Sei läge zum WlesbadeMr Tagdlalt.
Mo. 509. Morgen-Ausgabe.
f -
Er bekam den Stanislaus-Orden, weil er keine Dekoration batte; er bekam den Annen-Ordcn, wen er
«q den Stanislaus-Orden ichon besaß; er bekam den W aldi mir-
«51 Orden, weil er den Annen-Orden schon batte — und schließ- A
^ lieh erhielt er einen Stern, weil er keinen hatte^
«»
Grigorowilsch.
_____
(88. Fortsetzung.)
Eva Leoni.
Roman von Marie Bernhard.
Er bückte seine hohe, kraftvolle Gestalt rasch zur Erde, hob die rote Decke aus und wickelte sie fest um mich; er tat dies sehr sorgsam und sogar gewandt, so daß ich mrch wunderte. Da fiel mein Blick aus einen schlichten Goldreif an seiner Hand, und anstatt mich zu bedanken, fragte ich:
„Haben Sie auch Kinder?"
„Eines!" sagte er kurz, und es war mir, als hörte ich ihn seufzeir.
, Nun er so in meiner Nähe war, betrachtete rch thn aufmerksam, — die dunkle Hautfarbe, die großen, von breiten Lidern halb verschleierten Augen, die niedrige Stirn mit.den schweren, dichten Brauen darunter. Nein, er war kein schöner Mann; aber sobald er sprach, wurde sein Gesicht unendlich anziehend, und das kam daher, — jetzt siel mir's ein —, daß sein Mund mit den schönen Zähnen so jugendlich und sonnig zu lächeln verstand. Während die Augen unverändert blickten Es lag keine Schwermut in ihnen, nur etwas, wie eine große, müde
Gleichgültigkeit,-und diesen Augen glaubte man
es auch, daß ihr Besitzer in die Einsamkeit geflüchtet war, um seine Nerven aufzufrischen, — seinem Körper, der wie aus Eisen gefügt war, merkte man nichts davon an.
Er war mit seinem Werk fertig und richtete sich empor, fing aber dabei meinen beobachtenden Blick auf.
„Du hast dir einen berühmten Künstler wohl auch etwas schöner gedacht, nicht so?" fragte er in seinem fremdartigen Deutsch mit humoristischer Betonung. „Oder was dachtest hi sonst soeben? Darf ich es wissen?"
„Ich dachte, daß Sie gar nicht wie ein Franzose aus- sehen, und Ihr Name klingt doch französisch."
Er wurde etwas stutzig. , ,
„Weißt du so gut mit den Nationen Bescheid, kleine Eva? Nun wohl, wie sehe ich also aus, wenn nicht wie ein Franzose?"
„Wie — wie ein Russe oder Pole!" sagte ich zögernd.
Er musterte mich betroffen.
„Nun, das ist ja seltsam! Und du mußt wissen. Kind, daß es auch mir wunderlich geht, je länger ich dich ansehe! In irgend einem Gesicht Hab' ich ganz dieselben
Augen gesehen, wie du sie hast,-aber wo und bei
wem — dessen kann ich mich nicht erinnern!"
„War es — war es eine Frau?" fragte ich unsicher.
„Es ist mir, als wäre es ein Mann gewesen, aber es ist lange her, und wer, wie ich, mit tausenden von Leuten in Verkehr tritt, dem schüttelt das Gedächtnis schließlich alles bunt übereinander, und man quält sich umsonst mit Nachsinnen. — Hast du keine Eltern mehr, mein Kind?"
„Nein!"
'„Und bei wem lebst du? Wer sorgt für dich?"
„Meine Großmutter!" ,„ „ i . ,
War es dies Wort, welches mrch kalt durchlchmrerte, oder hatte sich ein leichter Wind ausgemacht, der mich trotz der Sonnenwärme frösteln liefe? Jedenfalls fühlte rch, daß ein Beben durch meinen Körper lief, und rch versteckte meine Hände unter der roten Decke
„Du mußt hinein! Du bist zu lange draußen! rref Herr Verrron hassig. „Wie lange Zert hat der Arzt srrr
dich festgesetzt?" r
„So lange, bis ich wieder ins Zrmnrer verlange!
„Und das ist jetzt der Fall, — hm?"
„Eigentlich ja, — aber es ist doch notrg, daß Hannah Herrn Stölzel und Sepp — denn ich kann m noch mcht
^ Mein Gefährte sah wieder mit seinem mitleidigen Gesicht arif nach nieder, —• dann, ohne ent Wort zu jagen, hob er mich mitsamt der roteir Decke, die fest um mrch gewickelt war. aus dem Lehnsessel empor, legte mrch bequem in seinen Armen zurecht und trug mich ruhrg und srcher die Stufen der Veranda empor,, rechts hinein rn mein Zimmer, wo Hannah gerade meinen Sofaplatz rn Ordnung brachte. t = ,
Die Gute ließ das gesückte Kissen, das sie eben rn der Hand hielt, zu Boden fallen, als sie die seltsame Gruppe im Rahmen der offenen Tür gewahrte: Monsreur Vernon, der ihren Pflegling auf den Armen trug, als müßte es so und nicht anders sein, mit ernem gelassenem: „Bon jour, Madame!" arr ihr vorübergrng^mrch langsam und vorsichfig wie eine Mutter auf das Sofa niedergleiten ließ, das Kissen vorr der Erde aufhob urrd mir rn den Rücken schob und mit einem freundlrcherr Kopfnicken und den Worten ging: „Fiir ein erstes Debüt war das
genug, mein Kind, drr hast dich tapfer gehalterr; morgen kommt die Fortsetzung!" Mit einem erneuten: „Bon jour, Madame!" fiir Hannah lüftete er den Hut und verschwand, während Hannah mit schlaff niederhängenden Händen, ein Bild des höchsten Erstaunens, zu mrr hinübersah, und ich so herzlich lachen mrrßte, wie ich es seit Monaten nicht mehr gekonnt.
IX.
Am folgenden Tage hatten wir rauhes, trübes Wetter und an Herausgehen war für mich nicht zu denken; da- gegen war Herr Vernon zur gewöhnlichen Stunde rn dre Berge gegangen, und mir tat es leid, daß rch fernen Schritt' nicht über meinem Haupte vernahm, nicht den Ton seiner tiefen Sttmme hörte urrd nicht sein herrlrches Klavierspiel. Ich mrrßte viel an ihn denken, und dazu hatte ich die schönste Zeit, während ich mrt merner Hand- arbeit am Fenster saß und zusah. wie der ungestüme Wmd die Apfelbäume zauste und ihr junges Laub durcheinander
wühlte. ,, s
Ich hatte während mernes Pensionslebens errrrge Male Konzerte in Genf besucht und dort einige Künstler gehört Sänger und Pianisten, die ihre Sache sehr gut machten, vom Prrblikurn mit Beifall überschüttet wurden nnd ein ungeheures Selbstbewußtsein zur Scharr irrigen. Mein neuer Bekannter gab sich, wie Herr Stölzel richtig bemerkt hatte, „ganz schlicht rmd obenhin", er schien gar keinen Wert auf besondere Beachtung zu legen, es rm Gegenteil gern zu sehen, wenn man ihn ruhig seiner Wege gehen ließ; von Selbstbewrrtztscin hatte rch kerne Spur bei ihm wahrgenommen, — auch sein Außeres widersprach ganz dem, was ich sonst bei Künstlern beobachtet hatte: — keine herkömmli che lange, wilde Mähne,
lein weltverachtendes Lächeln, kerne gesuchte Klewung. er sah nur aus wie ein interessanter Mensch, nicht, aber wr« ein großes Genie. Wer konnte dieser Vernon fern, desim Namen ich, die für Musik ein, so reges Interesse ^satz. noch nie gehört hatte, — der nicht aussah, wre em F ' zose, und das Deutsche auch nrcht sprach, wfe dre Franzos«: es zu ttm pflegerr, .... soviel verstand rch Wm 3 « beurteilen! — Lag wirklich, wre Hamrah gemutmatzt hatte, seine ganze Berühmtheit nur im Portemonnaie, war ec nichts weiter als ein reicher Sonderling mrt einem hÄ- schen musikalischen Talent, das ihm hrer, rn ber.tiefen Gebirgseinsamkeit, den Nimbus ernes großen Künstlers.
Ich war jung, hatte noch kein ausgermft^ Utterl und kannte nur das einfache Schlummerlied von chm> das technisch wenig Schwierigkeiten bot, . - war^ der tiefe Eindruck, den die Melodie auf mrch gemacht oder war es meine feste heilige Überzeugung, daß so, wre gespielt, nur Kinder von Gottes Gnaden spielen, so wre er gewirkt, nrrr das Genie in seiner bezwingenden Allmacht wirken könne? _.
Kinder hatte er lieb und das sprach sur ihn, denn das sind gute Menschen, die sich zu Kindern hingezogen firhlen; aber'wie würde es kommen, wenn er nun, irgendwie erfuhr oder merkte, ich sei das Kind nicht, für das er mrch gehalten? Würde seine „Menschenslucht" siegen? — —
So saß ich und grübelte uud dann, frühstückte,rch zu Hamrabs Freude mit leidlichem Appetit und drktterte darauf meinem getrerren „Sekretär" einen kurzen, yerz- lichen Brief an Susi, der sie dringend um Nachricht bat und ihr in knappen Umrissen mein Leben wahrend d»
letzten Monate schilderte,-aber als es gegen dM
Schluß ging und Hannah mich verwundert fragte, ob rch denn nichts von Monsieur Vernon schreiben wolle, und von denr Schlafliedchen urrd seiner Annahme, rch sei ern Kiud da sagte ich ein hastiges „dtern, und
Unterzeichnete selbst mit etwas unsicherer Hand „rmmer
Deine tteue Eva." „ , .
,Das kommt davon", bemerkte Hannah nach einem längeren Stillschweigen, gleichsam als Fortsetzung mernE vorherigen Gedankenganges, „wenn Menschen an rhres- gleickM so dumm und stumnr voriibergehen ohne nid zu fragen: wie und wo und was? Es tfe darum noch gar nicht nötig, neugierig zu sein und >remdm Leuterr gleich ihre ganze Lebensgeschrchte abzu>ra,g,en! An Höflichkeit hat es ja dieser sogenannte französische Herr mrr gegenüber nicht schien lassen — bewahre l ummer em verbindlicher Gruß und auf französisch die n,ageszert ge- boterr. mir die Türen geöffnet, wenn es sich so traf, und mit abgezogenem Hut stehen gebtteben, brs rch vorüber war, aber das war auch alles!, Nie «ne ^rage: wregeht es Ihrer Kranken? oder: ist es , besser mrt ^hrer Patientin? Und ebenso zu Herrn Stölzel, nur natürlich etwas weniger förmlich; ein freuudlicl^s Begruyungs- wort, ein Kopfnicken — und fertig! ^ch brn gewiß von Dresden her nicht durch vieles Gerede verwohnt, denn ivenn ich nrich dort einmal so recht ausplandern wollte, mußte ich nur rasch zu meinem Bruder laufen, und, dann sind freilich unsere Sprechwerkzeuge gegangen , w,e dre Pfeffevmühlen, — aber hier rn dieser Gebrrgsernsamkert möchte man doch auch gern hur und her ein Wort reden, das über den Horizont von den guten, braven Stolzeis hinausgcht!"
(Fortsetzung folgt.)
^ August Thomae Mf,
Inh. Gustav Hirsch, Nicolasstrasie 26.
rZager Rheinbahrrhof. Nicolasstrasie 26. Telefon 2313.
kohlen, Loks, Srikets und hol;.
Preislisten stets gern zu Diensten.
Bestellungen werden auch Bleichstrasie 13 bei Willi. Hirsch
entgegengenommen. 1920
Neu oitfgenommen:
Patent - Schntzgnrt
und Laufgürtel
für kleine Kinder.
Anwendbar am Kinderwagen, Sportwagen und Kindcrstubl.
Preis 1 Mk. und 1.60 Mk. p. St.
Kaiser-Bazar.
Kl. Burastraße t. __
Me doWm KMhL«Miltler
an« der Gräfl. Wild. don Bismarck'schen Mier- verwaltung empfieblt WH,.. u»i»d^,ci.sv.., Nfr»«» Sokl«»tk»»«r Hinvlik., Westend- ^irabe 12, Ecke Roonstraße.
Magenleidenden
teile aus Dankbarkeit gern und imientjfelt- Hcli mit, was mir von jahrelang., qualvoll.
tlttgen. u. Verdaunngsbenclrwerdei»
geholfen hat.
Eduard Bi resse, Kanzlist, Cassel, Sehlaehthofstr. 49.
f. Cacao,
gnrnntirt rein, leieht löslich und sehr ausgiebig, A S*fd. Mk. 1.00 n. Mk. A 80, bei Abnahme von 5 Pfd. extra Rabatt.
Julius Steffelbauer,
23 Webergaase 23. 2<~.58
M. Wiegand,
Langgasse 37.
Für Herbst und Winter empfehle
Grosse Auswahl aparter Neuheiten
Paletots — Cffisiimes
Special-Haus für Maassanfertigung.
für Damen, Herren u. Kinder,
| elegante, be queme Passform, |
solidestes Fabrikat, billige feste Preise.
Carl leilinger,
Ecke Ellenbogen- n. Neugnsse. 2783
{grosses Lager in Herren- und Knaben-, Damen- und MädcHen - Confection.
Schuhwaren
