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*1. JatzrgE«.

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Verlag: Langgaffe 27.

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514* Verlags-Fernsprecher No. 2958.

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Abend - Ausgabe.

Die ZinkiKnlserznsnmknKnnsl in Plrsbadtit.

Wir befinden uns in einer Ära der Fürstenbesuche. Aus die Zusammenkünfte der Staatsoberhäupter in Wien, Mürzsteg, London und Paris folgte oder vielmehr folgte nicht der gescheiterte Zarenbestrch am italienischen Hofe, und am 4. d. Ai. reiht sich an jene Kette der Staats­visiten die Zusammenkunft zwischen dem deutschen Kaiser und dem russische Zaren in Wiesbaden. Daß _ dieser Zweikaiserbegegnung eine über den Rahmen einer Höflich- keitsbczeuguug hinansgehende politische Bedeutung zu- kommt, geht schon daraus hervor, daß dem Besuche des Zaren in Wiesbaden, dem Tags drauf der Erwiderungs- gbesuch des Kaisers in Wolfsgarten folgen wird, sowohl der Leiter der deutschen Politik, der Reichskanzler Graf Bülow, als auch der russische Minister des Äußern, Gras (Lambsdorff, beiwohnen werden.

Aber es hätte kaum dieser äußeren Kennzeichnung der politischen Bedeutung bedurft, welche der Zweikaiser- begegnung in Wiesbaden znkommt, denn die jüngsten Vorgänge auf dem Gebiete der internationalen Politik isteüen diese Bedeutung ganz von selbst in das hellste Licht. Uns derBühne desWelttheaters haben sich in der letztcnZeit allerlei sonderbareVorgänge abgespielt, zum Teil vor, zum Teil hinter denKulissen. Wir haben den innerenZusammen- hang dieser politischen Aktionen auf dem Welttheater erst vor wenigen Tagen beleuchtet und dabei gezeigt, daß es kaum zu irgend welchen szenischen Veränderungen, ge­schweige denn zu einer richtigen Weltth eater-Premiere ge­kommen ist. /

Eine Zeitlang freilich ist es hinter den Kulissen recht lebhaft zugegangcn, und es war fast, als ob in Europa ein diplomatisches „Verwechselt, verwechselt das Bäume- lein!" gespielt werden sollte. Da versuchte die französische Diplomatie, die „romanische Schwesternation" Italien mit holdem Schmeichelwort und Liebesgckose an sich zu locken, um es zu ehelicher Untreue gegen den Dreibund zu verleiten. Und die dramatische Situation schien sich fast zu einem Doppelehebruch zuzuspitzen, als gleichzeitig England die stärksten Anstrengungen machte, die franzö­sische Republik zu schnödemTreubrnch gegen das „alliierte" Rußland zu veranlassen. Schon sprach man von einer neuen Koalitton der Westmächte, worunter man Frank- sveich, Italien und England verstand. Allein der so dramatisch verschlungene Knoten hat sich schnell aufgelöst f— in allgemeines Wohlgefallen.

Die Annäherung zwischen Frankreich und England, bei der England das Ziel der Isolierung Rußlands ver-

Dienstag» den 3. November.

folgte, während Frankreich dabei die Prämie des Pro­tektorats über Marokko vorschwebte, hat sich in einen recht harmlosen Schiedsgerichtsvertrag aufgelöst, dem eine tiefergch-en.de Bedeutung wenigstens zur Zeit nicht beikommt. Gleichzeitig hat inan von Italien aus deut­lich zu verstehen gegeben, daß der Flirt mit Frankreich keinerlei Untreue gegen den Dreibund bedeuten soll, und gerade das neue .Kabinett Giolitti ist in der Tat als eine Art Garantie für die Dreibundtreue Italiens anzusehen. Des weiteren ist aber auch die Mssion, welche der russische Minister des Äußeren, Graf Lambsdorss, soeben bei seinem Besuche in Paris erfüllt hat, zweifellos in dem Sinne aufzusassen, daß die russische Diplomatie der fran­zösischen zu Gemüte geführt hat, wie bedenklich das Liebesgetändel mit anderen Mächten auf das russisch- französische Bündnis einwirken könnte. Und auf dieses Bündnis wird Frankreich in absehbarer Zeit schwerlich verzichten wollen, da die internationale Situation doch nun einmal auf das Parallelogramm der Kräfte einge­richtet ist, welches durch den Dreibund und Zweibund dargestellt wird.

Wenn jetzt der Zar von Rußland die Anregung zu der Zusammenkunft mit unserevi Kaiser gegeben hat, so verfolgt er damit unverkennbar die Absicht, sowohl dm Franzosen wie den Engländern zu zeigen, -daß er zwei Eisen im Feuer habe. Gegen eine solche Auslegung hat die deutsche Politik schon deshalb nichts einzuwenden, weil sie hierbei genau das gleiche Ziel verfolgt. Zwar glaubm wir nach wie vor an den Bestand des Dreibundes, aber gegenüber der hin und wieder auftretenden Franzosen- Schwärmerei in Italien ist es immer angebracht, darauf hinznweism, daß eine -etwaige Änderung der inter­nationalen Situation leicht eines Tages Deutschland uud Rußland Seite an Seite finden könnte. Und nicht minder ist es angesichts mancher Entgleisungen der mglischm Diplomatie geboten, sich des Bismarckschcn Grundsatzes zu erinnern: „Das Interesse Englands ist, daß das

Deutsche Reich mit Rußland schleckst steht, unser Interesse, daß wir mit ihm so gast stehen, wie es der Sachlage nach möglich ist."

lind diese Sachlage hat sich gerade in den letzten Jahren ziemlich günstig gestaltet. Unser Verhältnis zu Rußland ist nicht das einer warmen Freundschaft und wird dies auch kaum werden. Aber das Fehlen jeglicher Interessengegensätze hat sich zwischen uns und Rußland als ein nahezu ebenso starker Faktor erwiesen, insbe­sondere sott vstr erkannt haben, daß der Zusammenschluß Rußlands mit Frankreich nicht als eine Bedrohung Deutschlands, als eine Bedrohung des Wcltfriedms auf- Wfassen ist. So ist denn im Anschluß an den im Januar dieses Jahres erfolgten Besuch des deutschen Kronprinzen in Petersburg die Zweikaiserzusammentunft in Wies­baden als eine neue Bekundung der deutsch-russischen An-

Rcdaktivnö-Ferniprcchcr No. 52. 1903.

Näherung aufzufassen, deren international-politische Be­deutung wir vorstehend gekennzeichnet haben.

Und so ist uns denn auch-, ivährmd wir uns-ern Kaiser hier in Wiesbaden ja längst wie einen alten, werten Bc- tannten und getreuen Stammgast der Kurstadt begrützm, der Besuch des Kaisers aller Reußen als guter Nachbar und Träger friedfertiger Gesinnung ein lieber Besuch. Wünschen wir nur das eine, daß die ge­schichtliche Tatsache keinen neuen Beweis erfährt, -daß alle persönlichen Freund-schaftsbezeugungen zwischen zwei Herrschern und deren Friedensliebe die Jnteressenp-olitik der Länder niemals dauernd hindert, sich energisch zu be­tätigen und daß am politischen Horizont die Wetter oft plötzlich und überraschend bei heiterem Himmel ausstoigen. Den „Friedenssürstm" aber gebührt unter allen Um­ständen der Dank -der Völker, und- in diesem Sinne heißen wir die beiden Herrscher gewaltiger Reiche, die in unseren Mauern eine freundschaftliche Zusammenkunft abha-lten, freudig willkommen.

Die Mahlmännerwühlen in Kaden.

B. Aus Karlsruhe schreibt man uns:

Die badische Landtagswahl-Kampagne, die am 80. Oktober mit den Wahlmännerwahlen ihren vor­läufigen Abschluß fand, ist diesmal ziemlich geräuschlos vorübergegangen: von solch aufregenden Kämpfen, wie sie sich bei uns vor den Reichstagswahlen abspieltcn, war nichts zu bemerken, allenthalben machte sich vielmehr eine gewisse Erschlaffung und Gleichgültigkeit geltend, und selbst die große badische Seeschlange, die Klosterfrage, ver­mochte die Wählerschaft nicht mehr mobil zu machen. In­folgedessen war auch die Wahlbeteiligung landauf, landab recht mäßig und das Ergebnis des Tages wenig über­raschend: von den 84 Mandaten haben drei oder vier ihre Farve gewechselt und im übrigen bleibt alles, wie es war.

Den meisten Eifer haben noch die Nationallibc- r a l e n , bezw. die Jungliberalen bewiesen, indem sie in 25 Bezirken eigene Kandidaten aufstellten, sich den Zu­sammenschluß der bürgerlichen Parteien sehr angelegen sein ließen, und es auch dahin brachten, daß in verschie­denen Bezirken Koßservative und Freisinnige mit ihnen gemeinsam vorgingen, während auf der anderen Seite Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten einander brüderlich die Hände reichten. Der Erfolg blieb nicht ans: Bon den 13 Mandaten, die zu verteidigen waren, wurden Müllheim, Emmendingen, Lahr-Stadt, Kehl, Baden, Rastatt, Breiten, Heidelberg, Weinheim, Sins- heim und Mosbach behauptet: in Eberbach hängt der end­gültige nationalliberale Sieg über Zentrum, Bund der Landwirte, Demokraten und andere noch von einer ein­zigen Stimme ab, Konstanz dagegen ging an die Demokraten (denen es auch schon von 1891—99 gehörte) verloren, mährend Pforzheim den Sozialdemo-

Oie Revolutzer.

Roman von Walther Schulte vom Brühl.

(18. Fortsetzung.)

„Ah, du bist's, Mieken", wandte sich der Kaufmann nun an das junge Weib, das immer noch den Korb aus dem Kopfe trug. „Na wart, ich helf dir. Es ist wohl ''ne schwere Tracht."

Er griff zu und vereint hoben sie die Last auf den Liefertisch. Als aber der Kaufmann auch Miene machte, beim Ausräumen des mit blank geschliffenen _ Messer­klingen gefüllten Korbes zu Helsen, wehrte ihm die Frau: „Nee, nee, das geht nicht, Herr Schwertfeger, das leid' ich nicht. Es ist schon so freundlich von Ihnen, daß Sie inir selber die Lieferung noch abnehmen."

So sah er ihr denn zu, wie sitz den dicken Wollring auf dem die Last getragen wird, von dem dichten Kranz ihrer aschblonden Haare nahm und wie sie mit -den kleinen, verarbeiteten, aber wohlgeformten Händen Lage um Lage der auf groben Papierfetzen liegenden Klingen aus -dem Korb nahm und auf den Tisch legte. Me zierlich st« gewachsen war und wie das dunkelblaue, saubere Kattunkleid mit den weißen Kringeln, die darauf gedruckt waren, ihre jugendliche Gestalt mit der hübschen Büste (hob!

„Es ist lange, daß ich dich nicht gesehen Hab', Mieken". meinte er und sie entgegnete: „Ja, Herr Schiwertfeger. Wie das so geht. Ich war ja- oft da, aber Ihre Köntor- jherren haben mich immer abgesertigt."

„Und wir kennen uns nun schon so lange. Ich war schon verheiratet, als -du noch ganz klein warst und mit den Kaninchen spieltest."

„Ja, wir hatten ihrer immer welche, und ich hatte sie so gern. Aber der Vater schlachtete sie immer und aß sie .aus, er und die Mutter. Ich könnt' nie davon mitessen, ich hätt's nicht fertig gebracht."

„Na, -dein Vater könnt' die Stärkung brauchen. Er (starb ja an der Schleiserkrankheit, an der Zehrung."

„Und ldie Mutter hat ihn nicht lange überlebt. Ach, es war so gut von Euch,. Herr Schwertfvger, daß ich in

dem Häuschen bleiben und daß ich mich drin verheiraten tonnt'. Es sind nun fast vier Jahr' her. Man geht nicht gern ans einer Wohnung, in der man groß ge­worden ist, selbst wenn man nicht viel Gut's drin er­lebt hat."

„Hm, ja. All' die Jahr' den kranken, krikkeligen Vater, und dann die verschwächte Mutter."

„Es war immer viel Leid dabei", sagte sie traurig. Dann ließ sie sich plötzlich aus einen der Holzschemel nieder, die dort für die Lieferanten standen, oedeckte chr Gesicht mit ihrer frischg-ewaschenen, blauen L-einenschürze, die noch die Bügelfalte trug und schluchzte heftig: „Und nun auch das noch, auch das noch!"

„Um Gotteswillen, was gibt es denn wieder, Mieten?" frug Scht«rtseger erschrocken. Und- da sie in ihrem Schmerz nicht gleich antworten konnte, trat er ans sie zu, legte seine Hand beruhigend auf ihren blonden Kopf und sagte: „So red'doch, Mek-en. Sag'mir nur alles. Wir kennen uns nun doch -all die Jahre, und ich mein' es wahr­haftig gut mit dir."

Sie blickte ihn mit ihren tränenüb-erströmten Augen an, nickte und schluchzte dann ab-gebrochen: „Zwei Gen­darmen haben ihn gestern abgeholt, den Jupp. . Er soll in Kaltenberg was Schlechtes über den König gesagt haben."

„Donnerwetter, also hat das doch Folgen gehabt!" rief der Kaufmann erschrocken. „Hm, ich war ja dabei. Er war besoffen, und- mich hat er auch ankrakeelt. Welcher Schuft mag das nur wieder den- Behörden angezeigt haben?"

Sie ballte die Fäuste. „Wahrscheinlich einer, der sich noch einbild't, er hätt' seinem Vaterland damit was Gut's getan, so'n Hund, so'n verdammter! Und mein Mann muß mm ins Zuchthaus, wo ihrer doch jeden Tag hundert dasselbe sagen und ans dm König und auf die Regierung schimpfen, nur daß sie nicht darüber erwischt werden."

„Hm. hm, 'ne faule Sache!" brummte Schwertfeger, und sie schluchzte: „'s wird nun wohl das letzte Mal sein, daß ich Euch geliefert Hab', Herr Schwertfeger. Und wie ich Euch den Mietzins für das Häuschen aufbringen soll, das weiß ich auch nicht."

„Das ist das Wenigste, darüber mach' dir nur keine

Sorg', Mieken. Aber das mit deinem Mann, das geht mir doch nah. Und- ihr lebtet glücklich zusammen, oder wenigstens, ihr kamt miteinander aus?"

Sie blickte ihn groß an und lachte dann grell auf. „Glücklich? Und miteinander auskommen? In den ersten Jahren ging es ja, und ich war wenigstens froh, daß ich meine eigene Sach' hatt', daß ich nicht so allein war, und daß ich nicht bei fremden Leuten mein Brot suchen mußt!. Aber dann fing er das Saufen an. Geld lonnt' ich fast gar nicht von ihn: kriegen und schließlich —- nun, da wollt' er mich auch noch schlagen."

„Das Hab' ich ja gar nicht gewußt. Was, schlagen wollt' -er dich, Mieken?" ries der Kaufmann entrüstet.

Sie fuhr heftig empor, und- ihre Augen blitzten in Zorn und Stolz, als sie entgegnete: „Gewollt hat

er's, aber er hätt's nur riskieren sollen, er hätt's ris­kieren sollen, da hätt' er was erleben können! Ich hör' nicht zu denen, die sich schlagen lassen. Dazu hör' ich nicht!"

Er blickte sie verwundert an, wie schön sie aussah in ihrem ehrlichen Zorn. „So -hast du ihn wohl gar nicht mehr lieb, den Jupp?" frug er.

Sie schüttelte den Kopf. „Nee, lang' nicht mehr. Er ist ein gemeiner Kerl, das Hab' ich bald genug einges-chen. Ach, Herr Schwertfeger, ich Hab' viel gelitten unter der Sache. Manchmal dachte ich: wenn du doch wenigstens ein Kind hätt'st, wenigstens etwas zu deiner Freud', ab-er nun ist es auch gut, das es so ist, ganz gut so."

„Hm, dann kannst du ja unter Umständen noch froh sein, daß du den Jupp los wirst. Wie der Wind jetzt in den Gerichtssälen weht, kommt er unter zwei Jahren nicht los."

„Was? Zwei ganze Jahr' im Zuchthaus für ein ein­zig Wort, von dem keinem ein Schaden geschieht?" ries sie entsetzt. Tann schlug sie mit der Faust auf den Liesertisch und schrie: „Wenn sie ihn so verurteilen, dann geh' ich selber hin und sag' den Richtern die Wahrheit, daß ihnen der Kopf brummt. Tann sollen sic was zu hören kriegen, und wenn sie mich auch ins Zuchthaus bringen. Hal Zwei Jahre für ein Wort!"