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Wiesbadener Tanblstt
si. Jahrs«««.
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506. Berlaas-Fernsprecher No. 2958. j C*CH 29* 10 {«fl?llkV«
Redaktions-Fernsprechcr No.
1993 .
Abend -Awsgalse.
Pas faaii dn inilicptnäten WMdeitka.
3)ian könnte sich schon ein« ganze kleine Bibliothei aus den Büchern, Abhandlungen, Berichten und Reden zusammenstellen, mit denen uns eine Reihe von Großindustriellen, Großkanfleuten und Fachgelehrten während des letzten Jahres über die amerikanischen Verhältnisse aufzuktnren bemüht gewesen ist. Das Studium Amerikas ist Mode geworden. Was diesen Studienreisen ihren besonderen Charakter gibt, ist, daß man weiß, wie lebhaft sich der Kaiser und die leitenden Persönlichkeiten der Regierung für die Sammlung der an Ort. und Stelle gemachten Beobachtungen und Erfahrungen interessieren. Zwar das dem. Kaiser zugeschriebene Wort: „Ich kann nur Amerikaner gebrauchen" ist in dieser Form nicht gefallen, aber die Anekdote trifft nicht allzu sehr daneben. Es ist wohlbekannt, das; der Kaiser nicht bloß den höchsten Respekt vor den Leistungen der amerikanischen Volkswirtschaft hat, sondern daß er bestrebt ist, unser Wirtschaftsleben durch die Ergebnisse sachkundiger, jenseits des Ozeans gemachter Wahrnehmungen zu befruchten. Namentlich die Reise des Finanzministers v. Rheinbaben mußte in diesem Zusammenhänge angemessen gewürdigt werden. Man weiß ferner, daß der Kaiser die Berichte des Geheimen Komnierzienrates Goldberger aus Amerika nnt Interesse verfolgt hat, wie er sich denn auch nicht versagt hat, einige dieser Berichte seinen Gästen aus der „Sohenzollern" selbst vorzulesen. Goldberger, der für Amerika das glücklich geprägte Wort „das Land der.unbegrenzten Möglichkeiten" gefunden hatte, hat jetzt seine Berichte mit starker Erweiterung und nach gründlicher Durcharbeitung gesammelt herausgegeben. Das Buch (Berlin, Fontane) trägt gleichfalls den Titel: „Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten".
Um es gleich und um es kurz zu sagen: Es ist ein gutes Buch, eines, aus dem man nicht nur lernt, sondern bei dem es einem auch behaglich wird, ein Buch, das die Schnelligkeit und Eindrucksfähigkeit einer sicheren Be- obachtungsgabe mit den angenehmen Reizen eines leichtflüssigen'Stils und frischester Unmittelbarkeit verbindet. Ter Verfasser läßt dem Leser das Gefühl zurück, daß er sich seiner Führung beruhigt hat anvertrauen dürfen. Überall hat man die Empfindung, daß eine strenge Selbstprüfung gewaltet hat. eine gewissenhafte Nachprüfung der empfangenen Eindrücke auf ihren Zusammenhang mit den gezogenen Schlüssen. Amerika wird lebendig vor dem Beobachter, die gigantischen Kräfte dieses aufstrebenden Organismus arbeiten sichtbar vor dem Zuschauer, unb das Bild ist groß, beinahe erschütternd.
Was uns Deutsche nun aber mit Beruhigung erfüllen kann, das ist, daß der Verfasser aus der Bewunderung für die amerikanische Entwickelung keineswegs kleinmütig in die heimischen Verhältnisse zurückkehrt, sondern gerade an dem Anblick der amerikanischen Regsamkeit das Vertrauen auf die deutsche Kraft wachsen fi'chlt. Schlummern in Amerika unbegrenzte Möglichkeiten, so fehlt es an ihnen auch nicht in der deutschen Energie, in der trefflichen Verbindung von praktischem Ernst und wissenschaftlichem Forscherdrang, der das wirtschaftliche Leben unserer Nation in seinen höchsten rind wichtigsten Konzentrationen, auf dem Gebiete unserer führenden Industrien beherrscht. Goldberger ist jedenfalls weit davon entfernt, die sogenannte amerikanische Gefahr tragisch nehmen zu wollen. Er wendet sich scharf u. a. gegen den Grafen Tiele-Winckler, der von dem „ergrauten Europa" spricht und zur Abwehr der vermeintlichen amerikanische Gefahr nichts Klügeres anzuraten weiß als eine übertrumpfung des dortigen Schutzzollsystems. Vielleicht findet der Verfasser, daß es etwas salopp wäre, ihn sich dahin resümieren zu lassen: „Was Amerika kann, das kann Deutschland auch". Aber ettvas von solcher Empfindung, in der keine Anmaßlichkeit steckt, sondern kraftvolles, aufrüttelndes, vorwärtstreibendes Selbstgefühl, ist jedenfalls in dem Buche enthalten, und weil es ein so erfreulicher Beweis eines kerngesunden Optimismus ist, daruin gerade hat es seinen Wert. Es ist schön und gut, daß man von diesem Buche mit der Sicherheit scheiden kann: Wir brauckien wahrhaftig nicht zu verzagen.
Politische Übersicht.
Tic „Entvölkerung" Frankreichs.
IV. Paris, 27. Oktober
Eine stete Quelle der Betriibnis ist für jeden Franzosen der Umstand, daß sich die Bevölkerung Frankreichs nicht oder wenigstens so gut wie nicht vermehrt. Was sind nicht schon alles für Pläne aufgetaucht, um diesem Übel abzuhelfen, denn es steht ja die militärische Macht der Republik auf deni Spiele, doch alles war umsonst. Nach den Statistiken für 1901 schien es allerdings, als ob der Wendepunkt zum Besseren gekommen sei und deshalb kann man sich leicht vorstellen, wie enttäuschend die letzten, soeben offiziell ermittelten Ziffern gewerkt haben. Es sind allerdings in 1902 83 944 Personen mehr geboren worden als gestorben, d. h. ein Überschuß von 11646 gegen das Vorjahr, aber dieser Überschuß kommt daher, weil sich die Sterblichkeit sehr stark verringert hat. Das ist zwar ein erfreuliches Zeichen vom allgemeinen menschlichen Standpunkt aus, aber in dem gegebenen Falle nützt es nichts, denn aus alten Leuten
kann man keine Soldaten machen, und dieGeburten haben
sich auch in 1902 wiederum verringert, nämlich um 11 896. Aus der erwähnten größeren Langlebigkeit besitzt also auch die Vermehrung der Bevölkerung von 22 gegen 19 per Zehntausend in 1901 keine Bedeutung, wenngleich sie immerhin wesentlich größer ist als füv die Periode 1891—1900, wo sie nur 6 per 10 000 ausmachte. Was will das aber sagen im Vergleich zu andern Ländern, wo die Ziffern wie folgt lauten: England und Österreich je 116, Italien 110, Belgien 109 usw., und was am schmerzlichsten empfunden wird, im Vergleich zu Deutschland mit nicht iveniger als 147! Aus den letzten Statistiken sind übrigens auch andere Zahlen von Interesse, so z. B., daß die Zahl der Heiraten um 8683 gegen 1901 zuriickbleibt, dagegen die Scheidungen sich um 690 vermehrten und daß von 771 307 Neugeborenen 74 074, d. h. beinahe 10 Proz., illegitime Kinder sind.
Norwegisches.
u. E h r l st l a n i a , 25. Oktober.
Das am meisten konstitutionell regierte Land der Welt ist unzweifelhaft Norwegen. Freilich war dieses nicht immer so, doch seitdem im Jahre 1884 die Mitglieder des Kabinetts Sehner durch das Obergericht des Königreiches, den Rigsret, zum Verlust ihrer Ämter und zu hoheri Strafen verurteilt worden waren, weil sie dem Könige geraten hatten, seine Sanktion zu wichtigen, von dem Storthing beschlossenen Gesetzen zu verweigern, sert- dem wagt es kein Minister mehr, im Gegensatz zu dev Kammermajorität zu handeln. Das radikale Kabrnett Mehr gab daher sogleich seine Demission, als die L>ep- temberwahlen gegen dasselbe ausfielen, und König Oskav beauftragte auch ohne weiteres Franz Hagerup, den Rechtslehrer an der Universität Christiania und Führer der Konservativen seit dem Rücktritt Stangs, mit dev Neubildung des Ministeriums. Dasselbe setzt sich aber jetzt durchaus nicht allein aus Mitgliedern der Rechten« sondern auch aus Männern zusammen, die der Linken angehören und sich doch jetzt auf Grund eines einheitlichen Programmes vereinigt haben. Dieses Phänomen er- klärt sich durch folgendes. Die Radikalen, welche lange Jahre am Ruder warm, haben fast alle bie Reformen dnrchgesetzt, die sie auf ihre Fahne geschrieben hatten« wie allgemeines Stimmrecht, Einkommensteuer, Geschworenengerichte usw. Jnzwischm tauchten aber neue Fragen auf, über die die Meinungm geteilt warm, und darüber kam die Partei zu Fall. Die wichtigste unter diesen Fragen war die, wie die Radikalen sich der Sozialdemokratie gegenüber verhalten sollten. Die eifrigsten Anhänger Blehrs waren nur zu geneigt, mit den Gc- nossm gemeinsame Sache zu machen, während andere Radikale mit vollem Recht darauf hinwiefm, daß es beinahe ein Verbrechen sei, in einem Lande das Kapital
Oie Kevolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(14. Fortsetzung.)
VI.
Herr Manuel wünscht „wohl gespeist, zu haben", aber deckt einen üblen Nachtisch ans. Wie er Gottiried sein großes Geschaito- geheimnis preisgiüt und ihn zu seinem Nachfolger im „vabora- torium" einsetzen will. Wie der junge Mann seine Vorschläge aunahm und daraus von Herrn Manuel ireudig als ein echter von der Psortcn anerkannt wird.
„Wünsche wohl gespeist zu haben", sagte Herr Manuel von der Pforten und rückte semm stuhl vom Tische ab, indes Agnes begann, das Tellerzmg zusammenzusteüen.
Mablzeit!" erwiderte Gottfried.
"Soll ich dir die „Köl'sche" bringen, Papa?" frug das Mädchen, doch Herr Manuel bestimmte: „M^jetz wollen wir noch ein Püllchm trmken. Der Herr läeveu kann sich, derweil du dm Wein holst, seme lange Piep berüberschaffm. Man kann gemütlicher daber plaudern, und es ist nun doch so allerlei zu überlegen um zu besprechen, wozu wir untertags noch mcht gekommen smd.
Gottfried verließ das Zrmmer, um der Weisung zu snlaeu und Agnes ging ebmsalls und kehrte gleich darauf W einer TabL und zwei Gläsern zurück gefolgt von Trinkm, der sauberen Magd, die schnell den ^rsch ab-
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tzgiidelsaärtner zu seiner Tochter. „Du kannst ruhig ^aböi sivcn bleiben." Und auf ihren Emwand, daß er Dinge mit dem Vetter bereden wolle, miaean te er Das schad' nix. Erstms weißt du ja doch mi?allen diesm Sachen Bescheid, besser fast als ich selber. 2 na, und dann schad' es rhm auch mal
n ? wem,' er ein bißchen geduckt wird, nachdem er in ©Lomtaa mit mir und den anderen so Bimbam ge- S S Z $c! ich kann die Geschichte immer noch
nicht vEindm! Weiß der Dmwel, wenn mir der Frei
Herr schließlich nicht so zugeredet hält', ich hält' die Präsidentschaft doch noch niedergelegt. Aber er hat recht, das Kröppelstüg würd' sich freuen, wenn die rechten Leut fahnenflüchtig würden, zumal in der jetzigen Zeit, wo alles glaubt, an Obrigkeit und König seinen Schnabel wetzen zu dürfen. He! Und wo es einem so sauer wird, dm Kopf oben zu halten, da kommt auch noch so'n Grünschnabel daher und verschimpfiert einen und seine Sach'."
„Das ist nun erledigt, Vater", wandte sie ein. „Er hat dich doch nicht gekannt und du hast selber gesagt, daß ein Fremder ’nen schönen Begriff hätt' kriege,! müssen, der dre Kaltenberger Geckensitznng mitgemacht hätt'. Und dann hat er dich doch auch gar nicht direkt angeulkt."
„Schwätz' nur", sagte Herr Manuel und nahm die lange Pfeife, die sie ihm gestopft hatte, mit einer stolzen Gebärde mtgegm. „Schwätz' nur. Du hast ihm ja heut' mittag schon das Wort geredet und möchtest deinen alten Vater dumm machen. Dich kennen wir schon ... Hm", brummte er nach einer Weile, „hm, er hat sich ja heut' in allem Anstand entschuldigt, und gefallen hat er mir gleich, wie ich ihn da neben dem Engels-Pitters- Oberam sitzen sah, neben seinem Spießgesellm. Na, dein Oberam well ech et noch wiesm! Der bezahlt mir von jetzt an einen Silbergroschen mehr für jeden Dornstock. Verstanden?"
„Dann legt er uns doch bei anderer Gelegenheit dafür herein und hält sich schadlos."
„Da muß ihm eben auf die Finger gepaßt werdm. Wat ech geseiht hau, hau ech geseiht: einm Silbergroschm Pro Stock mehr!"
„Nun gut. Wer die Geschichte mit dem Vetter ist jetzt vollständig erledigt. Was sollt' er denken, wenn du noch weiter daraus herumreitest. Unter gebildeten Leuten wird doch so was mit einer Aussprache abgemacht. Und daun: vielleicht ist es doch besser, du erledigst seine Vermögmsangelegmheit mit ihm selber. Was brauch' ich dabei zu sitzen. Das ist für ihn und für mich peinlich."
„Das ist mir ganz einerlei. Und es schad' ihm gar nix, wenn er ein bißchen geduckt wird, wie ich schon sagte, gar nix schadet's. Und du bleibst da und trinkst ein Glas Wein mit. Es ist gewissermaßen ein Faimlljenrat.
der hier abgehalten wird, und da sollst du nicht fehlen. Bist zwar noch ein Kiek-in-die-Welt, aber wmn's drauf cmkommt, bist du noch keine von dm Dümmsten."
Nun kehrte Gottfried zurück, mit einer langm Pfeife bewaffnet. Herr Manuel ließ sich dm großen leder- gepolsterten Lehnstuhl an dm Tisch rückm, setzte sich gravitätisch darin zurecht, schlug die mageren Beine, welche mit straminenm Pantoffeln behaftet waren, übereinander und ließ sich, die Mime eines Königs cmnehmend, von Agnes die Pfeife mit einem langen Holzsidibus anzünden.
„So, nu schenk ein!" befahl er, und als es geschehe, erhob er zierlich sein Glas gegen Gottfried und sprach: „Auf deine Zukunft, mein Herr Neveu!"
Gottfried, einigermaßen betroffen von der Feierlichkeit des Tons, bedankte sich, und Ällanuel fuhr fort: „Tenn deine Zukunft, mein lieber Neveu, scheint mir leider nicht mehr so behaglich auszusehen, wie noch vor einem Jahre. Darf man zum Beispiel fragen, wie du dir das so gedacht hast mit deiner Zukunft?"
„Wie soll ich mir das gedacht haben, lieber Ohm? Sorgen brauch' ich mir doch nicht zu machen. Das Der- mögm, das mir die Eltern hinterließm, wirst mir eine so schöne Jahresrmte ab, daß ich mich bei meinen bescheidmen Bedürfnissen fast anstrengm muß, sie auszu- geben. Das ist denn ja auch der Grund gewesen, daß ich mich so ungezwungen meinen wissenschaftlichen Neigungen hingab und bisher noch nicht eigentlich daran dachte, mich in irgend ein Joch einzuspamim. Ich will noch ein Paar Jahre Honig sammeln. Das ist auch die llrsach', weshalb ich diesen Winter nach Griechenland will. Ihr wißt, daß ich mich seit einigen Jahren besonders mit der antikm. Kunst befaßt habe, und da ist mir denn diese Reise von großer Wichtigkeit, nachdem ich im vorigen Jahr Italien gründlich und nicht ohne Nutzen durchstöbert Hab'."
Ter Alte nickte, und um seinen Mund spielte ein verkniffener Zug, als er sagte: „Ja, nach Jtaljeu oder zu den Griechen möcht' ich auch mal. Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen."
Agnes aber schaute in ihr Glas und seufzte vernchnl- sich
