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Sl. Jahrga««.

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Uo. 810. Verlags-Fernsprecher No. 2953. KttMStttgg dkN 31. Oktober»

Ncdakiivns-Fernsprechcr No. 52. 1803.

Abend-Ausgabe.

Politische Wochenschau.

Der Aufmarsch der Parteien zu den preußischen L a n d ta g s w> a h l e n ist so gut wie vollendet und die Kandidaten und fast durchweg nominiert, aber die Bewegung, welche durch die Wählerinassen geht, ist noch recht schwach. Das Dreiklassenwahlrecht mit seiner ein­seitigen Begünstigung des Geldbeutels und den Unsinnig- .keiten, welche die Drittelung der Urwahlbezirke mit sich bringt, ist nicht geeignet, in denWählermassen ein stärkeres Interesse zu erregen. Jedenfalls wird nmn gut tun, die Hoffnungen, welche in Bezug auf die Änderung der bisherigen Parteiverhältnisse ini Abgeordnetenhause ge­hegt werden, nicht allzu hoch zu schrauben.

Dem: was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe! So mögen auch die Teilnehmer an der Finanz- rn i n i st e r k o n fe r e n z in Berlin gedacht haben. Nach alledem, was über die Beratungen der Konferenz in stückweisen Veröffentlichungen bekannt wurde, ist es mit der vielerörterten Reichsfinanzreform zunächst nichts ,und diese ist auf bessere Zeiten vertagt worden. An­scheinend hat auf der Konferenz Einstimmigkeit darüber geherrscht, daß an die Finanzfragen überhaupt nicht ge­rüttelt werden darf, so lange man nicht weiß, wie sich in Zukunft die Zolleinnahmen des Reiches gestalten werden.

Aber nicht nur die Finanzminister der deutschen Bundesstaaten, sondern auch die Oberhäupter der euro­päischen Mächte scheinen in diesem Jahre ein ganz be­sonderes Bedürfnis zu persönlicher Aussprache unb gegen­seitiger Verständigung zu empfinden. Die Fürsten- lbesuche sind in dieser Saison an der Tagesordnung <und sie sind, abgesehen von dem auf sehr tragikomische Weise gescheiterten Zarenbesuch in Rom, durchweg in Harmonischer Weise verlaufen.

Im Zusammenhänge mit den jüngsten Fürstenbesuchen kommt auch der bevorstehenden Zusammenkunft zwischen ldem deutschen Kaiser und dem Zaren von Rußland in Wiesbaden eine unverkennbare politische Bedeutung zu. Diese Bedeutung liegt darin, daß die Zweikaiserbegegnung nicht nur den Ausdruck der guten diplomatischen Beziehungen zwischen Deutsch­land und Rußland bildet, sondern daß sie ostentativ kund­gibt, wie sowohl der Dreibund als auch der Zweibund, zu welchem Zwecke auch der letztere begründet sein mochte, mr Zeit in aufrichtiger Weise auf die Erhaltung des Weltfriedens bedacht sind.

Daß der Zar das Zweibundverhältnis, entgegen den Wünschen der französischen Revanchepolitiker, in diesem Sinne aufgefaßt haben will, hat der russische Minister des Äußern, Graf Lambsdorff, bei seiner Visite in Paris soeben rückhaltslos zum Ausdruck gebracht. Während man der russischen Politik allgemein aufs Wort glaubt, daß sie iir Europa friedliche Ziele verfolgt, läßt sie freilich in O st a s i e n durch den Klang der Friedens-

Oie Revolutzer.

Roman von Walther Schulte vom Brühl.

(16. Fortsetzung.)

VII.

Wie ber Student, der als ein großer Chemiker erachtet wird, auf du und im mit seiner Kousine kam, und wie er bet Herrn Manuel seinen Einfluß erwies. Das Hänschen und die rothaarige Frau •uitfc die ornithologische Tätigkeit des Engels-Pittcrs-Oberam. Wie Atefer dem Studenten einen Füt anhing, worauf Gottfried gen Solingen weiter zog, den Herrn Schwertfcger heimzusuchen. Wie es der pünktliche Herr Pickerts eilig hatte, und wie der Kauf­mann statt feiner die Lieferung des Krctzbergs Mieken abnahm.

f *

„Wie haben Sie's nur fertig gebracht/ Herr Vetter, den Vater so für sich einzunehmen? Er ist doch sonst so steif und zugeknöpft. Sie aber haben es ihm förmlich angetan", sagte Agnes eines Morgens, wenige Tage nach der Ankunft Gottfrieds.

„An dieseul Wunder wird meine einnehmende Per­sönlichkeit die Schuld tragen", entgegnete der junge Mann lachend. . , .

„Nee, ich kann es mir schon denken", meinte sie, und ihre Mime nahm einen listigen Ausdruck an. „Es hängt mit Papas Geschäftsgeheimnis zusammen. Nicht um­sonst hat er mir gestern bedeutungsvoll gesagt: Ter Gott­fried ist doch gar nicht so ohne, und er hat bei seiner scheinbar so zwecklosen Herumstudiererei doch was Rechtes profitiert. Speziell ist er ein großer Chemiker."

„Ta kann er recht haben. Ja, ja, ich bin ein großer Chemiker!" rief Gottfried lachend.

„Und Sie werden Papa unterstützen bei der Prä­paration der Heckenbeercn. Gewiß, Sie haben irgend ein Mittel, das Verfahren zu verbessern."

„Gut, nehmen wir an, es wäre so."

„Sehen Sie wohl, ich bin doch auf der rechten Fährte. Mer wirklich, der Vater hat Sie sehr ins Herz geschlossen

schalmeien zuweilen die metallene Tonfärbung . der Knegstrommeten hindurchklingen. Die russische Diplo­matie macht kein Hehl daraus, daß es mit dem ange- kündigten Auszug aus der Mandschurei abermals nichts sein wird. In Japan ist man sehr entruster und man schlägt dort ab und zu kräftige Töne an, aber es zweifelt heute niemand mehr daran, daß das japanische Entrüstungsfieber, welches ja im Grunde eine „englische Krankheit" ist, sich schon auf dem Heilungswege befindet.

Wie in Ostasien, so beginnen auch auf dem Balkan die Gemüter sich zu beruhigen. In Bulgarien, wo man im Kriegspielen ein Haar gefunden hat, beginnt man abznrüsten. Die Pforte aber wagt auch keinen Widerstand gegen das Reformprogramm Rußlands und Österreich-Ungarns, und sie ist nur beflissen, nach echt türkischer Methode von dem Programm einen kleinen Backschisch abzuhandeln. In Österreich-Ungarn ist man zurzeit weit mehr als durch die Balkandinge durch die eigenen Angelegenheiten in Anspruch genommen. In beiden Reichshälften geht es drunter und drüber, aber bei weitem am gefährlichsten ist die noch immer nicht bei­gelegte ungarische Krisis. Wenn auch das Kompromiß zwischen der Krone und der regierenden liberalen Partei in Ungarn zustande kommt, so ist doch damit nur der erste Teil der Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt, denen sich das Kabinett T i s z a schon in der Stunde seiner Geburt gegenübersieht. Wir fürchten, daß diesen Geburtswehen noch weit schlimmere Wehen folgen werden.

In Italien ist der bisherige Minister des Innern G i o I i t t i in die Bresche gesprungen, die durch den Rückgang Zanardellis geschaffen wurde, aber das neue Kabinett wird kein leichteres Leben haben als das infolge der Tragikomödie des gescheiterten Zarenbesuches in die Luft gesprengte Kabinett Zanardelli. Tie Finanzmisere und das soziale Elend in Italien sind groß, und bisher hat noch kein Kabinett das Heilniittel für diese Übel ge­funden-

Stoch trostloser als in Italien liegen die Verhältnisse in dem benachbarten Spanien. Hier wie dort sind es dieselben Übelstände, welche das Land zerrütten, nur daß die Dinge im „Lande des Weins und der Gesänge" noch ein gut Teil schlimmer sind. Die blutigen Kämpfe, wie sie jetzt aus Bilbao berichtet werden, sind nur ver­einzelte Explosionen der eruptiven Bewegung, welche zer­störend durch das ganze Land geht und die etnssige spanische Herrlichkeit langsam, aber sicher dem unabwend­baren Untergang entgegenführt!

KoLitische Merstchl.

Zur Kaiscrzusammcnkunft.

Über Inhalt und Bedeutung der Kaiserzusammen­kunft in Wiesbaden glaubt eine Berliner Korrespondenz der „Münch. N. Nachr." sich verbreiten zu können. Es wird da ausgeführt, daß bei der Zweikaiser-Zusammenkunft tu

und zeigt sich sehr besorgt um Sie. Ich soll nur immer für recht gute und bekömmliche Kost sorgen. Und dann, ja, dann meinte er, wo wir beiden doch so nahe mit ein­ander verwandt seien, könnten wir ruhig du zueinander sagen. Das klänge ungezwungener."

„Famos! Und wie denkt mein Koustnchen darüber?"

„Na, vielleicht hat er so unrecht nicht."

„Und wie denkt es über die notwendige Förmlichkeit bei einem so wichtigen Akt? Sie wissen doch, daß mit so was ein feierlidjer Bruder- und Schwesterkuß uner­läßlich ist."

„Na, die Förmlichkeit könnte man ja am Ende sparen. Ich bin nicht erpicht draus", sagte sie schnippisch.

„Wer ich desto mehr!" ries er. Mit einer schnellen Bewegung umfaßte er sie, hob ihr kleines zierliches Per­sönchen leicht empor und drückte einen kräftigen Kuß auf chr anmutiges Schnäbelchen.

Eine kräftige Ohrfeige lohnte seine Keckheit. „Das ist der zweite Teil der Förmlichkeiten", sagte sie und lachte über seine verdutzte Miene.

„Donnerwetter, das nenn' ich ein festes Pfötchen", äußerte er. „Wer die Hauptsache ist, daß der feierliche Akt nun vollzogen ist, und daß du nun ein Du von mir bist."

„Ech kann et beiügen," ließ sich da eine sonore Stimme vernehmen, und im Eingang der kleinen Veranda vor dom Hanse, wo diese Unterhaltung vor sich ging, erschien die Gestalt des Engels-Pitters-Oberam, angetan mit dem blauen Kittel, eine seidene Mütze auf dem Kopfe. ■

„Ihr kommt grade früh genug, um zu hören, daß die Dornjiöckc für Euch von jetzt an einen Silbergroschen mehr kosten. Ter Vater hat es so bcstimint", sagte Agnes, ärgerlich über das ungelegene Erscheinen des Hausierers, au dem e§ nun war, ein schiefes Gesicht zu machen. „Hin", brummte er, „und grad wollt ich wieder ein Stück oder dreißig holen. Das wücd' ja grad 'neu Dahler mehr machen."

Wiesbaden und Darnrstadt vor allem über die Haltung Deutschlands in den Fragen des großen wie des kleinen Orients gesprochen werden soll. Dann heißt es wörtlich weiter: „Die deutsche Regierung denke ebenso wenig

daran, in der ostasiatrschen wie in der makedonischen Ange­legenheit Partei zu ergreifen. Man glaubt die Ent­sendung der tu türkischen Diensten befindlichen deutschen Generale dazu benutzen zu können, um uns in die Balkan- wirren hineinznziehen. Das wird indes keineswegs ge­lingen. Die Generale gehen nach Makedonien als Offi­ziere des Sultans und die deutsche Regierung hat vor­läufig keinen Grund, dagegen etwas einzuwenden, wenn Abdul Hamid glaubt, in Übereinstimmung mit den Balkan- mächten gerade durch diese Persönlichkeiten dem Reform­werk am besten dienen zu können. Tritt jedoch das Stroben, in der Person jener Offiziere Deutschland selbst einen Teil an dem Reformwerk ausbürden zu wollen, an kompetenter Stelle hervor, dann wird den deutschen Be­hörden nichts anderes übrig bleiben, als die Offiziere überhaupt aus ihrer Stellung bei der türkischen Armee abzuberufen, bezw. ihren Urlaub nicht zu verlängern,"

Rede des Ministers v. Hammerstcin.

Hannover, 80. Oktober. Beim Besuche des Rat­hauses ertviderte Minister Freiherr v. Hammerstein auf die Ansprache des Stadtdirektors Tramm nach Mitteilung des „Hann. Tagebl." etwa folgendes:

Die Blüte der Städte aus früheren Jahrhunderten finden wir noch heute in ihren Spuren am ausgedehntesten da, wo die Städte ihren alten Charakter bewahrten, und einsichtige Stadt­verwaltungen bemühen sich daher, diesen Charakter zu erhalten. Sie sind auf demselben Wege. Die Staatsgewalt ist nicht be­rufen, da hemmend einzugreisen: sie soll vielmehr die st ä ü t i» schen Freiheiten fördern. Die höhere Einheit ist aber ber Staat, und den Staat muß man achten, daß nicht etwa Lurch einzelne Maßnahmen die staatlichen Interessen geschädigt werden. So muß der Staat verhüten, daß die Steuer- krast unserer Enkel für Ausgaben bean­sprucht wird, welche von öer Gegenwart zu tragen sind. Somit werde manchmal den gegenwärtigen Wünschen nicht entsprochen werden können. Auf die Politik übergehend betonte der Minister, es komme jetzt nicht darauf an, ob einer mehr rechts oder links stehe, sondern darauf, daß jeder, der am öffentlichen Leben tcilnehme, die Grundgedanken des preußischen Staates, die staatliche Einheit, die monarchische Ge­walt und die Staatsverfaffung erhalten will. Es hat mich des­halb geschmerzt, als ich las, daß auch hier in Hannover erörtert wurde, bei künftigen Wahlen mit den Sozialdemokraten zu- sammenzugehen. Gefreut hat mich die gründliche Abwehr, die auch gerade aus dieser Stadt diesen Anregungen gegenüber zur Geltung gekommen ist, denn ich glaube, wir dürfen namentlich nach dem Dresdener Parteitag überzeugt fein, daß die Sozial­demokratie keine politische Partei im Rahmen unserer Staats- vcrfassung ist, sondern daß es Bestrebungen sind, die jedes staat­liche Leben und unsere wirtschaftliche Ordnung über den Haufe» stoßen und an Stelle bürgerlicher Freiheiten Terrorismus setzen wollen, der schlimmer ist als jeder andere von anderer Seite. Ich glaube, daß Sie sich alle einig fühlen in diesem Gedanken der voll­ständigen Abwehr gegen die sozialdemokratischen Bestrebungen. Ich möchte anschließend darauf Hinweisen, daß auch in der Provinz Hannover es Gebot und Pflicht ist, daß alle, die die preußischen Staatsgedanken Hochhalten wollen, Schulter an Schulter gegen die Partei zusammenstehen, die noch immer dem preußischen Staat den Krieg erklärt, das ist die w e l f i s ch e Partei. Ich ver­stehe, wenn man mit Schmerz, Ehrfurcht und Liebe der Ver­gangenheit gedenkt, ich kann aber nicht verstehen, daß cs hier

„Was brauchtet Ihr auch den dummen Streich mit

dem kraumen Welm zu machen. Ihr solltet Euch recht was schämen", fuhr ihn das Mädchen an.

„Ach so, das ist der Grund!" Er pfiff durch die Zähne, schwippste mit der Hand und lachte: „Na, die Geschichte ist mir 'nen Dahler wert gewesen, und Herr Manuel hat sich für 'neu Dahler, tvenn's nicht mehr ist, geärgert. Wer ich denk', von wegen der Dornstöck läßt er bei so 'nem alten Kunden doch noch mit sich reden."

„Ganz bestimmt", versicherte Gottfried. „Ich geh* selber mit Euch zu ihm hin und Ihr sollt sehen, mir kann er nichts abschlagen."

„Tu, werd' nur nicht übermütig. Dä könntest du dich doch noch umsehen", warnte das Mädchen und drohte mit dem Finger. Aber als Gottfried mit dem Hausierer durch die Dornschulen schritt, die zu Stöcken geeigneten Pflänzlinge zu betrachten, und als der Heckengraf mit seiner dürren Gestalt hevangestiefelt kam, da brauchte der junge Mann nicht viel zu reden und der erfreute Händler hatte die Stöcke zum alten Preis.

„Daß es beim alten bleibt, das freut mich auch für Sie, Herr von der Pforten", bemerkte Oberam ganz wie unabsichtlich. „Tenn wissen Sie, wenn ich zum Blechers Dolfcs hingeh' und ihm sag', Ihr wärt aufgeschlagen, dann schlägt er. Euch zum Tort, mit den Preisen ab und steht sich immer noch gut dabei."

„Er soll nur machen, ec soll nur machen, der Blecher!" zischte Herr Manuel giftig, schlug dann seinen Neffen freundlich aus die Schulter und lneinte: „Wir werden mit der Konkurrenz schon fertig werden. Da ist uns gar nicht bang'. Was meinst du, lieber Neffe?"

„Nee. uns ist gar nicht bang', ganz im Gegenteil"/ versicherte Gottfried, während sich Oberam darmr machte/ mit seinem großen Taschenkniep die Dornstämmchen <mtä : der Erde herauszuschneiden.

Herr Manuel zog seinen Neffen zur Seite, legte seine Stirne in ernste Falten und raunte dann mit mißbilligen-