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üppgen-flusgabe
Brr Kamps um üas Majorat.
Die stärkste Phantasie eines Romanschriftstellers ist nicht so erfinderisch ats das Leben selbst. Ter Prozeß, der sich soeben vor dem Berliner Schwurgericht gegen die der Kindesunterschiebung beschuldigten Graf und Gräfin Kwilecka abspielt, könnte den packendsten Stoff für einen Senfationsroman abgeben, und die Phantasie des Dichters brauchte dem tatsächlichen Stoff wahrlich nichts hinzuzufügen. Wie packend und interessant ist nicht schon das Mlieu, in dem der Roman „der Kampf um das Majorat" sich abspielt. Kapitel 1 zeigt uns das Majorat Wroblewo „da hinten im Posenschen", wo der hochedle Graf und die hochedle Gräfin die echte, rechte „polnische Wirtschaft" führen und in Saus und Braus leben, während der Gerichtsvollzieher dort eine so bekannte Persönlichkeit geworden ist. daß man ihn bereits als den Onkel tituliert. Kapitel 2 spielt in Paris, wo. wie die Seitenlinie Kwileckcmmd mit ihr die Anklage behauptet, die vorbereitenden Schritte zur „Kindeszeugung", Beschaffung des künstlichen Unterleibes iffw.. getan wurden. Kapitel 3 spielt in Berlin, wohin die Gräfin Kwilecka mit ihrer getanen Dienerin und einem Halben Dutzend Flaschen Schweineblut abgereist ist. und wo die angebliche Entbindung vor sich geht. Kapitel 4 spielt vor dem Zivil- gericht in Posen, wo die protestierende Seitenlinie. Graf Mcieslaus. Mitglied des preußischen Herrenhauses, unterlag. Kapitel 6 spielt sich soeben vor dem Berliner Schwurgericht ab. Und welches wird der Schauplatz des Kapitels 6 sein? Vielleicht das Zuchthaus» denn die Unterschiebung eines Kindes wird mit Gefängnis bis zu drei Jahren, und wenn, wie das im Prozeß Kwilecki der Fall wäre, die Handlurig in gewinnsüchtiger Absicht begangen wird, mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren bestraft.
Der Preis, um den der Kampf geht, ist des Schweißes der Edlen wert, denn das Majorat Wroblewo wirft auch der der jetzigen liederlichen Wirtschaft nahezu 75 000 Mark Reingewinn ab. Das gräflich Kwileckische Ehepaar hatte Schulden auf Schulden gehäuft, aber der Kredit begann zu versagen. Da wurde, wie die Anklage es darstellt, die Kindesunterschiebung ins Werk gesetzt, einmal um der Familie das Majorat zu erhalten, und zweitens um auf diesen Majoratserben hin neue Schulden kontrahieren zu können. Denn im Augenblick, wo Graf Kwilecka das Zeitliche gesegnet hätte, wäre das Majorat an die Seitenlinie gefallen, und der Gräfin selbst wäre nichts geblieben als ihre Schulden.
Das Bild, das sich im Gerichtssaal dem Beschauer bietet, ist ein ebenso buntes wie bewegtes. Ein Blick auf die Anklagebank belehrt auch den Uneingeweihten darüber, daß die Gräfin Kvilecka die Hauptperson in diesem Drama ist. Mit ihrer kräftigen Figur und ihrem energischen Gesicht, das ganz im Rokokostil mit einem Schönheitspflästerchen geschmückt ist. mit ihren dunklen, glühenden Augen und ihrem weißen, hochfrisierten Haar erinnert sie ganz; an die Heldinnnen der französischen Kriminalgeschichte aus der Rokokozeit. Neben der Gräfin.
dw noch im Alter von 61 Jahren unverhoffte Mutter freuden erlebt haben will, spielt Graf Kwilecki, eine gebeugte Gestalt mit müden Gesichtszügen, sckpverhörig und anscheinend au Geist und Körper gebrochen, nur eine recht unbedeutende Rolle. Er sieht nicht aus. als ob er vor 6 Jahren Vater des frischen, munteren, bildhübschen Jungen geworden sei, der eigentlich, offenbar ohne daß er eine Ahnung davon hat. den Mittelpunkt des Gerichtsdramas bildet. Die Mitangeklagten Dienerinnen stellen ze..en Typus der nur formell aus dem Hörigkeitsver hältnis entlassenen polnischen Mägde dar. Die Verhandlungen . des Prozesses gewähren einen Einblick in ein eigenartiges Stück Kultur- und Sittengeschichte, das aber auch des politischen Interesses nicht entbehrt. Zeigt sich^ doch auch hier, wie wenig die Fideikomnüsbildung geeignet ist. der Verschwendung und der Mißwirtschaft vorzubeugen, der sie im Gegenteil oft genug Vorschub leistet. Hat doch derjenige, welcher, wie im Fall Kwilecki. mck der Möglichkeit rechnen muß. daß sein Majorat in fremden Besitz übergeht, kein Interesse daran, den Besitz zu erhalten, sondern vielmehr daran, auf Kosten seines Nachfolgers Raubbau zu treiben.
Vor einigen Jahren hat ein Mitglied des Adels, ein Graf v. Bothmer, die Abschaffung der Fideikommisse gefordert, „weil sie die Bande der Faniilie zerreißen, die nächsten Blutsverwandten gegeneinander aufbringen und den Adel demoralisieren." Erscheint der Prozeß Kwilecka nicht wie eine Illustration zu diesen Worten? Aber diese Forderung des Grafen Bothmer ist zugleich eine Forderung der hervorragendsten Volkswirtschaftslchrer. welche in ausführlichen, sachkuiidigen Darlegungen dos Fideikommiswesm als Ursache der schlechten Bewirtschaftung der Güter, als Quelle übermäßigen Aufwandes und als Schädigung des Bauernstandes nachgewieseri haben. Denn wo der Fideikommisbesitzer nicht mehr mit Nutzen arbeiten kann, da vermag der sparsamere und wirtschaftlichere Bauer noch durchweg sein gutes Auskommen zu finden, weil er dem Grundsatz huldigen muß, den der in seinem Besitz gesicherte Fideikommisbesitzer nicht zu beherzigen braucht: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es. um es zu besitzen!" Wenn in der nächsten Session des preußischen Landtags über das neue Fideikommisgesetz verhandelt wird, dann werden auch dw Erfahrungen des Falles Kwilecka nicht cmßer acht gelassen werden dürfen.
Sauste Hoffnungen.
Auch unter den Natioualliberaleu, so lesen wir in der Berliner Wochenschrift „Das Echo", regen sich revi- stouistische Gefühle, nicht so ketzerisch wie bei den Sozialdemokraten und weniger unter den anerkannten Führern aber doch genügend, um die Hoffnung zu hegen, daß in dieser einst so mächtig aufgeblüten Partei noch nicht alles keimende Leben erstorben und die dauernde Berhölze- rung eingetreten sei. Schon seit einiger Zeit hat die Partei begonnen, üch iverbend an die gebildete jüngere Welt zu wenden. Hier und da sind jung-nationalliberale Bereinigungen entstanden, und es scheint, als ob in dem Nachwuchs des Bürgertums, so weit es nicht traditionell
ultramvntan oder konservativ ist, wieder eine leise Liebe für die einst so stolze Partei sich regt, der zweifellos der! Ruhm gehört, die stärkste geistige Kämpferin für den Reichsgedanken gewesen zu sein.
Es gab eine Zeit, und sie liegt noch nicht lange hinter uns, wo die akademische Jugend Deutschlands eigentlich nur zwei große Strömungen aufwies und entweder sozialistisch oder bismarckisch gesinnt war. Mit dem Tod« des gewaltigen Reichsbaumeisters ist das lebendige An-« denken an ihn ausfallend rasch in den Hintergrund ge^ treten, es ist nicht erloschen, aber es verdämmert bereits wie eine alte Heldensage. Man mutz sich ordentlich Müh« geben, um den Gedanken festzuhalten, daß er den Alteren von uns noch ein Mitlebender war. Und in der Bürger- lichen Jugend, die einst unter dem Glanz des Namen- Bismarck von Heldenanbetung erfüllt war, scheint der' Nachwuchs wieder einiges Gefühl für eine liberalere Weltanschauung zu gewinnen, ohne dabei gleich bis in die Sozialdemokratie zu rutschen. Man besinnt sich von neuem auf den Liberalismus als eine große Kulturmacht und will auch der Sozialdemokratie gegenüber eine »er* nünftige Mittelstraße innehalten, wobei sie weder verhimmelt, noch verbrannt, sondern einfach im Daseinsrecht anerkannt wird. Die nationalliberalen Jüngeren sinL die Träger dieser Anschauungen, genau so, wie bet den Sozialisten der gebildetere Nachwuchs sich hauptsächlich de« revisionistischen Ketzerei schuldig macht. So ist wvhk einige Aussicht vorhanden, daß ein späteres Geschlecht ins Deutschland sich gegenseitig billiger behandeln und fcitbu licher verständigen wird als die in bittersten Klaffen, kämpfen ergrauten alten Streithähne hüben und drüben^
In Hannover hielten dieser Tage die preußisch«!» Nationalliberalen ihre Generalversammlung ab, wvbch die für Mitte November bevorstehenden Neuwahlen zm» preußischen Abgeordnetenyause den breitesten Raum tefl Erwägungen einnahmen.
Dank dem Dreiklaffenwahlsystem und einer veralte, ten Wahlkreis-Einteilung ist das preußische Abgeordneten. Haus eine konservative Hochburg. Bon den 433 WaHh, sitzen gehörten im letzten Abgeordnetenhause beinahe Me Hälfte, nämlich 205, den vereinigten Hochkonservativen (147) und den Freikonservativen (58). DaS Zentrum hatte 100 Sitze inne, dann kamen die Nationalliberal«» mit 75, Richters Freisinnige Bolkspartei mit 26, dt» Bartsch« Freisinnige Vereinigung mit 10. Der Rest zer« splitterte sich in Polen und Wilde. Diese Zusammensetzung lieferte dem Zentrum stets die ausschlaggebende Mach- und setzte es in die Lage, entweder mit den Hochkonser. vativen (147) allein eine stock-reaktionäre Mehrheit zu bil, den oder mit der vereinigten Linken, falls Nationallibe. rale und Freisinnige einig waren, was in Opposition-, fragen gelegentlich vorkam. Die beiden konservative» Gruppen brauchen sogar nur ein Dutzend Sitze zu ge, winnen, um für sich ganz allein eine Mehrheit zu Hab«». Daß es so käme, ist zwar kaum zu erwarten, da das Zen, trum kein Interesse daran hat, die Rechte so stark werde» zu lassen, daß sie ohne Zentrumshülfe eine eigene Mehr, heit im Hause besitzt. Aber es genügt vollkommen, m» nichtreaktionäre Politiker sehr besorgt zu machen, wem» man sich vorstellt, daß die preußischen Neuwahlen wiederum auf fünf Jahre eine sichere klerikal-konservativ« Mehrheit für den Landtag des größten deutschen Bundes,
Feuilleton.
Auf den Spuren Iarnlhnstrns.
Der alte Glaube Zarathustras (Zoroasters) hat lange einen Zauber auf das Abendland ausgeübt. Deshalb ist jedes neue Licht, das auf das Leben und die Lehren des altpersischen Religionsstifters geworfen wird, von Interesse. Bor kurzem ist nun Professor B. Williams Jackson von der Abteilung für orientalische Sprachen an der Universität Columbia von einer Forschungsreise durch Persien, das transkaspische Gebiet und Turkestan mit einigen in dieser Beziehung wertvollen Ergebnissen znrückgekehrt. Einem Bericht über seine Reise ist zu entnehmen: „Ein besonderer Zweck meiner Reise war das Studium der Überreste der sogenannten Feueran- betung Zarathustras, der etwa 600 Jahre vor Christus iebte. Alle Jranier bekannten sich zu dem Glauben, aber die mohammedanische Eroberung Persiens fegte fast alle Spuren davon fort, und nur in wenigen Orten noch nähren die Parsen die heilige Flamme und bleiben den Lehren von Ormnzd treu. An den Ufern des Kaspischen Meeres konnte ich Untersuchungen über den verlaffenen Tempel der Feueranbeter in Baku austellen. Dieser Ort war einst das Ziel geweihter Pilgerschaft für persische und indische Feueranbeter. Ein Altar bezeichnet die Stelle außerhalb Bakus, und alte Inschriften auf den Wänden berichten von der frommen Anbetung der Parsen. Aber daS Gebiet dieses Tempels ist keine An- dachtsstätte mehr,' die heilige Flamme mußte erstickt werden wegen der Explosionsgefahr für die nahen Ölquellen." Da Zarathustra in der Provinz Azarbaijan westlich vom Kaspischen Meer geboren sein soll, reiste Jackson über drei Wochen durch diese Gegend, deren Berge
zur Zeit noch mit Schnee bedeckt waren. „Der Winter ist jetzt ebenso streng wie zur Zeit Zoroasters. In den: Zend-Avesta, seinem heiligen Buch, sagt er, daß hier zehn Monate Winter und zwei Monate Sommer sind. Später wird der Winter nur auf fünf Monate angegeben, aber als ich unter der strengen Külte litt, ehe der Frühling wrrklich kam, neigte ich zu dem Glauben, daß der ältere Text der Wahrheit näher käme. In dieser ganzen Provinz machte ich intereffante Beobachtungen, die Stellen m dem Avesta erläutern, und ich konnte eine An- Ml Orteidentifizieren, die mit Zarathustras Leben und Werk rn Verbindung stehen. Darunter ist wahrscheinlich die Gegend, wo er die ersten Bekehrten warb. Diese Identifikation beruhte fast ganz auf den alten Texten l e ?i nivellierende Mohammedanismus
HP tatsächlich die Erinnerung an Zarathustras Namen in seinem Geburtsort ausgelöscht. In der Stadt Urumia wird noch eine Kirche gezeigt, die über dem Grabe der aus dem Morgenlande kommenden Weisen erbaut ist, die den Heiland in der Krippe zu Bethlehem anbetcn kamen. Um diese alte Stadt Urumia, die Zarathustras Geburtsort sem soll, liegen viele Aschenhttgel, die mit der alten Feueranbetung in Zusammenhang stehen. Hier sicherte ich mir einige Reste antiker Tonwaren." Während der Reise konnte Professor Jackson Land und Leute eingehend studieren,' da er mit einer Karawane reiste, verbrachte er Nacht in den rohen Lehmhütten, er fand jedoch überall die sprichwörtlich gewordene Gastfreuirdschaft des Orients bestätigt. Die persischen großen Landstraßen sind ziem- nch sicher,' doch in wilden Bergpässen und einsamen Gegenden müssen bewaffnete Wachen den Fremden begleiten und den Weg säubern. Einmal traf Jackson drei Räuber an, deren Hände vor wenigen Augenblicken durch das Schwert des Gesetzes abgehauen worden waren: der mit durchschnittenem Halse da. Nachdem Jackson Hamadan zweimal besucht hatte, das im klassischen
Altertum und in der Bibel ebenso berühmt wie Ekbatana war, ging er nach Süden zu denTrümmeru derPaläste vo» Persepolis und den Gräbern der alten persischen Könige; dort sind mächtige Denkmäler vergangener Größe. Im Gegensatz zu diesen düsteren Trümmern steht die liebliche' Schönheit von Schiraz „mit seinen Rosenlauben und de» Nachtigallen, die rings den ganzen Tag singen." Die Wüstenstaöt Pezd, die vor kaum einem Monat der Schauplatz blutigen Gemetzels war, ist dadurch besonders interessant, daß cs heute der Ort ist, wo die meisten persischen Zaratyustravcrehrer leben,' hier haben die ungefähr 8000 „Guebern" (Parsen) ihren alten Glauben und Brauch trotz zwölf Jahrhunderte muselmännischer Ver- folgung aufrecht erhalten. Jackson durfte ihren Tempel betreten und einigen der religiösen Zeremonien beiwohnen. Die „Guebern" haben einen ausgezeichneten Ruf wegen ihrer Redlichkeit und Sittenreinheit, ebenso wre die Parsen in Bombay. Jackson konnte auch eine Menge Zarathustra-Bekenner in Teheran kennen lernen und verbrachte einige Zeit in der Nähe unter den Ruinen von Rei, da Zarathustras Mutter in dieser einsame» Ltadt geboren sein soll. Dort konnte man einen der ältesten parsischen „Türme des Schweigens" für die Aus- setzung der Toten, wie es die alte Vorschrift des Avesta verlangt, sehen. Jackson wollte so weit wie möglich das Gebiet des alten Iran durchreisen, das Zarathustra be- kannt gewesen sein muß. So fuhr er auch über das Kaspische Meer, das der Avesta Vouru-Kasha oder „Meer der entfernten Ufer" nennt, und reiste durch das transkaspische Gebiet mit der Bahn nach Merw. Dieses ist eins der ältesten Ztvilisationözentren in Asien und hat ein« Menge interessanter Ruinen in seiner Umgebung. Von dort ging er nach Buchara und Samarkand: in Buchara war einst ein großer Feilertempel, und in Samarkand soll eine der Originalhaudschristen der Schriften des Zarathustra zerstört worden sein.
