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fil. Jahrgang.

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ft<S. 509. Verlags-Fernsprecher No. 2953. SllMStttg» dktt 31. ®kU\ftV* Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1903.

Morgen

Dir elektrische Schnellbahn.

Die staunen er regenden Erfolge, welche .die Motor- Dvagen der StudiMgesellschast für elektrischeSchnellbahnen lauf der Versuchsstrecke Berlin-Zossen erreicht haben, sind «in Zeugnis -der Vorzüglichkeit der deutschen Technik und Wissenschaft und haben überall in der zivilisierten Welt -jdas allergrößte Aufsehen heworgerufen. Sie legen

Im Gegenteil, sobald die erste elektrische Schnellbahn mit modernem Blitzverkehr entsteht, dürfte dies auf der die Reichshauptstadt mit der größten deutschen Seestadt verbindenden Linie Berlin-Hamburg geschehen, weshalb wir unseren Lesern beistehend eine sehr interessante Skizze dieses Projektes geben.

Es ist ohne weiteres klar, daß Züge mit einer Schnelligkeit von 200 Kilometern oder darüber, wie sie auf der Versuchsstrecke Berlin-Zossen erreicht lourden, nicht auf den seitherigen Bahnstrecken verkehren können, sondern daß dieselben eines besonders konstruiertenGleises und eines mit besonderem Material ausgerüsteten Gleis­

Dammes von 6 Meter eine untere Breite des Dammes von 34 Meter. Hinzu treten auf beiden Seiten dis Parallelwege nebst Gräben, so daß man auf eine Gesamt» breite von 46 bis 60 Meter rechnen muß. Oben rechts in unserer Zeichnung ist ein Querschnitt des Bahndammes gegeben. Alle Wege und Bahnen werden unter oder über diesen Darum hinweggeführt, so daß.nirgends eine Niveaukreuzung stattfindet.

Der Betrieb geschieht wie auf der Versuchsstreck« Berlin-Zossen vermittelst zugeleiteter Elektrizität, die Elektrizitätswerke sollen am Elbufer angelegt werden. Gesamtkosren 140 Bdillionen Mark, die sich nach Annahm« der Studienkommission gut rentieren -werden. Me Motorwagen haben zugespitzte Form, um den bei der enormen Geschwindigkeir von 200 Kilometern per Stund« auftretenden Luftdruck besser zu überwinden. Unten links in unserer Zeichnung ist ein solcher Motorwagen abgebildet.

Welch ungeheure Umwälzung des Fernverkehrs die Einführung elektrischer Schnellbahnen zur Folge haben würde, das ergibt sich daraus, daß mittelst derselben unter Zugrundelegung der obengenannten Geschwindigkeit bei- spielsweise die Strecke Berlin-Köln in 3, Berlin-Breslau in 2, Berlin-Hamburg in 2, Berlin-München in 3Y 2 Berlin-Wien in 5 und Berlin-Paris in 6 Stunden zurück- gelebt werden könnte.

Über das Problem, die Großstädte des Deutschen Reiches unter einander und die Hauptstädte des euro- päischen Kontinents durch elektrische Schnellbahnen mit einander in die unmittelbarste und schnellste Verbuchung zu bringen, hat denn auch der Direktor der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft, Gcheimrat Ratenau, s. Zt. dem Kaiser Dortrag gehalten. Der Kaiser hat sich für diese weitausschauenden Mäne in hohem Grade interessiert, be­sonders im Hinblick darauf, daß Deutschland in der Schaffung dieses modernsten Verkehrsmittels die Führung übernehmen kömrte. Dies kann nach den Resultaten auf der Versuchsstrecke Berlin-Zossen nunmehr als erreicht angesehen werden.

Aus dem Zuchthaus.

(Erfahrungen eines Sträflings.)

Der Schriftsteller, frühere Reichstagsabgeordnete Hans Leutz hat eins der eigenartigsten Bücher der dies­jährigen literarischen Ernte erscheinen lassen: ein Buch, das zweifellos einen außerordentlich tiefen Eindruck hinterlassen und eine starke Wirkung tun wird. Es ist das erste wirklich ernst zu nehmende Buch, in dem auS persönlicher Erfahrung und Kenntnis heraus ein ehe­maliger Zuchthaussträfling das Zuchthaus schildert, wie es ist. Leutz hat drei Jahre und vier Monate im Zucht­haus zu Celle bei Hannover zugebracht. Er hatte in einem Ehescheidungsprozetz in der ehrenhaften Absicht die Frau, zu der er in Beziehungen stand, zu retten, als Zeuge eine wissentlich falsche Aussage gemacht.

Gesundheitlich aufs schwerste geschädigt, geistig ver­tieft und bereichert durch ernstes Nachdenken, kehrte der

aanz naturgemäß dm Gedanken an eine möglichst baldige Einführung der enormm Fahrgeschwindigkeiten in die Praxis nahe und erinnem damit an das vor einiger Zeit schon ventilierte Projekt einer elektrischen Schnellbahn BerlimHMnbnrg, welches von den überhaupt für die nähere Zukunft in Betracht kommenden Linien das am erstm ausführbare sein dürfte. Daß ein fertiges Pro­jekt dieser Linie, baufertig ausgearbeitet bis in alle Einzelheiten, heute noch nicht vorliegen kann, ist selbstver­ständlich, aber damit ist das Unternehmen dieser Linie, dessen Erörterung s. Zt. sehr wesentlich mit zur Kon­stituierung der obengenannten Studiengesellschast beige- tragm hat, durchaus nicht als aussichtslos zu bezeichnen.

körpers bedürfen, welcher imRaume wenigerBeschränkung zeigt, jede Straßenkreuzung in gleicher Ebene aus­schließt usw.

Da voraussichtlich die Strecke Berlin-Hamburg die erste elektrische Schnellbahn erhaltm wird, geben wir in unserer beistehenden Karte eine Übersicht derselben. Tie Bahn soll sich der geradm Luftlinie möglichst an­nähern, dicht vor Berlin beginnen und dicht vor Hamburg enden. Tiefe Linie, welche 11 Bahnm schneidet, ist in unserer Karte dargestellt.

Die Bahn durchschneidet auf freier Strecke größten- tells minderwertiges Areal. Die Dammkrone ist 16 Meter breit projektiert. Das ergibt bei einer Höhe des

Feuilleton.

pariser Brief.

Die böse Parlamentsluft. — vr. Guillotin als Hygieniker. — Wettmarsch-Epidemie. — Die Midinettes. — Distanz-Dichte».

Paris, 29. Okwber.

Kürzlich war in den Zeitungen zu lesen, daß uum Pie großen Parlamentsferien zu einer gründlichen Reinigung der Sitzungssäle im Luxembourg-Palast und Palais Bourbon benutzt hätte. Mancher wird beim Lesen dieser Notiz grimmig gelächelt und gedacht haben, daß es besser wäre, wenn man baldigst eine große Reinigung des Parlaments im figürlichen Sinne vor- vähme. Letztere Operation dürfte sobald nicht erfolgen, denn der parlamentarische „Block" scheint fester denn je »ufammenznhalten. Aber die äußeren Berhältnisse, unter denen die Deputierten, um nur von diesen zu sprechen, tan Palais Bourbon arbeiten müssen, sind derartige, baß «ine Vergrößerung des Sitzungssaales nicht gut noch länger hinausgeschoben werden kann. Von diesem Um­bau spricht man freilich schon so lange, ohne daß er zur Ausführung kommt, daß man die Hoffnung auf diese Veränderung allmählich aufgeben darf. Die unglück­lichen Deputierten — an Zahl nicht viel unter 600 — wer­den wohl noch geraume Zeit wie die Häringe aufeinan­der sitzen müssen. Man hat ausgerechnet, daß jeder Ab­geordnete nur über 80 Quadratdezimeter Raum verfügt, »lso schlimmer daran ist wie der kleinste ABC-Schütze einer Elementarschule. Unter solchen Umständen wird allerdings die gesetzgeberische Arbeit einigermaßen er- - fckwert, und es darf nicht wundernehmen, daß die meisten Deputierten es hinter ihren kleinen Pulten niemals lange aushalten, sondern möglichst oft in den „Hemicykel" binabsteigen, um die Gemütserhitzung in einem frischen, fröhliche Faustkamvf austoben zu lassen. Die besonne-

ren Elemente ziehen der halbkreisförmigen Arena, die so oft von wildem Schlachtgeschrei widerhallte, den „Salon de la Paix", den Friedenssaal, vor, wo sie in langen Ge­sprächen die Zeit verbringen, welche nützlicher Arbeit gewidmet sein müßte, oder machen einen Spaziergang in den Wandelgängen und in der Bibliothek. Ein Ort aber vereinigt unaufhörlich und zahlreich sowohl die kriegs-, als die friedenslustigen Deputierten, denen drinnen im Sitzungssaal die Luft zu unerträglich wird. Das ist der Restaurationsraum, lg. Kürette, über dessen Verbrauch an trinkbaren Stoffen alljährlich eine Statistik veröffent­licht wird, welche manchen Wähler nachdenklich stimmt. Nicht nur eine lustige Statistik über den Durst der Ab­geordneten wird jährlich publiziert, sondern auch eine traurige über die Sterblichkeit derselben und über den Gehalt der Kammerluft an schädlichen Mikroben aller Art. Beim Lesen dieser Ziffern kann sich Windthorst im Himmel trösten, der immer über die schlechte Berliner Parlamentsluft klagte. Wer jemals einer Sitzung im PalaiS Bourbon beiwohnte, wird sich erinnern, daß sich mitunter wahre Staubwolken von den Teppichen erhoben und die Gestalten der Volksvertreter den Zuschauern auf der Tribüne derart verhüllten, wie weiland die Wolken des Olymps die unsterblichen Götter vor den Augen der Sterblichen verbargen. Unausgesetzt protestieren die Ab­geordneten gegen die tödliche Luft, in der sie atmen müssen, aber wer den Schneckengang der französischen Administration kennt, verhehlt sich nicht, daß noch mancher Deputierte nicht in das Gras, aber in den Staub wird beißen müssen, bevor Wandel geschafft wirb. Die Be­schwerden über verpestete Luft in Versammlungsorten datieren übrigens nicht von heute und gestern. Einige Tage vor dem „Schwur im Ballhaus", im Jahre 1780, beriet der dritte Stand, der noch nicht die Vereinigung der drei Stände beschlossen hatte, in einem für ihn ein­gerichteten Lokal in Versailles. Am Ende der Sitzung bat ejn Abgeordneter ums Wort und erklärte, daß die

Luft des Sitzungssaales überhitzt, ungesund und ver­giftet, und daß eine solche Atmosphäre, die schon dem körperlichen Wohlbefinden schade, gänzlich unvereinbar sei mit vernünftigen Verhandlungen, wie sie die Nation von ihren Abgesandten erwarte. Was diese historische Reminiszenz besonders pikant macht, ist, daß der damalige Redner der Dr. Guillotin war, der Arzt, nach dem die Hinrichtungsmaschine der großen Revolution benannt wurde. Heutzutage spielt die politische Guillotine, wie noch jüngst Ministerpräsident Combes ausführte, um sich vor dem Vorwurf des Jakobinertums zu verteidigen, keine Rolle mehr, aber aus die französischen Abgeord­neten lauert noch immer, wenn die oben erwähnte Statistik recht hat, eine gemilderte Guillotine in der Form der schlimmen hygienischen Verhältnisse im Palais Bour­bon. Ein französisches Lied behauptet, daß da, wo die Hygiene anfängt, das Vergnügen aufhört. Sollte dieser Refrain daran schuld sein, daß die moderne Hygiene in das Parlament, welches von alterSher als eine Stätte unfreiwilligen Humors galt, keinen Einlaß findet?

Während die Abgeordneten geduldig oder ungeduldig ihren reglcmcntarischen Staub schlucken, genossen zahl­reiche andere Bevölkerungsklassen am vergangenen Sonn­tag die freie Landluft und — den Staub der Landstraßen. Von verschiedenen Sportzeitungen eingeführt und namentlich vom Pariser „Matin" in Szene gesetzt und begünstigt, steht gegenwärtig die Mode des Fußsports in Frankreich in vollster Blüte. Die genannte Zeitung ver­anstaltete im Laufe des Sommers und Herbstes bereits drei Gcschwindmürsche, einen für die Börsenve» amten, einen zweiten für die Bankbeamten und einen dritten für die Angestellten der Neuheiten-Magazine. An allen diesen Konkursen, die sich gewöhnlich über 40 .Kilo­meter erstreckten und mit Schnellläufertouren nichts ge­mein hatten, da gewerbsmäßige Läufer ausgeschlossen und nur Angestellte der genannten Brauchen zugelassen wur­den, die nicht laufen, sondern nur gehen dursten, nahmen