MMier Tmlilstt.
fil. Jahrgang.
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N-. 612. Verlags-Fernfpr-cher No. 2»ö«. Montag, deN 2. MovemlirV. Rebaklions-Fernfprecher No. 82. 1903.
Abend■Ausgabe»
Theodor Mommsen f.
wb. Charlottenburg, 1. Nov. Theodor Mommsen ist heute früh 8 Uhr 45 Minuten gestorben.
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Dem deutschen Volke ist oft genug der Vorwurf gebucht worden, daß es ferne großen Männer selten im Leben nach Gebühr anerkannt hat, daß es zu sehr der nüchternen Kritik einzelner Handlungen nachgegangen fei und daß es insbesondere bei der Beurteilung großer Männer allzusehr die Meinungsverschiedenheiten in einzelnen Fragen und parteipolitische Erwägungen habe mitsprechen lasten. Es mag dahingestellt sein, inwieweit dieser Vorwurf berechtigt ist. Jedenfalls hat in dem Augeiwlick, da die Kunde von dem Mleben des großen Forschers und Geisteshelden Theodor Mommsen die Welt durcheilte, sich kaum irgend jemand der einen oder anderen politische Differenz erinnert, die ihn vielleicht von der Weltanschauung des großen Gelehrten trennte, sondern jeder Deutsche wird sich das Gesamtbild -dieses bedeutendsten Gelehrten und Forschers der Gegenwart ins Gedächtnis zurückrufen, um. sich über den Verlust klar zu werden, den die Wissenschaft, den das deutsche Vaterland mit dem Tode Theodors Mommsens erleidet.
Wer ihn im Leben gekannt hat, den ehrwürdigen Greis mit den langwallenden weißen Locken zu, beiden S-eiteir feines scharf geschnittenen Antlitzes, mit den blitzenden dunklen Augen und den energischen Gesichtszügen, der wird diese Erscheinung nicht so leicht wieder vergessen. Wenn Mommsen das Wort ergriff, dann horchte das gesamte deutsche Volk, ja oft genug die Kültur- welt auf seine Worte, denn wenn er sprach oder schrieb, so hatte er stets etwas zu sagen. Er war, eine ganze abgerundete Persönlichkeit. Schwächliche Rücksichten kamrte er freilich nicht, weder nach oben noch nach, unteir, und seine Art, die Dinge beim rechten Ramien zu nennen, hat ihm neben vielen Freunden mich viele Gegner erworben. Indes die schlechtesten Früchte sind es nicht, woran die Wespen nagen. Mommsen ist eben bis an sein Lebensende der geradsinnige und derbe Schleswig-Holsteiner geblieben. Ter Vierzeiler, den er einst in dein von ihm mit zwei Jugendfreunden herausgegebenen „Liederbuch dreier Freunde" geschrieben hatte, paßte auf ihn selbst vortrefflich: „Guten Morgen, mein Werter, wie sind- Sie doch grob ! In Holstein, Verehrter, ist dieses ein Lob!"
Theodor Mommsens ward zu Garding in Schleswig- Holstein am 30. November 1817 als Sohn eines Predigers geboren, er hat also nahezu das sechsundachtzigste Lebensjahr vollends. Er besuchte in Altona das Gymnasium und in Kiel die Universität, wo er bereits mit seinen Freunden den Traum von des künftigen deutschen
Reiches Herrlichkeit träuinte, dessen Erfüllung zu erleben ihm beschieden war. Diesem begeisterten Streben, mit- zuarbeiteir an der Einigung der deutschen Stämme, an der Wiederausrichtung des Deutschen Reiches unter Preußens Führung, blieb er treu auch in seiner weiteren Laufbahn als Mädchenschnllehrer in Altona, als Rodakteur der damaligen „Schleswig-Holsteinischen Zeitung" und, auch, als er 1848 als Professor den Lehrstuhl des römischen Rechts an der Universität Leipzig bestieg.
Das Streben nach der Erfüllung des deutschen Einheitstraumes, dessen Verwirklichung uns vor mehr als drei Jahrzehnten beschieden war, hatte vor einem halben Jahrhundert noch in die Rubrik des Hochverrats gehört. So wurde auch gegen Mommsen wegen seiner Zugehörigleit zum „Deutschen Verein" die Anklage wegen Hochverrats erhoben, von der er jedoch, nachdem er in «stier Instanz zu längerer Festungshaft verurteilt worden war, in zweiter Instanz freigesprochen wurde. Trotzdem wurde er am 22. April 1831 auf dem Disziplinarwege „zum Besten der Universität" des Amtes enthoben, weil er „öffentliches Ärgernis gegeben und ein sehr schlechtes Beispiel für die akademische Jugend ausgestellt hätte."
Mommsen erhielt bald eineu Ruf nach Zürich, doch schon 1834 erwarb sich die Universität Breslau das Ver- ' dienst, den hervorragenden Gelehrten wieder in die deutsche Heimat zurückzubernfen. Drei Jahre später wurde er zur Ausführung seiner großen Ausgabe, das Oorpus Inseriptionum Uatinarnm zu schaffen, als Mitglied der Akademie nach Berlin -berufen, wo er bald darauf eine Professur erhielt. Cs ist hier nicht der Ort, die unvergleichliche wissenschaftliche Bedeutung von Mommsens Lebensarbeit zu würdigen; würde doch allein die nackte Aufzählung seiner Werke und Arbeiten den Raum eines Artikels weit überschreiten. Seine Studien aus dein Gebiet der römischen Quellenforschung, sind- bahnbrechend und grundlegend geworden, aber nicht minder schöpferisch war feine Mitarbeit an dem Riesenwerk der Monumenta Germaniae. Im großen stwblikum ist der Historiker Mommsm durch seine glänzende „Röinische Geschichte", die für alle Zeit zu den klassischen Werken der Weltliteratur gezählt werden wird, populär geworden.
Aber noch populärer denn als Historiker ist Mommsen als Mensch, als Rufer im Streit geworden,, der es nie versäumte, aus der Gelehrtenstube in die Öffentlichkeit hinauszutreten, wo es galt, mahnend und warnend die Stimme zu erheben. Wenn er sich auch der Freisinnigen Vereinigung angeschlossen hatte, so ist Mommsen doch nie ein Parteimann im engeren Sinne des Wortes gewesen. Aber wenn es sich darum handelte, gegen das reaktionäre Volksschulgesetz, gegen die lex Heinze, gegen die Vorstöße des Klerikalismus und gegen die Angriffe auf die „voraussetzungslose Wissenschaft" Protest zu erheben, dann stand er stets allen voran, seinem Lebensgrundsav folgend, dein er bis in den Tod treu geblieben ist: „Mensch sein, heißt Kämpfer sein."
hd. Berlin, 2. November. Uber die letzten Todesstunden Theodor Mommsens wird berichtet, daß der Tod fast unmerklich eintrat. Gegen 9y 2 Uhr konnten die Arzte das Hinscheiden konstatieren. Bereits gestern liefen im Laufe des Tages eine ungeheure Anzahl von Beileids-Kundgebungen ein. Die hiesigen Blätter bringen^ heute warme Nachrufe für den Verstorbenen. — -Auch im Auslande war die Nachricht von dem Tode des großen' Gelehrten bereits gestern verbreitet. In Italien rief die Todesnachricht, wie aus R o m gemeldet wird, eine außerordentliche Teilnahme hervor. Alle italienischen Blätter widmen dem Verewigten überaus sympathische Nachrufe. Das Begräbnis Mommsens findet, dem „B. T." zufolge, wahrscheinlich erst am Donnerstag oder Freitag statt, da der Kultusminister, mehrere hohe Beamte des Kultusministeriums, sowie eine Reihe von Berliner Professoren, die der Trauerfeier beiwohnen werden, am Mittwoch bei der Einweihung der Akademie in Posen zugegen sein müssen. __
politische Übersicht.
Aus der Sozialdemokratie.
L. Berlin, 1. November.
Was bei -dem augekündigten Parteigericht der Sozialdemokratie über Braun, Heine rmd andere, Herrn Bebel mißliebige Genossen herauskommen wird, muß man freilich erst abwartcn, ab-er joviet sieht man schon jetzt: Leicht wird es der Radikalismus in der Sozialdemokratie nicht haben, -diese unbequeme Richtung unterzukriegen. Ein Sieg könnte hier die Besiegelung einer Niederlage norden. Denn das zeigt jede unbefangene Betrachtung der' Zwistigkeiten in -der Partei, daß der gemäßigte Flügel mindestens nicht der schwächere ist. In dein Augenblick, wo Bebel etwa Braun und Heine verdrängte, stände er vor gefährlichen Gegnern, vor Pollmar namentlich, und mit dem ernstlich anzubinden, wird er sich doch Wohl noch überlegen. Auch fühlen sich die Revisionisten ganz sicher. Ihre eigentlichen Häupter werden von Bebel nicht einmal angegriffen. Er und die anderen Radikalen haben besonders Bernstein bisher vollkommen geschont, auch David, auch Elm, auch Kampfmeyer, kurz alle wirklichen Be- kennen zu einer vernünftigen Auffassung des wirtschast- lichen Entwickelungsprozesses. Bernstein setzt soeben in einer Zuschrift an den „Vorwärts" auseinander, was eigentlich Revisionismus ist; vielmehr er fragte die Gegner, was sie sich bei ihrem Toben denken, und er erleichtert ihnen die Antwort gerade nicht, indem er die für jeden Beobachter unbestreitbare Wahrheit ausspricht: „Ein Teil unserer eifrigsten, tatkräftigsten Genossen sind in ihrer Auffassung Revisionisten, während das mit de« Partei mitlausende Philistertum zu neun Zehnteln radikal schwärmt." Sehr richtig, und zwar richtig nicht bloß vom Standpunkte der „Genossen", sondern von demjenigen einer objektiven Würdigung der Zustände in der
Die Kevolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(17. Fortsetzung.)
Sie waren inzwischen an dem Häuschen des Hausierers «ngelangt, einem bescheidenen Gebäude mit geteertem Balkenwerk und weiß gekalkten Zwischenfeldern, darüber das Dach aus schwarz glasierten Zieg-eln. Ein Weinstock rankte um Tür und Fenster der Vorderfront und verlieh der sauberen Hütte einen traulichen Eindruck. Oberam führte den Studenten um das Haus herum. . Dort am Mist, neben dem kleinen Ziegenstalle, hantierte des Hausierers Frau mit einer Hacke. Sie schaute auf, als die beiden näher traten.
„Dat es de Min (Meine)", erklärte Oberam. „Sie hat nicht umsonst so rote Haar'. Wollt Ihr wohl glauben, daß ich mal so toll war — es ist freilich lange her, — daß ich ein Gedicht auf diese Haar' gemacht und sie mit Sonnenstrahlen verglichen Hab'."
„Du sollt'st dich schämen, b-ei fremden Leuten gleich deine Schnaken losKulassen", fuhr die Frau heftig auf. „Mich reut's heut' noch, daß ich so 'nen Geck zum Mann' genommen Hab'."
„Spiel dich nicht auf und laß lieber mal sehen, ob die Stöcke gar sind", knurrte der Hausierer, und sie deckte an einer Eck^ des Haufens sorglich dm Mist ab und legte eine Anzahl von Stöcken bloß, die dort in dem gärenden Dünger gebettet lagen. Oberam nahm einen zur Hand und untersuchte die Rinde mit seinen Fingernägeln.
„Was hat denn das auf sich?" frug Gottfried verwundert, und -der Hausierer entgegnete wichtig: „Ja, mein gelehrter Herr, auch die einfachsten Dinge haben oft ihre Wissenschaft, die gelernt sein will. So ist es mit diesm Stöcken. Don Natur sind sie nichts als gutes, hartes Holz, aber der Mensch in seiner Klugheit hat sie zu adeln gelernt durch- ein besonderes Verfahren. Da müssen sie ihre sechs Wochen und mehr im Mist schlafen, in Stank und gärender Hitze, bis die Rinde wie Zunder abfällt. Dann
hat das Holz, das dann mit Glaspapier abgerieben wird, von der Beize eine schöne braune Farbe gekriegt und ist elastischer und geschmeidiger geworden, wie es vordem war. Ja, sehen Sie, so wird manches im Leben erst zu was Ordentlichem, wenn es vorher recht im Mist und Dreck gekegm hat. Diese Weisheit erzählt Ihnen also auch der Stock, den Ihnen der Engels-Pitters-Oberam verehrt hat."
Gottfried betrachtete seinen Stab und meinte lachend: „Na, das Hätte ich ihm nicht angesehen, daß er schon so viel durchgemacht hat. Aber mag auch seine Vergangenheit eine etwas befleckte und anrüchige sein, verlaßt Euch darauf, ich werd' ihn in Ehrm halwn."
Oberam erklärte nun nach fachmännischer Prüfung, daß die Stöcke noch nicht gar seien und noch vierzehn Tage liegen müßten und befahl seiner rothaarigen Lebensgefährtin, daß sie die frisch gekauften auch eingraben möge. Dann führte er seinen Gast an die Hundehütte und stellte ihm ein ungemein krummbeiniges, feinschwänziges Dächselehepaar vor. Gottfried bewunderte es gebührend, ließ sich aber nicht bewegen, einen der zu erwartenden Sprößlinge in Bestellung zu geben, so sehr sich auch der Züchter in dieser Richtung bemühte. „Dann müßt Ihr Euch aber meinMögel mal ansehn", entschied derHausierer und führte ihn ins Haus. Unzählige Vogelbauer, von den verschiedenartigsten Vögeln besetzt, hingen an den Wänden, und der Geruch, der von ihnen ausging, war beträchtlich, obgleich alles in leidlicher Ordnung gehalten schien.
„Die Ras' hat hier keinen Spaß, jedoch dem Ohr kommt es hier himmlisch vor", reimte Oberam mit offenbarem Selbstbewußtsein aus dem Stegreif. „Sie hat ein frech Maulwerk, die Rothaarige, und öfter mal muß sie mit meinen Stöcken Bekanntschaft machen, aber das Vogelzeug hält sie mir gut in Ordnung, das muß man ihr lassen. Alles was recht ist," lobte er sein Weib, nahm einen Käfig mit einem Dompfaffen von der Wand und trug ihn in das kleine Schlafgemach des Ehepaares, Gottfried auffordernd, ihm zu folgen und sich nicht zu
gmieren. Er hing dort den Käfig an die Wand, nahm eine einfache Blechflöte und blies einige Male eine bestimmte Melodie, worauf er den Vogel zum Singen anreizte. Der ließ sich denn auch nicht lange nötigen und brachte ein Paar Strophen sehr anmuffg zustande, ehe er stockte und sich beschämt und ärgerlich plusterte.
„In vierzehn Tagen hat er seine Lektion vollständig binnen," erklärte Oberam. „Es ist ein schönes Lied, was er singt, im ganzen bergischen Land hochgeschätzt, es heißt:
Unten im Bettchcn liegt Haferstroh, Haferstroh Oben im Bettchen liegt Heu.
Wenn ich mein Mädchen von ferne seh, ferne seh,
Ruf ich vor Freude Juchhei!"
Zweifellos, es ist eine Perle deutscher Dichtkunst", bestätigte der Student lächelnd, worauf sich Oberam beflissen erkundigte, ob der junge Herr noch lange in Eigers- bnsch zu bleiben gedenke.
„Ich ging' da überhaupt nicht fort," meinte er, als ihm Gottfried Bescheid gegeben, daß er wohl noch einige Zeit bleiben werde. „Deir Manewel, den muß man freilich mit in den Kauf nehmen, aber dasFräuleinAngenies!" Er spitzte den Mund und hob bedeutsam den Finger.. „Hm, hm, das Fräulein Angenies! So was soll man suchen weit und breit. Und so nüdlich, so patent, so, um's bequem in die Tasche zu stecken und hervorzuholen, so oft es einem' Spaß macht. Und das Geld, das viele Geld!- Es wär' doch eine Schande, wenn das nicht in der Familie blieb und am Ende gar an einen solchen Hungerleider und Windbeutel kämst wie der Neffe des Herrn Baroir von Peitersbroich, der sich übrigens selber nicht viel aus' seinem Schwesterkind mache. Nee, er, der Engels-Pitters- Oberam, er würde an Stelle des jungen, gelehrten Herrn nie mehr aus dem warmen Nest, ans Eigersbusch, heraus- gehen, und da er wüßte, was sich für einen Gast schickte,' so würde er nicht versäumen, dem Fräulein Angenies bald einen Füt (Dompfaffen) zum Geschenk zu machen, und wenn er auch zehn Taler kostete, wie der da, der das schöne Lied nun bald könne,"
