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Ko. 513.

Verlags.Feru spreche» N». 2853.

Dienstag» den 3. November.

RedaktionS-Fernsprecher No. 52.

1903.

Morgen «Ausgabe.

Die Lage der deutschen Arbeit.

— Ende Oktober. —

Die Beurteilung volkswirtschaftlicher Fragen er­fordert natürlich nicht nur eine ausreichende Sachkennt­nis, sondern auch besondere Vorsicht. Eine falsche An­schauung kann hier für den Einzelnen wie für ein ganzes Volk die schwersten Nachteile bringen. Als vor mehreren Jahren dem deutschen Wirtschaftsleben die drückende Schwüle der herbeiziehenden Geschäftskrise bereits in allen Gliedern lag, pries der damalige preußischeHandels- minister im Abgeordnetenhaus« die Gesundheit unserer geschäftlichen Lage. Einige Monate darauf war diese unübertrefflich« Gesundheit zusammengebrochen und sie ist heute noch nicht wieder hergestellt. Aber unser Wirt­schaftsleben soll sich wenigstens unverkennbar auf dem Wege der Gepesimg befinden ; die Krise soll überwunden sein. Das ist schon seit langer Zeit behauptet und heute ist diese frohe Zuversicht fast zu einem Gemeinplatz ge­worden. Neu an dieser alten Sache ist lediglich, dass nach einer halbamtlichen Verkündigung auch die preußische Staatsregierung jetzt den Eindruck gewonnen haben soll, daß die Krise im wesentlichen hinter uns liegt. Derartige ministerielle Eindrücke sind schätzbar, wenn sie zutrcfsen. Aber gerade hier wollen wir doch ein großes Fragezeichen setzen. Es würde für den Volkswiäschaftler und auch für den Sozialpolitiker gerade heilte, am Beginne des für die Arbeiterklasse meistens entbehrungsreichen Winters, einen besonderen Wert Hatzen, zu erfahren, wo­rauf sich jene Eindrücke stützen. Doch nicht etwa nur auf die Tatsache, daß die Zahl der unbeschäftigten Arbeiter zurückgegangen ist. Das würde für eine Überwindung der Krise denn doch sehr wenig beweisen. Diese eine Tatsache ist nicht hinreichend, um sich ein zuverlä ssigps Urteil über unser Wirtschaftsleben zu bilden. Man muß unsere Volkswirtschaft alsGanzes betrachten, und geschieht das, so kommt man zu einem weniger günsügen Ergebnis. Man wird dann sehr bald kennen lernen, daß in zahl­reichen großen und für unser Wirtschaftsleben den Aus­schlag gebenden Ertverbszweigen die Verhältnisse noch sehr ungesund sind und von einer Überwindung der Krise wenig zu spüren ist. Denn diese drückt sich doch nicht nur in der Zahl der unbeschäftigten Arbeiter, sondern namentlich auch in Warmpreisen und in der ganzen Summe der Handelsgebräuche aus.

Es ist aber in dieser Beziehung ungemein kennzeich­nend für die hmtige Geschäftslage, daß aus fast allen deutschm Artzeitszweigen -die lebhaften Klagen über die sehr stark gedrückten Warenpreise und dm mit jedem Tage

schärfer werdenden Mitbewerb eher lauter als geringer geworden sind. Wir gewinnen aus der gegenwärtigen Lage Eindrücke, die sich wesentlich von denen der preußi­schen Staatsregierung unterscheiden. Nicht die Krise ist überwunden, sondern es ist heute vielen Jndustrie- zweigm lediglich gelungen, die Betriebe notdllrfftg auf­recht zu erhalten. Das konnte aber nur unter ganz außer­gewöhnlichen Anstrengungen erreicht werden und unter einer Herabsetzung des Warmpreises, die vielfach einen Gewinn nicht übrig läßt. In der gesamten dmtschm Industrie ist man hmte wie niemals bemüht, die Pro­duktionskosten zu beschränken und nicht zum wenigsten zum Nachteil der Arbeiterlöhne. Die gleichen Eindrücke hat aus unserem augenblicklichmWirtschaftslebm auchPro- fessorWernerSombart gewonnen, der einen Teil derUnter- suchungen des „Vereins für Sozialpolitik" über die wirt­schaftliche Krise leitete, Nach diesem erfahrenen Volks­wirt wird das Kennzeichen der nächsten Zeit sein: steigende Absatznot, verbunden mit dem Elend niedriger Preise. Somüart befürchtet, daß auf das Andauern der gegen­wärtigen Nachfrage nicht viel zu hoffm ist, und er kommt zu dem Schluß, man möge sich durch halbamtliche .Kund­gebungen nicht vertrauensselig stimmm lassm, denn wenn nicht alles trüge, gehe die deutsche Volkswirtschaft in den nächsten Jahren noch ernsteren Zeften entgegen.

Das Urteil dieses Fachmannes ist also von der An­schauung, daß die Krise im wesentlichen überwunden sei, sehr weit entfernt. Man darf sich auch nicht durch die Heraufsetzung der Preise in einigen kartellierten In­dustrien beirren lassm. Wmn das Kohleusyndikat seit den letzten Wochen sich einige Kohlensorten tmrer bezahlm läßt, so handelt es sich bei dieser Preisbildung um ein „Kunstprodukt", das für die allgemeine Lage nichts be­weist. Der stärker gewordene Versand der Kohlenzechen ist auch Wohl wmiger auf die lebhaftere Tätigkeit der Industrie, als wie auf dm herannahenden Winter zu­rückzuführen. Ebenso hat aus dem Ruhrkohlenbezirk der Versand..nach Holland und Belgien in der lechen Zeit er­heblich Angenommen. Tie Lage der Kohlenmdustrie ist dank dem Syndikat und ähnlichen Vereinigungen auch in dm letzten Jahren eine weit bessere gewesen als jme der Gesamtindustrie. In den letzten Jahren hat sie zur Be­schränkung der Produktionskosten augenscheinlich auch wesentliche Ersparungm an Arbeiterlöhnen eintretm lassen. Nach der amtlichen Lohnstatistik für die Preußischen Bergarbeiter hatte sich die Zahl dieser letzterm 1902 gegen das Vorjahr nur um 2230 vermindert, die Lohn­ziffer jedoch um 36 104 679 Mark. Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines preußischen Bergarbeiters ist in der genannten Zeit von 1076 Mark auf 1006 Mark ge­fallen und damit noch unter dm Stand von 1898 ge­sunken, obgleich seit diesem Jahre die Kosten der Lebens­haltung auch für dieArbeiterbevölkening größer geworden

sind. Besonders seit zwei Jahren machen sich die Folgen der Kris« im Bergarbefterlohn bemerkbar, der fast im selben Verhältnis wie die- deutschm Arbeiterlöhne im allgemeinen gesunkm ist. Wie das geringere Einkommen breiter Volksschichten auf den Verbrauch wirkt, beweist die Konsum,statistik, nach der z. B. in Berlin, wie auch in vielen anderm Orten, in den letztm Jcchrm der Fleisch­verbrauch ständig zurückgeht und der Verbrauch von Kaffee, Tee und Kakao schon seit 1899 fällt, der Kar­toffelverbrauch jedoch in der Reichshauptstadt —• aus anderm Orten liegm uns keine Ziffern vor — in jedem Jahr auf den Kopf der Bevölkerung gestiegen ist. Aus dieser Statistik lassm sich auf -die Lebenshaltung der großen Masse sehr bezeichnende Schlüsse ziehen.

Auf dem Gebiet der Kohlenindustrie wird voraus­sichtlich die Verlängerung des Syndikats gleichbedeutend sein mit einer stärkeren Zusammenballung des Kapitals, denn die großen Gesellschaftm werden mit größerer Energie versuchen, sich die kleineren Zechen anzugliedern, um ihre Produktionsziffer zu steigern. Me deutsche Eisenindustrie hat infolge des Rückganges der geschäft­lichen Konjunktur in den Vereinigtm Staatm ihren Warenversand nach dort fast gänzlich eingestellt. Die „amerikanische Gefahr" macht dieser Industrie zwar noch ernste Sorge, aber man denkt hmte denn doch etwas kühler über sie als vor einenr Jahre. Ob diese Gefahr für dis Eisenindustrie in dem behaupteten Umfange wirklich vor­handen ist, läßt sich mit Bestimmtheit überhaupt nicht sagen, da die Entscheidung mehr eine Frage der Personen und Verbände als sachlicher Verhältnisse ist. Im allge- meinm kann man nach unserer hmftgm Kenntnis der amerikanischm Technik und Produktionskosten behaupten, daß ein stärkerer Mitbewerb der Amerikaner in einigen unserer ausländischen Absatzgebiete zwar zu befürchten ist, daß es der Eisenindustrie der Vereinigtm Staaten aber nach ihrem heutigen Stande unmöglich sein wird, Stahl und Eisen und gewisse Fertig- und Halbfabrikate mit Gewinn auf den dmtschm SDlarft zu werfen. Ob diese Erzeugnisse unter gewissm Umständen nicht trotzdem massmhast auch auf den dmtschm Markt abgeschoben ioerden, läßt sich, wie bemerkt, nicht im voraus sagen, aber wir erinnern daran, daß auch die deutsche Eisen­industrie in dm letztm Jahrm nach der Union unter ver­lustbringenden Preisen stark exportierte.

Durch die jüngst erfolgte Emmerung des deutschen Roheisensyndikats ist für diesm Industriezweig di« Lag« weniger beunruhigend gewordm, auch die Beschäftigung ist, wie in der gesamtm Eisenindustrie, augenblicklich eins' leidliche. Aber ganz allgemein wird auch h-ier über die schon eben erwähnte Tatsache geklagt, daß die gedrücktm Preise nicht herauf zu bringen sind. Die gleiche Klags kommt aus der MaschineninÄustrie, deren Verhältnisse nach dm Geschäftsberichten einzelner großer Unter-

Feuilleton.

Triestiner Zederzeichnungen.

Bon Dr. Kurt Rudolf Krcuschucr.

Im Oktober 1903.

Mit des Sturmvogels Eile rast der von Wien kom­mende Nachtschnellzug vorbei an Ortschaften mit italieni­schem Ramm und italienischer Bauart, deren Bewohner jedoch südflavischer Nationalität sind, über die öden Hoch­flächen des Karstes. Noch verrät nichts die Nähe der süd­lichen Meeresgestade,' denn was hier auf den von den Benetianern entwaldeten und zur Steinwüste verwandel­ten Felsrücken wächst, läßt zwar erkennen, daß die von der österreichischen Regierung mit großem Eifer betriebe­nen Aufforstungsversuche von einem sicheren Erfolge ge­krönt sein werden. Es sind aber nicht die Kinder des sonnigen Südens, sondern knorrige Kiefern und andere wetterfeste Nadelhölzer, die der orkangleichen Gewalt der eisigen Bora standhalten müssen, die nur zu oft im Winter mit zornigem Wüten über diese Berge tobt und wahrhaft sibirische Temperaturen mit sich bringt.

Dicht hinter Nabresina ändert sich das Bild wie mit einem Zauberschlage. Während der Zug auf einer weiten Kurve aus der ost-westlichen Fahrtrichtung in die um­gekehrte übergeht, schieben sich wie im Theater bei einer Berwandlung auf offener Bühne die letzten Steinkulisscn des Karstes auseinander, und während sich die Bahnlinie auf kühn gebauten Rampen langsam zum Meere her­niedersenkt, schaut das trunkene Auge des Reisenden, der sich hier noch 400 Meter über dem Meeresspiegel befindet, weit hinaus über den Golf von Triest und die blaüe Adria, über das Mündungsdelta des Jfonzo und die am fernen Horizont verschwindende Lagunenstadt Grado im Südwesten, während im Südosten der Leuchtturm von Salvore die letzte Landmarke bildet. Wenige Minuten später fliegen wir an dem auf stolzem Söller stehenden Schloß des unglücklichen Kaisers Maximilian, an Mira- mare, vorbei und bald darauf verlassen wir den Zug im stattlichen Hauptbahnhof der alten Tergeste, deren moder­nes Gewand es kaum erkennen läßt, daß wir bi-» im

Banne einer mehr als zweitausendjührigen Geschichte stehen.

Wenn man sich unterfängt, dem deutschen Leser eine Gegend näher zu bringen, über die schon so unendlich viel geschrieben ist wie über Triest und sein Litorale, die überdies auch noch von dem Herzen Deutschlands ans in einer Schnellzugsfahrt von 30 Stunden erreichbar ist, so bedarf dies einer kurzen Rechtfertigung. Heute liegt Österreichs größter Hafenplatz weit abgerückt von den Straßen des großen Weltverkehrs. Die Ausfuhrprodukte des gewerbe- und indnstriereichen Böhmens, ja, selbst von Ober- und Niederösterreich, nehmen größtenteils ihren Weg über Moldau und Elbe stromabwärts nach Hamburg, und auch der deutsche Tourist, der zur Sommer­zeit den Alpentälern zustrebt, wühlt als Einbruchstatio­nen ins -Gebirge viel häufiger München, Salzburg oder Innsbruck als Wien oder Graz. In den Ostalpen ge­langt deshalb nur der kleinere Teil der Reisenden über eine Linie hinaus, die man von Linz nach Klagenfirrt oder Villach und von dort weiter südwärts ins Venetia- nische ziehen kann, und deshalb scheidet für die Reisepläne der meisten trotz der günstigen Zugsverbindungcn auf der Südbahn ein Besuch des interessanten Emporiums an der Adria und der nahen Küsten von Istrien und Dalmatien aus.

Die Tage dieser relativen Weltabgeschiedenheit Triests sind jedoch gezählt. Ein gewaltiger Bahnbau, der die Ketten der hohen Tauern, der Karawanken und der julischen Alpen in drei Riesentunneln durchbohrt, geht der Vollendung entgegen. Ein großartiger Handelshafen, der mit sämtlichen technischen Behelfen der Gegenwart ausgestattet wird, wächst in der Bucht von Muggia empor und in einer nahen Zukunft werden die Exporteure Süd­deutschlands vor die Frage gestellt sein, ob die Ausfuhr ihrer Waren nach dem Orient über Triest nicht ökonomi­scher ist als über die Nordseehäfen. Dem großen Touristenstrome aber werden sich über Salzburg und Gastein weite und reizvolle Alpengegenden in Kärnten und Krain eröffnen, die heute noch so gut wie unbekannt sind und bis jetzt nur von passionierten Gipfelstürmern und Bergwanderern besucht wurden, die geflissentlich die Einsamkeit kuch-n.

Obwohl die Geschichte Triests mit dem Jahre 128 vor Christus beginnt, zu welchem Zeitpunkte die vordem unter dem Namen Artemidoros bekannte Ansiedelung zum Range einer römischen Militärkolonie erhoben wurde, ist von den Spuren des Altertums nur sehr wenig zu ge­wahren. Innerhalb eines vollen Jahrtausends vom frühen Mittelalter bis ins 14. Jahrhundert hinein, bas mit hartnäckigen Kämpfen angefüllr ist, hat man aus den antiken Überresten in so ausgiebiger Weise Baumaterial geholt und das Erbaute wieder zerstört, daß wir Trüm­mer aus altklassischer Zeit, wie sie uns schon in Pola im größten Maßstabe entgegentreten, nur finden, wenn wir einen Gang in das Lluseo civico d’antichitä oder in das unterhalb des Kastells und des ehrwürdigen Domes von San Giusto gelegene Lapidario Triestino wagen, wo das von Bosas Meisterhand geschaffene Kenvtaphium daran erinnert, daß der Begründer der antiken Kunst­geschichte, Winckelmann, am 1. Juni 1768 in Triest durch die Hand des räuberischen Arcangeli seinen Tod fand. Triest ist vielmehr eine durchaus moderne Stadt, in deren sozialem Konzerte der Handel in demselben Grade die erste Geige spielt, wie dies in Hamburg oder in Frank­furt am Main der Fall ist. Allerdings vermag sich der Schiffsverkehr nicht mit demjenigen von Deutschlands Leiden großen Hansestädten zu messen, die an den Mün­dungen großer, weit ins Innere Deutschlands hinein schiffbarer Ströme unter unvergleichlich günstigeren Be­dingungen groß geworden sind, als die vom Herzen Österreichs durch mehrere mächtige Gebirgswälle ge­trennte und 80 Eisenbahnmeilen von Wien entfernte ehe­malige römische Militärkolonic. Immerhin aber klingt es achtunggebietend, wenn wir hören, daß in den Triester Schiffahrts-Unternehmungen ein Kapital von mehr als 120 Millionen Mark angelegt ist und daß der Wert des gesamten Warenumschlages gegenwärtig den jährlichen Betrag von fast W 2 Milliarden Kronen erreicht.

Die Entwickelung Triests, dessen Blüte erst von dem Zeitpunkt an beginnt, wo die Stadt von Karl VI. im Jahre 1719 zum Freihafen erhoben wurde, weist zwei bedauerliche Perioden des Stillstandes auf, von denen die erste in die Zeit der Franzosenkriege, die zweite aber iw die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Mt,