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Ko. 518. BerlagS-Fernfpr-cher No. 2953. D-rmerslag» den 5. November.
RcbaktionS.Fernsprecher No. 82.
1903.
Abendausgabe.
Industrie-Schulen.
Obgleich Deutschland, so weit das Unterrichtswesen 4n Frage kommt, unzweifelhaft an der Spitze der größeren Nationen steht, kann es doch in manchen Einzelheiten immer noch von anderen Völkern lernen, und gerade, weil es dies stets erkennt, gelingt es ihm, seine Lehrmethoden mehr und mehr zu vervollkommnen. So glauben wir denn, daß eine Übersicht über die industriellen Schulen anderer Länder vielen willkommen sein wird und in mancher Hinsicht als Anregung dienen könnte.
In Italien hat die technische Erziehung in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte gemacht. Die Negierung hatte im Jahre 1880 eine Kommission ernannt, um diese Frage eingehend zu studieren,und diese erklärte, daß eine liberale Unterstützung durch den Staat absolut geboten erscheine. Nun gibt es vielleicht kein Land, in dem -»« Hausindustrie noch ejne so ausgedehnte ist wie in Italien. Die Seiden-Jndustrie z. B.,. das Flechten von Körben, von Strohhüten, die Fabrikation von Hanf und Werg gewährt vielen Tausenden Arbeit in ihren eigenen Behausungen. Dieser mutzte also in hohem Maße Rechnung getragen werden, als der Plan für die industrielle Erziehung des Volkes ausgearbeitet wurde und nach und nach breitete sich über das ganze Land ein Netz solcher Schulen aus. In jedem Dorfe, das sich irgend einer Art Industrie rühmen kann, ist eine solche zu finden. Die Anstalten erhalten eine Subvention vom Staat und stehen unter der Aufsicht des Ministeriums für Landwirtschaft und Handel. Die meisten dieser Schulen sind in vier Abteilungen geschieden, doch hängt natürlich der Haupt- lehrgegenstand von der Industrie ab, die gerade in der Gegend am meisten Wurzel gefaßt hat. In Biella z. B. zerfällt der Unterricht in folgende Fächer: Architektur, Maschinenwesen, Weberei, Holzschneidekunst. Der Kursus dauert 4 Jahre, und vielfach stehen Werkstätten mit den Schulen in Verbindung. Ein Diplom oder Zeugnis der letzteren gewährt ohne weiteres Zutritt zu den Universitäten, wenn auch der wissenschaftliche Unterricht mitgenommen worden ist, der auf den höheren industriellen Schulen ebenfalls erteilt wird.
Auch Holland besitzt zahlreiche und gute industrielle Schulen, eine der besten dürfte die Ambacht- schule in Rotterdam sein. In der Elemcntarabteilnng wird Lesen, Schreiben, Rechnen, Geographie und holländische Geschichte gelehrt, dem theoretischen und praktischen Unterricht folgen Tischler, Zimmerleutc, Maler, Schmiede, Maurer, Metallarbeiter, Steinschneider, Drucker, Bildhauer und Bürstenmacher. Die Werkstätten, die mit diesen Schulen in Verbindung stehen, sind besser eingerichtet,
als vielleicht irgend welche in der Welt. Dieselben haben eine solche Ausdehnung gcnwnnen, daß bei den Metallarbeitern z. B. vielfach Dampf- und elektrische Maschinen für den Betrieb notwendig geworden sind. Die von den Schülern hergestellten Waren werden natürlich verkauft. Ähnliche Schulen befinden sich in Arnheim, Groningen, Utrecht, im Haag usw.
Fortschritte in der technischen Erziehung sind auch in Rußland in den letzten Jahrzehnten gemacht worden: man hat in Moskau, Petersburg, Helstngfors, Riga industrielle Schulen ins Leben gerufen. Höhere Lehranstalten, wie wir sie in Deutschland besitzen, gibt es allerdings noch nicht, und russische Studenten bilden ja auch auf unseren Polytechniken einen großen Prozentsatz. In den Handwerkerschulen dagegen sind, mit Ausnahme von Deutschland und Holland, in keinem Lande die Einrichtungen besser als in Rußland. Die Schulen stehen, wo angängig, mit großen Werkstätten in Verbindung und die Schüler erhalten Löhne gleich den gewöhnlichen Arbeitern, und sie müssen praktisch mit Hand anlegen, dürfen auch als Wertführer oder Leiter fungieren, so bald sic die Kenntnisse dafür erlangt haben. Die Schüler sind zweierlei Art, solche, die von den höheren, und solche, die aus den Gemeindeschulen kommen und kaum lesen, schreiben und rechnen können. Letztere müssen einen 3jährigen Kursus durchmachen, ehe sie in die obere Abteilung eintreten dürfen, wo hauptsächlich der theoretische Unterricht stattfindet. Die Tendenz in Rußland geht jetzt dahin, technische Mittelschulen einzurichten, wo Lehrlinge die verschiedenen Handwerke lernen.
In Schweden undNorwegen stehen die technischen Schulen mit den anderen öffentlichen Lehranstalten in Verbindung und es gibt kaum eine Stadt, die nicht eine besitzt. In vielen ländlichen Distrikten werden Abendklassen abgehalten, um die jungen Männer und Mädchen im Nähen, Spinnen und Weben zu unterrichten. An vielen Plätzen bestehen technische Schulen, die für die höheren Lehranstalten in Stockholm und Gothenburg vorbereiten. Die Elementarschule in Boras ist für Weber bestimmt und hat eine Werkstätte für den praktischen Unterricht, eine Abendschule in Eskilstuna lehrt Eisen- und Stahlarbeitcn, während die von Filipstad und Falun Vorbereitungsschulen für Bergwerksarbeiten sind.
Sehr weit vorgeschritten ist die S ch w e t z hinsichtlich der technischen Erziehung. Die höhere wird auf dem Polytechnikum in Zürich erteilt, wo der Unterricht theoretisch und mit Ausflügen in die Werkstätten der Stadt und Umgegend verbunden ist. Der mittlere Unterricht findet in industriellen Schulen statt, die in drei Abteilungen zerfallen; eine mechanisch-technisch«, eine chemisch-technische und eine kaufmännische. Die Werkstätten, die mit den industriellen Schulen in Verbindung stehen, sind, wenn man sie mit denen in Sachsen z. B. vergleicht, nur wenig vorgeschritten, doch passen sie sich jetzt mehr den lokalen Bedingungen an. Die Webschulen
in Winterthur und St. Gallen z. B. sind ausgezeichnet. Der Unterricht dauert in diesen Anstalten täglich zehn Stunden; vormittags von 7 bis 12 Uhr wird der praktische, nachmittags von 2 bis 7 Uhr der theoretische erteilt. Viele Schulen sind mit Hand-, eine Anzahl auch mit mechanischen Stühlen versehen. Die Schüler werden so gründlich gelehrt, daß sie direkt von der Schule in die Fabrik übergehen können.
Politische Übersicht.
Deutschland und Rußland.
An maßgebenden Stellen ist man nicht sonderlich zurückhaltend in bezug ans die Fragen, die während der Kaiserbegegnung in Wiesbaden zwischen. den Herrschern und ihren Ratgebern verhandelt werden sollen. Es wird verständlich genug angedeutet, daß es sich dabei hauptsächlich um die makedonische und die ostasiatische Frage handeln werde. Solche Ankündigung konnte wohl um so unbedenklicher stattfinden, je offenbarer es ohnehin war und ist, daß diese beider: Probleme als die zurzeit rm Vordergrund stehenden den Gegenstand der ^Wiesbadener Besprechungen gebildet haben dürften. Der Charakter der deutsch - russischen Be- ziehungen bürgt dafür, daß die Konferenzen das gute Verhältnis zwischen beiden Regierungen noch befestigten. Wie man weiß, hatteii bereits die Vereinbarungen von Mürzsteg die volle Billigung der deutschen Politik gefunden, und es dürfte sich jetzt nur noch darum handeln, den Zusaimnenschluß der drei Kaisermachte in bezug auf die Durchführung des makedonischen Reformprogramms durch die Verständigung über Einzelfragen z:r bekräftigen. Was aber die Stellung der deutschen Politik zil den ostasiatischen Problemen betrifft, so ist es in rmterrichteten Kreisen seit geraumer Zeit wohlbekannt, daß Graf Bülow den Anspruch auf die Anerkennung Rußlands für sein Verhalten erheben darf. Der Reichs- kanzler hat von Anfang an ohne Schwanken die russische Politik sowohl nach der chinesischen, wie nach der fap-am- schen Seite hin, in der Weise unterstützt, daß er sie mit freundschaftlicher Unparteilichkeit gewähren ließ. Das russische Vordringen nach der Mandschurei hin wäre schwer- lich so reibungslos verlaufen, die Spannung mit Japan hätte sich schwerlich so friedlich begleichen lassen, wenn man in Petersburg nicht einen Rückhalt an Berlin gehabt hätte. Me Besprechungen von Wiesbaden fänden so unter Voraussetzungen statt, die erwarten ließen, daß für die Erhaltung uird Stärkung des Weltfriedens jetzt neue sichere Bürgschaften werden gewomren werden können. Nicht sowohl die Neugier folgt diesen Besprechungen als vielmehr die Zuversicht, daß sie von dem Geiste freund- schaftlicher Gesinnungen erfüllt sein und mit befriedigenden Ergebnissen endigen werden.
Oie Revokutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(20. Fortsetzung.)
Eine Weile sahen sie stumm, den Sturm ihres Empfindens austoben lassend. Dann zog der Kaufmann seine Brieftasche hervor, entnahm ihr ein bedrucktes Blättchen rmd reichte es seinem Gaste hin.
Staunenden Auges las Gottfrieo die ersten Zellen. Es war das Lied, sein Lied, das vor wenig Tagen der Engels-Pitters-Oberam in der Stube des Bellemrekerr abgeschrieberr hatte.
„Wie kommen Sie an dieses Lied?" trug er.
Ein Windhauch hat es mir auf das Pult geweht. Oder nein, wenn ich mich recht besinne, hat es ein treuer und geschickter Mann auf der Straße gefunden und nur gebracht. Und ich — nun, ich habe es an verschwregencc Stätte in einigen Tausend Exemplaren drucken lassen."
„Sie wissen von wem es ist?" frug Gottfried und blickte in die still lächelnden Augen des Kaufmanns,
welcher ihm antwortete:
„Es ist „der Wanderer" unterschrieben und das genügt mir. Und auch der Wanderer sollte sich damit zufrieden geben. Denn wenn man ihn näher kennen würde, dürfte ihm diese Art der Dichtkunst keine Rosen bringen. Doch wie finden Sie das Gedicht?"
Gottfried las sein Werk von Aiifang zu Ende. „Hm", meinte er, „ich hätte mir etwas mehr gewünscht. Der Druckt enthüllt milleidlos alle Schwächen. Ich finde die Sache in dieser Beleuchtung etwas nüchtern. Klingende Phrasen, aber keinen Inhalt."
„Machen Sie mir den Wanderer nicht schlechter, als er ist", wehrte Schwertfeger. „Die Sache klingt recht ermunternd und in Verbindung mit der Melodie der Marteillaife sogar begeisternd. Enthielte das Lied etwas Pbfitives, wäre es wohl weniger wirksam. Politische Leitartikel und Wünsche soll man nicht versifizieren."
„Aber so sehen Sie doch: diese Schlagworte."
„Mit Schlagworten fängt man die Menge, ri'lltelt fie
auf aus ihrer dumpfen Lethargie. Mso grämen Sie sich
nicht weiter und lassen Sie das Lied feine Wirkung tun. Und wenn Sie den Wanderer scheu, so grüßen Sie ihn von mir."
„Danke, ich werd's ansrichten. Aber was. nun weiter? Darf ich beispielsweise erfahren, was hier in dem bergischen Hexenkessel gebraut wird?"
„Das Brauen kommt erst noch. Einstweilen wird der Sud vorbereitet, die Kessel geheizt, vorsichtig und ohne Überstürzung. Wir haben hier eine geistig rege Be- völkerimg, bei der die Leidenschaften schneller empor- lodern als unter schwerfälligen Bauern. Wenn dre Johannisfeuer der politische Freiheit ansflammen werden, wird das bergische nicht am schlechtesten brennen. Einstweilen bin ich hier der einzige, der die Teerfasser und Brandscheite aufstapelt. — Sie erzählten mir auf dem Wege zu dieser gemütlichen Krippe, daß Sre vrellercht bis zum Frühling bei Ihrem Ohm verweilen wurden. Da könnte es denn schon sein, daß ich Sie mrr bald zur Hülfeleistung heranhole, zu sfiller, verschwiegener Mitarbeit Vorsicht ist für Sie doppelt nötig, Sie dürfen hier um keinen Preis den „lässigen Ausländer" spielen. Ihr Ohm Manuel ist von unantastbarer, polisischer Gesinnung. Es ist gairz gut, daß Sie unter seinen Fitticheii hausen, während der Verkehr mit mir Sie verdächtig macht. Nichtsdestoweniger hoffe ich, daß wir in reger Verbindung bleiben."
„Ich würde es schmerzlich bedauern, wenn es anders wäre", sagte Gottfried. „Wer man brauchte das ja nicht allzu offenkundig zu machen."
„Ich besitze mancherlei Kurrstgogenstände und ethno- araphische Sammlungen. Unser Geschäft arbeitet viel überseeisch und so Halle ich Gelegenheit, ohne große Schwierigkeiten diese Dinge zusammen zu bringen. E8 ist nicht verdächtig, wmn Sie Interesse daran bekunden und dann um so weniger, wenn Sie mal ein Wort des Bedauerns fallen lassen, daß ich anscheinend in demokratischen Bahnen triebe, wenn ich mich auch im allgemeinen hütete, Ihnen gegenüber polllische Dinge zu berühren. Sie verstehen/
„Vollkommen. Wenn ich nur Geschick dafür ent» wickle, aus meinem Herzen eine Mördergrube zu machen. Ich habe bisher nie anders geredet, wie ich dachte."
„Wenn Sie bedenken, mit welchen Mitteln die anderen arbeiten, wie sie mit Spitzeln und Provokateurs,. mit Häschern und Bütteln wirtschaften und tausend Schlingen stellen, dann werden Sie sich kein Gewissen daraus machen, die List gegen die List zu setzen. Sie haben einen Schlupf. ' Winkel im feindlichen Lager. Sie werden manches er- fahren können, was uns dienlich ist. Ich will Sie nicht zu Indiskretionen bereden und zu Zwischenträgereten, aber ich bin überzeugt, daß Sie keine Bedenken mehr kennen, wenn Sie den Dunkelmännern und Freiheitsfeinden einmal hinter die Kulissen schauten. Aber, einstweilen der- lange ich nichts Weller von Ihnen, als daß Sie in Eigers- busch. manchmal ein wenig über unsere Zustände Nachdenken, daß Sie in sachlicher Weise prüfen, was Sie, der Gebildete, was aber auch das Volk verlangen kann und darf und was ihm statt -dessen geboten wird. Und dann denken Sie darüber nach, wer die Leute sind, die da heilige Menschenrechte vorenthalten. Sind es Übermenschen und Halbgötter, die sich etwas erlauben dürfen auf Kosten gewöhnlicher Menschen, oder sind es Erden» söhne wie wir, mit unseren Fehlern und Schwächen? Ist es ihr Recht, ihre Mitbrüder zu knechten und in Unmündigkeit zu halten, oder ist es Anmaßung, entstanden aus persönlichem Kraftgefühl oder aus gichtbrüchig geworde- neu, überstandenen Traditionen? Nein, junger Freund, Sie sollen nicht aus Ärger über dies oder das in unser Lager übergehen, wir wollen einen überzeugten Mitkämpfer in Ihnen gewinnen."
„Verlassen Sie sich darauf, ich werde prüfen und wägeri. Aber das weiß ich jetzt schon, daß ich es rncht bereuen werde, mag geschehen, was da wolle, meine Hand in die Ihrige gelegt zu haben", sagte Gottfried mit Überzeugung.
Später führte Schwertfeger seinen Gast in die Geschäftsräume der Firma, machte ihn mit der Einrrchtung der bergischen Hausindustrie bekannt und zeigte ihm in den Lagerräumen die verschiedenartigen Waren, welche
