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Mage nun Wiesbadener Tagbiatt.

|t» 4 505» Morgerr-Ausgshe.

Donnerstag, den 89. OKLoder.

81. Jahrgang. 1903.

öeit^at fdne. 5ÖCrftanl> 8 ' &t " Grenzen, die Dum

Grigorowitsch.

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(36. Fortsetzung.)

Eva Keonr.

Roman von Marie Bernhard.

iand mich Hannah, als sie nach einer langen

.Ausgange heimkehrte.-ich lag,

m bre Kissen des Ruhebettes gedrückt, qJJ?™' s aU ^c etn obiges Wort zu sprechen, ein gSz? u Erklärung zu geben, von Kopf bis Fuß xr-Eud von dem gewaltsamen Schluchzen, das meinen durchwühlw^E^^ und mein Herz bis in seine Tiefen

f . v-,®* c fluchte es zuerst, mich zu beruhigen, mein Ge- uAE omporzuheLen und mir Wein einzuflößen, meine baden, — aber das war alles umsonst. Ich wollte nichts, nichts als weinen, all' das stumme Leiden der letzten Zeit hmivegspülen mit meinen Tränen. Als Hannah sah, daß kein liebevolles Zureden, kein Fragen und ^.rosten half, da fiel es ihr vielleicht ein, was Doktor cr° !■ ri 501 «, " Wohltätigen Ruck" gesagt hatte, den

eine solche Katastrophe meiner Natur geben würde, iind ße setzte sich ,nll neben mich, streichelte ab und zu sanft mein Haar und murmelte ein paar beschwichtigende Worte, bis allmählich meine Brust das stürmische Ar­beiten^ ließ, das krampfhafte Schluchzen in stilles Weinen überging, meine Hände aufhörten zu zucken und das- emsige Frösteln und Zittern, das meinen Körper unaus- r• r schüttelt hatte, verschwand, um einer toten- ähnlichen Erschöpfung Platz zu machen. — Ich konnte EN Mied rühren, kaum die Arigen aufschlagen: ich fühlte nur, wie Hannah eine leichte, warme Decke über Mich legte, wie um mich und in nur alles still, ganz still wurde und der «chlaf, deii das kleine Wiegenlied erbeten hatte, sich fest und tief auf mich herabsenkte.

Wie lange ich geschlummert hatte, weiß ich nichts aber ich hatte das Gefühl, daß noch nie mich je in meinem Leben cm Schlaf so gestärkt hätte, wie dieser. Als ich langsam den Kopf wandte, sah ich, daß es dunkel um mich her war, — das Fenster war geschlossen, aber durch seine unverhullten Scheiben schimmerten zahllose Sterne vom nachtschwarzen Himmel zu mir herein: ich versuchte die Decke, die über mir lag, enrporzuhebcn, aber meine Mieder waren wie gelähmt. Bei meiner leisen Be- Legung jedoch hatte sich's im Nebenzimmer geregt, Hannah kam auf den Fußspitzen herbei, ein kleines Lämpchen, das ste trug, sorgsam mit der Hand schirmeirdiMls sie meine geöffneten Augen sah, stieß sie einen leisen Freudenruf aus und neigte sich über mich. — da lächelte ich sie an. und aus ihren guten Augen fiel eine wanne Träne auf mein Gesicht herab. Gehorsam trank ich von dem Wein, den sie mir reichte, .und ließ es auch geschehen, daß sie mich wie ein kleines Kind rn ihren starken Armen emporhob, ins Nebenzimmer trug und dort zu Bett brachte. — —

»Nun, kleiner Bösewicht, wie.ja, was haben

ivir denn mit uns angefängen? Das sieht ja heute bei- nah' so aus, als sollte aus dem Mondscheingesichtchen ein

Sonnengesichtchen werden, — wir lächeln ja sogar und machen nicht mehr tragische Augen! Daß dich! Frau Hannah, was haben Sie mit ihr gemacht?"

„Ganz und gar nichts, lieber. Herr Doktor; mein Ber- dienst. ist es nicht! Wie ich gestern heimkam. fand, ich sie mit einem Weinkrampf Hier auf dem Sofa liegön, — das hat wohl noch eine Stunde gedauert" — --—

„Wunderschön!"

»So kam es mir zwar nicht vor,, aber ich ließ sie da­bei, weil ich an Ihren Ausspruch dachte! Und dann schlief sie hier aus demselben Sofa ein und lag bis -nachts um zwölf wie eine Tote da!"

„Vortrefflich!"

»Die. Nach: durch hat sie wieder gut geschlafen und heute früh noch eine Tasse Schokolade verlangt, — ich iann nicht denken, wie lange es her ist, daß sie darum gebeten hat!"

„So! Und wie ist Ihnen heut' zu Mute, Prinzeß Eva?"

„Sehr müde, Herr Doktor, und so weich und traurig, als müßte ich immer noch weinen; aber es siebt draußen io sonnig und schön aus, — darf ich nicht heute ein Weil­chen ins Freie?"

Doktor Wörler schlug sich mit der flachen Hand aufs Kme.

„Also wir sehen es endlich einmal, daß es drarißen sonnig und schön aussiebt. — wie? Daß der alte Herr­gott am Ende dies Stückchen Erde, genannt Tirol, gar nicht so übel ausgestattet hat? Daß da drüben die Salz­burger Alpen, der Groß-Glockner an der Spitze, stehen und nur darauf warten, bis ein gewisses Fräulein ihnen die ergebenste Aufwartung macht? —- Das alles war schon wochenlang, sehr schön und sonnig und in schönster Be­reitschaft für Sie, .... verstanden? Aber wer wissent­lich die Augen davor schließt und sein Herz versteckt . . basta, was soll ich mich ärgern? Ich soll mich ja freuen, und ich freu' mich auch. — bloß wissen möcht ich. wer das Wunder gemacht hat? Ich mit meinen Pulvern und Tränken und guten Ratschlägen bin's leider Gottes , nicht gewesen, so gern ich mir dies Wunder auch zueignen möchte! Nun also gebeichtet, kleines Fräulein, — wer oder was war es?"

Ich fühlte, daß ich rot wurde.

-Über mir wurde gestern so wunderbar Klavier ge­spielt" —

Ter Doktor stieß einen langen, hohen Pfiff aus. —

»Also daher weht der Wind? . Gelobet seift du alle­zeit. Frau Musika! Kommt da solch ein Pianist, pfuscht unsereinem ins Handwerk imb zeigt uns in aller Gemüt­lichkeit, daß er das Ding besser versteht, als wir mit unseren Rezepten! Wunderbar Klavier gespielt! Ja. das glaub' ich! Solch eine Seelenstärkung hätten Sie freilich von mir lange umsonst- verlangen können, meine Hönde sind bloß gut dazu, um das Fieber zu konstatieren und mit Seziermesser und Heftpflaster zu hantieren! — Also von heut ab holen Sie. sich Ihren Doktor nur von da oben her; — nun. nun, keine so erschreckten Augen, 's ist so böse nicht gemeint, der alte Wörler schäkert bloß ein bißchen! Ten Herrn, der Sie kuriert hat, kenn' ich schon seit lange, — vor mir läuft er auch nickt davon, denn sonst geht er jedem Menschen lieber eine Meile aus dem Wege! Ta. Frau Hannahs Gesicht bestätigt diesen Aus­spruch! Ein höflicher, stummer Gruß, und das ist alles, nicht wahr? Ja, das wußte ich! Mit dem guten Stölzel

macht er's nicht anders, — er ist eben nicht hier herauf- gekommen, um Geselligkeit zu pflegen,— im Gegenteil, er entflieht ihr gerade! Nun also, meine liebe Frau Bertram! Heut in der Mttagsstunde sollen Stölzel und Sepp das kleine Wesen da mitsamt dem Lehnsüchl und der roten Decke ins Freie hinaustragen, hier vor die Tür, geradeswegs in den Sonnenschein, und da soll sie sitzen, so lange, bis sie wieder hinein verlangt! Begriffen? Ich hoffe! _ Und adüio! Ergebenster Diener!!" — —

■ „Lieber Herr Doktor!" rief ich ihm schüchtern nach.

„Und?" Er wandte sich auf dem Absatz um.

„Bitte, — Sie werden doch nicht —- Sie werden doch nicht — dem fremden Herrn untersagen zu spielen, weil es mich aufgeregt hat?"

„Daß ich ein Narr wäre!" platzte der Dokwr mit komischem Ingrimm heraus. „Da würde ich mir schön ins eigene Fleisch schneiden! Der Hexenmeister soll Sie ja gesund spielen, hat schon einen respektablen Anfang gestern abend gemacht! Und der ist auch gerade einer, der sich von einem simplen, obskuren Landdoktor wie ich so ohne weiteres das Spielen würde verbieten lassen! Hoho! Bloß die Augen möchte ich sehen, wenn ich mich das unterstände! Solch ein Herr wie der ist souverän von Gottes Gnaden und die Fürsten, die Grafen, Barone, und wie die schönbetitelten Kavaliere sonst noch genannt werden, haben sich vor dem Genie zu neigen! Also darum keine Furcht! Aber angenehm soll mir's sein, in Zukunft immer „.lieber Herr Doktor" von Ihnen genannt zu wer­den. Es klingt mir hübsch !" Er warf mir ein zärtliches Knßhändchen zu und ging. -—-

„Hannah", sagte ich und nahm ihre kräftige, große Hand in meine beiden Hände, „wieviel Uhr ist's denn? Bis zur Mittagsstunde dauert es Wohl noch lange? Weißt du, ich habe rechte Sehnsucht, ins Freie zu kommen, ich freue mich darauf!"

Sie neigte sich mit feuchten Augen über mich.

„Monatelang Hab' ich auf solch ein Gesicht und solch einen Ton von dir gewartet, Kind, -— und nun, da ich schon verzagen wollte, geschieht das Wunder doch noch! Mein Lebtag Hab ich ja die Musik geliebt, aber jetzt, da sie mir meinen Liebling gerettet hat, Hab' ich sie noch tausendmal lieber! Aber — was du wissen wolltest. Kleine — wir haben noch eine gute Stunde Zeit, bis wir hinaus dürfen, derweilen wollen wir ein wenig Toilette machen !"

Nun. das war bald geschehen: ein weiches, lichtblaues Morgenkleid, von zarten Spitzen umkräuselt, legte sich schmiegsam um meine Glieder, und die dicke, purpurrote Decke sollte über meine Kniee gebreitet werden. — Seit langer Zeit sah ich zum ersten Mal wieder aufmerksam in den Spiegel.

Mit meinen kurzgeschnittenen blonden Haaren, dis Mir tief in die Stirn fielen und sich in dicken Ringeln eng an den Kopf legten, mit meinem schneeweißen Gesicht, dm übergroßen, dunkeln.Augen und den tiefroten Lippm sah ich wie ein krankes Kind aus. —- ich hatte ein ähn­liches einmal irgendwo auf einem Gemälde gesehen, wußte mich aber nicht mehr genau zu erinnern. Meine Hände waren so bläß und schmal, Susis hübscherVergißmeinnicht- ring hatte auf einen andern Finger wandern müssm, den er auch nur leise umschloß, und mit dem Gehen wollte es noch nicht vorwärts.; ich taumelte immer zur Seite, Hannah mußte beispringen und mich haltm.

(Fortsetzung folgt.)

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