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Der Kampf um die Majestätsrechte.
n. Wien, 26. Oktober.
In der Wiener Hofburg wird fetzt ein schwerer Kampf gekämpft: Ter Kampf um die Majestätsrechte. Ob er auch ausgekämpft werden wird, wer vermag es zu sagm?! Wir glauben kaum. Dieser Kampf, der eigentlich schon im Fahre 1830 im ungarischen Reichstage von dein Verfechter der Unabhängigkeitsidee, Ludwig Kossuth. begonnen wurde, der hierbei von dem Gesichtspunkte ausging, daß Ungarn von den Habs- vurgern niemals erobert worden sei, sondern dieses Haus lni Fahre 1688 in freier Entschließung als Herrscherhaus anerkannt habe, hat im Fahre 1848 zu dem gewaltigen Aufstande geführt, der nur durch Hülfe einer fremden Macht niedergewvrfen werden konnte, ohne daß deshalb die ungarischen Aspirationen hätten erstickt werden können. Und nach einem langen latenten Widerstande der ungarischen Nation kam endlich im Jahre 1867 nach den Niederlagen der österreichischen Armeen aus den böhmischen Schlachtfeldern der Ausgleich zwischen Krone und Nation zustande, ein Paktum, welches in betreff des Kampfes zwischen Majestätsrechten und Unabhängigkeits- Tendenzen zu einer Art von Wassenssillstand führte, der nunmehr zirka 30 Jahre gewährt hat. Durch einen Zufall, durch einen Funken, der in das immer bereitstehende Pulverfaß der ungarischen Unabhängigkeitsideen siel — die Rolle des Funkens spielte der unselige Gedanke einer Erhöhung des Rekruten-Konsingents — gab's eine neue Explosion: der alte Kampf zwischen Krone und Nation begann aufs neue, und darf man da nach einer vierteljährigen Dauer dieses für beide Faktoren so wichstgen Kampfes auf eine endgültige Entscheidung hoffen, die doch entweder für die Krone oder für die Nation eine Abdikation aus grundlegende Rechte involvieren müßte? Leider nicht! Die geheimen Räte und Minister beider Reichshälften geben einander in der Wiener Hofburg die
Klinke in die Hand, aber das „Niemals" des Armeebefehls von Ehlopy, welches von dem Aufgeben angeblich ererbter Majestätsrechte nichts wissen will, steht dem „Niemals" der Adresse der Unabhängigkeitspartei, die in ein Verzichten der Rechte der Nation in keinem Falle willigen will, ebenso starr gegenüber wie zuvor. Der Herrscher betrachtet die Armee als das „noli me tangere", das in seiner einheitlichen Organisation nicht erschüttert iver- den darf, das ungarische Parlament, die liberale Partei mbegrissen, beharren aus dem Standpunkt, ldaß selbst, wenn man von Majestätsrechten im Sinne des Hofes sprechen könnte, jedes Gesetz aus dem Wege der Kom- promittterung jener Faktoren, durch welche es zustande gekommen ist, d. h. der Krone, sowie der Legislative, also auch die Kommando-Sprache, abgeändert werden könne. Wie soll diese gähnende Kluft nun überbrückt werden? Tre Wiener Kreise glauben, durch das System der Aushungerung die ungarische Festung zum Kapitulieren zu zwrngen. Diese Ratgeber der Krone kalkulieren etwa folgendermaßen: Das ungarischeJahreserfordernis beträgt ca. 1120 Millionen Kronen. Hiervon werden 900 Millionen durch indirekte Steuern gedeckt und nur 200 Millionen entfallen auf die direkten Steuern, welche die Komüate verweigern können. Da jedoch die Staatskassen gegenwärtig mehr als 200 Millionen Kronen Überschuß answeisen, so könnte die Steuerverweigerung, welche im übrigen die freiwilligen Steuerzahlungen seitens der Staatsbeamten, der Banken und einzelner Privaten nicht ganz, zum Aufhören bringt, wohl an zwei Jahre und vielleicht noch länger ohne eine fühlbare Erschütterung des Staatshaushaltes ertragen werden, ebenso wie die vom 1. Januar 1904 notwendig werdende Entlassung eines Drittels der ausgedienten Soldaten, was sich in den folgenden Jahren im selben Ausmaße wiederholen müßte, durch Einberufung der Ersatzreserve wettgemacht werden könnte. Dies aber ist eine schlimme, sehr gefährliche, destruktiv wirkende Theorie, die, in die Praxis umgesetzt, ganz unvorhersehbare Folgen haben könnte. Wo ist z. B. die Garantie dafür vorhanden, daß der Widerstand der Nation nicht auch das Einrücken dieser Ersatzreserve fraglich machen würde? Oder daß eine derartige Armee den Wert für die Mächte des Dreibundes behalten würde? Ter Monarch weiß und fühlt dies sehr wohl und sucht gegenwärtig mit Hülse der in Wien weilenden ungarischen Staatsmänner Lukacs und der Grasen Khuen und Tisza nach einem Auswege. Die Situation des greisen Herrschers ist keine beneidenswerte. Sie birgt die schwierigste und schmerzlichste Selbstverleugnung in sich Es heißt, der. Kaiser-König wäre gerne zu vielen Konzessionen bereit, nur wünsche er die Ausschaltung einer jeglichen Deklaration bezüglich der Majestätsrechte. Wer auf dieser Basis die Regierung übernimmt, der kann ungarischer Ministerpräsident werden .... Jedoch auf wie lange? ....
1903 .
Politische Übersicht.
Kanalfriede?
L. Berlin, 27. Oktober.
Es will nach Gebühr bemerkt sein, ktfc die Mitteilungen der „Vosstschen Zeitung" über ein in der Mittellandkanalsrage abgeschlossenes Kompromiß von keiner der Stellen, die dabei in Betracht kommen müssen, Widerspruch gefunden haben. Die Angaben dieses Blattes, wonach der Kanal vom Rhein bis etwa Braunschweig, llicht aber weiter bis zur Elbe geführt werden soll, hatten so bestimmt gelautet, und die Teilnehmer des Kompromisses waren so deutlich bezeichnet worden, daß sowohl die Regierung wie die Führer der Konservativen, der Freikonservativen und des Zentrums Veranlassung genug zu Zurückweisungen oder doch Richtigstellungen gehabt hätteir, wenn sie dazu imstande gewesen wären. Nachdem: eine Reihe von Tagen seit der Veröffentlichung jener Mitteilungen verflossen ist, muß deshalb allerdings nachdrücklich vermerkt werden, daß allgemeines Schweigen der betreffenden politischen Kreise die Antwort war und anscheinend bleiben soll. Ist dem aber so, dann sind die bezüglichen Enthüllungen die Wahrheit, und man stände in der Tat vor einer Wendung, die bis vor kurzem gewiß nirgends erwartet worden ist. Man möchte sagen: Gerade wegen der Sonderbarkeit des vereinbarten Kanak- friedens, gerade wegen des grotesken Aushülfsmittels, den Mittellandkanal eben nicht zum Mittellandkanal zu machen, sondern ihn sich totlaufen zu lassen, gerade wegen dieser Wunderlichkeiten erhöht sich die Glaubwürdigkeit der Nachricht. Denn irgend etwas ganz Abenteuerliches, Geschraubtes, Kniffliches mußte geschehen, damit eine verwirrte Sache zunächst noch verwirrter werde, um schließlich durchdas Übermaß ihrer Verkehrtheiten den entscheidenden Zwang zur Rückkehr zur gesunden Ver- nunft auszuüben. Ist der Inhalt des Kompromisses richtig wiedergegeben, so haben sich die Kanalgegner mit einem Scheinsiege begnügt. Sie mögen noch so laut erklären, daß die Verbindung mit der Elbe unter allen Umständen zu unterbleiben habe, sie mögen noch so bestimmt behaupten, daß die Bewilligung eines Kanals vom Rhein bis Brannschweig das äußerste Zugeständnis dar- srelle, so werden sie selber wissen, daß der Anfang hier unvermeidlich das Ende schon in sich schließt, daß eine spätere Zeit das Reststück des Kanals nachholen wird, wenn nur erst die ersten zwei Drittel gebaut worden sind. Ob das Kompromiß sonderlich schön ist, bleibt eine Frage für sich. Man braucht nicht viel Mühe anfznwenden, um annehmbarere Wege zu finden und vorzuschlagen. Aber der Reichskanzler und Ministerpräsident wird wohl der Meinung sein, daß diplomatische Künste in der inneren Politik ebenso wie in der äußern nach chrem Erfolge bewertet. werden müssen, und wenn er den Erfolg fiir sich
Oie Revolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(13. Fortsetzung.)
Es sah schon recht gemütlich aus, das Zimmerchen, als er es verließ, um im Wohnhause mit der Kousine Kaffee zu trinken, der schon in einem sehr wohnlichen und mit einem gewissen Luxus ausgestattete, blau tapezierten Gemach bereit stand. Das Mädchen hörte es gerne, daß er sein Zimmerchen so lobte. Es käme auch noch, ein einfaches Kanapee hinein. Ter Sattler in Mühlbach arbeite es noch einwertig auf und habe es nicht rechtzeitig abgeliefert.
„Ich kann mir einen Studierten, wie Sie, eigentlich nicht anders ans seiner Bude vorstellen, als daß er auf dem Kanapee liegt, den Kopf über die eine Lehne, die Füße über die andere, eine lange Pfeife in der Hand und Rauchkringel in die Luft blasend, daß sie oben an der Zimmerdecke auseinanderwogen", meinte sie.
Sie schenkte die großen, mit Blumen und Goldarabesken bemalten Tassen voll, und dann setzten sie sich gegenüber.
„So, so", sagte sie mit einem Anflug leiser Ironie, „so sieht also nun der Herr Vetter aus. Na, das hätte schlimmer aussallen können."
„Sie hatten wohl mehr erwartet?" srug er und schmierte sich einen Weck.
„Mehr? Eigentlich weniger. Sie sehen mit Ihrem spitzen Vollbart schon so fertig aus, so wie ein Mann."
„Nun, wie hatten Sie sich denn den Vetter Gottfried anders wohl vorgestellt?"
„Etwas mehr studentenmäßig. Viele Hab' ich ja von der Art noch nicht zu sehen gekriegt. Aber da ist zum Beispiel der Herr von Kleibach, der Neffe des Freiherrn von Pertersbroich drüben. Er ist Referendar bei der Regierung in Mllngstenberg und so oft er kann, mindestens alle vierzehn Tage einmal, kommt er herüber, um seinen Onkel zu besuchen, dm er wahrscheinlich mal beerbt."
„So, so, der? Na freilich, mit dem kann ich schwerlich konkurrieren.. Edelmann und Gelehrter in einer Person und wahrscheinlich verflucht forsch, wie?"
„Na, er zieht sich sehr gut an, ist immer glatt frisiert und sauber rasiert und trägt einen kecken Schnurrbart, der unter der Nase sitzt, wie hingeblasen."
„Sie haben wohl öfter Gelegenheit, sich den Schnurrbart anzusehen?"
„Nun ja, der Herr von K'Ieibach spricht gewöhnlich auch bei uns vor. Er unterhält sich mit Papa gern von gärtnerischen Dingen, und Papa scheint was für ihn übrig zu haben."
„Und das Töchterchen?"
Sie verzog ihr Mäulchen etwas mißachtend und ent- gegnete: „Melleicht heirate ich ihn. Mein Gott, man mriß doch einmal jemanden heiraten, wenn man nicht ewig zwischen den Dornhecken sitzen will. Wer vielleicht heirate ich ihn auch nicht."
. „Und wenn er solch ein Adonis ist und vielleicht noch reich dazu."
„Das möchte er wohl. Wer ich glaube, mit seinem Portemonnaie rst's schlecht bestellt, und auch das Erbgut des Freiherrn sieht nach mehr aus, als es ist. Man muß das mal alles in Ruhe abwarten. Man hat ja noch Zeit dazu. Ich denk'. Sie werden ihn Wohl noch kennen lernen, ^ch bin neugierig, was sie zu ihm sagen. Er macht mir übrigens sthr stark den Hof und das ist gut."
„So so, das gefällt Ihnen also?"
„Gewiß, denn jetzt kann ich ihm befehlen, daß er sich genau so einen Bart stehen läßt, wie Sie. Er ist doch schon etwas iin Leben und soll deshalb auch etwas bedeutungsvoller ausschen. Finden Sie nicht auch?"
„Gönnen Sie ihm noch ein wenig Zeit, bis er noch etwas mehr wird, denn Referendar sein, das ist eigentlich noch ein bißchen wenig."
„So, meinen Sie? Und was sind denn Sie, wenn ich fragen darf?" srug sie spitz.
Er lachte. „Einstweilen bemühe ich mich noch, ein Mensch zu werden. Nebenher bin ich ein junger Gclehr- ter ohne Amt und Titel/
„Sehen Sie, da haben wir's", sagte sie eifrig. „Ich glaube ja nicht, daß Sie auf der Universität gebummelt haben, wenigstens sehen Sie so nicht aus, aber etwas sein muß der Mensch doch. Das werden Sie mir doch zugeben."
„Es kommt ganz darauf an, was unter dem „Etwas sein" zu verstehen ist. Begnügen Sie sich einstweilen mit der Tatsache, daß ich da bin und dm guten Willen habe, Ihre Zufriedenheit zu erwerben."
„Na gut", sagte sie und verschränkte, nachdem sie die geleerte Kaffeetasse von sich fortgeschoben, die Arme vor sich aus dem Tisch. „Na gut! Und nun erzählen Sie nur, was Sie damit sagen wollten, als Sie bei unserer ersten Begegnung vorhin auf der Straße hörten, daß der Papa nicht da sei und so seltsam erfreut ansriefen.: Gott sei Dank!"
„So hören Sie denn meine vollständige Beichte", ent- gegnete er und begann nun, mit großer Lebendigkeit und Anschaulichkeit seine Fahrt zur Münstereimveihung mit allen Einzecheiten zu erzählen und ihr besonders genau die Vorgänge in dem Sälchen der Wirtschaft „Zum ehemaligen Cisterzienser" zu schildern.
, Es gewährte ihr augenscheinlich die größte Freunde, chm zuzuhören, und öfter unterbrach ihr ungezwungenes Gelächter über besonders komische Situationen den Fluß seiner Darstellung.
„Der arme Papa!" rief sie endlich. „Er ist ein so guter Patriot, und mm mutzte es ihm gerade an einem solchen Tage so übel ergehen. Etwas hatte ich ja schon von der Geschichte läuten hören, aber daß die so aussähe, das hätte ich nicht gedacht. Sie haben sich ja recht nett bei chm eingeführt."
„Glauben Sie, daß er mir sehr böse sein wird?" frua er kleinlaut.
Ta lachte sie laut, streckte ihm die Hand über dm Tisch hin undrtef: „Ja, fürs erste gewiß. Wer es schadet nichts Wmn Sie auch noch nichts anderes sind, so sind Sie doch «n famoser Kerl, der mal was recht Tolles anstellen kann, und das ist am Ende noch die Hauptsache in diesem langweiligen Leben. Meine Hand d'rauf, die Geschichte
