1. Beilage jran Mestmüener Tagklatt.
Ws. 303. Morgen-Ausgabe. Mittwoch» den 28. Oktober. 81. Jahrgang. 1903.
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Ans dem sicheren Alttn-Wiükk! wie im Parlamente die welscsien und tapfersten Ratschläge geben — ist leicht; [J tchwcrer, wenn e« pelanp, rüstig linb nützlich zn leben und i» zu Wirten; aber am schwierigsten: selig und freudig, weil £ gläubig, zu sterben! *
Aus den „Losen Blättern" des Nachlasses
von A. v. Roon. T
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(85. Fortsetzung.)
Goa Keom.
Roman von Marie Bernhard.
„Ich mag nicht gleich wieder fort", widersprach seine Summe in diesem Augenblicke meinen Gedanken, ich muß zusehen. wie sich's lebt mit diesen fremden Leuten und ob man an einander vorüberkommt, ohne sich gegenseitig im Wege Zu stehm. Sie wissen, Stölzel, Rücksichten kann ich nicht nehmen, ich bin's nicht gewohnt, und hier am allerwenigsten, wo ich bisher stets der einzige Gast war! Lassen Sie inrmer meine Effekten herauftragen, — für ein Paar Tage will ich dm Versuch machen! Sie mögm nicht anders gekonnt haben, und natürlich kann es mir nrcht einfallen, Ihren Vorteil hindern zu wollen; aber mich verstimmt es sehr, mein liebes gewohntes Logis zu missm und das rasche, bequeme Heraustreten aus der Tür zu jeder Zeit, — dafür ist ein Balkon nur ein schwacher Ersatz!"
»Hätt' ich nur eine Ahnung gehabt! Ihr Gnaden wissen, daß mein Haus ganz zur Verfügung steht und daß Ihr Gnaden immer den Vortritt haben, und wenn Grafen und Fürsten sich um das Logis melden! Nur weil ich" — —
„Lassen wir's gut sein, Stölzcl, ich will sehen, ob sich's tut! Ta kommt Sepp nach meinen Koffern, — grüß Gott! lind da zeigt sich Burgei, die Sie sprechen möchte,^— gehen Sie immerhin, Stölzel, ich folge gleich. Sie wissen ja, ich finde mich hier zurecht. — Ah, — guten Abend ! Mit wem habe ich die Ehre? Wohl einer der Logiergäste aus Dresden?"
„Ganz^ recht", antwortete meiner Hannah wohlbekannte Stimme, ■— sie mußte eben von ihrem Gange zurückgekehrt sein — „ich bin Frau Bertram aus Dresden, und aus dm letzten Sätzm Ihres Gespräches mit Herrn Stölzel, die ich noch hörte, entnehme ich. daß Sie, mein Herr, der regelmäßig wiederkehrende Gast sind, dessm unser Wirt gleich in der ersten Stunde unserer Ankunft gegen uns erwähnte und dessm Wohnung er uns überließ, in dem sestm Glauben, Sie wiirden in diesem Jahre nicht hierher kommen. Er wird sehr unglücklich über dies unerwartete Ereignis sein, und mir ist es äußerst peinlich. Ihnen, Herr—"
„Vernon, meine gnädige Frau.!"
„Herr Vernon, also eg ist mir peinlich, nicht augenblicklich Ihre alte, Ihnen liebgewordene Wohnung Jhnm zur Verfügung zu stellen und selbst von dem hoher gelegenen Logis Besitz ergreifen zu könnm — allein der Arzt hat meiner Kleinen, die so äußerst schwach und kraftlos ist, das Treppensteigen ganz untersagt." —
»Ich bitte Sie, — kein Wort von einem Tausch, meine
Gnädige! Alles bleibt, wie es ist, das versteht sich von selbst! — Sie habm eine kranke Tochter?"
„Nicht meine Tochter, aber mir ans Herz gewachsen, wie eine solche! Die Kleine ist mein Pflegekind, ich mühe mich so redlich, mit dem braven Doktor Wörler im Verein, sie gesund zu machen, aber bis jetzt vergeblich."
„Das ist ja traurig! Krank -— hier krank — angesichts des Groß-Glockner und der ganzen Tiroler Alpen- pracht! Nun, wir habm einm späten Frühling diesmal; wenn er mdlich mit voller Macht einsetzt und der Sommer ihm auf dem Fuße folgt, wird auch hoffentlich für Jhrm Pflegling die Genesung kommen. Ich, wie ich da bin, werde Sre, will's Gott, in keiner Weise stören, — ich bin ein Natur- und Einsamkeitsanbeter und hier hat man beides zum Glück aus einer Hand, was man nicht von vielen Orten in der Welt sagen kann. — Eins nur: ich darf doch hoffentlich Klavier spielen?"
„O gewiß —- natürlich — das versteht sich — wer dürfte sich wohl erlauben, das zu verbieten?" siel Hannah mit übereifriger Hast ein, wobei doch eine geheime Angst für mich durchklang.
_ „Ich bin überzeugt, Doktor Wörler wird, — und meine Kleine, die gerade für Musik — ich höre, es ist Ihr. Beruf" — •—
_ „Es ist mein Beruf, — ja! Mer da meldet Sepp, daß meine Effekten untergebracht sind; einstweilen meine Empfehlung, gnädige Frau!"
Zwei Minutm darauf stand Hannah neben meinem Lehnsessel.
„Das trifft sich recht böse, Eva, --nun ist der
Herr, dem fast oie Zimmer gehörten, unerwartet ange- kommen, •— hast du es von hier aus mit angehört? Ja? Nun, an übersiedeln kann ja selbstredend kein Gedanke sein, da du so schwach bist, daß du nicht einmal allein querüber die Stube gehen, geschweige denn eine Treppe steigen kannst, — und in die Luft hinaus mußt du, je eher, je lieber, Wörler hat mir's eben noch ausdrücklich betont; heute ist es köstlich draußen! — Aber nun das Klavierspielen!! Herrgott, Kind, es wird dir ja die kranken Ne wen in Grund und Boden hinein verderben, und verbieten kann man es chm doch unmöglich, — er ist nicht hier heraufgekommen, um sich von wildfremden Menschen Vorschriften machen zu lassen! — Ein eigentümliches Gesicht, daß gewiß kein Mensch vergißt, der es einmal gesehen hat — nicht jung und nicht alt, nicht schön und nicht häßlich, — aber eben so ganz eigentümlich. Übrigens stolz und stark gewachsen, nach überspielten Nerven, von denen Herr Stölzel ja doch sprach, sieht der nicht aus! Vernon! Vernon! Hat gar nicht das Äußere eines Franzosen und auch nicht die Aussprache! Hast du denn jemals von einem berühmtm Pianisten Vernon etwas gehört?"
Ich schüttelte den Kopf.
„Dann wird die ganze Berühmtheit, mit der der gute Stölzel so überaus wichtig und geheimnisvoll tat, wohl in dem gespickten Portemonnaie des Herrn stecken! Nach einem gefeierten Künstler schmeckt auch sein ganzes Auftreten nicht, er gab sich so einfach und höflich wie unsereins! Wenn er nur nicht Musik machen wollte, Kind, —- gegen seine Gegenwart hätt' ich sonst nichts, denn er wird still seine Wege gehen und uns ungeschoren lassen! Komm', Kleine, trink' ein Gläschen Wein, — wenn dir's auch
nicht schmeckt, — deinem alten Quälgeist zulieb! So! Jetzt können wir bloß immer warten, bis über unseren Köpfen das Klavierspielen anfängt!" —
Es fing aber nicht an. — Es dämmerte, es dunkelt, Hannah brachte mich zu Bett und setzte sich mit chrer
Arbeit daneben,-- oben blieb alles totensüll, und
Hannah sprach die Hoffnung aus, Monsieur Vernon werde sich selbst und uns für die nächsten Tage der Ruhe gönnm.
Wirklich vergingen zwei Tage, und von dem neuen Einwohner war nichts zu sehen und zu hören; er verließ, wie .Herr Stölzel berichtete, morgens früh, nach genossenem Kaffee, das Haus, kam zum frühen Mittagsmahl, das er in seinem eigenen, kleinen Salon einnahm, zurück, hielt eine kurze Siesta und ging dann wieder, einen Imbiß in der Wandertasche mit sich führend, in die Berge. „So hat er's hier allezeit getrieben, und ich Hab' mich nimmer auszuwundern vermocht, was so ein Herr inutterseelenallein in der weiten, großen Natur zu schaffen hat?"
Am dritten Tage gegen Abend war Frau Stölzel aus Sankt Johann heraufgekommen, und Hannah hafte, auf mein Zureden, mit der freundlichen, munteren Frau einen Spaziergang gemacht. Da ich mich besonders matt und elend fühlte, so verließ ich meinen Platz am Fenster, schlich, mich mit beiden Händen an den Möbeln haltend, zu der in der Tiefe des Zimmers sichenden Ruhebank und legte mich dort so erschöpft nieder, als hätte ich eine Tagereise hinter mir. Meine Augen schlossen sich und ich verfiel in eine Art von Halbschlummer, ohne jedoch das Bewußtsein zu verlieren.
. .'.Da kam aus der Ferne ein Klingen
herüber, — ein unterirdisches, unerklärliches meinte ich zuerst, — bis meine verwirrten Ideen sich zu lichten, ans ihrem Halbtraum zu erwachen begannen und ich nun ein wenig den Kopf hob, um zu lauschen.
Von oben kam es, deutlich hörbar, Ton für Ton, auch der leiseste und zarteste, — freilich mein Fenster stand weit geöffnet und über mir mochte es ebenso sein! Ein sanftes, wiegendes Schlummerliedchen, ganz einfach,
•— eine süße, etwas wehmütige, zum Herzen sprechende Melodie, wie geschaffen, ein Kind in den Schlaf zu singen.
War jeder Ton wie beseell, — sprach er mit Worten zu mir, — oder erschütterte die langentbehrte, geliebte Musik mein ganzes Wesen in dieser ungeahnten Weise? Wie etwas unsäglich Geliebtes, längst Lotgeglaubtes stand auf vor mir, — -— sah mich an mit zärtlichen, weinenden Augen, küßte mich mit weichen Lippen! War dos die Mutterliebe, die in dem kleinen Schlafliedchen gebannt gelegen hatte und die nun über nrein vereinsamtes Herz herniederströmte, so allgewalftg, daß feine Schläge mir die Brust zu sprengen drohten? — Mein Kind, mein süßer Liebling, — ich bin bei dir — ich halte, ich fasse dich — du sollst nie wieder allein sein — sei ruhig, sei gut, deine Mutter wacht für dich!
Ich richtete mich, an allen Gliedern zitternd, auf, ich stierte in den leeren Raum, breitete meine Arme aus und dann, während über mir das kleine Lied sein Wiegen und Kosen fortsetzte, kamen endlich die Tränen, und ich konnte weinen —weinen — weinen, als solle mein ganze Seele sich anflösen in diesen unaufhaltsam stürzenden Tränen. lFortsetzung folgt.)
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