr, „im umfassendsten Maße ihre Pflicht an nur zu tun , nachdem sie es erlckt hatte, daß ihre Antipathie gegen mich in einem mehr als halbjährigem Zusammensein eher als abgenommen, und daß ihre „Pflichterfüllung' meine Gesundheit untergraben und fast eine gänzliche Nerven- zerrüttung verursach: hatte. Es war eben ein Versuch gewesen, den sie ihrer eisernen Konsequenz abgerungen hatte, .... aber sie unternahm ihn sicher nichts zum zweitenmal! — Und so wollte ich mich denn in Merlin uN Studium der Musik ausbilden, sei es nun als Sanaerm oder als Pianistin, .... ich wollte mich dem Urteil der Lehrer am Konservatorium unterwerfen und das- jenige als meinen Beruf wählen, wofür die Natur imr die meisten Airlagen mitgegeben hatte. Die Billa, in welcher ich meine ersten vierzehn Jahre mtt Dante Gura — ich hörte nie mehr etwas von chr, trug auch kein Per. langen danach — verbracht hatte, war mein Eigen tum, wie'ich aus einem Briefe meiner Großmutter und einer gelegentlichen Äußerung von chr wußte; das Haus samt Garten (der licke Park mit den schönen alten Bäum«« und den nickenden Glockenblumen!) konnte verkauft und aus dem Erlös würden meine Studien, bis zum Abschluß meiner Lehrzeit, bestritten werden. Wollte meine Großmutter dies nicht, und sie konnte sich weigern, da ich minderjährig und sie mein Vormund war — nun gut, so mußte Siusi Rat schaffen, Susi, die so klug, so erfinderisch, von meiner hohen Begabung so durchdrungen
rtxtt,-und es sollte ja nichts als ein Darlehen fern,
denn ich mußte Karriere machen, das war ohne allen Zweifel! War ich doch jung, voll glühender Begeifte- rung für meine .Kunst und reichbegabt, wie alle sagten, .... ja und gesund war ich jetzt auch! Meine Susi würde schon Berttauen in mich setzen, würde schon Mittel und Wege finden, mir zu helfen! —
(Fortsetzung folgt.)
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