. Keilagr mm Wiestmümer Tagblatt.
Uo. 811. Morgen-Ausgabe.
Sonntag, den 1. Uovember.
81. Jahrgang. 1909.
£j! Wen wahrhaft die Natur znin wirklichen Dichter gebildet,
*- Der wird emsig und voll Eifers erkennen die Kunst:
* Nicht, weit nie er die Kunst ansgrübelte, stiimpert der
* Stümper,
. Nein — weil ihm die Natur weigert den tiefen Impuls.
Ptaren.
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39. Fortsetzung.)
Eva Keoui.
Roman von Marie Bernhard.
„Meinst du, Herr Vernon sei hochmütig, weil er mit niemand reden Mag?" fragte ich dazwischen.
„Hochmütig? Ach Gott, nein, ich weiß nicht, —- dazu sieht er mir denn doch zu klug aus! Aber gleichgültig, erschrecklich gleichgültig kommt er mir vor, und das hat ihn verhindert, den Mund aufzumachen und ein paar Fragen zu tun! Run geht so ein vornehmer, weltgewandter Herr hin uird duzt mir meine Eva und streichelt sie und wickelt sie ein wie ein richtiges Baby und bringt sie schließlich auf den Armen hierhergetragen, als wmn's eine Puppe wäre, — ein Wunder ist's noch, daß er dich nicht auch geküßt hat!"
„Aber Hannah!"
„Nun, — nun, — nun, — was ist dabei rot zu werden? _ Es ist doch wahr! Und warum soll ein Mann wie er ein solches Kind, wie du bist, nicht küssen? Er könnte ja selbst schon solche Kinder haben."
„Er hat ein Kind, Hannah!"
„Also das hat er dir schon anvertraut? Bei dieser Gelegenheit schienen ihm also nicht die Lippen auf einander gefroren zu sein."
„Aber du bist ja ordentlich ärgerlich!"
„Wie soll ich nicht, Kind? Ich hält' mich gefreut, hier in der Bergeseinöde, wo Fuchs und Has' sich gute Nacht sagen, ein anregendes Wort mit einem gebildeten Mann zu wechseln, und statt dessen stellt er sich taub- stumm und geht an einein vorbei, als wäre man ein alter Zaunpfahl!"
„Du sollst sehen, wir werden noch ganz gut Freund mit chm!"
„Meinst du. Kleine? Ich glaub's nicht; denn wenn der erst weiß, daß du die Kinderschuhe längst ausgetreten hast, dann wird er auch mir höflisch den Hill ziehen und „don jour" oder „bon soir" sagen und weiter nichts! Ich wollte, er brauchte es nie zu erfahren, daß du bald achtzehn Jahre alt bist, — freilich aber, wenn du erst von deinem Lehnsessel aufstehst und vernünftig anfängst zu sprechen, dann muß er ja merken, daß es'nun mit dem ,,Du"-sagon und Streicheln und .Heruintragen zu Ende ist! Dr: sollst es sehen, darin ist's mit seinem Interesse auch zu Ende, und wir beide können den Sommer über hier sitzen und uns mit der Gesellschaft des Doktor Wörter und mit seinen Fünfmimitenvisiteir begnügen, denn er spricht^ja nur in Trab und Galopp bei uns vor!"
„Ja, aber Hannah, ich werde nun immer wohler und kräftiger und damit zuchleich auch immer liebenswürdiger iverden, dann werden iE zwei uns schon amüsieren„ und wozu^brauchen wir dann noch Herrengesellschaft?"
„Sag' das nicht, Kind! Immer bloß Damengesell
schaft, — das ist so, wie süße Milch mit Semmel, — schmeckt sehr schön und ist ungeheuer gesund, aber auf die Dairer ein bißchen eintönig!"
Als ich nach unserem Mittagessen eine Weile geschlafen hatte und Hannah dann hinauSging, um selbst den Kaffee für uns zu bestellen, blieb sie ziemlich lange fort, und als sie endlich eintrat, lachte sie über das ganze Gesicht.
„Nun ist das große Geheimnis heraus!" rief sie mir zu. Es jMMierte mich so, daß ich wie elektrisiert aufsprang rs^^lir zwei Schritte erstgegentrat; aber meine Kniee waren noch zu schwach, und ich setzte mich wieder mit dem Ausruf: „Wie kam es? Erzähle, erzähle!"
„Ja, ich traf ihn im Korridor, und es sah aus, als wollte es kommen. wie alle Tage: sehr verbindliche Verneigung, ein höfliches „Bon jour, Madame!" aber nein! Diesmal blieb er vor mir stehen und sagte: „Nun, meine gnädige Frau, heute ist es kein Wetter für Ihren Pflegling!" — „Nein", sagte ich, „die Kleine muß natürlich drinnen bleiben!" uird ärgerte mich hinterher,- daß ich „Kleine" gesagt hatte, aber nun war's nicht mehr zurück zu nehmen. — „Wie geht es ihr heute?" „Tanke, ziemlich gut, sie hat schlafen und essen können; das ist die Hauptsache." — „Ob ich ihr wohl gegen Abend ein wenig Vorspielen darf?" — Sie sind sehr gütig, mein Herr; das wird sie gewiß unendlich freuen." — „Wie ist denn das arme Kind zu einer so langen und schweren Krankheit gekommen, Madame?" —- „Sie hat sich eben geistig überanstrengen müssen! Man studiert nicht ungestraft den ganzen Tag hindurch drei fremde Sprachen und Literatur, Geschichte, Ästhetik, Philosophie und Kunstgeschichte!" — „Aber, um Gottes willen, meine gnädige Frau, sie ist ja noch ein Kind!"—- „Nicht daß ich wüßte, Monsieur Vernon!" — „Nun, sie war freilich ein wenig vervmndert, als ich sie mit „Du" anredete, auch zauderte ich damit, aber dann hat sie so fröhlich und unbefangen geantwortet und sich von mir ins Haus tragen lassen." — „Was sollte sie wohl dagegen tun?" •— „Mir schien sie allerdings über ihre Jahre hinaus gereift." — „Für wie alt hält Monsieur sie denn?" — „Eh bien, — etwa zwischen zwölf und dreizehn Jahren!" ■— „Eva wird im nächsten September achtzehn!" — „Pardon, Madame, es ist nicht möglich." — „Ich bin seit dreißig Jahren in chrer Familie und müßte.es also eigentlich wissen." — „O, Sie verzeihen mir, bitte, nicht wahr? Natürlich müssen Sie — aber das ist ja so merkwürdig! Fast achtzehn Jahre alt und Philosophie, Ästhetik, sremde Sprachen —"
„Weißt du. Kleine", unterbrach hier Hannah ihren Dialog, „er hat nicht verlegen ausgesehen, sondern ganz ernst und enttäuscht, als war' es ihm wirklich unangenehm. daß du kein kleines Mädchen bist! Noch ein paar hösiiche Worte hier und da, und wir trennten uns, was für mich hohe Zeit war, denn ich wollte ihm doch nicht gern ins Gesicht lachen. Aber du wirst sehen, wie ich es prophezeit habe, so kommt es!" —-
Gegen Abend legte sich der Wind, nur die segelnden Wolken am Himmel, die hatten es eilig; es sah aus, als rage das Haupt des Groß-Glockner mitten hinein und schnitte die Wolken, ivenn sie vorüberziehen wollten, mit seinen Zacken entzwei. Der Apfelbaum stand ganz füll, und jetzt -- jetzt brach die Sonne durch die grauen
Schleier und wob ein goldenes Netz um all das sprossende Grün. ij
Ich saß auf meinem Fensterplatz und lauschte ge» spannt, — ob mein neuer Freund dem erwachsene« Mädchen wohl das Versprechen hielt, was er dem Kindq gegeben?
Ja, — er hielt es, denn jetzt ertönte das Klavier über meinem Haupte, — nein, es ertönte nicht, sondern es sprach zu mir, und was es mir erzählte, ba§ waren Robert Schumanns geniale „Kinderszenen", diese euch zückenden kleiner: Kabinettstücke, die 'so ungesucht und lebendig quellen, als setzte eine liebevolle, phantasiebegabte Mutter sich abends an den warmen Ofen, versammelte ihre Kleinen um sich und erfände ihnen reizende Märchen, immer eines nach dem andern.
Ich kannte die „Kinderszenen" gut, ich hatte sie selbst gespielt, —- — willkommen, ach, tausendmal willkommen, ihr geliebten, vertrauten Klänge! Aber diese Art des Spiels, die war mir neu, ganz neu! Wie unmittelbar in diesem Augenblick entstanden, hervorgegangen aus des Spielers innerem Leben, so redete die Musik mit mir, — berichtete mir „von fremden Ländern und Menschen", machte mich lachen über den „Ritter vom Steckenpferd" und die „wichtige Begebenheit", wiegte mich in die süße „Träumerei" ein und flehte mich an als „bittendes Kind". Und wieder riß mich ein unge- stünier Jubel fort, als „Glückes genug" erklang, und zuletzt verstummte Lachen und Weinen, Jauchzen und Träumen, — „Kind im Einschlummern" — ja, im Einschlummern. wie damals auf dem Friedhofe, als dis
Rosen so süß dufteten. Und ich erwachte
wieder erst, als es dünkel geworden war, die Sterns durch die Fensterscheiben zu mir hereinsahen und feierliche Stille rund um mich herrschte. ?lber diesmal brauchte Hannah mich nicht ins Bett zu tragen, — ich stützte mich fest auf ihren Arm, sie hielt mich umfaßt, und so kamen wir an unser Ziel.
Nun folgten ein paar Tage, an denen graue Regenschleier das Antlitz des Groß-Glockner verhüllten und feine, silberne Strahlen vor meinen Fenstern herabrieselten und sich als feuchter, zarter Dunst auf die Glasscheiben legte; es war ein köstlicher, warnrer FrühjaHrs- regen, eine wahre Wohltat für die erwachende Pflanzenwelt; ich aber durfte nicht ins Freie und wäre etwas verzagt genasen, ohne meinen neuen Fnmnd, Monsstup Vernon, und ohne meine alte Freundin, die Musik. Jeden Tag trug die getreue Hannah Botschaft hin und her; es schien dem seltsamen Herrn gar nicht darum zu tun, ein Wiedersehen mit dem siebzehnjährigen „Krude* zu. feiern, aber „Madame" mußte die Güte haben, jede« Tag anzufragen, was „Mademoiselle" zu hören wünsche, — und welches auch „MademoiselleS" Wünsche waren, ob eine Bachsche Fuge oder eine Beethovensche Sonate, ob eine Ballade von "Chopin oder eine Arie aus WagnerS
„Tristan und Isolde"-es wurde ihr alles, alles
erfüllt! —
Ach, ich war glücklich, über alles Maß hinaus glücklich! Nur wer die Musik glühend liebt, wie ich, wem sie Lebenselement ist, wie mir, und wer sie so grenzenlos entbehrt hat, wie ich sie lange, lange entbehre« mußte, . . . nur der kann das Glück ermessen, welches ich jetzt genoß. (Fortsetznng folgt.)
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