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**• Jahrg»i-.

«Arfchetm m zwei Ausgabe«. — BezugS-PrrkS: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. s« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasie 27.

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' Uo. 511.

Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächst» ‘ 1 .. orge getragen.

BerlagS-Fernfprecher No. 285 S.

Sonntag» den 1. November.

Ncöaktions-Fcrnfprecher N». 52 .

1903.

Morgen »flaasgabe.

Polhei und Prostilulion.

Es gibt Sachen, über die man nicht gen: redet, ob- woht man das Gefühl nicht tos wird, daß sich gerade über sie außerordentlich viel sagen lassen müßte. Ein klein wenig von der bekanntenGepslogercheit desVogels Strauß haben wir alle mitbekommen; selbst diejenigen, die nicht gerne aus ihrem Herzen Mördergruben machen und sich leidlich frei von Furcht und falscher Scham fühlen, kommen häufig in die Lage, wo es ihnen unangenehm ist,

> sagen, was ihnen nicht in den Kram Paßt, obgleich sie sich bewußt sind, daß sie zweifellos ein giltes Recht dazu haben. Wir sind höfliche Menschen und wollerr I nicht gern jemand auf den Fuß treten, wir sind aber tauch anständige Leute und halten daher gerne dle Augen I zu, um ja nicht von der Unsittlichkeit angekränkelt zu «werden. Wir gehen vorüber und wollen sie nicht scheu, I und die meisten unter uns bilden sich ein, wunder was Igeleistct zu haben, wenn es ihnen gelungen ist, fein Isäuberlich an allem vorüber zu kommen, was schadhaft Hand krank an rinserem Volkskörper ist. So wird zwischen f)en sittlich Gesunden und sittlich Kranken eine Kluft be- festigt, über die nur selten einer einen Schluck Wasser hinüberreicht. Und wer sich doch dazu untersteht, der darf sich in den allermeisten Fälle:: aus eine reichliche

I Portion Tadel seitens der Gerechten diesseits der Kluft . esaßt machen. Diese mit übertriebener Prüderie ver-

I I indene Philisterhastigkeit der Gerechten trägt wahrlich nicht zur Besserung der herrschenden Misere auf sittlichem Gebiete bei!

. Ein solches Gebiet, an dem man gerne mit zuge­druckten Augen vornbergeht, ist auch das Dirnen- t il m. Wir alle wissen, daß es eine Eiterbeule ist, die ununterbrochen an den: Marke der Volksgesundheit frißt. Wenn uns der kleine Finger schmerzt, laufen wir zum Arzt — was aber tun wir hier, wo die Gefahr eine weit größere ist? So gut wie nichts; das heißt, statt dem Übel die Axt an die Wiirzel zu legen, wird mit Polizeiver­ordnungen und Strafgesetzen daran herumgedoktort, und wir können von Glück sagen, wenn wir dabei noch einiger­maßen mobil bleiben. Allerdings, weise Fraiien haben uns Ratschläge erteilt, manch ganz akzeptable sogar, meistens aber taugen sie nicht viel; Ärzte und Juristen und andere Menschenfreunde und -Freundinnen mit und ohne Doktorhut haben Rezepte über Rezepte verschrieben, wenige wurden gründlich ausprobiert, und die es wurden, erzielten keine rechte Wirkung. Tie Literatur, die sich mit dem Dirnentum besaßt, füllt ganze Bibliotheken — aber fragt man nach dem Erfolg, so fragt man vergebens. Und so wird es bleiben, so lange nicht die sozialen Ur­sachen entfernt sind, welche das bedauerliche und höchst , gemeingefährliche Leiden Hervorrufen und zur Hydra

machen, der immer wieder der Kopf wächst, so oft er auch gÄvaltsam abgeschlagen wird.

Die Prostitution — wir meinen die um Geld käuf­liche Liebe, mit der wir uns hier allein zu beschäftigen haben — ist ausgedehnter, als man glaubt. Jeder Kriminalpolizist wird es cms seiner Praxis bestäftgen können, daß nur die wenigste:: dieser Prostituierten auf der Liste stehen. Ten meisten gelingt es, der polizeiliche:: Kontrolle zu entgehen, und diese selbst wird gerade da durch, das haben hervorragende Kriminalisten und Medi. ziner hundertmal bestäftgt, zu einer recht fragwürdigenJn- stltutron, die nur sehr mangelhaft ihren Zweck erfüllt. Auf die ärztlichen Untersuchungen der Prostituierten wollen wir hier nicht eingehen, nur nebenbei sei bemerkt, daß selbst die.am gründlichsten ausgeführte Unter­suchung nur ein unzulängliches Schutzmittel ist. Auch darüber, ob die Kontrollvorschristen überhaupt als ein Notbehelf gelten können, wollen wir uns hier nicht weiter auslassen, sie sind da, und jedenfalls sind sie zurzeit nicht völlig zu entbehren. Aber es darf verlangt werden, daß die Kontrolle, wenn sie dann doch einmal gesetzlich einge- sührt ist, wenigstens bis zur höchstmöglichsten Vollkom­menheit ansgebitdet wird. Und hier scheint uns doch noch nicht alles so zu fein, wie es sein sollte.

Wer sich etwas mit dieser kniffligen Angelegenheit beschäftigt hat. der weiß, daß eine Grundbedingung wirk­samer polizeilicher Kontrolle eine gut ausgebildete Be­amtenschar ist. An den Krinünalrsten, dein die Über­wachung des Dirnen- und Zuhältertums obliegt, werde,: die höchste:: Anforderungen gestellt, die an einen Unter­beamten der Polizei überhaupt gestellt werden können. Er muß Menschenkenner sein, er muß Taktgefühl besitzen und sittliches Rückgrat. Die des öfteren wiederkehrenden polizeilichen Mißgriffe beweisen, wie leicht es ist, daß ein Polizeibeamter in seinem Übereifer einen Fehlgriff üit. Ter Dienst eines solchen Kriininalisten ist ein' übersirs anstrengender und aufreibender, denn er nniß bis spät in die Nacht hinein auf deni Postei: sein. Vnriötäs und EafSs zwingen ihn dazu. Zu den persönlichen Eigen­schaften des Polizeibeamtei: ist aber unter allen Um­standen ein zweites notwendig: ein Gehalt, das es ihm erinöglicht, sich uneingeschränkt seinem Dienst zu widmen und chn nnt Lust und Eifer zu versehen. Da ist es denn geradezu unverständlich, daß es maßgebenden Behörden vor nunmehr etwa eisiern Jahr eingefallen ist. an dein für die Kriminalpolizei vorgesehenem Budget größere Streichungen vorzunehmen, von denen allein die Unter­beamten getroffen werden. Währei:d früher den Krimi- na listen das Recht zustand, monatlich 15 M. an söge- nannten Vigilsnzg Adern zu liquidierei:, ist diese Der- günstigung durch eine ministerielle Verordnung in Weg- mll gekommen. Das Kleidergeld wurde zwar vorher >im hundert Mark jährlich erhöht, dann aber kan: besagte Verordnung, und das bescheidene Einkommen der Krimi­nalisten wurde dadurch mit einem Schlag um 150 Mark

pro Jahr reduziert. _ Als auffällig muß es dabei be­zeichnet werden, baß den Kriminal-Kommissaren undi höheren Polizeibeamten, die infolge ihrer vielen Bureau- beschäftigung erfahrungsgemäß nur selten in die Not- wendrgkeit versetzt werden, dienstlich Wirtschaften zu be- suchen, die Vigttanzgelder belassen wurden. Der Fall erregte in Polizeikreisen böses Blut, aber auch der Staatsbürger dürfte dazu nicht stillschweigen, denn in- direkt ist er ebenfalls an der Sache interessiert. Wenn die Kriminalpolizei keine Spes-ei: :mhr liquidieren darf,, dann liegt es auf der Hand, daß sie sich in den mit Rück­sicht auf ihren Dienst unumgänglich notwendigen A:is- gaben die allergrößte Beschränkung auserlegt.. Uni» das hat wiederum zur Folge, daß die polizeiliche Wachsam- teil bis zu einein gewissen Grade lahm gelegt wirb. Das wird aber auf keinem Gebiete mehr verspürt, als auf dem der Prostitution und des Znhälterttims, denn gerade der dieses Gebiet überwachende Kriminalist ist ganz be­sonders gezwungen, fortwährend im Interesse seines' Dienstes Geld auszugeben.

In einigen Städten, so in Düsseldorf, Köln nn8 Berlii:, hat man in jüngster Zeit bereits die Verordnung des Ministers für unhaltbar erklärt und ist wieder zu der Bewilligung der Vigilanzgelder gekommen. In den meisten Städten aber, und so auch in Wiesbaden, wird die Verfügung noch aus das genaueste befolgt. Hier bei uns kann man bereits die schlimmen Folgen der Ver­fügung in dem Anwachsen der gehleimen Prostitution und des gefährlichen Zuhältertums beobachten. Wir haben in Wiesbaden — das können wir aus eigener Erfahrung sagen — durchweg tüchtige und diensteifrige Kriminal- beamte, aber das Unmögliche kann man mich de,: tüch­tigsten unter ihnen nicht zumute,:, und das würde es heißen, wollte man verlangen, daß sie ohne Rücksicht auf ihre wirtschaftliche Existei:z die Vigilanzgelder aus eigener Tasche bestteiten sollten. Sollte nicht mich dis taarsanwalffchaft Veranlassung haben, sich einmal des ache anzunehmen: es mach ihr doch aufsallen, daß die Ermittelung von Verbrechern in letzter Zeit zu wünschen übrig läßt, denn nicht nur die Beamten -der Sittenpolizei, sondern auch diejenigen, denen die Verfolgung von Hoch- stählern, Dieben und andere,: Verbrechern obliegt, leiden unter dem gegenwärttgen Zustand. Hier muß unbe» dingt Wandel geschaffen werden; wenn denn einmal kon» trollicrt werden soll, dann schasse nian auch ein System, das seiner Aufgabe voll gewachsen ist! d.

Krmmnetsvogelfnng.

In Nr. 36 des „Allgem. Bayer. Tierfreunds" schreib! E. K ü st e r folgendes:

Wenn die Frucht der Eberesche, auch Vogelbeere ge- nannt, allmählich eine rote Farbe bekommt und sich damit der Reife nähert, wenn dann die ttüben regnerischen Tage des September und Oktober die großen Vogel»

Frnilleton.

Berliner Stimmungsbilder.

Von Paul Lindcnbcrg.

- Kriminalpalast. — Nochmals Gras und Gräsi» Kwilecka. — > anderer Roman ans dem Leben. — Die Karriere der jungen 'rrgcrin. — Schuld und Sühne. — Aus unseren Kunstsalons.

Die Tragödie, die sich gegenwärtig in unserem iminalpalast abspielt, erregt in sämtlichen Schichten der völkerung das allgemeinste Interesse,- trotz der Frucht- . igkeit aller Bemühungen wird von Hunderten und Averhunderten Tag für Tag aufs neue der Versuch ge­macht, eine Karte zu dem streng gehüteten Zuhörerranm zu erhaschen, gern würden diese und jene einen blauen Schein opfern, um nur auf wenige Stunden Einlaß zu erhalten, damit sie das gräfliche Ehepaar Kwilecka ans der Anklagebank sehen könnten, aber alles ist vergeblich, mit bedauernder Miene weist der uniformierte Cerberus auf die Tafel hin: „Gefüllt! Karten werden nicht mehr ausgegcbenl" Ganz Hoffnungsfrcudige versteigen sich wohl zu der Anfrage: „Ja, aber vielleicht wird ein Platz bald frei?" Doch mit mitleidigem Lächeln erfolgt die Antwort: „Nee, nee, da geht keiner weg!" — Und der .Gerichtsdiener spricht die Wahrheit,- wer Einlaß gefun­den, der verharrt Stunde um Stunde auf dem harten Sitz, bis die Verhandlung an dem betreffenden Tage zu Ende,- besonders unsere holde Weiblichkeit, die durch sehr elegante und schöne Erscheinungen vertreten ist, entwickelt eine Ausdauer nebst der Gabe des aufmerksamsten Zu­hörers, wie man dies sonst bei unseren verehrten Eva- töchtern nicht immer findet. Dabei kommen im Schwur- gerichtssaale oft recht, recht heikle Sachen zur Sprache, es werden Dinge ans das eingehendste erörtert, die durch- Attis nicht für zarte Ohren berechnet sind, aber niemand 'ückt und rührt sich, die Augen werden wohl verschämt lin wenig niedergeschlagen, um sich jedoch einige Momente nach mit verdoppelter Spannung ans die weißhaarige,; 'gante Gräfin zu richten, die niemals in Verlegenheit

gerät und auf alle Kreuz- und Querfragen schnelle Ant­worten mit auffallender Gewandtheit erteilt.

Dabei scheint sich das Ney immer enger und enger zusammenzuziehen, um schließlich die Angeschuldigten wehrlos gegenüber dem Sttafmatze des Staatsanwalts zu machen. Und hier setzt ein intcresianter psychologischer Vorgang ein: trotzdem sich auch die öffentliche Meinung, wie man sie auf der Straße, in der Eisenbahn, in Ge­schäften und Lokalen usw., vernimmt, dazu neigt, die Gräfin nicht von Schuld und Fehle freizusprechen, wer­den stets dabei warme Sympathien für sie geäußert, und zwar auch seitens der Frauen aus den unbemittelten Volksschichten: „Die arme Gräfin, wenn sie doch frei käme, es wäre doch gar zu schrecklich, falls sie ins Zucht­haus müßte!" Und andere wieder: „Die Ärmste ist schon bestraft genug! Biele Monate in Untersuchungshaft, und nun diese seelisch wie körperlich quälenden Verhand­lungen, die wochenlang dauern können. Was muß diese Frau gelitten haben, was muß sie noch leiden! Das ist schon hinreichende Sühne, selbst wenn sie auch wirklich schuldig sein sollte!" - In diesem Wörtchen „wirklich^ liegt immer noch ein Hoffnungsschimmer, durch irgend eine Tatsache die Anschnldiginig entkräftet zu scheu. Ruhig, sachgemäß, nur ihrer Pflichten etngcdenk, waltet der Vorsitzende, walten die Richter und Geschworenen ihres Amtes, sie kennen und dürfen bloß das eine Ziel kennen: „Fiat justitia!"

„Fiat justitia!"-eine andere Frau stand dieser

Tage hier vor Gericht und wurde von Frau Themis ge­hörig unter die Lupe genommen, als Endergebnis dieser eingehenden Untersuchung erfolgten 21/2 Jahre Gesäng- nis nebst der Gratisbeigabe fünfjährigen Ehrverlustes und eben so langer Polizeiaufsicht. Und hier war man sehr zufrieden über diese Strafe und hätte gar nichts da­gegen gehabt, wenn sie noch strenger ausgefallen märe. Auch in diesem Falle ward ein R 0 m a n ans dem Berliner Leben vor uns entrollt, wie man ihn sonst nur der Phantasie eines Schriftstellers zutraut, der nach den Lorbeeren eiibes Gaboriau und Pitaval strebt. Ein junges, ans angesehener Lehrerfamilie in der Pro­

vinz stammendes Mädchen kommt nach Berlin, um an der Hochschule für Musik ihrem Studium obzulicgen,- oft ge. nug in dem wirrenden Trubel der Weltstadt mag sie sich einsam und verlassen gefühlt haben und mag dem Zu» fall dankbar gewesen sein, als sie eine Dame kennen lernte, die mit dem Benehmen der sogenannten „großen Welt*.'' sich ihr freundlich näherte, sichtliches Jntereflc für ihre Person und Kunst zeigend. Die Dame nannte sich Frau Schettler, liest aber gelegentlich durchblicken, daß sie von vornehmer Abstammung sei,- in erster Ehe einem sehr hohen Herrn die Hand gereicht habe, -in «zweiter einem höheren Ossizier, daß sie nur besondere Umstände ver» anlaßten, von dem ihr zustehenden Titel keinen Gebrauch zu machen. Eine vornehm eingerichtete Wohnung am K nrfurstenöamm, ein sicheres gesellschaftliches Auftreten, ein größerer Verkehrskreis lden man in Berlin erstaun» lich leicht gewinnen kann) unterstützten jene Andeutungen, Die junge Sängerin sah sich am Anfang einer glänzenden Laufbahn, denn ihre liebenswürdige „mütterliche Freundin" ließ es nicht an den mannigfachsten Ver­heißungen fehlen und betonte, daß sie selbst sowohl wie auch durch Fürsprache ihrer einflußreichen Bekannten der angehenden Künstlerin der: Weg zu Ruhm und Gold leicht ebnen würde. Welch holden Träumen von Glück und Ehren mag damals sich das unerfahrene Mädchen hin» gegeben haben! Dann bot ihr Frau Schettler dauernde Gastfreundschaft an, und auch das betrachtete die jugcnd» liche Provinzlcrin als eine weitere Stufe ihres Bor» wärtsgelangens, während es doch der Anfang vom Ende war, von einem traurigen, jammervollen Ende! Denn nun entpuppte sich mehr und mehr die Freundin als Ver» sucherin, und um iir dieser neuen Rolle rascher Erfolg zu haben, bediente sic sich, des Sviritismus mit Geschick und Glück,- das Medium „Lieschen" gab der Frau Schettler ihre Offenbarungen, welche diese auf des Geistes Anvrd» nung zu Papier brachte, und dabei fehlte cö nicht an aller. Hand guten Ratschlägen für die völlig im Ban-

Schettler befindliche Kuntz«>^'D r,,-v<V.

... —Ml- tfit

zart entgegen" _

Leitmotiv,