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U-. 508.
Berlags-Fernsprecher Ro. 2858 .
Freitag» de« 30. Oktober.
Redaktions-Fernsprecher No. 52 . 1903.
Ahend-flusgabe.
Politik und Armee in Frankreich.
Unser Pariser ^-Korrespondent schreibt uns:
Obwohl sich Kriegsminister Andr6 nun schon seit drei Jahren allen Forderungen der Blockparteien und der Militärgegner anzubeqnomen weiß, hat er dennoch noch nicht vermocht sich das volle Verträum dieser Leute zu erwerben. Sein Bestreben, die Blockparlameickarier und mithin auch die Sozialisten zufrieden zu stellen, ging vis an die Grenze des Denkbaren. Er setzte sich mit aus- Hesprochenen Armeeseinden an denselben Bankettisch und tvar stets bereit, die Wahlinteressen der äußersten Linkm zu fördern. Aber trotz alledem verschaffte er sich die Gunst der Radikalen und Sozialisten immer nur vorübergehend. Je entgegenkommender er sich der Kvmmer- mehrheit gegenüber zeigte, desto anspruchsvoller wurde diese. Die Sozialistm, welche die Regierung am Gängel- wand führen, wollten ihren maßgebetidm Einfluß auch /ruf das Heer ausdehnen. Eine Reihe von Offizieren, welche ihnen mißfielen, wurde ihnen geopfert, ohite daß ihr Heißhunger gefüllt worden wäre.
Kurz, eines Tages bemerkte der Kriegsminister, daß er nicht mehr Herr im eigenen Hause war, und raffte sich zu einigen selbständigen Attitüden auf. Er nahm an der Totenfeier für Leo XIII. in der Notre Dame teil und lat die „Internationale" als revolutionäres Lied in Bann. Kaum hatte sich das Wutgeschrei über diese unerhörte Haltung etwas gelegt, als Andrs neue Verbrechen beging, .indem er General Tessirier zum Militärgouverneur von Paris und General de Lacroix zum Militärgouverneur von Lyon erirannte. Es scheint, daß diese beiden der- dienten Generale nicht „republikanisch genug" sind, und es ist sicher, daß General Andrs ihre Ernennung vollzog, ohne die ministeriellen Gruppen um Erlaubnis zu 'fragen. Der Zorn der Blockpresse war ein gewaltiger. „Diese Bestallungen sind unerklärliche und beunruhigend", sagt der „Radical". „Es wäre das beste", erklärt die „Lanteme", „Funktionen zu unterdrücken, welche, falls sie von Malhonettm Menschen -eingenommen werden, für die Republik gefährlich werden können". Die sozialistische „Action" ist der Meinung, daß „man einer vollständigen Fahnmflucht gegenübersteht und- daß es fortan gilt, dem Gmeral Andrs nicht über den Weg zu trauen." Cl6menceau belegt den Leiter des Kriegswesens in der „Aurore" mit Bezeichnungen, wie „grotesker Federbusch" und dergleichen. In der Deputiertenkammer machte sich die gleiche Aufregung Luft. „Das ist ein .Verbrechm", behauptet Herr Meslier: „jedermann ist entrüstet", sagt der Barde Clovis Hugues, und „Eine schmutzige Geschichte", fügt der Genosse Briand hinzu.
Der Cstoym'Krauß, Deputierter des Rhone-Departements, kann nicht an die Ernennung des Generals de Lacroir in Lyon glauben und schreibt in einem Briefe an die Zeitungen des Departements, daß der Kriegsminister nicht geruht hat, auch nur einen einzigen der zehn ministeriellen Deputierten der Rhone um Rat zu fragen. Die letztere Klage ist besonders charakteristisch für französische Militärzustände. Also, die Deputierten des Blocks sind durch, die Gepflogenheiten von drei Jahren so daran gewöhnt, in dm Angelegenheiten des Heeres zu intervenieren und in die Beförderungen einzugreifen, daß sie das Sonderbare ihrer Beschwerden gar nicht mehr fühlen und sie ungescheut und öffentlich zum Ausdruck bringen.
General Andrp hat nur das, ivas er verdient, sagt mit Reckst die gemäßigte republikanische Presse. Weil er die Politik in die Armee eingeführt hat, muß er sich daraus gefaßt machen, von den Politikern von der Stelle gejagt zu werden, das ist ein Beispiel der immanenten Gerechtigkeit, führt die „Rckpubligire sranxaife" ans. In der Tat, Andrck ist in seinen Gefälligkeiten gegen bogi Parlament oft zu weit gegangen. Fiel doch unlängst von seinen Lippen die Äußerung: „Das Avancement der Offiziere liegt von jetzt an in den Händen der Tepu- tierten", und erklärte er doch, es ist auch noch nicht lauge her: „Ich muß die Tätigkeit der linksstehenden Ligas gegen. die Umtriebe der Rechtm in Anspruch nehmen, wmn ich meiner Aufgabe gerecht werden will." An der Tatsache, daß Andrck der Politik einen viel zu weiten Spielraum in der Heeresverwaltung gelassen hat, ist nicht zu rütteln und er und die gesamte Nation müssm nunmehr die Folgen tragen, die seine Auffassung von dm Pflichten eines Kriegministers mit Notwendigkeit herbeisührm mußte.
And-rck hat schon einen Kübinettsturz überlebt und- es ist leicht möglich, daß auch die jetzigen heftigen Angriffe chm nicht schaden. Uns Deutschen kann es recht sein.
Politische Übersicht.
Eine unmögliche Sensationsgeschichte.
: Die Breslauer „Volkswacht" erzählt, in den ländlichen Kreisen Mittelschlestms fänden zahlreiche Prozesse statt, in denen sozialdemokratische Flugblätterverteiler, welche bxi den letzten Reichstagswahlen täüg gewesen sind, wegen Störung der Sonntagsruhe durch öffentlich bemerkbare Arbeit unter Anklage gestellt werden. Von ca. 170 Angeklagten seien 144 in erster und zweiter Instanz freigesprochen worden. Neuerdings, a-m 17. September, habe sich wieder'ein solcher'Prozeß vor dem Schöffengericht zu Militsch abgespielt und dabei sei folgendes passiert: Dem Vorsitzenden Richter, Assessor
Simon, der seit dem 1. Juli eine besoldete Richterstelle innehatte, scheint die Zahl, der gegen die Sozialdemokratie angestrengten Prozesse ausgefallen zu sein, um so mehr, als ihm zu Ohren gekommen war, daß an den betreffenden Sonntagen auch freisinnige und konservattve Flugblätter zur Verteilung gelangt waren. Der Richter fragte also dm Gendarm in der genannten Sitzung, wieso es komme, daß er immer nur sozialdemokratische Flug- blattverbreitec angehalten und aufgeschriebm habe, während alle anderen Parteien auch Propagandablätter verteilten. Der Gendarm erwiderte hierauf kurz und deutlich, das sei auf Anordnung desLandrats geschehen, hierauf^ erklärte der Vorsitzende, über die Zulässigkeit dieser Handlung entscheide nicht die Verwaltungsbehörde, sondern das Gesetz und die Gerichte. Eine Ausnahme für die Sozialdemokratie gebe es dabei nicht, denn diese sei eine g l ei chberechtigte politische Partei wie die freisinnige und konservative. Tie Verhandlung mdete wie die früheren mit Freisprechung der Angeklagten. Uber das hier mitgeteilte Vorkommnis, das sich in öffentlicher Verhandlung abspielte, faßte der Gendarm Paul euren Bericht ab und sandte diesen an den Landrat von Stosch, der seinerseits für die Weitergabe des Berichts an die höheren Instanzen Sorge trug. Am 13. Oktober verfügte das I u st i z m i n i st e ri u m, und am 14. in Ausführung der ministeriellen Anordnung das Breslauer Oberlandesgericht die Enthebung des Assessors Simon von der besoldeten Richter st eile in Militsch. Ohne jede Begründung wurde dem Richter mitgeteilt: „Der Landesgerickstspräsi- dmt: Stach einer Verfügung des Herrn Justizministers vom 13. d. M. und der Verfügung des Oberlandesge- richtsprästdenten vom 14. Oktober' werden Sie, Herr Gerichtsassessor, von der Verwaltung der bei dem- Amtsgericht in Militsch erledigten Richterstelle entbunden. In Vertretung: Ackermann." Zugleich verfügte der Justiz, minister, wie die Breslauer „Volkswacht" erfährt, daß Herr Simon niernals wieder eine besoldete Richterstelle erhalten dürfe. Soweit die Berichte. Wir fragen: Kann das wahr fjin? Der „Vorwärts" selber bekundet ein starres Mißtrauen gegen die Erzählurrg, indem er richtig auseinandersetzt, daß der AssMor Simon als Kommissar nicht so ohne weiteres seines Amtes enthoben werden kann. Aber der Kernpunkt der Angelegenheit beruht in der Frage, ob der Bericht eines Gendarmen die ihm zugeschriebene Wirkung überhaupt haben kann, ob dieser Bericht überhaupt einen Einfluß auf die Entschließungen der Justizbehörde ausüben kann. Und weil die Maßregelung des Assessors Simon nach Lage der Gesetzgebung unmöglich ist, darum ist auch an- zunehmen, daß die Vorgeschichte dieser Maßregelung falsch erzählt worden ist. Wäre es anders, dann stände man vor einem Vorgänge, mit dem sich in unserer
Die Revolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(16. Fortsetzung.)
Gottfried lief wieder im Zimmer ans und nieder. „Hm, das ist 'ne faule Geschichte", stöhnte er. „An irgend ein Staatsexamen und eine entsprechende Stellung ist nicht ,so bald zu denken. ' Aber zu einem Abschluß muß ich es jdvch -bringen. Ich denke aufs Frühjahr mache ich den Doktor und habilitier' mich irgendwo für Kunstgeschichte. Das war' mir das Sympathischste."
„Und bringt es -dir 'ne gute Versorgung?"
„He! Versorgung! . . . Das Wort klingt mir geradezu gräulich- ins Ohr."
„Ja", sagte Agnes, „es klingt nicht schön. Es ist, als wollte ein Mädchen gleich den ersten besten heiraten, nur, !d-amit sie was zu beißen und zu brechen hat."
„Und das würde ich bei dem Geschäft nicht mal haben", brummte Gottfried. „Aber auf dm Doktor will ich jedenfalls zunächst mal losgehen. Dm Winter würd' ich mir noch zu einer recht schönm und gründ-lichm Disser- tation und zu einer Habilitattonsschrift gönnm könnm."
„Wenn der Vetter die Arbeit hier machm könnt', dann hätte er ja bei uns der Ruhe genug", meinte das Mädchen. Und Herr Manuel strich sich unter dem Kinn her, blies ein paar kräftige Rauchwolken von sich und sprach kopfnickend: „Nja, lieber Neben, wmn es dir bei uns gefällt und du hier dein' Sach' verrichten kannst, wird uns deine Anwesenheit nicht gmieren. Im Gegmteil, man könnt' am End' hier in unserer Einsamkeit gegmseitig was Profitterm von einander."
„Ich dank' Euch allen beiden", entgegnete Gottfried. „Vielleicht könnte man sich das mal überlegen."
„Sie wären uns in keiner Weise zur Last, Herr Vetter", sagte Agnes mit aufrichtiger Freundlichkeit. Herr Mcmuel blickte einm Augenblick sinnend vor sich hin, prüfte dann mit wohlgefälligen Blicken die kräfttge Ge» jftaft seines Verwandten und ries ordentlich lebhaft, wie von einem plötzlichen, angenehmen Gedanken angeregt:
„Ja, ja. bleib' wenigstens einstweilen mal hier. Vielleicht ließ' sich was finden, daß die Zeit hier besonders nutzbringend verbracht wird."
„Hm, das ginge schon, und gefunden war' für mich gleich was," sprach Gottfried nach- kurzem Besinnen. „Ich Hab' da die Backsteinfacade der Kirche in Neuß dieser Tage gesehen, und es soll hier am Nitzderrhein noch manches alte Bauwerk ähnlicher Art zufinden fein. Eine Doktorarbeit über diese Bauten, das ivür' etwas Neues, und das könnte mich reizen. Überdies Hab' ich schon seit Jahren auf meinen Wanderungen unzählige ländliche Kirchtürme gezeichnet, an denen sich meistens der hin und wieder gar nicht üble Geschmack schlichter Zimmeroder Maurermeister verkünstelt hat. Die Sammlung kann ein interessantes Buch geben, und so könnte ich denn diese Gegend mit Nutzen mal ordentlich studieren."
„Kiek, kiek!" rief Herr Manuel lebhaft. „Und bei diesen Touren könntest du auch meinem Geschäft öfter von Nutzen fein. So ließ sich das eine mit dem andern gut verbinden."
„Wenn ich Eure frenndlicheGastlichkeit in irgend einer Weise weit machen könnt', würde ich sie noch lieber annehmen," entgegnete Gottfried.
„Da drüber könnten wir zwei jetzt am End' noch 'neu vernünftigen Ton red-m, Herr Neveu." Und zu seiner Tochter gewendet, sprach Herr Manuel alsbald in be- strmmter Art: „Für dich wird's Zett, daß du ins Bett gehst, Kind. Die Männer wollen ja vielleicht noch dies und das besprechen, was dich nicht weiter zu int'ressieren braucht. Hol' uns noch- ein Püllchen Wein und dann schlaf recht gut."
Sie war es garnicht gewöhnt, daß sich der Pater zecherischeu Gelüsten hingab, und als sie nun den Wein gebracht hatte und sich verabschieden wollte, meinte sie: „Wenn er dir nur keinen Schaden tut, lieber Papa. Du weißt, jetzt kommt die Zeit, wo du wieder mit deiner Heckenbeeren-Aussaat zu tun hast, und da bist du immer nicht recht in der Reihe und klagst so viel über Magen- beschwerden. Da ist dir der Wein vielleicht auch mcht gut. Trink nicht so viel und laß deni Vetter -die Hauptarbeit daran."
Sie empfahl sich und Herr Manuel blickte ihr nach, nickte und sagte wehmütig „Ja, ja, sie hat recht. Die der- dämmte Heckenbeerenzeit! Aber der Wein, der schad't meinem Magen nix, der Wein nicht. Oh, die verfluchten Heckenbeeren!"
„Ich habe gehört, du hättest ein eigenes, geheimes Verfahren, diesen Beeren eine besondere Keimkraft zu verleihen, die ihre Pflänzlinge vor allen geschätzt mache. Ich Hab' auch- schon von außen dein Laboratorium betrachtet, freilich- ohne mir einen rechten Begriff von diesem eigenartigen Institut mit seiner Warnungstafel machen zu lönnen", sagte Gottfried.
.Herr Manuel schien in lebhafte, innere Bewegung zu geraten. Seine kleinen Augen blickten wie hülfeflehe-nd im Zimmer umher, und er qualmte aus seiner langen Pfeife, daß die grüngestrichene Öllampe fast in einem bläulichen Rauchnebel verschwand. Tann legte er seine haarige Klaue mit festem Druck auf die Hand des Neffen und flüsterte rauh: . „Du bist mein einziger männlicher Verwandter, Gottfried, und der Sohn meiner lieben, verstorbenen Schwester Linchen. Ich estimier' dich noch für ein bißchen Windhund-, lieber Neveu, und die Kalten- berger Geschichte ärgert mich immer noch ein Stück. Aber du hast viel von deinem verstorbenen Vater, der ein braver M-ann war, und dem man was anvertrcruen konnte Kann inan dir -auch was anvertrauen, Gottfried?"
„Mein Gott, Oh-nr Manuel, du wirst doch keinen totgeschlagen haben," lachte der junge Mann. „Wer hier, meine Hand. Wenn du mir ivas anvertrauen willst, es soll gut bei mir aufgehoben sein."
„Es ist von wegen dem großen Geschäftsgeheimnis," stöhnte der Gärtnereibesitzer.
„Na, was wird es denn sein. Du hast irgend ein chemisches Verfahren entdeckt, dem du die Heckenbeer- kerne unterwirfst, wonach sie sich dann besonders schnell und kräftig entwickeln."
„Ach wat, Chemie!" machte Herr Manuel verächtlich. „Ich hab-'s damit, — es ist schon lange her, — zuerst auch versucht, doch es iv-ar nix. Aber weil ich nun doch manch- mal über mancherlei uachdenk', was ich so in der Natur
